Ottilies Tod - Entsagung, Entbehrung, Resignation in Goethes Wahlverwandtschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ottilies Tod
2.1. Anzeichen für die Entsagung
2.1.1. Kopfweh
2.1.2. Tagebücher
2.1.3. Rätselmotivik
2.2. Ottilies endgültiges Entsagen
2.2.1. Das unbeschriebene Blatt: Eduards werd ich nie!
2.2.2. Entsagung aufgrund Entbehrung
2.2.3. Ent-sagen in Form von versagender Kommunikation
2.2.4. Das himmlische Kind

3. Resümee

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Todesproblematik der Ottilie- Figur in den Wahlverwandtschaften. In der Lektüre Wahlverwandtschaften tauchen sehr viele Rätsel auf, die aufgelöst werden müssen. Auch der weltweit berühmte Dichter, der größte deutsche Autor überhaupt schreibt über sein Werk folgendes: ,,Ich habe viel hineingelegt, manches hineinversteckt“.[1] Der Tod Ottilies kann ebenso nicht widerspruchsfrei ausgelegt, sondern das Rätsel des Todes muss aufgelöst werden. Demnach ist der Schwerpunkt dieser Hausarbeit die Entsagung Ottilies. Beispielsweise gibt es verschiedene Begründungen für die Entsagung bei ihr: die bittere Erkenntnis, der Todeswunsch, die Büße, die erhoffte Erlösung wegen der Missetat oder auch eine Art Wiedergutmachung. Der Erwartungshorizont soll aber dennoch – aufgrund der beschränkten Seitenanzahl – eng gefasst sein, denn es ist offensichtlich, dass man nicht alle Aspekte der Todesproblematik detailliert analysieren kann; zumal Goethe einiges in der Lektüre ,,versteckt“ hat.

Man wird schnell erkennen können, dass die Ottilie- Gestalt wesentlich durch zwei Seiten beeinflusst wird. Zum einen ist es die leidenschaftliche Notwendigkeit und zum anderen die Vernunftsfreiheit. Ottilie entsagt aber, indem sie beides entgeht. Die Unmündigkeit Ottilies trägt auch eine sehr große Bedeutung, denn der Begriff der Unmündigkeit gewinnt ein anderes Ansehen, wenn es in den Kontext der Aufklärung gesetzt wird. Demnach könnte man sich die Kantische Frage stellen ,,Was ist die Aufklärung?“, worauf man dann die Antwort bekommen würde: Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der Ausbruch aus der Unmündigkeit Ottilies ist schwer zu erkennen, aber fehlt auch nicht im Ganzen, denn in ihren Tagebüchern befreit sie sich von ihrer Unmündigkeit und lässt somit ihren Gedanken einen freien Lauf.

Genau solche Aspekte sollen Werkzeug dieser Hausarbeit sein, mit denen gearbeitet werden soll. Deswegen werden die verschiedenen Perspektiven der Ottilie-Figur näher analysiert. Das Augenmerk soll in den Anzeichen und Gründen der Entsagung Ottilies liegen. Demnach lautet die Leitfrage für die vorliegende Hausarbeit: Was sind die Anzeichen für die Entsagung Ottilies und wie sind diese begründbar?

2. Ottilies Tod

2.1. Anzeichen für die Entsagung

2.1.1. Kopfweh von Ottilie und Eduard

Um die Liebe und damit auch die Abhängigkeit Ottilies von Eduard zu illustrieren, kann man das öfters auftretende Motiv des Kopfwehs näher in Betracht ziehen.

