Im Bereich der Naturwissenschaften leugnet man gemeinhin materialistische Erklärungsansätze nicht. Hier vertritt man im Grunde eine positivistische Haltung, insofern man alle Tatbestände als objektiv anerkennt, wenn sie quantifizierbar bzw. qualifizierbar sind. In den Gesellschaftswissenschaften hat dieselbe Haltung allerdings eine reduktionistische Konsequenz. Da man auch hier meint, den Erkenntnisgewinn hauptsächlich aus der Deskription und Deutung empirischer Sachverhalte gewinnen zu können und man die Grenzen des sinnlich Wahrnehmbaren und Beobachtbaren nicht überschreiten will, bleiben komplexe gesellschaftliche Verhältnisse und die Triebkräfte ihrer Entwicklungen mehr oder weniger unverstanden. Mit der empirischen Erfassung von subjektiven Einstellungen und ihrer Veränderung bzw. der Bewertung abgeleiteter Daten bleibt man der Wirkungs- und Erscheinungsebene verhaftet.
Wer die grundlegende Materialität der Natur und die gesetzmäßigen Zusammenhänge ihrer Entwicklung anerkennt, der müsste doch zumindest in Erwägung ziehen, dass dies prinzipiell auch für die Gegenstände, Wirkungszusammenhänge und die Entwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gilt, wenngleich manche Tatsachen sich hier viel schwerer erfassen lassen und dem ideellen Handeln des Menschen dabei eine nicht einfach zu bestimmende Bedeutung zuzumessen ist. Dennoch nimmt man diesen Umstand zum Anlass, die Annahme einer letztlich objektiven materiellen Fundierung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu leugnen, zumal wenn die Befunde einer derartigen Betrachtung dem eigenen Weltbild und der ihm entsprechenden subjektiven Interessenlage widersprechen.
Der Aufsatz geht auf unterschiedlichen Ebenen der Frage nach, warum dies so ist und warum der etablierte Wissenschaftsbetrieb materialistische Ansätze wie den Marxismus als ideologisch korrumpiert und gegen die Wissenschaftsfreiheit verstoßend meidet.
Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte. Karl Marx
Wirklichkeit als komplexe Materialität des GesellschaftlichHistorischen und die Probleme der bürgerlichen Wissenschaft damit
In der Geschichte der klassischen Philosophie war die Bestimmung des Wahren schon immer eine zentrale Frage, wenn es darum ging, die Gegenstände der Welt als objektive Realität zu erfassen. Und auch in der neuzeitlichen materialistisch-rationalistischen Philosophie etwa seit Francis Bacon (1561-1626), der als Begründer des Empirismus gilt (Krohn 1987:11), ging es darum, den Unterschied zwischen einer vermeintlich objektiven, möglichst naturwissenschaftlich beweisbaren „Wahrheit" und einem bloß subjektiven „Fürwahrhalten" der wahrgenommenen Wirklichkeit möglichst gering zu halten. Mit der Entwicklung der Naturwissenschaften wurde die Frage nach der Erkennbarkeit der Wirklichkeit insoweit beantwortbar, als unsere Aussagen darüber so lange als wahr gelten können, wie sich die theoretischen Annahmen im praktischen Ergebnis naturwissenschaftlicher Prüfverfahren bestätigen. Marx und Engels waren der Auffassung, dass die Naturwissenschaften, aber ebenso die Gesellschaftswissenschaften, wollten sie zu begründbaren Ergebnissen kommen, sich der dialektischen Methode bedienen müssten. Und für beide waren die Natur und die gesellschaftliche Praxis logischerweise auch die „Probe auf die Dialektik" (Engels 1975/2: 22), deren Gesetze sich aus der „Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft" (Engels 1975: 348) abstrahieren lassen.1 Interessant ist, wie die bürgerliche Wissenschaft mit der marxistischen Auffassung von den „Gesetzen der Dialektik" umgeht.
Im Bereich der Naturwissenschaften leugnet man ihre Gültigkeit nicht. Hier vertritt man im Grunde eine positivistische Haltung, insofern man alle Tatbestände als objektiv anerkennt, wenn sie quantifizierbar bzw. qualifizierbar sind.2 In den Gesellschaftswissenschaften hat dieselbe Haltung allerdings eine reduktionistische Konsequenz. Da man auch hier meint, den Erkenntnisgewinn nur aus der Deskription und Deutung empirischer Sachverhalte gewinnen zu können und man die Grenzen des Beobachtbaren nicht überschreiten will, bleiben komplexe gesellschaftliche Verhältnisse und die Triebkräfte ihrer Entwicklungen mehr oder weniger unverstanden. Mit der empirischen Erfassung von subjektiven Einstellungen und ihrer Veränderung bzw. der Bewertung abgeleiteter Daten verbleibt man auf der Wirkungs- und Erscheinungsebene, ohne deren materiellen Ursachen zu erfassen. Anders als für die Naturwissenschaften akzeptiert man für die Gesellschaftswissenschaften Wahrheitsbeweise der Art, dass zwischen der subjektiven Aussage oder auch dem sprachlichen oder wie auch immer gearteten Abbild (z. B. einer Formel) und dem objektiven Gegenstand oder dem Sachverhalt selbst kein Isomorphismus, also keine umkehrbar gleiche Beschaffenheit besteht, nicht.3 Vereinfacht ausgedrückt heißt dies, dass man in den Naturwissenschaften z. B. nicht erwartet, dass Galileis Fallgesetze im Ablauf des physikalischen Vorgangs selbst auch nur annähernd sinnlich wahrnehmbar werden. Im Bereich der Naturwissenschaften und der naturgesetzlichen Wahrheiten anerkennt der allgemeine Wissenschaftsbetrieb also, dass die punktuelle empirische Wahrnehmung und der komplexe materielle Wahrheitsnachweis auseinanderfallen. Bei den Aussagen zu gesellschaftlichen Strukturen, Verhältnissen und Beziehungen, deren tiefere Wahrheitstatbestände sich ebenfalls dem bloßen Augenschein verschließen, hat man die Annahme einer „Wirkung von Materialität auf gesellschaftliche Veränderungen sowie umgekehrt die materielle Manifestierung gesellschaftlicher Veränderungen" (Henkel 2017: 279) als wissenschaftsmethodischen Ansatz der Gesellschaftstheorie fast aufgegeben. Im besten Falle findet sie noch, wie etwa bei Luhmann und Habermas, als „kommunikativ abgeleitete analytische Kategorie" (ebd.) Eingang in die Untersuchung und Bewertung der gesellschaftlichen Interaktion. [4] Andererseits und entgegen der positivistischen Grundhaltung spekuliert nicht nur die Philosophie immer wieder aufs Neue über metaphysische oder formal-logische Wahrheiten, die sich selbst jeder praktisch-empirischen Überprüfung entziehen und bestenfalls nachvollziehbare ideelle Anschauungsmodelle oder auch nur intelligent aufwartende Hirngespinste liefern.5
Wer die grundlegende Materialität der Natur und die gesetzmäßigen Zusammenhänge ihrer Entwicklung anerkennt, der müsste doch zumindest in Erwägung ziehen, dass dies prinzipiell auch für die Gegenstände, Wirkungszusammenhänge und die Entwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gilt, wenngleich manche Tatsachen sich hier viel schwerer erfassen lassen und dem ideellen Handeln des Menschen dabei eine nicht einfach zu bestimmende Bedeutung zuzumessen ist. Dennoch nimmt man diesen Umstand zum Anlass, die Annahme einer letztlich objektiven materiellen Fundierung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu leugnen, zumal wenn die Befunde einer derartigen Betrachtung dem eigenen Weltbild und der ihm entsprechenden subjektiven Interessenlage widersprechen.
Während also die Naturwissenschaften eine objektive materielle Existenz ihrer Gegenstände unabhängig vom Beobachtungsvorgang voraussetzen, ziehen die dominanten Vertreter der gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen zumindest in ihrer großen Mehrheit die Materialität bzw. die Verdinglichung gesellschaftlicher bzw. soziologischer Gegenstände und Verhältnisse in Zweifel. Um sich hierbei vom philosophischen Skeptizismus abzusetzen, der die Erkennbarkeit jeglicher Realität bestreitet, erkennen neuere philosophische Strömungen6 die subjektiven Wirklichkeitstatbestände zwar als Tatsachen einer gesellschaftlichen Wirklichkeit an, aber nur, um aus deren Vielfalt bzw. Pluralität wiederum mögliche Rückschlüsse auf eine objektive Welt infrage zu stellen (vgl. Gabriel 2013:19). Aus dem Sachverhalt heraus, dass Menschen tatsächlich ihre Umwelt in unterschiedlicher Weise wahrnehmen und zu unterschiedlichen Wirklichkeitsverständnissen gelangen, meint man, die Annahme einer objektiven gesellschaftlichen Realität als eine von der Wahrnehmung unabhängige Tatsache verwerfen zu können. So werden zum Nachteil eines konstruktiven politischen und wissenschaftlichen Diskurses materialistische Theorieansätze, insbesondere der Marxismus, als eine ernstzunehmende Gesellschaftstheorie trotz einer zugestandenen „wissenschaftlichen Komponente" ausgegrenzt und unter das Verdikt gestellt, eine Mischung aus „Ideologie und Wissenschaft" zu sein (Pfahl-Traughber 2008). Dieser Wortlaut steht z. B. im Titel eines Materials für die Hand von Schülerinnen, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. Nach dem dort formulierten Anspruch soll der Marxismus auf seine „inhaltlichen Grundpositionen und extremistischen Potentiale" hin analysiert werden (ebd.).
