Im Bereich der Naturwissenschaften leugnet man gemeinhin materialistische Erklärungsansätze nicht. Hier vertritt man im Grunde eine positivistische Haltung, insofern man alle Tatbestände als objektiv anerkennt, wenn sie quantifizierbar bzw. qualifizierbar sind. In den Gesellschaftswissenschaften hat dieselbe Haltung allerdings eine reduktionistische Konsequenz. Da man auch hier meint, den Erkenntnisgewinn hauptsächlich aus der Deskription und Deutung empirischer Sachverhalte gewinnen zu können und man die Grenzen des sinnlich Wahrnehmbaren und Beobachtbaren nicht überschreiten will, bleiben komplexe gesellschaftliche Verhältnisse und die Triebkräfte ihrer Entwicklungen mehr oder weniger unverstanden. Mit der empirischen Erfassung von subjektiven Einstellungen und ihrer Veränderung bzw. der Bewertung abgeleiteter Daten bleibt man der Wirkungs- und Erscheinungsebene verhaftet.
Wer die grundlegende Materialität der Natur und die gesetzmäßigen Zusammenhänge ihrer Entwicklung anerkennt, der müsste doch zumindest in Erwägung ziehen, dass dies prinzipiell auch für die Gegenstände, Wirkungszusammenhänge und die Entwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gilt, wenngleich manche Tatsachen sich hier viel schwerer erfassen lassen und dem ideellen Handeln des Menschen dabei eine nicht einfach zu bestimmende Bedeutung zuzumessen ist. Dennoch nimmt man diesen Umstand zum Anlass, die Annahme einer letztlich objektiven materiellen Fundierung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu leugnen, zumal wenn die Befunde einer derartigen Betrachtung dem eigenen Weltbild und der ihm entsprechenden subjektiven Interessenlage widersprechen.
Der Aufsatz geht auf unterschiedlichen Ebenen der Frage nach, warum dies so ist und warum der etablierte Wissenschaftsbetrieb materialistische Ansätze wie den Marxismus als ideologisch korrumpiert und gegen die Wissenschaftsfreiheit verstoßend meidet.
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- Josef Lenhardt (Author), 2025, Wirklichkeit als komplexe Materialität des Gesellschaftlich-Historischen und die Probleme der bürgerlichen Wissenschaft damit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1682769