Das linksseitige Kopfweh von Ottilie und das rechtsseitige von Eduard bilden zusammen ein ganzes Bild. Man kann sogar das Kopfweh als ein Zeichen für die Vorbestimmtheit der Liebe zwischen Eduard und Ottilie bezeichnen, da diese wie füreinander bestimmt sind und das Weh schon vor der leidenschaftlichen Beziehung vorhanden ist.[2] Beispielsweise in den ersten Briefen der Pensionsvorsteherin und des Gehülfen. Wenn man einen Körper sich als ein Bild vorstellt, wird man schnell erkennen, dass die einzelnen Hälften (rechts und links) nicht alleine lebensfähig sind. Es ist sozusagen von Komplementarität die Rede[3]. Diese Vorstellung kann man zu den Protagonisten Eduard und Ottilie übertragen, die zusammen ein Ganzes ergeben und isoliert nicht existenzfähig sind. Auch die Schlussszene veranschaulicht dies:

Dann waren es nicht zwei Menschen, es war nur Ein Mensch im bewußtlosen, vollkommenen

Behagen, mit sich selber zufrieden und mit der Welt.[4]

Das Kopfweh von Ottilie in den Wahlverwandtschaften ist anfangs nicht erklärbar. Die Pensionsvorsteherin, aber auch der Gehülfe sind des Grundes nicht bewusst. Das Kopfweh scheint für Ottilie bedeutend zu sein, aber es ist in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild nicht erkennbar. Ottilie verändert nicht das Gesicht und bewegte nicht einmal die Hand zur Schläfe. Wie oben angedeutet, kann niemand den Grund für das Kopfweh Ottilies begründen, also scheint der Gehülfe die Realität am ehesten erkannt zu haben, denn er sagt: ,,[…] es ist wahr: niemand kann es wissen.‘‘[5]

Bemerkenswert ist auch, dass nie von Kopf schmerzen, sondern immer von Kopf weh die Rede ist. Da der Grund auch nicht bekannt ist, kann man sagen, dass Kopfweh verharmlost, verniedlicht und besonders ,,zuvorkommend‘‘ charakterisiert wird. Aber ein Schmerz ist alles andere als zuvorkommend, niedlich und harmlos.[6]

In Kontrast dazu kann man die Kopfschmerzen auch aus der theologischen Sicht erklären: Christus als Schmerzensmann. Auch er hatte rechtseitige Kopfschmerzen, wie Eduard. Seine Schmerzen sind bildlich durch das Blut dargestellt worden, das aus den Wunden fließt. Die Gründe für seine Schmerzen liegen sowohl in den körperlichen Verletzungen, als auch in der Seele: im Verrat. Die Seite rechts ist motiviert durch die Wunde, durch das Fließen des Blutes und durch den geneigten Kopf nach rechts, die auf Leiden hinweisen. Demzufolge sind die Schmerzen leidenschaftlich und trauervoll konnotiert.[7]

All die oben genannten Aspekte beeinflussen das wunderliche Kind Ottilie in dem Maße, sodass Ottilie zum Entsagen gezogen wird. Mit dem Motiv des Kopfwehs soll auch die Abhängigkeit von Eduard stark akzentuiert werden, denn er ist letztendlich auch eines der Gründe für ihre Entsagung, das im weiteren Verlauf detaillierter analysiert wird.

2.1.2. Tagebücher

Durch einen Einblick in Ottilies Tagebücher erhalten wir gleichzeitig einen Blick in ihr inneres Wesen. Ihre Emotionen, Wahrnehmungen und Empfindungen werden in den Tagebüchern in reinster Form dargestellt. Tagebücher zeichnen sich somit durch einen hohen Grad an Subjektivität aus. Der Autor lässt uns in das Innere der Ottiliegestalt mit Hilfe der Tagebücher hineinblicken. Durch die Tagebücher von Ottilie soll somit der Leser feststellen können, ob Ottilie Entwicklungen markiert oder ob es einen Bruch in der Ottilie- Figur gibt.[8]

Bemerkenswert ist aber, dass Ottilie in ihren Tagebüchern sich sehr gut äußern kann. Nicht nur das (!). Sondern, sie ist durchaus in der Lage sehr komplexe Sätze vollständig, sowohl grammatikalisch als auch in der Rechtschreibung exakt zu beschreiben und zu bilden. Die Anmerkung zu Ottilies Unfähigkeit, so wie es die Pensionsvorsteherin und der Gehülfe in ihren Briefen erläutern und so wie es Charlotte und Luciane auch bestätigen, werden anhand der Tagebücher widerlegt. Ottilie befasst sich mit hochkomplexen Themengebieten, schreibt über Kunst und Natur, Grundprobleme des menschlichen Lebens und über den Tod.[9]

Anhand der Tagebücher erfahren wir auch den Rückzug Ottilies in sich selbst und die Erkenntnis der Enttäuschung bei der Zuneigung zu Eduard. ,,Sie hatte nichts weiter zu sagen‘‘. Dieser Rückzug wird durch ,,einen Blick […] in ihr Inneres“[10] visualisiert.