Der Umgang der etablierten bürgerlichen Wissenschaft mit dem Marxismus ist etwa vergleichbar mit dem Verhalten, das der Journalist Jens Berger (2002) bei der „organisierten wissenschaftlichen Community" gegenüber Kritikern der Ursachenerklärung des Coronavirus beschrieben hat, die deren Zoonose-Behauptung infrage stellten. Berger erkennt im Vorgehen der etablierten Wissenschaft gegenüber alternativen wissenschaftlichen Positionen die Methode: „[...] wer sich gegen ein herrschendes Narrativ stellt, verlässt den eng gesteckten ,diskursiven Raum und wird medial und politisch ausgegrenzt." Er äußert diese Kritik im Rahmen einer Besprechung des Buches von Günter Theißen, der als Genetiker als einer der ersten die wissenschaftsoffizielle Zoonose-Hypothese anzweifelte und einen Unfall in einem chinesischen Labor in Wuhan vermutete, in dessen Forschungszusammenhang aber auch westliche Interessenten und Geldgeber eingebunden sind. Dafür wurde er von führenden Wissenschaftskolleginnen und Medien in den Dunstkreis von Verschwörungstheoretikern gestellt. Auch wenn der Ursprung des Virus bis heute nicht eindeutig geklärt ist, da vor allem die chinesische Seite einen genaueren Einblick in die Forschungsdaten verweigert, spricht vieles dafür, dass Theißen mit seiner Annahme richtig liegt. [7] Das Beispiel zeigt, dass der etablierte Wissenschaftsbetrieb selbst in den Naturwissenschaften durch seine personellen und finanziellen Verflechtungen mit staatlichen und wirtschaftlichen Interessengruppen und deren Verbindungen (hier bis nach China hinein) mit Abhängigkeiten zu tun hat, welche die Wissenschaftsfreiheit und die wissenschaftliche Transparenz behindern.
Mit der Intervention für den wissenschaftlichen Marxismus und für Dialektik und Materialismus als seine theoretischen Grundlagen geht es keinesfalls darum, dessen wirtschafts- und geschichtstheoretischen Aussagen und analytischen Ansätze zur sakrosankten Alternative im offiziellen Wissenschaftsbetrieb zu erklären. Aber gerade angesichts der Wahrnehmung einer zunehmenden Krisenhaftigkeit und Instabilität der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihres problematischen Naturbezugs sollte es darum gehen, die nekrologische Sichtweise auf den Marxismus zu überwinden. Ihre Fortsetzung wäre nicht nur Ausdruck einer unwissenschaftlichen Arroganz, sondern auch selbstgefährdend und töricht, weil man möglicherweise auf exklusive Einsichten und Erkenntnisse verzichtet, die generell für die Reputation von Wissenschaft als vorurteilsfreier, systematischer und lösungsorientierter Forschertätigkeit wichtig sind. Legt man sich quasi mit der ideologischen Schere im Kopf selbst Grenzen in der Forschungsfreiheit auf und beschränkt damit das wissenschaftliche Potenzial, macht man sich nicht nur verfügbar für korrespondierende Absichten in der Politik8, sondern gefährdet tendenziell auch die objektiv bestehende demokratiepolitische Rolle der Wissenschaft gegenüber der Bevölkerung (vgl. Starkbaum et al.: 86). Der zweite Aspekt gewinnt perspektivisch umso mehr an Bedeutung, als im Zuge der Covid-19-Pandemie die Reputation der Wissenschaft generell gelitten hat und mit der allgemeinen Rechtsentwicklung auch die Wissenschaftsfeindlichkeit in der Bevölkerung gestiegen ist (vgl. Sokolovska 2025). Studien zeigen, dass die Zunahme der Wissenschaftsfeindlichkeit nicht nur für den öffentlichen Raum festzustellen ist, „sondern auch innerhalb wissenschaftlicher Gemeinschaften existiert, etwa in Form von Debatten über Methoden, Datenqualität oder Offenheit" (ebd.). Auch wenn dies in der deutschen Wissenschaftslandschaft noch nicht so sichtbar ist wie in autokratisch regierten Staaten oder in den USA, in denen die repressive Wissenschaftspolitik der Trump-Administration einen „Brain Drain" befürchten lässt (Schröder 2025), gibt es auch in Deutschland eine schleichende Entwicklung, die Wissenschaftsfreiheit zurückzudrehen (Henschel 2025).
Dies geschieht allerdings weniger durch direkte regulierende Eingriffe der Politik, sondern seit langem eher strukturell und hier vor allem auf zwei Ebenen. Einerseits wird die wissenschaftliche Agenda, also die Frage, zu welchen Themen geforscht wird, in einem wachsenden Maße bestimmt durch die sog. Drittmittelgeber. Das sind hauptsächlich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Stiftungen und die Privatwirtschaft.9 Über die Steuerung der Forschungsmittel nehmen die Geldgeber natürlich Einfluss darauf, wer mit welchem Forschungsansatz und mit welchem Ziel zu welchen Fragen forscht. Andererseits sind es die etablierten Machtstrukturen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes selbst, die in einem nicht zu unterschätzenden Maße beeinflussen, welche Forschungsrichtungen und welche Wissenschaftlerinnen protegiert werden und sich als Positivbeispiele „ideologiefreier Forschung" profilieren können. So ist es relativ einfach, die ohnehin überschaubare Zahl der Wissenschaftlerinnen, die nicht der „Bürgerlichen Wissenschaft" zuzurechnen sind, von den Fördertöpfen und den etablierten Wissenschaftsmedien fernzuhalten. Eine Interessengruppe innerhalb der Wissenschaft zeigt sich hier besonders rege, die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch „Moralisierung und Politisierung" abzuwehren: das 2020 gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit (vgl. Schubert 2023: 42).
Mit seinem „ gemeinsamen Anliegen, die Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen zu verteidigen [...]", vertritt das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit in seinem Manifest (2021) einen negativen Begriff von Wissenschaftsfreiheit als „Abwesenheit von Politik" (Schubert 2023: 42). So heißt es im Manifest des Netzwerks: „Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll". Um die vermeintliche politische und ideologische Bedrohung der Wissenschaft abzuwehren, agiert das Netzwerk allerdings selbst politisch, indem es sich überwiegend gegen „kritische Forschungsbeiträge [wendet], die sich für den Abbau von Diskriminierungen in der Wissenschaft und der Gesellschaft einsetzen" (Schubert 2023: 44). „ Diese Kritik versteht das Netzwerk als unwissenschaftliche und ideologische Moralisierung und Politisierung und damit als eine Art außerwissenschaftlichen Eingriff in die Wissenschaft durch andere Wissenschaftler_innen" (Schubert 2024). So sieht sich das Netzwerk legitimiert, einzelnen Wissenschaftlerinnen oder gesamten Forschungsinstituten vorzuwerfen, sie verträten ideologisierte Positionen, während sie selbst sich durch ihre Kritik hieran politisch in einem ausschließenden Sinne äußern (Henschel 2025). Hier wiederholt sich das grundsätzliche liberale Dilemma negativer Verständnisse von Freiheit, insofern man - im vorherrschenden Verständnis, die Grenzen der Verfassung ermessen zu können - einerseits den Eindruck erweckt, „Anything goes" (Schubert 2023:43), sich andererseits im Erprobungsfall aber veranlasst sieht, doch politische Grenzen aufzeigen, wenn die eigene Position in die Kritik gerät. Dieser Widerspruch lässt den vertretenen Wissenschaftspluralismus selbst als bloßes ideologisches Konstrukt zur Aufrechterhaltung der Hegemonie bürgerlicher Wissenschaft erscheinen.10
Mit einer solchen widersprüchlichen Haltung zur Wissenschaftsfreiheit erweisen sich auch liberale Wissenschaftlerinnen, von denen einige im Netzwerk versammelt sind, einen Bärendienst. Denn wie schnell selbst liberale Wissenschaftspositionen diskreditiert und politisch eingeschränkt werden können, machten jüngst die Angriffe auf die Kandidatin für das Verfassungsrichteramt, Frauke Brosius-Gers- dorf, deutlich, die sich praktisch gezwungen sah, ihre Kandidatur nach teilweise rüden Protesten gegen ihr wissenschaftliches Verständnis des Abtreibungsrecht zurückzuziehen (vgl. Monitor/WDR 2025). Daher sollte auch in liberalen Wissenschaftskreisen gesehen werden, dass die rechts-konservativen und teilweise bis in die Nähe der AfD zu verortenden Wissenschaftlerlinnen11 sehr wohl selbst zum politischen Akteur in eigener Sache werden, indem sie ihre eigenen politischen Positionierungen als unpolitisch markieren, aber Kritiker:innen dieser Positionen als Vertreter einer „identitätslinken Läuterungsagenda" angehen (Kostner 2022: 7).
