Der Rahmen dieser Arbeit ist grob eingegrenzt auf die letzten dreißig Jahre des 11. Jahrhunderts, wobei vor allem auf die Zeit der Privilegienerteilungen und der Kreuzzüge eingegangen wird. So sollen zunächst die Vorbedingungen in den beiden Städten geklärt werden, sodass die möglichen Gründe für die spätere Privilegierung 1090 plausibel erscheinen. Nachdem die Umstände geklärt wurden, unter denen diese zustande kamen, werden sodann die nachfolgenden Pogrome geschildert. Hierbei sollen bereits Diskrepanzen offengelegt werden, die schließlich den Blick auf die Schlüsselfiguren des Königs und der Bischöfe werfen lassen.
Zweifelsohne lebten in den von Handel geprägten Städten am Rhein bereits im Hochmittelalter Menschen jüdischen Glaubens. Die im 10. und 11. Jahrhundert entstandenen „SchUM-Gemeinden" waren Zentren des jüdischen Glaubens im deutschsprachigen Raum. Das Akronym „SchUM" setzt sich zusammen aus den drei hebräischen Anfangsbuchstaben der so ausgesprochenen Gemeinden „Schpira" (Speyer), „Warmaisa" (Worms) und „Magenza" (Mainz). Zwei dieser Gemeinden bilden die Basis dieser Untersuchung, denn die 1090 gleichermaßen stattgefundene Privilegisierung der Juden in Speyer und Worms führte nicht zur gleichen Entwicklung ihrer Gemeinden in den Folgejahren. Obwohl sich die Städte in ihrer Art sehr ähnelten, wurde das jüdische Leben in Worms im Gegensatz zum Speyerer durch die 1096 stattgefundenen Kreuzzugs-Pogrome beinahe ausgelöscht. Diese Ausschreitungen können als tiefgreifende Zäsur, wenn nicht gar als Geburtsstunde des (gewalttätigen) Antijudaismus auf deutschem Boden verstanden werden; Deshalb stellt sich die zentrale Frage, inwiefern die Privilegien der jeweiligen Gemeinden diese Ausschreitungen jeweils beeinflussten bzw. verhindern konnten.
Die unter Historikern äußerst häufig herangezogene Urkunde des Bischofs Rüdiger Hutzmann, durch die Juden in Speyer 1084 erstmals privilegisiert wurden, steht repräsentativ für die geschichtswissenschaftliche Brisanz der ersten Judengemeinden. Vor allem die Eingebundenheit der Privilegien in eine Zeit, die geprägt war von Investiturstreit, dem ersten Kreuzzug und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen im Abendland bildet einen nahrhaften Boden für die Betrachtung komplexer, multivariater Zusammenhänge in der Sozialgeschichte.
Inhaltsverzeichnis des Ebooks
- 1. Einleitung
- 2. Prämissen der Privilegienerteilungen
- 2.1 „Schpira" – Die Entstehung einer Exilgemeinde
- 2.2 „Warmasia" – Judengemeinde mit Pioniercharakter
- 3. Die Privilegien von 1090 in ihrem historischen Kontext
- 4. Das Ausmaß der Judenpogrome von 1096
- 5. Die Rolle der Bischöfe und des Kaisers
- 6. Zusammenfassung
- Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit befasst sich mit der zentralen Frage, inwiefern die im Jahr 1090 erteilten Judenprivilegien für die Gemeinden Speyer und Worms einen tatsächlichen Schutz vor den verheerenden Judenpogromen des Jahres 1096 bieten konnten, insbesondere vor dem Hintergrund unterschiedlicher Entwicklungen in den beiden Städten.
- Historischer Kontext und die Entstehung jüdischer Gemeinden in Speyer und Worms.
- Analyse der spezifischen Inhalte und Implikationen der kaiserlichen Judenprivilegien von 1090.
- Darstellung des Ausmaßes und der Besonderheiten der Judenpogrome von 1096 in den SchUM-Städten.
