Zugeständnis an den theoretisch freien Menschen

Ein Versuch


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Abgrenzung des Begriffs der Freiheit zum Determinismus
2.1 Freiheit
2.2 Determinismus

3. Habitus
3.1 Entstehung des Bourdieu’schen Habitus-Konzepts
3.2 Habitus-Konzepts Bourdieus
3.3 Der Habitus: freiheitsschaffend oder deterministisch?

4. Freiheit des Einzelnen oder ein in Ketten gelegtes Wesen?

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Eine seit Jahrhunderten diskutierte Frage der Philosophie und anderer Wissenschaften ist, ob der Mensch ein freies Wesen, oder das Kind seiner Gesellschaft und der damit verbundenen Struktur ist. „Es gibt eine direkte Kontroverse zwischen solchen, die behaupten, das menschliche Handeln sei determiniert, und solchen, die behaupten, es sei frei.“[1]

Viele Wissenschaften versuchen Antworten auf diese Frage zu finden: Die Philosophie, die Soziologie, die Neurowissenschaften, die Psychologie etc. Die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen.

Selbst bestimmtes Leben war bereits für Aristoteles (384 - 322 v. Chr.)[2] das prägende Merkmal des Menschen, weil genau das seiner Meinung nach es ist, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet.[3] Aber erst im 15. Jahrhundert, mit Giovanni Pico della Mirandola, tritt die Freiheit als fundamentale Eigenschaft des Menschen in Erscheinung - für ihn ist der Mensch, von Gott geschaffen, ein Geschöpf unbestimmter Gestalt, ausgestattet mit freiem Willen, als schöpferischer Bildhauer.[4]

Auch in der jüngeren Geschichte haben sich viele mit der Freiheit, bzw. dem Determinismus befasst: John Locke, David Hume, Gottfried Leipzig und etliche andere.[5] Arthur Schopenhauer, einer der bedeutendsten deutschen Philosophen, wiederum bestreitet, dass Freiheit überhaupt etwas Erfahrbares ist, weil wenn wir von Willensfreiheit ausgehen, dann „wäre jede menschliche Handlung ein unerklärliches Wunder – eine Wirkung ohne Ursache.“[6] Und da die Menschheit eine große Entdeckung gemacht hat, nämlich: „Keine Wirkung, so belehrt uns die empirische Beobach­tung, geschieht ohne Grund“[7] ; deshalb erscheint uns dies auch logisch, dass jedes Ereignis eine Ursache hat. Menschliche Handlungen sind ebenfalls Ereignisse und so müssen auch sie hinreichende Kausalerklärungen haben.[8]

Dennoch, so glauben jedenfalls Kritiker, kann es sein (oder sie wünschen es sich), dass Handlungen eines Individuums völlig ohne einen „stillen“ Dirigenten ablaufen – das Wünsche, Gefühle, Gedanken und Handlungen Produkte des eigenen menschlichen Geistes sind.

Auch Pierre Bourdieu hat sich, zwar nicht in erster Linie, mit diesem Thema beschäftigt und ein Konstrukt aufgestellt, mit dem es möglich ist, Aussagen darüber zu treffen, wie Menschen die soziale Welt und die darin enthaltenden Praktiken auffassen, bzw. wahrnehmen und diese reproduzieren: der Habitus. Da der Habitus, laut Bourdieu, über die Klassen vermittelt wird, versucht diese Arbeit die Frage zu beantworten, ob sich Bourdieu’s Theoriekonzept dazu eignet die Antwort auf die Frage nach der Freiheit, bzw. dem Determinismus der Menschen zu finden.

Die Fragen, denen ich mithilfe von Bourdieu und anderen Autoren, zu beantworten versuche lauten: Was heißt eigentlich Freiheit und Determinismus? Kann der Mensch theoretisch frei sein? Ist der Mensch faktisch in der Lage freie, d.h. von ihm selbst erzeugte, Entscheidungen zu treffen? Hat der Mensch je entschieden der zu sein, der er ist? Ist Bourdieus Theorie des Habitus geeignet sich diesen Fragen zu nähern? Gibt es evtl. andere Autoren die einen ähnlichen Versuch - vielleicht sogar erfolgreich - initiiert haben?

Dies sind Fragen, mit denen ich versuche einen deutlicheren Blick auf das Problem der Freiheit des Einzelnen zu erhalten und hoffe am Ende auch einige Antworten auflisten zu können.

2. Abgrenzung des Begriffs der Freiheit zum Determinismus

Um überhaupt mit solchen komplexen Begriffen wie Freiheit und Determinismus arbeiten zu können, muss zunächst klar auseinandergehalten und definiert werden, was diese beiden Begriffe voneinander trennt. Im Folgenden werde ich einige Beispiele anfügen, wie man den jeweiligen Begriff charakterisieren kann und schlussendlich werde ich versuchen jeweils eine eigene Definition zu formulieren.

2.1 Freiheit

Freiheit scheint ein sehr komplexer Begriff, der, zum näheren Verständnis der gesamten Arbeit, erst näher erläutert werden, geklärt und wohl definiert werden muss.

Es gibt viele verschiedene Perspektiven und Ausprägungen, von denen man den Freiheitsbegriff definieren kann. Zudem ist Freiheit nicht gleich Freiheit: Man kann mehrere Gebiete der Freiheit unterteilen, was gleichzeitig bedeutet, dass, wenn jemand in einem Gebiet Freiheit „besitzt“, er in einem anderen Bereich nicht in der Lage ist, diese geltend zu machen. Beispielsweise kann es sein, dass es einzelne Personen oder gar eine soziale Gruppe gibt, die über religiöse Freiheit verfügt, nicht aber über politische Freiheit.