Um diese Probleme unterschiedlicher Deutungen von Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftspluralismus zu vermeiden, schlägt Schubert „die Systematisierung eines alternativen, kritischen Begriffs der Wissenschaftsfreiheit" (Schubert 2023: 44) vor. Dabei sei das Verhältnis von Politik und Wissenschaft, das nicht eindeutig bestimmt werden könne, realistisch und komplex zu denken. Ein „kritisches Verständnis von Wissenschaftsfreiheit" müsse nicht nur wissenschaftlich begründet sein, sondern auch von seiner politischen Positionierung per se wissenschaftlich wissen, „weshalb es sich selbstreflexiv zureigenen Grenzposition verhalten muss" (ebd.). Schubert sieht den Vorteil eines solchen kritischen Verständnisses von Wissenschaftsfreiheit abseits von Ideologie darin, dass es einerseits seine normativen Prämissen offenzulegen und wissenschaftlich zu begründen hat, wie es sich andererseits dann bewusst darüber sein kann, dass die der Normativität implizite Politizität nicht per se unwissenschaftlich ist. Dieser auf die Tradition der kritischen Theorie zurückgehende Ansatz verfolgt das Ziel, „die demokratische Revolution zu radikalisieren" und „ Gleichheit und Freiheit für alle Menschen zu verwirklichen und Unterdrückungsverhältnisse abzubauen" (ebd.) . Ein solcher Ansatz sei zudem postfundamentalistisch, insofern er „die Unmöglichkeit von normativen Letztbegründungen reflektiert und Demokratie deshalb als ein ständiges Ringen um (plausiblere) Gründe konzipiert[...]" (ebd.).
Schuberts Vorschlag plädiert also für ein Verständnis des Wissenschaftsbetriebs, bei dem sich alle Forschungsansätze der wissenschaftstheoretischen Debatte stellen und dabei ihre normativen Grundsätze und ihre politischen Implikationen in einem offenen disputativen Prozess begründen und verteidigen müssen. Eine Wissenschaft, die sich der Freiheit der Forschung verpflichtet sieht, könnte sich dann nicht allgemein auf die Abwesenheit von Einmischung zurückziehen, sondern müsste positiv begründen, welche normativen Ziele und Grundsätze ihrem Freiheitsbegriff unterliegen bzw. diesen ausfüllen. Und sie müsste zudem erkennbar machen, wie man vermeidet, dass „die eigene Normativtät zur tatsächlichen Gefahr einer potenziellen Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit" wird (ebd.: 45). Dies würde im Hinblick auf die gegenwärtige marxistische Forschungsrichtung und ihren dialektisch-materialistischen Forschungsansatz bedeuten, dass diese mit ihrem selbstreflexiven Anspruch und ihren durchaus divergenten Ausprägungen ernstgenommen werden müsste und nicht vorurteilshaft und weit vor einer fairen wissenschaftlich fundierten Debatte als per se „ideologisch" abqualifiziert werden dürfte. Eine im Sinne des dialektischen Materialismus prinzipiell offene marxistische Wissenschaft könnte hierbei nur gewinnen, weil die Gefahr aus der Vergangenheit, sich in einer gewissen Abgeschlossenheit und aus einer erzwungenen Verteidigungshaltung heraus dogmatisch zu verirren, damit weitgehend ausgeschlossen wäre. Allerdings stellt sich die Frage, wie realistisch eine solche Erwartung im Hinblick auf die bürgerliche Wissenschaft ist und welche Konsequenzen sie aus der Praxis eines wirklichen Wissenschaftspluralismus' für ihre gesellschaftspolitische Funktion als traditionell politisch protegierte Herrschaftswissenschaft fürchten müsste.12
So müssten die im Netzwerk versammelten und so vehement um die Wissenschaftsfreiheit besorgten Wissenschaftlerinnen zunächst überhaupt akzeptieren, dass in der Diskussion um Wissenschaftsfreiheit mittlerweile „das Verhältnis von Wissenschaft und Politik komplexer bestimmt [wird] als durch den negativen Begriff des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit" nahegelegt ist (ebd.: 46). Mit Bezug auf Torsten Witholt (2012), der abseits des problematischen Framings der Debatte durch Identitätspolitik und Cancel Culture Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Systematisierung des Begriffs der Wissenschaftsfreiheit aus philosophischer Sicht anbietet, macht Schubert deutlich, dass bei keiner ernstzunehmenden Begründung von Wissenschaftsfreiheit - differenziert wird nach epistemischen und demokratietheoretischen Begründungsansätzen - „eine strikte Trennung zwischen Politik, Moral, Weltanschauung und Wissenschaft gefordert werden kann" (Schubert: 49). Ohne hier detailliert auf Witholts Argumentation einzugehen, lässt sich an der Darstellung der beiden Begründungsansätze nachvollziehen, dass sie keine Entpolitisierung der Wissenschaft begründen können (Witholt: 243-247). In beiden Ansätzen kommt der Forderung einer politischen und sozialen Diversifizierung der Wissenschaft als Ausweis ihrer Freiheit eine hohe Bedeutung zu. Aber weder in der epistemischen Begründung13, die durch die Prämisse der Förderung gesellschaftlich relevanten Wissens sogar eine politische Steuerung der Forschungsrichtungen verlange, noch in der demokratietheoretischen bzw. politischen Begründung seien politische Einflüsse auf die Wissenschaft auszuschließen. Die Letztere lehne eine unmittelbare Steuerung durch die Politik zwar ab, konzediere aber die politische Einflussnahme durch legitime demokratische Beteiligungsprozesse der Bürger sowie die Tatsache, dass die sozial situierten Forscherinnen auch in ihrer Mikroautonomie gar nicht politisch neutral sein können (Schubert: 48f.).
In diesem Zusammenhang wäre auf einen weiteren Aspekt des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik hinzuweisen, der allerdings in umgekehrter Richtung, also von Seiten der Wissenschaft, gegen eine Entpolitisierung spräche. Und zwar geht es um die mehr oder weniger vernehmbar von unterschiedlichsten Teilen der Bevölkerung in einer modernen Wissenschaftsgesellschaft geäußerten Erwartung, dass die Politik der Wissenschaft folge. Hierzu hat der Wissenschaftstheoretiker Peter Strohschneider zurecht daran erinnert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nie absolut gewiss sind und „in modernen, liberalen Demokratien [...] die Legitimität von politischen Entscheidungen vom Wahrheitsbesitz entkoppelt [ist]. [...] Wissenschaftliche Information ist eine unverzichtbare Voraussetzung vernünftiger politischer Entscheidungen - aber sie allein reicht nicht aus" (Nagels 2024). Für eine selbstreflexive Wissenschaft ergibt sich daraus die Verpflichtung, der Gefahr zu widerstehen, sich identifizierbaren politischen Interessen anzudienen, sei es um eine politische Entscheidungsrichtung zu unterstützen oder auch um als wissenschaftliche Position von der Politik wahrgenommen zu werden. Nicht nur der Wandel der neoliberalen Wirtschaftswissenschaften durch verschiedene Epochen hindurch bietet profunde Beispiele für die immer wieder aufscheinenden Interferenzen zwischen Wissenschaft und Politik (vgl. Langen 2021).
