Wie waren die Umstände der Entdeckung des Fundes und aus welchen Kunstwerken, in Bezug auf die Bekanntheit der Künstler und die Qualität der Werke, setzt sich der Fund zusammen? Wie kam Hildebrand Gurlitt in den Besitz der Kunstwerke? Welche juristischen Formalitäten beeinflussen die Provenienzforschung und die Restitution?
Die vorliegende Arbeit beleuchtet den „Kunstfund Gurlitt“ in Bezug auf seinen Einfluss auf die Provenienzforschung. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand des Kunstfundes, den Stellenwert und die Methodik der Provenienzforschung seit dem Zweiten Weltkrieg zu skizzieren und die Veränderungen, die der Fall Gurlitt in der Provenienzforschung ausgelöst hat, aufzuzeigen.
Die Studie überprüft zudem die Hypothese der Zeitschrift Focus zur hochkarätigen Zusammensetzung der Werke.
Seit dem Bekanntwerden des Kunstfundes Gurlitt sind zahlreiche Publikationen erschienen, u.a. zum Thema Raubkunst und zur nationalsozialistischen Kunstpolitik. Die Forschung zu dem Kunstfund selber brachte eine unüberschaubare Fülle an Artikeln hervor, sowie einen Ausstellungskatalog mit einer Bestandsaufnahme der Kunstwerke, mit dem Fokus auf die entartete Kunst und die Folgen des NS-Kunstraubes. Daneben entstanden Vermittlungsprogramme zur Provenienzforschung.
Durch einen Artikel in der Zeitschrift „Focus“ im November 2013 wurde der sogenannte „Schwabinger Kunstfund“, der sich über 50 Jahre im öffentlich unzugänglichen Besitz von Cornelius Gurlitt (1932-2014) befand, weltweit bekannt. Aufgrund der emotionalisierten und sensationsgeladenen Berichterstattung, die von 1500 Kunstwerken u.a. von Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Paul Klee, Max Beckmann und Dutzenden anderen Großmeistern der Klassischen Moderne im Wert von über einer Milliarde Euro und dem Nazi-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895-1956) , dem Vater von Cornelius Gurlitt sprachen, gelangte das lang verdrängte Thema des Kunstraubes ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Beantwortung der Frage nach der Herkunft der einzelnen Kunstwerke wurde nicht nur in der Fachwelt, sondern auch auf politischer Ebene zur Agenda. Dies hatte zur Folge, dass die Provenienzforschung stark gefördert wurde, indem Institute gegründet und Stellen für Provenienzforscher ausgebaut wurden, und dadurch schärfte sich der Blick auf die Komplexität, Dringlichkeit und vor allem auf die Notwendigkeit der Provenienzrecherche im Bereich der Kunstgeschichte.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Skizzierung des Kunstfundes Gurlitt
- 3 Historische Betrachtung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt
- 4 Problematik der Provenienzforschung
- 4.1 Die Provenienzforschung nach dem 2. Weltkrieg
- 4.2 Der Fall Gurlitt und seine Bedeutung für die Provenienzforschung
- 5 Fazit und Ausblick
- 6 Quellen- und Literaturverzeichnis
- 7 Anhang
- Abbildungsteil
- Verzeichnis der Abbildungsnachweise
- Abkürzungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit dem Kunstfund Gurlitt und seinem weitreichenden Einfluss auf die Provenienzforschung. Das Hauptziel ist es, den Stellenwert und die Methodik der Provenienzforschung seit dem Zweiten Weltkrieg anhand des Falles Gurlitt zu skizzieren und die durch diesen Fall ausgelösten Veränderungen aufzuzeigen.
- Umstände der Entdeckung und Zusammensetzung des Kunstfundes Gurlitt.
- Erwerbungsumstände der Kunstwerke durch Hildebrand Gurlitt während der NS-Zeit.
- Juristische und rechtliche Formalitäten, die Provenienzforschung und Restitution beeinflussen.
- Analyse der Zusammensetzung der Sammlung im Hinblick auf die Hypothese zur Hochkarätigkeit der Werke.
- Herausforderungen und Problematiken der Provenienzforschung.
