Verfolgt man aktuelle politische Debatten, so dürfte dem interessierten Beobachter auffallen, dass viel von der Bedeutung der „Mitte“ die Rede ist. Die Mitteschicht, die es anzusprechen und zu fördern gilt, die Mitte der Gesellschaft, aus der viele Politiker betonen zu kommen und für die sie –mit deren Zustimmung- tätig sind oder gerne auch weiterhin sein würden. Von den politischen Rändern, egal ob rechts oder links, grenzt man sich –insbesondere in den beiden großen Volksparteien im Land- bewusst ab. Will man die Ursachen für dieses Muster ergründen, so landet man unweigerlich bei der so genannten Mesotes-Lehre. Die Idee, auf der dieses uns allen so vertraute Bild vom hohen Stellenwert einer mittleren Position letztlich basiert, lässt sich bis auf den Philosophen der griechischen Antike mit Namen Aristoteles zurückführen. Dieser erhob in seinem Werk mit dem Titel „Nikomachische Ethik“ (NE) das Konzept der Mitte bzw. des rechten Maßes zum idealen Hilfsmittel, um zur Eudaimonie, d.h. zur Glückseeligkeit zu gelangen. Inwiefern uns allen das Erreichen derselben am Herzen liegen muss, verdeutlicht er, indem er feststellt: „Was ist es für ein Ziel, das wir als das im Staatsleben angestrebte bezeichnen, und welches ist das oberste unter allen durch ein praktisches Verhalten zu erlangenden Gütern?“ und weiter: „In dem Namen, den sie ihm geben, stimmen die meisten Menschen so ziemlich überein. Sowohl die Masse wie die vornehmeren Geister bezeichnen es als die Glückseligkeit, die Eudaimonie […].“ Der Anspruch, den der Philosoph dabei im weiteren Verlauf an seine eigene Arbeit stellt ist kein geringer. Es geht ihm um nichts weniger, als einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf das Gute und dessen Rolle für das Leben eines jeden Einzelnen. Das Gute-an-sich, in welchem viele bis dato den Schlüssel zur Eudaimonia gesehen haben, habe im täglichen Leben längst jegliche Relevanz verloren, so Aristoteles. Es gelte also zum einen, den Gegenstand des Guten-an-sich „fallen zu lassen“ und sich über einen neuen Weg Gedanken zu machen, der uns zur Glückseligkeit führen kann. Und an dieser Stelle schließt sich nun der Kreis. Die Lehre vom rechten Maß, mit ihren bereits erwähnten, bis heute wahrnehmbaren Einflüssen, hält Einzug in unseren ethisch moralischen und später auch politischen Alltag.
Inhaltsverzeichnis
1. Auf der Suche nach der Moralität für den Alltag – Die Mesotes-Lehre des Aristoteles und ihre praktische Relevanz
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Mesotes-Lehre des Aristoteles aus der Nikomachischen Ethik und analysiert deren Aufbau, Funktionsweise sowie ihre tatsächliche Anwendbarkeit als praxisorientiertes Modell für moralische Entscheidungen im Alltag.
- Herleitung und Begründung der Mesotes-Lehre (Lehre von der Mitte).
- Die Rolle der menschlichen Vernunft und des freien Willens bei der moralischen Urteilsbildung.
- Kritische Analyse der Praxistauglichkeit anhand aristotelischer Beispiele und Tugenddefinitionen.
- Diskussion der Herausforderungen bei der Orientierung an Vorbildern und subjektiven Wertvorstellungen.
- Reflektion über den Fortbestand aristotelischer Grundideen wie der Eigenverantwortlichkeit.
Auszug aus dem Buch
Die praktische Umsetzung der Mesotes-Lehre
An die praktische Umsetzung der Idee vom rechten Maß, führt uns Aristoteles anschließend durch einen Vergleich der körperlichen Bedürfnisse –etwa dem nach Nahrung- mit den moralisch bedeutsamen Handlungen heran. Er stellt fest, dass es sich „[…] [bei der] Tüchtigkeit in sittlicher Beziehung […] um Affekte und Handlungsweisen [handelt] und da gibt es ein Zuviel, ein Zuwenig und eine rechte Mitte.“ Derartige Handlungen werden, insofern sie entsprechend diesem Maßstab vollzogen werden, als sittlich bezeichnet, solche hingegen, bei denen dies nicht der Fall ist, heißen unsittlich.
