Die Betrachtung der gegenwärtigen polit-ökonomischen Verhältnisse, die noch immer in ihrem Wesen kapitalistisch sind, lässt darauf schließen, dass der teleologische Geschichtsoptimismus des frühen Marx auf einer Überbewertung der materiellen Voraussetzungen einer proletarischen Revolution beruhte.
Es liegt die Vermutung nahe, das gerade der Übergang von der ‚Vorgeschichte der Menschheit’ zur wahrhaft ‚menschlichen Geschichte’ an eine nicht-materielle Bedingung geknüpft ist, die nicht zwangsläufig aus der Klassenlage des Proletariats und dessen Bewegung hervorgeht.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die nicht-materielle bzw. kognitive Voraussetzung der proletarischen Revolution zu bestimmen und somit eine theoretische Schwachstelle, ein Erklärungsdefizit der materialistischen Geschichtsauffassung freizulegen, die in der Praxis, durch das Ausbleiben der Aufhebung der kapitalistischen Klassengesellschaft, bereits aufgezeigt wurde.
Grundlage dieser Arbeit ist die Marxsche Klassentheorie, die er in seinen Frühschriften entwickelt. Diese ist jedoch von ihm nie geschlossen dargelegt worden, sodass unsere Darstellung seiner Klassentheorie eher einer Strukturierung und Interpretation von Textpassagen seiner frühen Schriften gleichkommt. Es soll gezeigt werden, wie Marx die Zwangsläufigkeit der Aufhebung des Kapitalismus aus dessen Eigendynamik ableitet und wie das Proletariat sich „seinem Sein“ gemäß zum revolutionären Subjekt dieser geschichtlichen Epoche entwickelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die objektiven Bedingungen der proletarischen Revolution
2.1. Der Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft
2.2. Der Charakter der kapitalistischen Ausbeutung
2.3. Die Verelendung des Proletariats als immanente Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise
2.4. Die Entfremdung des Arbeiters
2.5. Die Klasse an sich
3. Die Konstituierung des Proletariats zur politischen Klasse
3.1. Ausgangspunkt der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse
3.2. Die politische Partei als bewusste Einheit der Arbeiterklasse
4. Zur Rolle der Philosophie – die Kommunisten in der Arbeiterbewegung
5. Das Grundproblem der Marxschen Klassentheorie
5.1. Der affirmative Charakter der Arbeiterbewegung
5.2. Die Kluft zwischen proletarischem und kommunistischem Klassenbewusstsein
5.3. Zur Notwendigkeit des kommunistischen Klassenbewusstseins
5.4. Das Erklärungsdefizit der Marxschen Klassentheorie
5.5. Das Fetischismusdilemma
6. Bewertung und abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum der Übergang des Proletariats von einer ökonomisch organisierten „Klasse für sich“ zur revolutionären politischen Praxis im Marxschen Modell theoretisch unvollständig begründet ist. Ziel ist es, das von Marx unreflektierte kognitive Hindernis – den Warenfetischismus – freizulegen, das der Radikalisierung des proletarischen Bewusstseins im Wege steht.
- Materialistische Geschichtsauffassung und Klassentheorie
- Konstituierungsprozesse des Proletariats
- Differenzierung zwischen proletarischem und kommunistischem Bewusstsein
- Strukturelle Barrieren durch den Kapitalfetischismus
- Kritische Analyse der Marxschen Fortschrittslogik
Auszug aus dem Buch
Die Kluft zwischen proletarischem und kommunistischem Klassenbewusstsein
Die soeben getroffene Einschätzung über den Charakter der Arbeiterbewegung als eine ihrem Wesen nach affirmative, veranlasst uns zwischen zwei Formen des Klassenbewusstseins zu unterscheiden, die in der marxschen Klassentheorie neben einander gestellt sind und letztlich unvermittelt bleiben.
Die erste Form nennen wir proletarisches Bewusstsein, welches das Produkt der realen Kämpfe der Arbeiter ist, also aus der selbständigen Bewegung der Arbeiter erwächst. Das zweite ist das kommunistische Bewusstsein, welches das Produkt der Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge ist, und im Gegensatz zum proletarischen als revolutionär bezeichnet werden kann.
Diese beiden Formen haben qualitativ verschiedene Denkleistungen zur Voraussetzung. Das proletarische Bewusstsein ist das Produkt reiner Verstandesbestimmungen, d.h. der einzelne Arbeiter stellt seine Identität mit allen anderen Arbeitern fest, indem er von sinnlichen wahrnehmbaren Unterschieden, vor allem der konkreten Tätigkeit des einzelnen Lohnabhängigen, abstrahiert. Der praktische Ausdruck dieser Bewusstseinsform ist ‚die Klasse für sich’, also die aus dem Bewusstsein über die Gleichheit ihrer Lebenslage hervorgegangenen Verbindung der Arbeiter, deren Macht für die Arbeiter spürbar wird, wenn sie z.B. eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die gesamte Arbeiterschaft durchsetzen (z.B. die Zehnstundenbill).