- Untersuchung der Schutzfunktion und des Einflusses der Bischöfe und des Kaisers auf die jüdischen Gemeinden.
- Vergleichende Betrachtung der unterschiedlichen Auswirkungen der Pogrome in Speyer und Worms.
Auszug aus dem Buch
Die Privilegien von 1090 in ihrem historischen Kontext
Die beiden Urkunden ähneln sich sowohl im Wortlaut, als auch im Inhalt sehr. So sollte durch beide Urkunden das Eigentum der Juden geschützt und der Diebstahl an diesem unter Strafe gestellt werden. Weiter erscheint das Recht, frei und ohne Zoll im gesamten Reichgebiet zu handeln. Auch stand nun unter Strafe, Juden zu Dienstleistungen zu zwingen und das Recht wurde erteilt, bei einer Anklage wegen Diebstahl unter Eid zu schwören und das Diebesgut zurück zu erstatten. Desweiteren wurde so die Zwangstaufe von Juden untersagt und freiwillige Taufen strenger Prüfung unterzogen sowie die Wegnahme von heidnischen Knechten „unter dem Vorwand der christlichen Religion durch die Taufe" verboten. Den Privilegierten sollte auch gewährt werden, christliches Personal anzustellen, nicht aber christliche Sklaven zu kaufen. Bei rechtlichen Konflikten zwischen Juden und Christen sollte die jeweilige Rechtssprechung (auch Eid und Zeugenaussage) gelten, Foltermethoden zur Wahrheitsfindung oder voreilige Verhaftung wurden ausgeschlossen. Bei Verletzung oder Mord von Juden sollte eine Geld- bzw. Marterstrafe verhängt werden, den Juden wurden auch eigene Gesetzeshüter und Rechssprecher (sog. Judenbischof) zugesichert. Schließlich wurde ihnen erlaubt, an Christen Wein, Farbstoffe und Arzneimittel zu verkaufen.21
Neben dem Unterschied, dass die Speyerer Urkunde auf Veranlassung des Bischofs Hutzmann entstand22 und in dem Wormser Exemplar auch explizit das Recht auf Geldwechseln (mit Ausnahmen) erscheint, ist folgende Differenz jedoch von gravierender Bedeutung: In Worms hingen durch das Privileg fortan „[a]lle Rechtssachen [...] vom Kaiser ab; nicht Bischof, Kämmerer, Graf, Schultheiß oder sonstwer" galt mehr als Zwischeninstanz.23 Sara Schiffmann stellt fest, dass „Ende des 10. Jahrhunderts die Bischöfe von Speyer und Worms Stadtherrschaft erlangt haben", das Verhältnis der Wormser Bischöfe zu Heinrich IV. jedoch eher holprig war, weswegen wohl dort „seit 1073 eine kontinuierliche bischöfliche Macht fehlte".24 Den Bischöfen, die im Zuge des Investiturstreits25 auf päpstlicher Seite standen, sei der Rücken im Vergleich zu Heinrich von den Wormser Bürgern nicht gestärkt worden und die später eingesetzten Gegenbischöfe hätten nur „als Werkzeuge des Königs" gedient.26 Durch die Speyerer Urkunde galt weiterhin die Zwischeninstanz des Bischofs, der dem Judenbischof oder Archisynagogus (Synagogenvorsteher) vorgesetzt war, dem Kaiser aber weiterhin unterstand.27 Diese Beibehaltung alter Rechtsverhältnisse geht wohl auf den expliziten Wunsch Bischof Rüdigers zurück, der durch seinen nahenden Tod sein bereits 1084 ausgestelltes Privileg weiter gültig wissen wollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach dem Schutz der Juden durch Privilegien vor den Pogromen 1096 in Speyer und Worms vor und umreißt den historischen Kontext des späten 11. Jahrhunderts.
2. Prämissen der Privilegienerteilungen: Dieses Kapitel beleuchtet die Entstehung und den Charakter der jüdischen Gemeinden in Speyer ("Schpira" als Exilgemeinde) und Worms ("Warmasia" als Judengemeinde mit Pioniercharakter) als Vorbedingungen für die späteren Privilegienerteilungen.
