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Diskriminierende Wirkungen der Nichtvergabe von Zeugnisnoten in Vorbereitungsklassen

Eine kritische Überprüfung der baden-württembergischen Regelungen

Titre: Diskriminierende Wirkungen der Nichtvergabe von Zeugnisnoten in Vorbereitungsklassen

Exposé Écrit pour un Séminaire / Cours , 2025 , 20 Pages , Note: 1,6

Autor:in: Sven Klees (Auteur)

Pédagogie - Pédagogie interculturelle
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Résumé Extrait Résumé des informations

In Baden-Württemberg werden an Grund- und weiterführenden Schulen sogenannte Vorbereitungsklassen (VKL) eingerichtet, um Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die erst kürzlich nach Deutschland eingewandert sind und über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse verfügen. In diesen Klassen erwerben die Lernenden vor allem die Zielsprache, können jedoch bei erkennbaren Lernfortschritten in einzelnen Fächern auch Regelklassen besuchen.

Am Ende des Halbjahres erhalten die Lernenden eine Halbjahresinformation und zum Schuljahresende ein Zeugnis. Im Gegensatz zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in Regelklassen haben Schülerinnen und Schüler in Vorbereitungsklassen jedoch keinen Anspruch auf Ziffernnoten.

Was zunächst als wohlwollende Maßnahme erscheint, kann sich in der Praxis als problematisch erweisen. Wie Bourdieu mit dem Begriff des „institutionalisierten kulturellen Kapitals“ beschreibt, fungieren Zeugnisse als Machtinstrumente, die Bildungs- und Ausbildungswege eröffnen oder versperren können. Gerade weiterführende Schulen und Ausbildungsstätten sind auf klare Leistungsrückmeldungen angewiesen.

Neben ihrer Selektions- und Zugangsfunktion erfüllen Zeugnisse weitere zentrale Aufgaben: Sie informieren Lernende und Erziehungsberechtigte über den aktuellen Leistungsstand und geben eine Prognose für den weiteren Bildungsweg.

Durch den Verzicht auf Noten zugunsten von Verbalbeurteilungen fällt es Lernenden in Vorbereitungsklassen sowie ihren Erziehungsberechtigten jedoch häufig schwer, die Leistungen realistisch einzuschätzen. Die noch nicht vollständig ausgebildeten Deutschkenntnisse und der oftmals beschönigende pädagogische Fachjargon erschweren das Verständnis. Dies kann dazu führen, dass Lernende ihre Anstrengungen reduzieren, weil sie ihre Leistungen überschätzen. Umgekehrt sind auch Fehlinterpretationen durch Erziehungsberechtigte möglich, die Verbalbeurteilungen als Umschreibung schlechter Leistungen deuten und entsprechend reagieren. Ziffernnoten bieten hier den Vorteil, dass sie leicht zugänglich, vergleichbar und für alle Beteiligten eindeutig verständlich sind.

Die vorliegende Arbeit nimmt dieses Spannungsfeld in den Blick und erörtert mögliche alternative Lösungsansätze.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. Formen der Diskriminierung in Institutionen
  • 3. Zeugnisse – institutionalisiertes kulturelles Kapital mit Informations- und Zugangsfunktion
  • 4. Effekte der uneinheitlichen Erstellung von Zeugnissen in Vorbereitungsklassen
  • 5. Ausblick: Alternativen zur aktuellen Regelung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit analysiert die Diskriminierung, die durch die uneinheitliche Zeugnisregelung für Schülerinnen und Schüler in Vorbereitungsklassen in Baden-Württemberg entsteht. Das primäre Ziel ist es, diese Form der Diskriminierung detailliert zu beschreiben und konstruktive Alternativen zur aktuellen Regelung aufzuzeigen, um Chancengleichheit und eine faire Leistungsbewertung zu gewährleisten.

  • Problematik der Vorbereitungsklassen und der Heterogenität der Lernenden
  • Konzept der institutionellen Diskriminierung im Bildungssystem
  • Zeugnisse als Form des institutionalisierten kulturellen Kapitals nach Pierre Bourdieu
  • Analyse der Informations-, Selektions- und Zugangsfunktion von Zeugnissen
  • Kritische Betrachtung der Vor- und Nachteile von Verbalbeurteilungen gegenüber Ziffernnoten
  • Diskussion von Alternativen zur Verbesserung der Zeugnisgestaltung für Vorbereitungsklassen

Auszug aus dem Buch

Zeugnisse – institutionalisiertes kulturelles Kapital mit Informations- und Zugangsfunktion

An dieser Stelle lohnt es sich, die Selektionsfunktion von Zeugnissen mit Pierre Bourdieus Kapitalbegriff in Verbindung zu bringen. Bourdieu hat zu Kapital und Zugangsberechtigungen mehrfach publiziert (z. B. Bourdieu und Champagne, 1997). Für Bourdieu ist „Kapital [...] akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, ,inkorporierterʻ Form“ (Bourdieu, 1992, S. 49). Zwar geht Bourdieu nicht von einem ausschließlich materialistischen Kapitalbegriff aus, doch nimmt das ökonomische Kapital eine Schlüsselrolle ein.