Schubert selbst, der vom Standpunkt der kritischen Theorie aus argumentiert, geht in seiner weiteren Auseinandersetzung mit dem liberalen Verständnis von ideologiefreier Wissenschaft, wie es das „Netzwerk" vertritt, auf einen Aspekt ein, der auch für den Impuls einer nicht-orthodoxen marxistischen Wissenschaft von großer Bedeutung ist. Denn ebenso wie das liberale Wissenschaftsverständnis von der Möglichkeit einer ideologiefreien Wissenschaft ausgeht, steht auch die orthodoxe Lesart des Marxismus in der Gefahr, mit der mechanistischen Trennung von Wissenschaft und Ideologie schon per se zwischen einer ideologiefreien (marxistischen) Wissenschaft und einer macht- bzw. interessenorientierten (bürgerlichen) Ideologie zu unterscheiden (vgl. Schubert: 52). Doch fordert der marxistische Ansatz aufgrund seines materialistisch-dialektischen Prinzips notwendigerweise immer eine Selbstreflexivität. Daher hat er seine eigene gesellschaftliche und historische Rolle, mithin die Verflechtung der eigenen wissenschaftlichen Vorgehensweise mit den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie nur stattfinden kann, auch selbstkritisch zu analysieren.14 Der Marxismus bzw. seine diversen wissenschaftlichen
Nuancierungen sind seit den 1980-er Jahren dabei, diese Forderungen im Wissenschaftsbetrieb und vor allem in der innermarxistischen Diskussion umzusetzen. Die liberale bürgerliche Wissenschaft tut sich dagegen trotz der auch hier nuancierenden aktuellen Diskussionen erheblich schwerer, weil ihr Begriff von Wissenschaftsfreiheit wesentlich geprägt ist von einem Verständnis der forschenden Subjekte als „vorsozial", d. h. als frei von sozialer und politischer Konstituierung. Der negative Freiheitsbegriff dient daher auch dazu, „sie vor politischem Eingriff zu schützen" (ebd.) und der Gegenseite die politische Subjektivierung vorzuwerfen, die man für sich ex cathedra ausschließen möchte.
Die in der bürgerlichen Wissenschaft immer noch weit verbreitete Weigerung, den Marxismus als ernstzunehmende Forschungsrichtung anzuerkennen und deren Fokus auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und die historisch-gesellschaftlichen Prozesse als dialektische Austauschprozesse zwischen den gegebenen Verhältnissen und der menschlichen Tätigkeit auch nur in Erwägung zu ziehen, erklärt sich natürlich nicht nur aus einer vorgeblich wissenschaftstheoretischen Ablehnung heraus. Man hält an der Kernannahme, dass die Ideen der Menschen Gesellschaft und Geschichte bestimmen, auch aus politischen und erfahrungsgeschichtlichen Gründen fest. Sie sind präsent in jenen Anteilen des bürgerlichen wissenschaftsgeschichtlichen Selbstverständnisses, die als Subjektivierungen, also als aktuelle politische und soziale Haltungen, in den Wissenschaftsbetrieb einfließen. Politisch zu differenzieren sind diese Haltungen einmal als Ablehnung des Marxismus aus der Erfahrung der gescheiterten und unter demokratischen und humanistischen Gesichtspunkten zu Recht kritisierten Versuche des Aufbaus einer nachkapitalistischen Gesellschaftsform, die spätestens seit den 1970-er Jahren selbst in der innermarxistischen Debatte als Form eines „autoritären Staatssozialismus" kritisiert wurde (Kallscheuer 1986: 124). Die derart motivierte Ablehnung des Marxismus gilt in besonderer Weise für den bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb, der sich nach der deutschen Spaltung, in deren Folge der Antikommunismus bzw. der Antimarxismus quasi zur Staatsräson erhoben wurden, dieser allgemeinen politischen Stimmung sehr schnell anpasste. In dieser Zeit, den 1950-er und frühen 1960-er Jahren, waren Stimmen wie die des Theologen Helmut Goll- witzer gleichsam wie einsame Rufe in der Wüste. Aussagen wie die 1954 im Rahmen eines Vortrags vor Angehörigen der „Dienststelle Blank" getätigten, der Vorgängerinstitution des Verteidigungsministeriums, sind daher bemerkenswert: „Es ist im Marxismus in der Erkenntnis der Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, in der schonungslosen Diagnose unserer Zeit soviel einzelnes Wahres, es hat sich auch soviel durchgesetzt, daß es nur borniert ist, etwa heute im Zuge der amerikanischen Hexenjagd nun auch einzelne Professoren zu durchleuchten, wieweit sie marxistische Gedanken aufgenommen haben" (Gollwitzer 1954: 291f.). In der DDR trat die latent immer vorhandene antikommunistische Haltung nach 1953 dann offen wieder 1989/90 zutage. Deutlich anders verhielt es sich in Ländern wie Frankreich und Italien, wo mit dem Höhepunkt des Kalten Krieges und der Totalitarismusdebatte ab den 1970-er Jahren die relativ starken orthodoxen Kommunistischen Parteien zunächst in eine interne Krise gerieten (Eurokommunismus, Abspaltungen, Sozialdemokratisierung) und dann zunehmend einen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust hinnehmen mussten. Relativ unbeschadet hiervon blieb aber die marxistische Diskussion im akademisch-wissenschaftlichen Bereich zumindest bis zum Zerfall des sog. Ostblocks sehr rege.
Bei der Kritik und der antikommunistischen Distanzierung bürgerlicher Wissenschaftler vom sowjetischen Experiment war auffällig, dass man gegen jeden wissenschaftlichen Anspruch mit dem realsozialistischen Modell zugleich und völlig undifferenziert auch Marx' wissenschaftliche Leistung infrage stellte. Dass das sozialistische Experiment sich zwar auf Marx berief, aber gänzlich gegen Marx' Geschichtsphilosophie im rückständigen Russland15 und später in den das autoritärrepressive Sowjetmodell mehr oder weniger zwanghaft kopierenden, stark kriegsgeschädigten und zumeist noch überwiegend agrarisch strukturierten osteuropäischen Staaten unternommen worden war, spielte in den Analysen kaum eine Rolle. Dass die Entwicklungsversuche dieser Staaten bei gleichzeitiger Konkurrenz mit einem hochproduktiven und individualistisch geprägten kapitalistischen Westen (Tiwald 2020)16 nur bedingt mit Marx' Vorstellungen von einer notwendigen sozialistischen Übergangsetappe zum Kommunismus zu vereinbaren waren, wurde hauptsächlich versucht aus marxistischer Position heraus wissenschaftlich angemessen zu problematisieren (vgl. Van der Linden 2009). Die Kritik von Seiten der bürgerlichen Wissenschaft ebenso wie die akklamierende dogmatische Linke ignorierten oder relativierten die Widersprüche zum theoretischen Marxismus weitgehend.17 Von beiden Seiten wurde, im jeweils eigenen Verständnis, vielmehr der Eindruck erweckt, als erfüllten sich im „realen Sozialismus" die sozialrevolutionären Hoffnungen von Marx und Engels und als seien die Staatengebilde die historisch zwingende und adäquate Form der unvermeidbaren Phase einer „Diktatur des Proletariats" als gesellschaftlichem Zwischenschritt zur klassenlosen Gesellschaft. Dabei wurde bzw. wird immer noch der von den beiden marxistischen Klassikern selbst kaum verwendete Begriff, ebenfalls von beiden Seiten, im eigenen Interesse missdeutet: auf der einen Seite zur Bestätigung des Vorwurfs einer bloßen Willkürherrschaft, auf der anderen Seite zur Rechtfertigung einer Marxismus-konformen faktischen Einparteienherrschaft. Beharrlich wird dabei ignoriert, dass Marx und Engels diese Übergangsphase als „Regierung der Arbeiterklasse" (Marx 1974: 342) begreifen, die „nur zur Herrschaft kommen kann unter der Form der demokratischen Republik. Diese ist sogar die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats, [...]" (Engels 1972: 235). Für beide war diese Übergangsphase „im besten Fall ein Übel, [...] dessen schlimmste Seiten [...] sofort möglichst zu beschneiden [sind], bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun" (Marx 1975: 199).
Die „Diktatur des Proletariats" ist im Verständnis der marxistischen Theorie also weder eine dauerhafte noch eine undemokratische Herrschaftsform, sondern eine nach den historischen Erfahrungen der Pariser Kommune notwendige Übergangsphase hin zur klassenlosen, sich gemeinsam organisierenden Gesellschaft bis zum angestrebten späteren Absterben des Staates. Die Vorstellung einer herrschaftslosen Selbstorganisation der Gesellschaft impliziert bei Marx und Engels zwei fundamentale Voraussetzungen, die bei allen bisherigen Versuchen des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft nicht einmal ansatzweise im notwendigen Maße gegeben waren: Ein Entwicklungsstand der Produktivkräfte, der Verteilungskämpfe um Anteile am gesellschaftlichen Reichtum überflüssig macht, und ein mehrheitlich entwickeltes politisches Bewusstsein, das die ideologische Abgrenzung individueller Bedürfnisse gegen die Interessen anderer weitgehend aufhebt. Dass vorzeitige Versuche zu einer postkapitalistischen Gesellschaft gescheitert sind, weil die Voraussetzungen dazu ungünstig waren und auch dadurch bedingt schwerwiegende Umsetzungsfehler gemacht wurden, rechtfertigt nicht, das „Ende der Geschichte"18 anzunehmen und die Option einer grundsätzlich anderen und besseren Gesellschaftsform zu verwerfen. Zudem ist im Hinblick auf den Übergang zu einer postkapitalistischen Gesellschaftsform davon auszugehen, dass dieser im Vergleich zu den Versuchen im französischen Bürgerkrieg der 1848-er und 1870--er Jahre, der russischen Revolution am Ende des ersten und der Entstehung des „Ostblocks" am Ende des zweiten Weltkriegs von gänzlich anderen Voraussetzungen bestimmt sein wird. Diese werden auf einer breit getragenen Erfahrung der Grenzen einer privatkapitalistisch organisierten Produktion und den Kenntnissen ihrer demokratischen Transformation zu einer gemeinwohlorientierten, radikal-demokratischen und ökologischen Produktionsweise aufbauen müssen.19 Wie wenig von all dem im kollektiven
Bewusstsein der Gesellschaften des „Realsozialismus" vorhanden war und sich als „sozialistisches Bewusstsein" in den nachfolgenden Generationen hat entwickeln können, wird im Nachhinein deutlich an der Entwicklung, die die meisten dieser Staaten nach 1989/90, nach ihrer Entlassung in die Autonomie, genommen haben. Die Herausbildung rechter autokratischer Staatsgebilde mit der Etablierung korrupter, teilweise mafiöser Machtstrukturen, schließlich der innergesellschaftlich mehrheitlich legitimierte, brutale Angriffskrieg auf eine ehemalige „Bruderrepublik" durch Russland sollten auch den letzten Rest vorhandener Illusionen darüber beseitigen, dass mit den realsozialistischen Ländern ein zukunftfähiges demokratisch-sozialistischen Projekt untergegangen sein könnte.
