Klasse und Bewußtsein

Über den Mangel der materialistischen Geschichtsauffassung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die objektiven Bedingungen der proletarischen Revolution
2.1. Der Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft
2.2. Der Charakter der kapitalistischen Ausbeutung
2.3. Die Verelendung des Proletariats als immanente Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise
2.4. Die Entfremdung des Arbeiters
2.5. Die Klasse an sich

3. Die Konstituierung des Proletariats zur politischen Klasse
3.1. Ausgangspunkt der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse
3.2. Die politische Partei als bewusste Einheit der Arbeiterklasse

4. Zur Rolle der Philosophie – die Kommunisten in der Arbeiterbewegung

5. Das Grundproblem der Marxschen Klassentheorie
5.1. Der affirmative Charakter der Arbeiterbewegung
5.2. Die Kluft zwischen proletarischem und kommunistischem Klassenbewusstsein
5.3. Zur Notwendigkeit des kommunistischen Klassenbewusstseins
5.4. Das Erklärungsdefizit der Marxschen Klassentheorie
5.5. Das Fetischismusdilemma

6. Bewertung und abschließende Bemerkungen

7. Bibliographie

1. Einleitung

„Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“[1] (Karl Marx 1845)

Nach Marx ist die ganze bisherige Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen. Das Spannungsverhältnis einander entgegengesetzter Klassen ist die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, in der bisher immer eine unterdrückte Klasse die Macht der herrschenden Klasse in einem revolutionären Akt auflöste und selbst die herrschende wurde, d.h. die ganze Gesellschaft nach ‚ihrem Bilde’ organisierte.

Den gesellschaftlichen Widerspruch erzeugen die Menschen selbst, so der Begründer des historischen Materialismus, indem sie ihr eigenes Leben immer effektiver (re)produzieren, also die Entwicklung der Produktivität der Menschen an die Grenze gelangt, die durch die herrschenden Gesellschaftsstrukturen gesetzt ist. Dieser Widerspruch zwischen Produktivkraft und Produktionsverhältnissen wird durch eine Revolution gelöst, deren Folge die Anpassung der Produktionsverhältnisse an den bereits erreichten Stand der gesellschaftlichen Produktivkraft ist.

Die geschichtliche Abfolge einander aufhebender Klassengesellschaften ist ein notwendiger Prozess, deren Endpunkt die Aufhebung des gesellschaftlichen Widerspruches selbst ist.

Die letzte und unverfälschteste Form der Klassenherrschaft ist für Marx die des Kapitalismus, der das revolutionäre Subjekt - das Proletariat - hervorbringt, dessen geschichtsträchtige Aktion, die proletarische Revolution, die wirklich menschliche Gesellschaftsform, die klassenlose Gesellschaft, etabliert.

Die hegelsche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellend, fasst Marx diese letzte Epoche der Vorgeschichte des Menschen[2] und den Übergang zur wahrhaft menschlichen Gesellschaftsform als eine zwangsläufige triadische Bewegung auf.

Der Ausgangspunkt derselben ist die Herrschaft der besitzenden Klasse (Position), deren notwendiger Gegensatz die eigentumslose Klasse der Proletarier ist (Negation), welche ihrem geknechteten Dasein ein Ende bereitet, indem sie den Widerspruch zwischen beiden Klassen, der im Privateigentum begründet liegt, aufhebt (Negation der Negation).

Dem Eingangszitat folgend soll in der materiellen Grundlage, den Existenzbedingungen des Proletariats, unwiderruflich das Ende aller Klassenherrschaft vorgezeichnet sein.

Die Betrachtung der gegenwärtigen polit-ökonomischen Verhältnisse, die noch immer in ihrem Wesen kapitalistisch sind, lässt darauf schließen, dass der teleologische Geschichtsoptimismus des frühen Marx auf einer Überbewertung der materiellen Voraussetzungen einer proletarischen Revolution beruhte.

Es liegt die Vermutung nahe, das gerade der Übergang von der ‚Vorgeschichte der Menschheit’ zur wahrhaft ‚menschlichen Geschichte’ an eine nicht-materielle Bedingung geknüpft ist, die nicht zwangsläufig aus der Klassenlage des Proletariats und dessen Bewegung hervorgeht.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die nicht-materielle bzw. kognitive Voraussetzung der proletarischen Revolution zu bestimmen und somit eine theoretische Schwachstelle, ein Erklärungsdefizit der materialistischen Geschichtsauffassung freizulegen, die in der Praxis, durch das Ausbleiben der Aufhebung der kapitalistischen Klassengesellschaft, bereits aufgezeigt wurde.