Die Auszeichnungen Ottilies, die uns einen Blick in das Innere der Figur geben, zeigen uns den Fortschritt bzw. die momentane psychologische Lage der Gestalt. Man weiß, ab welchem Zeitpunkt Ottilie, unter welchen Bedingungen leidet und demnach Konsequenzen zieht. Dafür legt sie dann auch eine Erklärung ab, denn sie begründet am Ende in einem Brief ihre Entsagung.

Für die Entsagung kann man lediglich nur einige Punkte in Betracht ziehen, aber wenn man sich genauer auf den Mittler fokussiert, der zum Ausdruck bringt, dass man ,,Ehrfurcht vor der ehelichen Verbindung‘‘ haben soll, beschleunigt dieser Ottilies Ende. Bekanntermaßen hat der Begriff der Ehrfurcht eine große Bedeutung bei Ottilie, denn

Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lächerlich. Es würde niemand den Hut ablegen, nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat, wenn er wüßte, wie komisch das aussieht. Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung wäre, welche dieses Zeichen und den Grund zugleich überlieferte. Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt. Es gibt eine Höflichkeit des Herzen; sie ist der Liebe verwandt.[11]

Also bedeutet Ehrfurcht – als eine Form des rechten Betragens – ein Ausdruck einer ,,Höflichkeit des Herzens.‘‘[12]

2.1.3. Rätselmotivik: ,,Das Leben war ihnen ein Rätsel“

Ein Geheimnis, das offenbart und veröffentlicht wurde, ist nicht länger ein Geheimnis, sondern ein Rätsel. Rätsel und Geheimnis bezeichnen beide ,,Leerstellen des Unvertrauten und des Ungewußten im Horizont lebensweltlicher Orientierung.“[13]

[...]


[1] Trunz, Erich: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. 12. Auflage. München 1989 (Band-6), S. 621. (Im Folgenden zitiert nach: HA 6, Seite).

[2] Vgl. Brandstädter, Heike: Der Einfall des Bildes. Ottilie in den >>Wahlverwandtschaften<<. Würzburg 2000 (Band-314), S.88. (Im Folgenden zitiert nach: Heike, Seitenanzahl).

[3] Vgl. Heike, S. 89.

[4] HA 6, 478.

[5] Vgl. Heike S. 90.

[6] Vgl. Heike, S. 91.

[7] Vgl. Heike, S. 102 ff.

[8] Vgl. Heike, S. 81.

[9] Vgl. Heike, S. 82.

[10] HA 6, 477.

[11] HA 6, 397. (Tagebucheintrag)

[12] Görner, Rüdiger. Sich lösen – sich finden. Entsagung und das Problem der Kunst in Goethes >>Wahlverwandtschaften<<. In: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften 40 Jahrgang (1994), S. 457. (Im Folgenden zitiert nach: Rüdiger, Seite).

[13] Hörisch, Jochen. ,,Das Leben war ihnen ein Rätsel“. Das Rätselmotiv in Goethes Romanen. In: Jochen, Hörisch. Die andere Goethezeit. Poetische Mobilmachung des Subjekts um 1800. München 1992, S. 177. (Im Folgenden zitiert nach: Rätselmotiv, Seite).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ottilies Tod - Entsagung, Entbehrung, Resignation in Goethes Wahlverwandtschaften
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V168312
ISBN (eBook)
9783640854127
ISBN (Buch)
9783640854431
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ottilies, entsagung, entbehrung, resignation, goethes, wahlverwandtschaften
Arbeit zitieren
Habib Tekin (Autor:in), 2011, Ottilies Tod - Entsagung, Entbehrung, Resignation in Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168312

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