Die negative Identifizierung des fehlgeschlagenen realsozialistischen Versuchs mit Marx' Gesellschaftsanalyse und Geschichtsphilosophie wurde jedoch nicht nur dadurch erleichtert, dass sich seine Akteure und Befürworter auf ihn beriefen, sondern auch durch die Tatsache, dass Marx und Engels selbst kein konkretes Sozialismuskonzept entwickelt hatten. Zudem hat Marx u.a. mit der Darstellung der kapitalistischen Akkumulation im ersten Band des Kapitals die Grundlage für die missverständliche Annahme geliefert, der Entwicklungsprozess des Kapitalverhältnisses würde mit Naturnotwendigkeit zur proletarischen Revolution führen (Marx 1972/2: 791). Damit konnten die realsozialistischen Länder für sich in Anspruch nehmen, als historisch legitimierte Nachfolgeformationen des Kapitalismus zu gelten und Marx' Fortschrittstheorie zu verwirklichen. Mit ihrem Scheitern ist eine Situation entstanden, die der Wirtschafts- und Sozialhistoriker David Mayer als zumindest für die Zeit der Wendejahre nach 1990 sehr zutreffend beschreibt: „In welcher Form und in Bezug auf welche Theoreme des von Marx ausgehenden Denkens die Kritik auch vorgetragen wird - Fortschrittsparadigma und teleologische Geschichtsphilosophie erscheinen als die Achillesferse, die es unmöglich erscheinen lässt, dass sich dieser einstmals so wirkungsmächtige Denk-, Diskurs- und Praxiskomplex erneut aufrichten könnte" (2009: 14). Dass es anders gekommen ist und der Marxismus eine Art Renaissance erlebt, entfacht nun erneut Widerstand, insbesondere auf Seiten der Trump-Administration, die jegliche Kritik an der Aushebe- lung demokratischer Rechte seitens der Bevölkerung und demokratisch legitimierter Institutionen als marxistisch motiviert verunglimpft. Manche ihrer Akteure sind sich dabei nicht zu schade, auf primitivstem Niveau zu agieren. So begründete z. B. auf US-Regierungsebene der zeitweilige Trump-Berater Musk die aktuelle Kaltstellung der USAID-Behörde u.a. damit, diese sei „ein Schlangennest von linksradikalen Marxisten, die Amerika hassen" ( Wendt 2025). Und der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, bezeichnete die „No Kings"-Proteste von Millionen Amerikanern gegen die Verletzung demokratischer Rechte durch die Trump-Regierung als von der „gefährlichen Ideologie des Marxismus und Sozialismus" gesteuert (vgl. ntv 2025).
Auf einer zweiten Ebene ist die Ablehnung des Marxismus nicht primär politisch und ideologiekritisch motiviert, sondern die marxistische Theorie selbst, nun scheinbar durch die Geschichte praktisch widerlegt, wird mit ihren beiden Säulen, der politisch-ökonomischen Gesellschaftsanalyse und der ihr entsprechenden historisch-materialistischen Theorie gesellschaftlicher Entwicklung, substanziell infrage gestellt. Damit wird Marx' dialektisch-materialistische Methode, der dialektische und historische Materialismus, ganz grundsätzlich auch wissenschaftstheoretisch verworfen. Nun ist es tatsächlich so, dass Marx' Kapitalismusanalyse, die sich, abgesehen von den dazu notwendigen historischen Vorstudien, hauptsächlich im Entwicklungsstadium des 19. Jahrhunderts bewegt, aus der Perspektive eines modernen, globalisierten Kapitalismus an Erklärungsgrenzen kommt und auf die veränderten und komplexeren Verhältnisse des 21. Jahrhunderts fortgeschrieben und angepasst werden muss.20 Dies geschieht allerdings auch auf unterschiedlichsten Forschungsfeldern und in unterschiedlichen internationalen und interdisziplinären Kooperationsformen.21 Dagegen sehen große Teile des etablierten Wissenschaftsbetriebes im Marxismus immer noch einen kaum die Beschäftigung lohnenden Irrweg oder - für den Fall der Auseinandersetzung mit reaktualisierten Fortschreibungen - nach wie vor nur eine politisch-ideologische Bedrohung. Beispielhaft hierfür und sicher unfreiwillig hat der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Werner Plumpe die mit dem Marxismus verbundenen Befürchtungen der Marx-Gegner und Marx-Skeptiker den Marx-Reaktualisierern als Absicht unterschoben. Plumpe (2018: 235) meint, diesen gehe es gar nicht um eine „Auseinandersetzung mit seiner ökonomischen Analyse [...], sondern um die Aufrechterhaltung des kritischen Anspruchs gegenüber der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und den Nachweis zumindest der grundsätzlichen Möglichkeit alternativer Ordnungsentwürfe, die die wirklichen oder vermeintlichen Probleme des Kapitalismus hinter sich lassen." Offensichtlicher kann man die Parteilichkeit des eigenen wissenschaftlichen Standpunkts und die empfundene Bedrohung durch den Marxismus gar nicht ausdrücken. Hinzu kommt, dass Plumpe mit seiner Kritik Wissenschaftler:innen, die der Methodik des Marxismus aus wissenschaftlicher Überzeugung etwas abgewinnen können, pauschal eine primäre antikapitalistische Haltung und damit eine politische Voreingenommenheit unterstellt, die ein seriöses wissenschaftliches Vorgehen per se ausschließt.
In der Perspektive einer Gesellschaftswissenschaft, die ihrerseits den Kapitalismus als letzte und einzige Antwort auf die Frage nach der dem Menschen adäquaten Weise der Organisation der Produktion und des gesellschaftlichen Zusammenlebens begreift, kann Marx offensichtlich keinerlei Inspiration mehr bieten. Bestenfalls ist er wegen des umfassenden und universalen Forschungsumfangs noch ein wissenschaftsgeschichtlich interessantes Beispiel eines genialen, aber doch - wie der Hinweis auf das Experiment des Realsozialismus zeigen soll - irrenden Denkers. Dass man dann praktisch im gleichen Atemzug für den Kapitalismus eine Lanze bricht und weiterhin das gesellschaftliche Optimum darin sieht, die Verwendung des gesellschaft- liehen Reichtums hauptsächlich der privaten Entscheidung und die Verteilung der Güter einem sich weitgehend chaotisch regelnden Markt anzuvertrauen, wie Plumpe noch 2019 meint, kann daher kaum verwundern.22 Die Position erinnert an die epigonistische Rückkehr eines Geläuterten zur Herrschaftswissenschaft, wie sie Herbert Marcuse schon 1937, vielleicht nicht zufällig eine ebenfalls politisch regressive Phase des Kapitalismus, als eine Form des „affirmativen Charakters der Kultur" kritisierte: Das Bestehende wird als Bestehendes legitimiert, das Bestehende wird als das Beste angepriesen und verteidigt (vgl. Clausen 1981: 179/181). Dabei verwundert kaum noch, wie leichtfertig über gegenteilige Bewertungen „aus eigenem Hause" hinweggegangen wird. So kommt z. B. der des Marxismus unverdächtige ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicolas Stern, in seinem „ Stern-Report" von 2006 zu einer völlig gegenteiligen und eigentlich vernichtenden Einschätzung der Lenkungsqualitäten des Marktes: „Der Klima wandel ist der größte Fall von Marktversagen, den die Welt je gesehen hat, und er steht in Wechselwirkung mit anderen Defiziten des Marktes" (Stern-Review 2006: 4) . Wer also die kapitalistische Produktion nicht nur aus dem eingeschränkten Blickfeld der den globalen Mehrwert aufsaugenden hochproduktiven industriellen Zentren betrachtet und wer über die kollateralen Folgen der scheinbar so effizienten wie unschuldigen Marktmechanismen nicht hinwegsieht, kommt offensichtlich zu anderen Einschätzungen. Es fällt im Übrigen immer wieder auf, welche Fehleinschätzungen bzw. auch gröbste Fehlbehauptungen zur marxistischen Theorie sich auch renommierte Wissenschaftler erlauben können, ohne dass ihr wissenschaftlicher Ruf auch nur im Geringsten darunter zu leiden scheint. Aus der Fülle möglicher Beispiele eines der in seiner Dreistigkeit beeindruckendsten liefert der international bekannte US-amerikanische Yale-Philosoph Tom Rockmore: In der Absicht, die Uneinheitlichkeit, ja geradezu die Gegensätzlichkeit des Denkens schon bei Marx und Engels zu belegen, stellt er nicht nur Engels Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit infrage, sondern er macht Marx auch kurzerhand zum Hegelianer und deutschen Idealisten (vgl. Rockmore 2002: 161).23 Das lässt geradezu vermuten, dass es innerhalb bestimmter internationaler akademischer Kreise einen ungeschriebenen Kodex gibt, Verstöße gegen wissenschaftliches Arbeiten durchgehen zu lassen, wenn diese nur dreist genug das Ziel verfolgen, Irrtümer und Unwissenschaftlichkeit des Marxismus zu behaupten. So ist oft kaum fassbar, zu welchen eklekti- zistischen Verbiegungen manche Wissenschaftler fähig sind, wenn sie sich gegen marxistische Positionen ereifern.