Grundlage dieser Arbeit ist die Marxsche Klassentheorie, die er in seinen Frühschriften entwickelt. Diese ist jedoch von ihm nie geschlossen dargelegt worden, sodass unsere Darstellung seiner Klassentheorie eher einer Strukturierung und Interpretation von Textpassagen seiner frühen Schriften gleichkommt. Es soll gezeigt werden, wie Marx die Zwangsläufigkeit der Aufhebung des Kapitalismus aus dessen Eigendynamik ableitet und wie das Proletariat sich „seinem Sein“ gemäß zum revolutionären Subjekt dieser geschichtlichen Epoche entwickelt. Die Darstellung wird von uns, insbesondere im dritten und vierten Abschnitt dieser Arbeit, mit der Analyse der verschiedenen kognitiven Voraussetzungen verknüpft, welche die einzelnen Stufen des Konstitutionsprozesses des Proletariats zur revolutionären Klasse erfordern, um anschließend diskutieren zu können, an welcher Stelle das Erklärungsdefizit seiner Geschichtsauffassung vorliegt.

Abschließend soll die Antwort auf die Frage gegeben werden:

Welches vom frühen Marx unreflektierte Hindernis steht der Radikalisierung des Klassenkampfes (bzw. des Bewusstseins des Proletariats) und somit der proletarischen Revolution im Wege?

2. Die objektiven Bedingungen der proletarischen Revolution

2.1. Der Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft

Mit den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19.Jh. hebt die bürgerliche Klasse in Europa und den USA die überkommenen feudalistischen Produktionsverhältnisse auf, welche zur objektiven Schranke, zum Hemmschuh ihrer eigenen ökonomischen Entwicklung geworden war[3] und setzt die kapitalistische an ihre Stelle. Die kapitalistische Gesellschaft vereinfacht die Klassenverhältnisse ungemein, es stehen sich nunmehr nur noch zwei, für die weitere geschichtliche Entwicklung bedeutsame Klassen gegenüber: Bourgeoisie und Proletariat.[4] Welcher Klasse ein Individuum – unabhängig von seinem Dafürhalten – angehört, ergibt sich aus seiner objektiven Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess.

Die kapitalistische Produktionsweise basiert grundlegend auf der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den gesellschaftlichen Produktionsmitteln, welche sich in der Hand der besitzenden Klasse, der Bourgeoisie, befinden. Hieraus folgt, dass die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung im Kapitalismus ihre Existenz nur sichern kann, indem sie in Ermangelung anderer Waren sich, d.h. ihre Arbeitskraft, verkaufen muss. Die menschliche Arbeitskraft wird im Kapitalismus also zur Ware. Der Wert der Ware Arbeitskraft wie der aller Waren im Kapitalismus ist gleich ihren Produktionskosten, genauer: gleich der durchschnittlich notwendigen gesellschaftlichen Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung benötigt wird.[5]

2.2. Der Charakter der kapitalistischen Ausbeutung

Das Besondere an der Ware Arbeitskraft ist ihre Eigenschaft, im Verhältnis zu ihrem Wert mehr Wert zu schaffen.[6] Sie ist somit die Quelle des Mehrwerts. Wie aber kommt der Mehrwert zustande? Der Kapitalist kauft die von ihm benötigte Ware Arbeitskraft auf dem freien Arbeitsmarkt ein, stellt den Arbeiter an die Maschine und lässt ihn arbeiten. Nehmen wir an, der Wert der Ware Arbeitskraft entspräche einer täglichen Arbeitszeit von 4 Stunden. Nach 4 Stunden hat also der Arbeiter die Kosten, die der Kapitalist aufwenden musste, um ihn zu kaufen, egalisiert. Jedoch hat der Kapitalist seine Arbeitskraft nicht

nur für 4, sondern für 8 oder 12 Stunden eingestellt. Der Arbeiter leistet also Mehrarbeit, für die er nicht entlohnt wird, schafft somit einen Mehrwert, den sich der Kapitalist in Gestalt der produzierten Waren aneignet. In dieser Aneignung von unbezahlter Mehrarbeit besteht das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung, des kapitalistischen Profits. Der scheinbar gerechte Tausch verschleiert den Ausbeutungscharakter der Lohnarbeit, er ist sinnlich für den Lohnarbeiter nicht erfahrbar.[7]

2.3. Die Verelendung des Proletariats als immanente Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise

Um ihren Profit zu vergrößern, versuchen die Kapitalisten, den Mehrwert bzw. die Mehrarbeit zu vergrößern. Einmal durch die Verlängerung der Arbeitszeit, der aber physische Grenzen durch die maximale Leistungsfähigkeit des Menschen gesetzt sind, andererseits durch die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit auf Grund gesteigerter Produktivität der Arbeit (Einsatz von Maschinen). Durch die Einführung von Maschinen steigt der Anteil des konstanten Kapitals am Gesamtkapital, die organische Zusammensetzung des Kapitals erhöht sich, lebendige Arbeitskraft (variables Kapital) scheidet mehr und mehr aus dem Produktionsprozess aus. Es erhöht sich folglich die Zahl der Arbeiter, welche für ihre Arbeitskraft keinen Käufer finden, es entsteht eine industrielle Reservearmee, die von den Kapitalisten als Druckmittel gegen die noch in Lohnarbeit befindlichen Arbeiter eingesetzt wird.[8]

Mit der Verbesserung und Steigerung der maschinellen Produktion nimmt auch die Teilung der Arbeit zu, sie wird immer einfacher, eintöniger und leichter erlernbar. Als Folge dessen fällt der Wert der Ware Arbeitskraft, ein ungelernter Arbeiter hat weit weniger Wert als ein hochqualifizierter Techniker.[9]

Die Zahl und das Elend der Proletarier wächst – einerseits durch das Herabsinken von im ökonomischen Konkurrenzkampf ruinierten Bauern und Kapitalisten zu Proletariern,[10] andererseits durch das Ausscheiden lebendiger Arbeitskraft aus dem Produktionsprozeß und durch Sinken der Löhne, was eine Vermehrung des Paupertums zur Folge hat. Die gesellschaftlichen Produktionsmittel konzentrieren sich in den Händen einer immer geringer werdenden Zahl von Menschen.