Auszug aus dem Buch
Skizzierung des Kunstfundes Gurlitt
Wegen steuerrechtlicher Vorwürfe gegen den damals 79-jährigen Cornelius Gurlitt, wurde seine Münchner Wohnung in Schwabing im Februar 2012 von der Zollfandung und Staatsanwaltschaft Augsburg durchsucht und die Kunstsammlung wurde dabei eher zufällig entdeckt10, wobei rund 1600 Positionen beschlagnahmt wurden. Mehrere kritische Stimmen bezweifeln die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahme, da der Besitz von NS-Raubkunst zu dem Zeitpunkt längst verjährt war und zudem die Beschlagnahmung eines kleinen Teiles der Kunstsammlung ausgereicht hätte, um mögliche steuerrechtliche Forderungen zu begleichen.11 Die Öffentlichkeit wurde zunächst, aufgrund des Rechtes auf Schutz der personenbezogenen Daten, nicht unterrichtet. Am 4. November 2013 berichtete die deutsche Wochenzeitschrift „Focus“ (Abb. 1) über den vermeintlichen Nazi-Kunstschatz im Wert von über einer Milliarde Euro und verwies auf Hildebrand Gurlitt, den Vater von Cornelius Gurlitt, der für das geplante Führermuseum in Linz in großem Umfang Kunstwerke auf dem europäischen Markt einkaufte und bis zu seinem Tod 1956 als Kunsthändler tätig war.12 Selbst seriöse deutsche Medien berichteten von dem angeblich hauptsächlich aus Raubkunst bestehenden Kunstfund, um ihre Leserschaft zu steigern. Die Sensationslust wurde angeregt, Halbwahrheiten verbreitet und lange bekannte Tatsachen verdrängt, aber auch um das öffentliche Entsetzen über den Tatbestand, dass 70 Jahre nach Kriegsende Raubkunst in großem Umfang weitergehend verborgen aufbewahrt wurde, weiter anzuheizen.13 Später stellte sich heraus, dass die Münchner Illustrierte „Focus“ mit wenig Sachkenntnis den Kunstfund faktenwidrig zum Nazi-Schatz stilisierte. Diese Tatsache ist mittlerweile in tausenden Artikeln belegt.
Die Sammlung Gurlitt besteht aus Werken der deutschen Kunst vom 16. bis 19. Jahrhundert u.a. aus der Hand von Dürer, Nolde und Beckmann. Weiterhin lassen sich Werke der Familienkünstler Heinrich Louis Theodor Gurlitt (1812-1897) und Cornelia Gurlitt (1890-1919), holländische und italienische Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts und eine große Menge an Zeichnungs- und Grafikkonvoluten vom 16. bis 19. Jahrhundert aus der Hand von deutschen, französischen, dänischen und flämischen Künstlern,14 die mit 1224 Arbeiten auf Papier den Hauptteil der Sammlung ausmachen, aufzählen.15 Es handelt sich dabei um mittlere und kleine Formate von mittlerer Qualität, aber auch um Repliken, deren Herkunft zum Zeitpunkt der Auffindung unbekannt und fragwürdig war. Unter den Gemälden fanden sich u.a. Marc Chagalls (1887-1985) Allegorische Szene, Max Liebermanns (1847-1935) Reiter am Strand und Henri Matisse (1869-1954) Sitzende Frau.16 Eine kleine Anzahl von ostasiatischen Kunstobjekten ist ebenfalls in der Sammlung aufzufinden.17 Im Frühjahr 2014 tauchten in Cornelius Gurlitts Salzburger Haus (Abb. 2) weitere 239 Kunstwerke auf, bestehend aus Gemälden, Aquarellen und Skulpturen von Schlüsselkünstlern der Moderne.18 Nach seinem Tod am 6. Mai selbigen Jahres kamen weitere 33 Kunstwerke an die Öffentlichkeit und in seinem Krankenhauskoffer befand sich das Pastell „La vue de Sainte-Adresse“ von Claude Monet (1840-1926). Im Jahr 2016 wurde die Anzahl der Werke auf 1566 Positionen korrigiert und, gegensätzlich zu der anfangs propagierten hochkarätigen Sammlung, handelt es sich bei der Sammlung um Werke aus altem Familienbesitz und einen divers zusammengestellten Händlerbestand mit nur einigen sehr qualitätsvollen sowie herausragenden Werken und einem großen Bestand von seriellen Arbeiten aus Papier, die größtenteils aus der Aktion „entartete Kunst“ stammten.19
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Kunstfund Gurlitt ein, beleuchtet seine Entdeckung und die öffentliche Reaktion darauf und skizziert die Hauptforschungsfragen und -ziele der Arbeit bezüglich seines Einflusses auf die Provenienzforschung.
Skizzierung des Kunstfundes Gurlitt: Hier werden die konkreten Umstände der Auffindung der Kunstwerke, die anschließende mediale Berichterstattung und die tatsächliche Zusammensetzung der umfangreichen Kunstsammlung detailliert dargestellt.
Historische Betrachtung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg Hildebrand Gurlitts nach, beleuchtet seine Rolle als Kunsthändler während der NS-Zeit und seine komplexen Transaktionen im Kontext nationalsozialistischer Kunstpolitik.
Problematik der Provenienzforschung: Der Abschnitt diskutiert die spezifischen Herausforderungen und Schwierigkeiten der Provenienzforschung, insbesondere die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und die Auswirkungen des Falls Gurlitt auf diese Disziplin sowie auf Organisationen und Institutionen.