Beide oben skizzierten Ebenen der Ablehnung marxistisch-materialistischer Wissenschaft haben letztlich als gemeinsamen Hintergrund die lange Geschichte des philosophischen Idealismus. Er war die ideologische Waffe, mit der das Bürgertum seine politische Vorherrschaft in der Auseinandersetzung mit einem zunehmend dekadenten Adel durchsetzte und der die Mystifikation der Produktionsverhältnisse auf der Bewusstseinsebene entspricht. Das politisch noch schwache Bürgertum hatte nur mit dem moralischen Apodiktum, dass der vernunftbegabte Mensch a priori frei sei und „nicht (mehr) in moralisch und intellektuell relevanter Hinsicht dem Kausalgefüge der Natur [...] unterliegt" (Engel 2005: 8) , den einschränkenden Verhältnissen und der theokratisch begründeten Herrschaft des Adels etwas entgegensetzen. [23][24] Nur aus der Perspektive des an sich freien Menschen konnte dem herrschenden Adel dessen widersprüchliches und moralisch verwerfliches Handeln vorgehalten werden, da er die „freie" - und damit auch die wirtschaftlich freie - Entfaltung des Menschen behinderte. Allerdings sind die sich nach und nach durchsetzenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse kein ökonomischer Reflex, keine ökonomische Entsprechung zu Kants idealistischem Freiheitsbegriff. Es ist vielmehr umgekehrt: In der unter der Adelsherrschaft sich schon entfaltenden, aber durch die politischen Verhältnisse eingeschränkten Akkumulation des Kapitals und der sich herausbildenden neuen Produktionsverhältnisse wird Kants Freiheitsbegriff zum politisch-ideologi- sehen Argument, zur ideellen Triebkraft des ökonomisch schon aufstrebenden Bürgertums. Denn unter den einschränkenden Bedingungen der Adelsherrschaft kann weder der Kapitalist noch der Lohnarbeiter als sein kongenialer Widerpart im Sinne des Kant'schen Freiheitsverständnisses handeln.25 Dabei werden die Möglichkeiten des Handelns im Kapitalismus letztlich aber nicht vom freien Willen des Menschen, von seinen moralischen Maßstäben und seiner Vernunft bestimmt, sondern von der „Bewegung seiner entfremdeten Lebenselemente" (Marx 1974/2: 123) , zu denen Marx u. a. Eigentum, Industrie und Religion zählt.26
In allen Entwicklungsstadien des Kapitalismus bis in die Gegenwart hinein sind, bezogen auf die Produktionssphäre, die lohnabhängig Beschäftigten mit dem Verkauf ihrer Arbeitskraft fremdbestimmt. Und auch der Kapitalist, will er Kapitalist bleiben, unterliegt zumindest in seinem ökonomischen Handeln dem Kapitalverwertungszwang. Das Paradoxe ist, wie Marx feststellt, dass beide Seiten ihre Situation als ihre eigene Freiheit nehmen. Dies ist so, weil der gesellschaftliche Charakter ihrer Beziehung auf der Ebene der Produktionsverhältnisse diese als verdinglichte und die zwanghafte Abhängigkeit zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter als aus freiem Willen kontrahiert erscheinen lässt. Dieser immer wieder infrage gestellte Mechanismus der Entfremdung der und von den tatsächlichen Produktionsverhältnissen hat eine über 300 Jahre währende Entwicklung hinter sich. Und über alle Widersprüche und Krisen hinweg hat er durch Geschichte und soziales Raffinement eine Art generatives Bewusstsein27 entstehen lassen, unter dessen selbstreferenziellen Wirkungen es den Menschen immer schwerer möglich ist, grundsätzlich andere Produktions- und Lebensformen zu denken als die gewohnten.
Wer nun gestützt auf den wissenschaftlichen Marxismus diesen Entfremdungsmechanismus analytisch durchdringt, den bürgerlichen Freiheitsbegriff als vornehmliches Motiv für die freie Entfaltung des Kapitals entlarvt und damit die Perspektive für eine notwendige gesellschaftliche Alternative eröffnet, zielt direkt auf eine der zentralen ideologischen Säulen der Sicherung bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft.28 Wie wesentlich die Idealisierung des Begriffs - neben jenen von Gleichheit und Gerechtigkeit - für die politische Herrschaftssicherung ist, kann man daran ermessen, dass jede fundamentale politische Auseinandersetzung letztlich geradezu inquisitorisch auf die Identifizierung der Haltung zu diesem Freiheitsverständnis zuläuft. Dabei kann es aus marxistischer Sicht überhaupt nicht darum gehen, den bürgerlichen Freiheitsbegriff, dessen Widersprüchlichkeit ja hinreichend verdeutlicht wurde, weder in seinem moralischen Anspruch noch seinem ehedem revolutionären Impetus abzulehnen. Ulrich Ru- schig (2021: 80) hat in überzeugender Weise am substanziell ähnlichen Begriff der Gerechtigkeit aufgezeigt, dass die marxistische Kritik daran zwar „'antimoralistisch' - als Kritikf..] der Moral, der Philosophie und der Metaphysik" verfährt, dies aber „nicht mit 'amoralisch', der schlichten Verneinung von Moral, d.h. der abstrakten Negation von Philosophie und Metaphysik, zu verwechseln" sei. Marx' rigorose Kritik an den idealistisch aufgeladenen Begriffen der bürgerlichen Emanzipation zielt also nicht auf deren ideelle Substanz an sich, sondern, nachdem durch eben diese ideelle Substanz Bürgertum und Kapitalismus zum Sieg verhülfen war, darauf, dass sie sich nur noch auf ihre ideologische Funktion der Herrschaftssicherung reduzieren. Die harte Kritik am bürgerlichen Freiheitsbegriff ist also nicht zu verstehen als eine prinzipielle Zurückweisung des philosophischen Anspruchs, sondern als Reklamation der nur einseitigen und unvollkommenen Einlösung bei der Errichtung und Absicherung der kapitalistischen Verhältnisse. Genau dies meint Marx, wenn er in seiner Kritik an Hegel bzgl. der Verhältnisse in Deutschland schreibt, „... man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" (Marx 1981: 381), also den eigenen Anspruch zum Maßstab nimmt. Mit Applaus für solcherart Kritik der ideologischen Instrumentalisierung des Freiheitsbegriffs kann der Marxismus von Seiten der bürgerlichen Wissenschaft und Politik nicht rechnen.29
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[...]
1 Bezugnehmend auf Friedrich Hegel, der die Gesetze der Dialektik in idealistischer Weise als „bloße Denkgesetze" versteht, begreifen Marx und Engels die folgenden drei als universelle Entwicklungsgesetze: „das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt; das Gesetz von der Durchdringung derGegensätze; das Gesetz von derNegation derNegation." ( Ebd.)
2 Erfüllt wäre das dialektische Prinzip etwa in folgenden Beispielen: Im qualitativen Wechsel des Aggregatzustands unter Energiezufuhr, in den Qualitätsumschlägen bei quantitativ veränderten chemischen Reaktionen, im gegensätzlichen Verhalten elektrischer Teilchen oder bei der DNA-Replikation als Beispiel der Negation der Negation.