Diese komplementären Entwicklungen sind Ausdruck der Tendenz des Kapitalismus, den Klassengegensatz immer weiter zuzuspitzen.

2.4. Die Entfremdung des Arbeiters

Wie bereits weiter oben angeführt wird die Arbeitskraft des Arbeiters in der kapitalistischen Ökonomie zur Ware, sie wird anhand ihres Wertes vergleichbar mit anderen Waren. Der Kapitalist begegnet dem Arbeiter in einem instrumentellen Verhältnis, er hat kein weiteres Interesse an der Person des Arbeiters, außer ihrer Eigenschaft, Träger einer spezifisch qualifizierten, ausbeutbaren Arbeitskraft zu sein.

In der hierarchisch strukturierten kapitalistischen Arbeitsorganisation wird der Arbeiter zum Objekt, fühlt sich als mit spezifischen Bedürfnissen ausgestattetes Subjekt verneint. Er wird im sprichwörtlichen Sinne zum „Rädchen im Getriebe“, die Totalität des Produktionsprozesses ist für ihn unüberschaubar. Hinzutritt, dass er sich mit dem Produkt seiner Arbeit nicht identifizieren, sich nicht darin wiedererkennen kann, denn er begreift dieses Produkt notwendig nicht als einen Gegenstand, der seine Wesenskräfte wiederspiegelt, sondern als ein Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck ist das bloße, durch Lohnerwerb vermittelte, Überleben.

Der entfremdende Charakter der Lohnarbeit lässt sich recht gut an den beständig hohen „Ausfallraten“ der Ware Arbeitskraft aus dem Produktionsprozess ablesen. Krankfeiern ist eine Form des individuellen Widerstands gegen die Entfremdung, gezielte Sabotage eine andere. Sabotage kann diffuse Reaktion des einzelnen Arbeiters auf die Entfremdungserfahrung oder aber auch kollektives Kampfmittel der Klasse im Klassenkampf sein.[11]

2.5. Die Klasse an sich

Die Klasse an sich wird durch Unzahl der in der Konkurrenz und im Alltag vereinzelten lohnabhängigen Individuen gebildet, die noch kein Bewusstsein ihrer gemeinsamen Klassenlage besitzen. Die Klasse an sich ist also eine Klasse gegenüber dem Kapital, „Klasse an sich“ eine objektive, ökonomisch bestimmte Kategorie.

[...]


[1] Engels, Friedrich/ Marx, Karl: Die heilige Familie. In: MEW 2. 1958 Dietzverlag Berlin. S. 38

[2] Die dem Kommunismus vorhergehenden Gesellschaftsformen, die alle durch Klassengegensätze gekennzeichnet sind, erklärt Marx zur ‚Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft’. Vgl. Marx, Karl: Zur Kritik der politische Ökonomie. In: MEW 13. 1961 Dietzverlag Berlin. S. 9

[3] vgl. Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1. 1960 Dietzverlag Berlin. S. 743

[4] vgl. Engels, Friedrich/ Marx, Karl: Manifest der kommunistischen Partei. In: MEW 4. 1959 Dietzverlag Berlin. S. 463 ff.

[5] vgl. Marx, Karl: Lohnarbeit und Kapital. In: MEW 6. 1959 Dietzverlag Berlin. S. 406

[6] ebd. S. 410

[7] vgl. ebd. S. 420

[8] vgl. Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1. a.a.O. S.. 650 ff.

[9] vgl. Marx, Karl: Lohnarbeit und Kapital. a.a.O. S. 420 f.

[10] vgl. Engels, Friedrich/ Marx, Karl: Manifest der kommunistischen Partei. a.a.O. S. 469 f.

[11] Ausführungen beziehen sich auf : Marx, Karl: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte. In: MEW Ergänzungsband 1. Dietzverlag Berlin 1977. S. 510 ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Klasse und Bewußtsein
Untertitel
Über den Mangel der materialistischen Geschichtsauffassung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Sur-Institut für Poltikwissenschaft)
Veranstaltung
Politik und Emanzipation bei Karl Marx
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V168323
ISBN (eBook)
9783640852987
ISBN (Buch)
9783640853298
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Marx, Materialistische Geschichtsauffassung, Dialektik, Historischer Materialismus, Klassenbewußtsein, Klassentheorie
Arbeit zitieren
Martin Wegner (Autor), 2005, Klasse und Bewußtsein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168323

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