Fazit und Ausblick: Dieses Kapitel zieht ein Resümee über die zentrale Bedeutung des Kunstfundes Gurlitt für die Provenienzforschung, fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die Weiterentwicklung und zukünftige Notwendigkeit dieser Forschungsarbeit.
Quellen- und Literaturverzeichnis: Eine umfassende Auflistung aller wissenschaftlichen und medialen Quellen, die für die Erstellung dieser Arbeit herangezogen wurden.
Anhang: Dieses Kapitel enthält ergänzende Materialien wie Abbildungen, detaillierte Abbildungsnachweise und ein Abkürzungsverzeichnis, die zum besseren Verständnis des Textes beitragen.
Schlüsselwörter
Kunstfund Gurlitt, Provenienzforschung, NS-Raubkunst, Hildebrand Gurlitt, Cornelius Gurlitt, Kunsthandel, Zweiter Weltkrieg, Restitution, Schwabinger Kunstfund, Entartete Kunst, Kunstgeschichte, Kulturgutverluste, Washingtoner Erklärung, Forschungsagenda, Transparenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet den Kunstfund Gurlitt und analysiert seinen weitreichenden Einfluss auf die Provenienzforschung, insbesondere wie der Fall die Methodik und den Stellenwert dieser Forschungsdisziplin seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder umfassen die Entdeckung und Zusammensetzung des Kunstfundes, die Rolle des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt während der NS-Zeit, die Herausforderungen der Provenienzforschung sowie rechtliche und ethische Fragen der Restitution von NS-Raubkunst.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Stellenwert und die Methodik der Provenienzforschung seit dem Zweiten Weltkrieg anhand des Kunstfundes Gurlitt zu skizzieren und die durch diesen Fall ausgelösten Veränderungen aufzuzeigen. Die Forschungsfragen umfassen die Umstände des Fundes, Gurlitts Erwerbung der Werke und die juristischen Rahmenbedingungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse des Kunstfundes Gurlitt, der Rekonstruktion der Erwerbungsumstände und der Untersuchung der Veränderungen in der Provenienzforschung. Es werden Forschungsergebnisse, historische Betrachtungen und juristische Formalitäten einbezogen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit skizziert den Kunstfund, betrachtet historisch den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt und diskutiert die Problematik und die Entwicklung der Provenienzforschung nach dem 2. Weltkrieg sowie speziell im Kontext des Falles Gurlitt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Kunstfund Gurlitt, Provenienzforschung, NS-Raubkunst, Hildebrand Gurlitt, Kunsthandel, Restitution und Kulturgutverluste.
Welche bekannten Künstler sind im Gurlitt-Fund vertreten und was sagt dies über die Sammlung aus?
Die Sammlung Gurlitt umfasst Werke von Großmeistern der Klassischen Moderne wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Paul Klee, Max Beckmann, Albrecht Dürer und Max Liebermann. Entgegen anfänglicher Berichte besteht die Sammlung jedoch nicht nur aus hochkarätigen Werken, sondern auch aus vielen seriellen Arbeiten auf Papier und Werken aus altem Familienbesitz.
Inwiefern hat die Washingtoner Erklärung von 1998 den Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut verändert?
Die Washingtoner Erklärung forderte öffentliche Institutionen auf, beschlagnahmte Werke zu identifizieren, Vorkriegseigentümer oder deren Erben ausfindig zu machen und faire und gerechte Lösungen zu finden. Sie etablierte moralische Selbstverpflichtungen, auch wenn sie keine rechtliche Verbindlichkeit für Privatpersonen hatte.
Welche rechtlichen Herausforderungen gab es bei der Restitution der Gurlitt-Werke?
Der Fall Gurlitt offenbarte rechtliche Probleme wie die Verjährungsfristen beim bösgläubigen Erwerb und das sogenannte "Lex Gurlitt", das die Verjährung aufheben sollte, aber wegen des Rückwirkungsverbotes abgelehnt wurde. Zudem waren viele Provenienzen aufgrund von Manipulationen und fehlenden Unterlagen schwer nachzuweisen.
Was ist die „Aktion entartete Kunst“ und wie wirkte sie sich auf den Kunstfund Gurlitt aus?
Die „Aktion entartete Kunst“ war eine NS-Kampagne, bei der ab 1937 etwa 21.000 Objekte moderner Kunst aus deutschen Museen entfernt und oft gegen Devisen ins Ausland verkauft wurden. Ein großer Teil der Werke im Gurlitt-Fund stammte nachweislich aus dieser Aktion, deren Erwerb rechtlich als unbedenklich galt, da das Gesetz zu ihrer Einziehung nie für unrechtmäßig erklärt wurde.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2023, Kunstfund Gurlitt. Eine Skizzierung des Kunstfundes und Studien zum Einfluss des Falles auf die Provenienzforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1682649