3 Der Sachverhalt sollte nicht verwechselt werden mit dem Begriff der Isomorphie, wie er z. B. in den Sozialwissenschaften die methodische Gleichgestaltig- keit von Theorien und Modellen beschreibt. Hier ist es mitunter im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit angebracht, unterschiedliche Gegenstandsbereiche der Untersuchung mit gleichen Untersuchungsmodellen um- kehrbaraufeinanderzu beziehen.
4 Henkel macht in ihrem Aufsatz deutlich, dass es erst neuerdings innerhalb (nicht explizit marxistischer) soziologischer Arbeiten im Rahmen der Kritischen Theorie und der Systemtheorie wieder Ansätze gibt, „Materialität auch aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive soziologisch in den Blick zu nehmen" (ebd.: 279).
5 Exemplarisch sei Heideggers bis heute viel diskutiertes Diktum vom nichtenden Nichts genannt, das Rudolf Carnap schon in den 1930-er Jahren als zweifache Sinnlosigkeit bezeichnete (Carnap 1975).
6 Zu verweisen wäre hier auf den Neuen Realismus. Dessen exponiertester Vertreter im deutschsprachigen Raum, Markus Gabriel, löste mit der schon im Buchtitel vertretenen spektakulären These „Warum es die Welt nicht gibt" auch unter Fachkolleg:innen eine heftige Debatte aus. Dass Gabriel aus der banalen Tatsache, dass die Menschen unterschiedliche und notwendigerweise partielle Weltsichten haben, also niemand die ganze Welt erfassen könne, schlussfolgert, dass es diese dann in einem objektiven Sinne auch nicht gibt, ist im Grunde ein philosophisches Eigentor des „Neuen Realismus". Er wollte nach eigenem Anspruch zu neuen philosophischen Ufern aufbrechen, kam aber doch kaum über den Ufersaum des Idealismus hinaus.
7 Theißen beschreibt in seinem Buch die Methoden der Abkanzelung all jener Wissenschaftler, die das Auftauchen von SARS-CoV-2 nicht als natürliche Zoonose einstuften, obwohl für deren Hypothese eines Labor-Unfalls die Indizien- lage nicht weniger überzeugend war als für die Annahme eines Übersprungs vom Tier zum Menschen. Heute weiß man, dass bereits im Frühjahr 2020 der US-Geheimdienst und der deutsche BND, Theißens Annahme teilten und auch die Bundesregierung informiert war. Die tatsächliche Herkunft des Virus ist offiziell zwar bis heute nicht geklärt, obwohl sich die Faktenlage anhand analysierter Gen-Schnittstellen und Enzymen zugunsten der Annahme eines LaborUnfalls weiter erhärtet hat (vgl. srf/ZDF 2025).
8 Beispiele für die gelungene und versuchte Indienstnahme der Wissenschaft durch die Politik in vielen europäischen Ländern und in den USA lieferte hinreichend die Covid-19-Pandemie. Damals wurden umstrittene Entscheidungen durch die Politik oft erst im Nachhinein durch die Indienstnahme der Wissenschaft - auf angreifbare Weise, wie man heute weiß - legitimiert (vgl. srf/ZDF 2025 u. Starkbaum et al. 2023: 87ff.). Gleiches gilt jedoch auch für die öffentliche Debatte um Ziele und Notwendigkeiten in der Energie- und Klimapolitik (vgl. Kemfert 2023).
9 2022 betrug der Anteil der Drittmittel an der gesamten Hochschulfinanzierung ca. 28 Prozent bzw. 10,4 Mrd. Euro, während auf die Grundfinanzierung ca. 27 Mrd. Euro entfielen (Deutsche Forschungsgemeinschaft/DFG, 2024:35).
10 Karsten Schubert (2023: 44) verweist in diesem Zusammenhang auf die Homepage und auf Veröffentlichungen von Netzwerkmitgliedern, die zeigen, dass Forschungen zu identitätspolitischen Themen bzw. solchen, die sich zugleich für den Abbau von Ungleichheit und Diskriminierungen in Wissenschaft und Gesellschaft einsetzen, als unzulässige Politisierung und Moralisierung der Wissenschaft abgelehnt werden.
11 Als Mitglieder geführt werden z. B. der Verfassungsrechtler Ulrich Vosgerau, der Ende 2023 am „Potsdamer Treffen", einem Kongress von rechten Politikern, Funktionären und Gästen aus dem rechten Milieu, beteiligt war, und der Historiker Martin Wagner, der sich gegen zu erwartende Flüchtlingsströme für den massiven Ausbau von deutschen Grenzanlagen ausspricht (NZZ 2025:19). Vosgerau gehörte auch zum prominenten Kreis der Kritiker:innen von Brosius- Gersdorf, die er ebenso wie die zweite von der SPD vorgeschlagene Kandidatin Ann-Kathrin Kaufhold als „Gefahr für die Demokratie" und „wenig wählbar" bezeichnete (Vorwärts 2025).
12 Zu erinnern wäre hier an das bedenkenswerte, aber fast vergessene Verständnis „moderner Wissenschaft" von Herbert Marcuse. Ausgehend von den Naturwissenschaften und deren Methoden der „produktiven Kontrolle" von Natur und Technik schlussfolgerte er, dass die hierbei entwickelte wissenschaftliche Methode auch die „Begriffe wie die Instrumente zur stets wirksamer werdenden Herrschaft des Menschen über den Menschen vermittels der Naturbeherrschung" lieferte (Marcuse 1998: 173). Im Kern meint das, dass die Naturwissenschaft als eine die Natur der kapitalistischen Produktion unterwerfende Wissenschaft auch die wissenschaftliche Methodik und Logik hervorgebracht hat, welche die in der kapitalistischen Gesellschaft vorfindbaren Produktionsund Herrschaftsverhältnisse als quasi naturnotwendige Verhältnisse identifiziert. Dadurch lassen sich gesellschaftliche Ungleichheiten und ökonomische und gesellschaftliche Zwänge z. B. aus der Sicht der Empirie als Sachverhältnisse beschreiben, die im Rahmen der frei gewählten gesellschaftlichen Ordnung ein eindimensionales Denken hervorgebracht haben und den Menschen als unveränderbarerscheinen.
13 Diese geht von Haltungen und Tendenzen in der Politik aus, Entscheidungen zunehmend auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen und sie zur politischen Argumentationshilfe zu instrumentalisieren.
14 Hier wird also plädiert für einen ,pluralen Marxismus', wie ihn Wolfgang Fritz Haug einst umschrieb: „Schwer gelernt werden Einsichten wie: Den Marxismus gibt es nicht, wir müssen ihn uns nehmen. Den Marxismus gibt es nicht, es gibt Marxismen. Der Marxismus existiert in der Mehrzahl" (1985: 20). In ähnlicher Weise, aber mit transnationaler und globalgeschichtlicher Perspektive auf den Marxismus sowie die Selbstreflexivität betonend, argumentiert David Mayer (2009: 17).
15 Zu den wenigen Ausnahmen gehörten etwa Richard Lorenz und Dietrich Geyer, die mit ihren Veröffentlichungen Die russische Revolution (1968) und der Sozialgeschichte der Sowjetunion (1976) versuchten, die schwierige Aufbausituation der sozialistischen Gesellschaft nicht als rücksichtslosen Vollzug einer marxistischen Revolutionstheorie darzustellen, sondern die dogmatischen Verfälschungen in der sog. „marxistisch-leninistischen" Theorie als Reaktionen und Auswüchse der katastrophalen materiellen Entwicklungsbedingungen zu begreifen.
16 Horst Tiwald verweist darauf, dass die entwickeltsten kapitalistischen Staaten im Hinblick auf ihre Produktionsleistung mittlerweile Überflussgesellschaften sind und sich ohne Verteilungskämpfe jegliche Vergemeinschaftung des Reichtums „leisten" könnten. Dennoch sind sie gänzlich individualistisch strukturiert: Arbeitskraft anderer wird von Einzelnen ausgebeutet, gemeinschaftliches Kapital wird individualistisch angeeignet, Natur (z. B. Grund und Boden) wird in individuelles Eigentum umgewandelt und durch individualisiertes Recht geschützt, damit es individualistisch genutzt und kumuliert werden kann. Das individualistische „Prinzip des Siegens" bestimmt die Kapitalbewegung, insofern es gezielt dorthin wandert, wo aus einer Notlage heraus Arbeitskraft billiger zu erwerben und der Raubbau an der Natur besonders leicht möglich ist (vgl. Tiwald 2020: 2).
17 Marx und Engels setzten z. B. schon in ihrer frühen Schrift Die deutsche Ideologie einen hohen Entwicklungsstand der Produktivkräfte voraus, bevor die „Entfremdung" als „eine Macht, gegen die man revolutioniert", aufgehoben werden kann. Denn „diese Entwicklung der Produktivkräfte [...] [ist] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel' verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, [...]" (Marx/Engels 1969: 34f.).