3. Die Privilegien von 1090 in ihrem historischen Kontext: Es werden die Inhalte und Ähnlichkeiten der kaiserlichen Privilegien von 1090 für Speyer und Worms detailliert analysiert, wobei auch wichtige Unterschiede in der rechtlichen Einbindung herausgearbeitet werden.
4. Das Ausmaß der Judenpogrome von 1096: Dieses Kapitel beschreibt die Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung im Rahmen des Ersten Kreuzzugs, vergleicht deren unterschiedliches Ausmaß in Speyer und Worms und schildert die dortigen Ereignisse.
5. Die Rolle der Bischöfe und des Kaisers: Hier wird untersucht, wie Bischöfe und Kaiser Heinrich IV. in Speyer und Worms versuchten, die jüdischen Gemeinden zu schützen, und welche Rolle ihre jeweilige Position und Autorität im Investiturstreit dabei spielten.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung zieht Bilanz hinsichtlich der Schutzfunktion der Privilegien von 1090 und betont die entscheidende Rolle der aktiven Präsenz und Autorität der Schutzherren für die tatsächliche Wirksamkeit geschriebenen Rechts.
Schlüsselwörter
Judenprivilegien, Speyer, Worms, Judenpogrome 1096, SchUM-Gemeinden, Hochmittelalter, Investiturstreit, Erster Kreuzzug, Kaiser Heinrich IV., Bischöfe, Schutzrechte, Antijudaismus, Sozialgeschichte, Minderheitenschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die 1090 erteilten Judenprivilegien den jüdischen Gemeinden in Speyer und Worms tatsächlichen Schutz vor den Pogromen des Jahres 1096 bieten konnten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Geschichte der SchUM-Gemeinden, die Inhalte der Judenprivilegien, die Ereignisse der Pogrome von 1096 sowie die Rolle der Bischöfe und des Kaisers im Kontext des Judenschutzes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, inwiefern die Judenprivilegien von 1090 die jüdischen Gemeinden in Speyer und Worms vor den Kreuzzugspogromen des Jahres 1096 beeinflussen oder schützen konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine chronologische Deduktion und eine sozialgeschichtliche Analyse, um komplexe, multivariate Zusammenhänge im Hochmittelalter zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Prämissen der Privilegienerteilungen in Speyer und Worms, die Privilegien von 1090, das Ausmaß der Pogrome von 1096 und die Rolle der Bischöfe und des Kaisers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Schlüsselwörter sind Judenprivilegien, Speyer, Worms, Judenpogrome 1096, SchUM-Gemeinden, Hochmittelalter, Investiturstreit, Kaiser Heinrich IV. und Bischöfe.
Warum erlebten Speyer und Worms unterschiedliche Auswirkungen der Pogrome, obwohl die Rechte dort weitgehend identisch waren?
Die Arbeit legt nahe, dass die unterschiedliche Wirksamkeit der Privilegien auf die Präsenz oder Absenz der Schutzherren (Bischöfe und Kaiser) sowie auf die Stärke der lokalen Netzwerke zwischen Bürgern, Bischof und Kaiser zurückzuführen ist.
Welche spezifischen Rechte gewährten die Judenprivilegien von 1090?
Die Privilegien schützten das Eigentum der Juden, gewährten Zollfreiheit, untersagten Zwangstaufen, sicherten eigene Gesetzeshüter zu und erlaubten den Handel mit Christen.
Wie beeinflusste der Investiturstreit die Schutzfähigkeit der Bischöfe und des Kaisers?
Der Investiturstreit schwächte die Autorität einiger Bischöfe, insbesondere in Worms, während kaisertreue Bischöfe, wie in Speyer, eine stärkere Position zur Durchsetzung der Schutzrechte hatten.
- Citar trabajo
- Alexander Strunz (Autor), 2014, Die Judenprivilegien der Gemeinden Speyer und Worms. Boten sie Schutz vor den Judenpogromen 1096?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1683233