Um den Mittelwert zu finden soll eine Methode zum Einsatz kommen, die in ähnlicher Form z.B. aus der Mathematik bekannt sein dürfte: „[…] Die Entfernung zwischen […] [den Extremen] ist größer als die zwischen ihnen und der Mitte, geradeso wie das Große vom Kleinen und das Kleine vom Großen weiter absteht als beide vom Gleichen“.
Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zum Aufbau der Mesotes-Lehre und seiner praktischen Anwendung fallen jedoch einige Einschränkungen auf, welche deutliche Auswirkungen auf die Komplexität derselben haben. So stellt Aristoteles fest, dass „nicht jede Handlung freilich und nicht jeder Affekt […] ein Mittleres [zulässt]“. Zur Verdeutlichung dieses Sachverhalts sind bei den Affekten die Schadenfreude, Schamlosigkeit und Neid, sowie bei den Handlungen der Ehebruch, Diestagl und Mord angeführt. Bei jenen handle es sich grundsätzlich um eine Verfehlung, bei der eine Differenzierung sinnlos, ja sogar ausgeschlossen sei. Dieser Aspekt soll im zweiten Abschnitt der hier vorliegenden Arbeit genauer analysiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Auf der Suche nach der Moralität für den Alltag – Die Mesotes-Lehre des Aristoteles und ihre praktische Relevanz: Das Kapitel führt in das Konzept der aristotelischen Mitte ein und beleuchtet die psychologischen und strukturellen Voraussetzungen der Mesotes-Lehre sowie deren kritische Anwendbarkeit im heutigen moralischen Kontext.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Mesotes-Lehre, rechte Mitte, Tugend, Eudaimonie, moralische Urteilsbildung, freier Wille, Eigenverantwortlichkeit, Ethik, praktische Philosophie, sittliche Tüchtigkeit, Handlungsweise, Glückseligkeit, menschliche Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Mesotes-Lehre des Aristoteles und hinterfragt deren Bedeutung und Anwendbarkeit als ethisches Modell für das tägliche Leben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Lehre vom rechten Maß, die Struktur der menschlichen Seele, der Einfluss des freien Willens auf das Handeln sowie die Grenzen der aristotelischen Tugendethik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die praktische Relevanz der Mesotes-Lehre zu prüfen und zu analysieren, ob sie tatsächlich klare Handlungsempfehlungen für den moralischen Alltag liefern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutische und kritische Analyse der Nikomachischen Ethik durchgeführt, die durch den Vergleich von Originaltextstellen und deren Anwendung auf aktuelle moralische Fragestellungen ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Aufbau der Seele, die Definition der Tugend als Mitte zwischen Extremen, die Grenzen des Modells bei absoluten Fehlhandlungen und die Rolle moralischer Vorbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Aristoteles, Mesotes-Lehre, Tugend, freier Wille und Eigenverantwortlichkeit geprägt.
Warum hinterfragt der Autor die Praxistauglichkeit der Mesotes-Lehre?
Aufgrund von Unklarheiten bei der Einordnung bestimmter Handlungen und der Tatsache, dass Tugenden individuell unterschiedlich ausgelegt werden müssen, sieht der Autor die universelle Anwendbarkeit kritisch.
Welche Rolle spielen moralische Vorbilder laut der Analyse?
Vorbilder dienen als Orientierungshilfe, wenn das eigene Urteilsvermögen defizitär ist, wobei der Autor einwendet, dass auch die Auswahl eines geeigneten Vorbilds bereits eine ethische Kompetenz voraussetzt.
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- Johannes Stockerl (Autor), 2011, Auf der Suche nach der Moralität für den Alltag , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168176