18 Unter dem gleichnamigen Buchtitel vertrat der Politologe Francis Fukuyama 1989 seine These von der Systemüberlegenheit des Kapitalismus und der liberalen Demokratie über den im Niedergang befindlichen Sozialismus. Ohne Gegenspieler werde der politische und ökonomische Liberalismus sich weltweit ausbreiten, sei die „final form of human government" erreicht (Vgl. Fukuyama 2022).
19 Einen Einblick in die aktuellen, noch wenig verbundenen Debatten über Wirtschaftsplanung und Vergesellschaftung und ihre Problematiken gibt die Zeitschrift PROKLA. In den Textbeiträgen werden die neueren Debatten auch mehr oder weniger ausführlich auf historische Stationen, etwa die Planwirtschaft der RGW-Staaten, und frühere theoretische Diskussionen bezogen. Das Editorial verweist darauf, dass insbesondere im letzten Jahrzehnt durch die globale Finanzkrise, die Klimakatastrophe und die Covid-19-Pandemie das Interesse an Alternativen zu den bestehenden Regulationsweisen der krisenhaften Entwicklungen wieder zugenommen hat (vgl.: Beckmann et al. 2024: 168ff.).
20 Für Marx' Erklärung der immanenten Krisenanfälligkeit des Kapitalismus war die im 19. Jahrhundert ungleiche und systemimmanent kaum veränderbare Verteilung des Mehrprodukts zwischen Kapital und Arbeit und der damit verbundene „tendenzielle Fall der Profitrate" ein wesentlicher Faktor. Aus Marx' zeithistorischer Sicht war nicht vorhersehbar, dass z. B. das Verhältnis von Staatsausgaben zum Volkseinkommen in Deutschland in den 100 Jahren von 1872 bis 1971 von 18,5 % auf 41,0 % ansteigen würde. Die Ausweitung des öffentlichen Sektors insgesamt und darin der Sozialausgaben mit einem aktuellen Anteil von ca. 40 % dürfte nicht nur zur Akzeptanz des kapitalistischen Systems beigetragen haben, sondern auch zu einer größeren konjunkturellen Stabilität. Eine Voraussetzung für die Sicherung eines relativ konfliktarmen Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit speziell in Deutschland, die jahrzehntelange Erwirtschaftung eines gewaltigen Überschusses in der Leistungsbilanz zum Nachteil anderer Staaten, dürfte zukünftig mit den tiefgreifenden Veränderungen des globalen Marktes deutlich eingeschränkt werden. Die aktuellen Verwerfungen durch die wiederbelebte Zollpolitik der USA dürften nur ein Ausdruck dieser tieferliegenden Problematik sein (siehe hierzu: Kromphardt, Jürgen 2015: 181).
21 Zu nennen wären hier etwa die seit 2004 bestehende Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG), Forschungsinitiativen um die Rosa Luxemburg Stiftung oder die Initiative für Praxisphilosophie und konkrete Wissenschaft (IpkW), die eigenständig, aber auch in Personalunion mit der institutionalisierten Wissenschaft marxistische Forschungsansätze weiterentwickeln.
22 So äußerte Plumpe, vor seiner Karriere im Wissenschaftsbetrieb bis 1989 Mitglied der orthodox-marxistischen DKP, in einem Interview bei Deutschlandfunk Kultur: „Der Punkt, an dem ich sehr skeptisch bin, ob es wirkliche Alternativen gibt, ist der, zu sagen, wenn das Privateigentum nicht mehr darüber entscheidet, wie das Kapital genutzt wird, und wenn die Märkte nicht mehr darüber entscheiden, wer und zu welchen Bedingungen in der Verteilung wie berücksichtigt wird, dann muss das ja eine politische Instanz tun, dann macht das der Staat. Der plant, und dann macht das der Staat, der Güter verteilt und zuteilt" (Deutschlandfunk 2019).
23 Nun hätte es den philosophischen Marx ohne Hegel wahrscheinlich nicht gegeben, da er dessen dialektisches Prinzip weitgehend übernehmen kann. Aber Marx stellt Hegels Dialektik „vom Kopf auf die Füße", da er die Triebkräfte der dialektischen Prozesse umkehrt. Das meint Marx, wenn er klarstellt: „Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle" (Marx 1972: 27) .
24 Engel bezieht sich hier auf die moraltheoretische Position Kants, die wiederum den Hintergrund von Marx' Frühschriften bildete, in denen dieser u. a. die Beschneidung von Freiheit und Menschenwürde durch die Lebensverhältnisse im Kapitalismus kritisierte.
25 „Die Interessen des Kapitals und die Interessen der Arbeiter sind dieselben, heißt nur: Kapital und Lohnarbeit sind zwei Seiten eines und desselben Verhältnisses" (Marx 1961: 411).
26 Dass die „entfremdeten Lebenselemente" auch heute noch Willen und Vernunft vernebeln, ist z. B. erkennbar am Ausgang der US-Präsidentenwahl. Sie wurde u.a. entschieden durch die massiven Einflüsse und Abhängigkeiten von der alten Fossil- und der neuen Tech-Industrie, von der naiven Hoffnung, dass mit deren von der neuen Regierung ermöglichten Prosperität sich auch das eigene Leben verbessert, und von einem evangelikalen Weltverständnis, das der empfundenen Überforderung und Unsicherheit des eigenen Lebens eine orientierende metaphysische Ordnung entgegensetzt.
27 Der Begriff des generativen Bewusstseins nimmt einerseits Marx' Grundgedanken auf, dass das gesellschaftliche Bewusstsein trotz des individuell Schöpferischen maßgeblich von den materiellen Lebensbedingungen bestimmt ist. Darüber hinaus reflektiert der Begriff aber auch einen Funktionswandel des Bewusstseins selbst. Und zwar ist zu berücksichtigen, dass der Mensch in einer globalisierten, komplexen (und digitalisierten) Welt zunehmend den Gedanken aller ausgesetzt ist, was meint, dass das kollektive Bewusstsein trotz aller inneren Widersprüche und kompensatorischen Individualisierungen paradoxerweise immer homogener, ungleich konsistenter und damit selbst zu einem generativ wirkenden bewusstseinsbildenden Faktor geworden ist. Wie sehr sich hierbei die Wahrnehmungen von den tatsächlichen gesellschaftlichen Produktionsbeziehungen ablösen und zukünftig noch mehr ablösen werden, wird vorstellbar, wenn man die schon heute bestehenden Anteile von KI kreierten Produktionsbeziehungen in die Zukunft verlängert. Kapitalistischer Verdinglichung, ein ohnehin komplizierter Vorgang, kommt damit eine neue qualitative Dimension zu. Die damit verbundene und den Kapitalismus stabilisierende, weil von seinen Grundlagen ablenkende, Problematik wird heute unter den Schlagworten „Verantwortungsdiffusion und Kontrolldefizit" kaum mehr als in ersten Ansätzen diskutiert (vgl. Simon et al. 2024: 18f.).
28 Mit der Identifizierung bürgerlicher Freiheit als lediglich „freie Konkurrenz" unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion legt Marx offen, dass diese Freiheit, statt auf die Entwicklung menschlicher Selbstbestimmung hinauszulaufen, wie es das idealistische Verständnis vorgibt, „die völlige Aufhebung aller individuellen Freiheit und die völlige Unterjochung der Individualität unter gesellschaftliche Bedingungen" bedeutet, „die die Form von sachlichen Mäch- ten,ja von übermächtigen Sachen [...] annehmen" (Marx 1983: 551).
29 Man muss nicht den dummen Hindukusch-Satz des ehemaligen Verteidigungsministers Peter Struck aus 2002 als Beispiel zitieren, um zu verdeutlichen, wie plump und niveaulos der Freiheitsbegriffs für pure Interessenpolitik instrumentalisiert wird. Weniger evident, weil intelligenter, aber deswegen nicht zutreffender ist der Versuch des ehemaligen Finanzministers Christian Lindner in seinem Podcast „CL+", den tatsächlichen Zusammenhang von bürgerlicher Freiheit und kapitalistischem Wachstumszwang zu vernebeln: „Um die Freiheit als demokratischen Wert zu sichern, braucht man eine wirtschaftliche Grundlage" (Lindner 2022). Dagegen können wir heute wissen, dass in der kapitalistischen Welt Freiheit zutiefst ambivalent realisiert ist und die Freiheit der kapitalistischen Produktion und der privaten Aneignung die Freiheit des Lohnarbeiters vom Besitz an den Produktionsmitteln zur Bedingung hat.
- Citation du texte
- Josef Lenhardt (Auteur), 2025, Wirklichkeit als komplexe Materialität des Gesellschaftlich-Historischen und die Probleme der bürgerlichen Wissenschaft damit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1682769