Das kommunistische Bewusstsein geht weit darüber hinaus, bzw. ist bedeutend voraussetzungsvoller. Der Kommunist stellt nicht nur die Gleichheit mit anderen Arbeitern fest, sondern, wie Hegel sagen würde, findet sich im anderen wieder. Der andere ist in diesem Fall der Kapitalist, dessen Existenz durch die Existenz der Lohnarbeiter bedingt ist (und umgekehrt). Die Identität des Nichtidentischen festzustellen ist ein Akt, der innerhalb formallogischer Kategorien schwerlich zu leisten ist, da der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch hier mit sich selbst in Widerspruch gerät, er setzt vielmehr die Fähigkeit zur Vermittlung dialektischer Oppositionen voraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Marx postuliert die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen, in der das Proletariat zwangsläufig zur revolutionären Aufhebung des Kapitalismus führen soll.
2. Die objektiven Bedingungen der proletarischen Revolution: Die kapitalistische Produktionsweise schafft durch Ausbeutung, Entfremdung und Verelendung objektiv die Voraussetzungen für die Entstehung der Arbeiterklasse.
3. Die Konstituierung des Proletariats zur politischen Klasse: Die Entwicklung führt von der Vereinzelung über ökonomische Koalitionen hin zur Formierung als politische Partei.
4. Zur Rolle der Philosophie – die Kommunisten in der Arbeiterbewegung: Die Kommunisten fungieren als theoretische Vorhut, die das Ziel der gesellschaftlichen Gesamtbewegung präzisiert.
5. Das Grundproblem der Marxschen Klassentheorie: Es existiert eine Bruchstelle zwischen dem affirmativen proletarischen Bewusstsein und dem Ziel der revolutionären Aufhebung, die Marx nicht systematisch überbrücken kann.
6. Bewertung und abschließende Bemerkungen: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass der Warenfetischismus eine entscheidende Barriere darstellt, die das Erkenntnisvermögen des Proletariats einschränkt.
Schlüsselwörter
Klassentheorie, Proletariat, Kapitalismus, Klassenbewusstsein, Materialistische Geschichtsauffassung, Revolution, Entfremdung, Lohnarbeit, Warenfetischismus, Kommunismus, Klassenherrschaft, Politische Partei, Dialektik, Ausbeutung, Politische Ökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Marxsche Theorie über die Entstehung des proletarischen Bewusstseins und prüft kritisch, ob der Übergang vom Klassenkampf zur revolutionären Umwälzung zwingend aus den ökonomischen Bedingungen ableitbar ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konstituierung der Arbeiterklasse, die Rolle der Kommunisten als philosophische Vorhut sowie die Unterscheidung zwischen reformorientiertem und revolutionärem Bewusstsein.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach dem vom frühen Marx unreflektierten Hindernis, das der Radikalisierung des Klassenkampfes und damit der proletarischen Revolution entgegensteht.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Es handelt sich um eine strukturierte Interpretation von Textpassagen aus den Frühschriften von Karl Marx, die mit einer Analyse erkenntnistheoretischer Barrieren kombiniert wird.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die objektiven Bedingungen des Kapitalismus, die Stufen der Organisation der Arbeiterklasse sowie das Spannungsfeld zwischen ökonomischem Handeln und philosophischer Einsicht.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Klasse für sich, Warenfetischismus, affirmatives Bewusstsein und Erklärungsdefizit sind die zentralen Konzepte zur Charakterisierung dieser Untersuchung.
Was unterscheidet das proletarische vom kommunistischen Bewusstsein laut dem Autor?
Das proletarische Bewusstsein bleibt auf die Verbesserung der eigenen Lage innerhalb des Kapitalismus beschränkt, während das kommunistische Bewusstsein die Fähigkeit zur dialektischen Analyse der gesellschaftlichen Totalität voraussetzt.
Warum betrachtet der Autor den Warenfetischismus als ein zentrales Dilemma?
Weil der Fetischismus dazu führt, dass Arbeiter ihr Leid nur als Lohnfrage wahrnehmen und nicht als strukturelles Knechtschaftsverhältnis, wodurch der revolutionäre Wille neutralisiert wird.
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- Martin Wegner (Autor), 2005, Klasse und Bewußtsein, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168323