Ich werde meine Arbeit vornehmlich auf politische, soziologische und philosophische Freiheitsdefinitionen stützen[9].

Historisch geht der Freiheitsbegriff auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurück – und zwar mit der Entwicklung einer polis und des Politikbegriffs[10]. Die polis von Athen beispielsweise konstituierte sich zunehmend als eine Bürgerschaft von „Freien“, die sich selbst Gesetze gaben und sich somit selbst regierten[11].

Hierbei wird ersichtlich, dass es sich um eine Freiheit über die politische Ordnung handelt. Also eine Freiheit, die zugleich Teil einer Herrschaftsform ist und die durchaus den Zweck hat, Grenzen zu definieren und die Einhaltung derselben zu garantieren. Somit wird in diesem Fall die Frage nach der tatsächlichen Freiheit des Einzelnen aufgeworfen. Denn auch wenn jemand, wie bereits beschrieben, politische Freiheit genießt, heißt das noch lange nicht, dass er tun und lassen kann, was er meint zu wollen.

Im Jahr 1651 veröffentlichte Thomas Hobbes die staatstheoretische Schrift „Leviathan“ und versuchte ebenfalls Freiheit des Einzelnen zu definieren und ging diesen Weg über die Bewegung. Für ihn bedeutete Freiheit „eine Abwesenheit äußerlicher Hindernisse bei einer Bewegung“[12]. Denn wer eingeschlossen ist, dem fehle die Freiheit weiterzukommen[13]. Und derjenige, der frei ist, wird durch nichts gehindert, das zu tun, „wozu er Geschicklichkeit und Kräfte besitzt“[14]. Des Weiteren sind das, was die bürgerliche Freiheit einschränkt, die bürgerlichen Gesetze (Hobbes nennt sie „künstliche Bande“), die vom Staat („künstlichen Menschen“) ausgehen und die dem Bürger eine Freiheit nur hinsichtlich derjenigen Handlungen zuschreibt, über welche die Gesetze nichts bestimmen[15].

Auch hier hat die Freiheit nur den Platz, den die politische Ordnung per Gesetze ihr erlaubt. Man darf sozusagen alles tun, was nicht explizit in den Gesetzen untersagt ist – was aber ebenfalls die Frage der tatsächlichen Freiheit aufwirft.

Mit einer soziologischen Begrifflichkeit der Freiheit befasste sich Alfred v. Martin, der sich mit dem Gesellschaftsleben und dem damit verbunden Status der „gesunden“ Gesellschaft beschäftigte, die es gäbe, wenn das Gesellschaftsleben „geordnet“ und „frei“ verlaufe. Er definierte Freiheit: „dass der Einzelne über genügend äußeren Bewegungsspielraum verfügt, um seine Persönlichkeit nach jeder Richtung und in größtmöglichen Ausmaß entfalten zu können, und dass ihm nicht verwehrt wird, den inneren Bindungen seines Gewissens zu folgen“[16]. Demnach ist Freiheit ebenso ein Prozess, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, die ein jeder zu entfalten trachtet und die einen gewissen Bewegungsspielraum benötigt.

Nach diesen einführenden Definitionen und Gedanken mehr oder weniger großer Autoren, möchte ich noch eine eigene anfügen, die, denke ich, recht gut den Begriff der Freiheit wiedergibt:

[...]


[1] Pothast, Ulrich (Hrsg.): Seminar: Freies Handeln und Determinismus, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1978, S. 7

[2] vgl. http://www.kreienbuehl.ch/lat/altgriechisch/aristotelesbio.html

[3] vgl. Bauer, Emmanuel J.: Freiheit in philosophischer, neurowissenschaftlicher und psychotherapeutischer Perspektive, Wilhelm Fink Verlag, München 2007, S. 19

[4] vgl. ebd., S. 19

[5] vgl. ebd., S. 21

[6] z.n. Antweiler, Anton: Das Problem der Willensfreiheit, Verlag Herder & Co. GmbH, Freiburg 1955, S. 67

[7] Kunze, Klaus: Mut zur Freiheit, Heikun-Verlag, Uslar 1998, S. 64

[8] vgl. Searle, John R.: Freiheit und Neurobiologie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2004, S. 13

[9] Der Begriff der Freiheit ist natürlich so komplex, dass in dieser Arbeit nur eine Auswahl von Definitionen vorgestellt werden kann.

[10] vgl. Nohlen, Dieter/ Grotz, Florian (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik, Verlag C.H. Beck OHG, München 2001, S. 159

[11] ebd., S. 159

[12] Hobbes, Thomas: Leviathan, Philipp Reclam Jun., Stuttgart 1980, S. 187

[13] vgl. ebd., S. 187

[14] ebd., S. 188

[15] vgl. ebd., S. 189-190

[16] v. Martin, Alfred: Ordnung und Freiheit, Memminger Zeitung, Verlagsdruckerei GmbH, Memmingen 1957, S. 12

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zugeständnis an den theoretisch freien Menschen
Untertitel
Ein Versuch
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Politisches Denken bei Pierre Bourdieu
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V168186
ISBN (eBook)
9783640851102
ISBN (Buch)
9783640851355
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiheit, Determinisums, Bourdieu, Pierre, Politik, politische Theorie, frei, Erlangen, Philosophie, theorie, Habitus, Zugeständnis, Mensch, unfrei, Versuch, Soziologie, Neurowissenschaft
Arbeit zitieren
Sebastian Veit (Autor), 2010, Zugeständnis an den theoretisch freien Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168186

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