Alle Kapitalformen – ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital – sind gegenseitig konvertierbar und können letztlich in ökonomisches Kapital umgewandelt werden (vgl. Bach, 2023, S. 127). Anhand der Menge eines jeweiligen Kapitals ordnet Bourdieu Personen in verschiedene Klassen ein (vgl. ebd., S. 129). Für die vorliegende Arbeit liegt der Fokus auf dem kulturellen Kapital.

Kulturelles Kapital kann in drei Formen vorliegen:

  • Verinnerlicht (z. B. Tischmanieren),
  • objektiviert (z. B. Bücher, Musikinstrumente)
  • institutionalisiert (z. B. Zeugnisse, Teilnahmebestätigungen, Mitgliedschaften)

(vgl. Bourdieu, 1992, S. 50; Beispiele ergänzt). Zeugnisse, die den wesentlichen Teil des institutionalisierten kulturellen Kapitals darstellen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht übertragbar sind. Im Erfolgsfall befreien sie die Besitzer von einem Beweiszwang ihrer Kompetenzen (vgl. Bach, 2023, S. 126). Das bedeutet, dass der Erwerb des Zeugnisses einen eigenen Lern- und Verinnerlichungsprozess erfordert, z. B. das Erlernen einer Fremdsprache. Die Lernarbeit kann nicht von einer anderen Person übernommen oder gekauft werden. Vielmehr erfordert der Erwerb eine eigene Investition von Zeit und Arbeit (vgl. Bourdieu, 1992, S. 50).

Ein einmal erworbenes Zeugnis ermöglicht es jedoch, auf diesen Nachweis zu verweisen, ohne die Kompetenzen erneut unter Beweis stellen zu müssen. Beispielsweise reicht für einen Ausbildungsplatz oft eine gute Englischnote im Abiturzeugnis, um das Beherrschen der Sprache nachzuweisen. Eigene Tests des Betriebs oder kostenpflichtige Prüfungen entfallen meist.

Aus diesen Beobachtungen wird deutlich, wie wichtig Zeugnisse für Lernende bei der Akkumulation von Kapital sind. Gute Noten eröffnen weitere Bildungschancen und ermöglichen Zugang zu gut bezahlter Arbeit, also ökonomischem Kapital. Die Schule

Zusammenfassung der Kapitel

Kapitel 1 Einleitung: Führt in die Problematik der Vorbereitungsklassen in Baden-Württemberg ein und beschreibt die Heterogenität der Lernenden sowie die Herausforderungen bei der Leistungsbewertung.

Kapitel 2 Formen der Diskriminierung in Institutionen: Erläutert den Begriff der institutionellen Diskriminierung nach Gomolla und wendet ihn auf das Schulsystem an, um die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern in Vorbereitungsklassen zu analysieren.

Kapitel 3 Zeugnisse – institutionalisiertes kulturelles Kapital mit Informations- und Zugangsfunktion: Beleuchtet Zeugnisse als Machtinstrumente und kulturelles Kapital nach Bourdieu, wobei deren Informations-, Selektions- und Zugangsfunktion für den schulischen und beruflichen Werdegang hervorgehoben wird.

Kapitel 4 Effekte der uneinheitlichen Erstellung von Zeugnissen in Vorbereitungsklassen: Diskutiert die negativen Auswirkungen und das Diskriminierungspotenzial von verbalen Beurteilungen gegenüber Ziffernnoten, insbesondere für Lernende mit Migrationshintergrund.

Kapitel 5 Ausblick: Alternativen zur aktuellen Regelung: Präsentiert verschiedene Vorschläge für eine einheitlichere und vergleichbarere Zeugnisgestaltung in Vorbereitungsklassen, darunter Ziffernnoten mit informellen Erläuterungen oder standardisierte Sprachtests.

Schlüsselwörter

Vorbereitungsklassen, Zeugnisse, Diskriminierung, Baden-Württemberg, Kulturelles Kapital, Bourdieu, Verbalbeurteilung, Ziffernnoten, Chancengleichheit, Bildungssystem, Migration, Sprachförderung, Leistungsbewertung, Bildungspolitik, Zugangsfunktion

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit den diskriminierenden Effekten der aktuellen Zeugnisregelungen für Schülerinnen und Schüler in Vorbereitungsklassen in Baden-Württemberg und schlägt Alternativen zur Verbesserung dieser Situation vor.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themenfelder sind die Organisation und die Herausforderungen von Vorbereitungsklassen, institutionelle Diskriminierung im Bildungswesen, die Funktionen von Zeugnissen als kulturelles Kapital und die Effekte unterschiedlicher Bewertungsformen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, die Form der Diskriminierung, die durch die uneinheitliche Erstellung von Zeugnissen in Vorbereitungsklassen entsteht, näher zu beschreiben und schließlich praktikable Alternativen zur aktuellen Regelung aufzuzeigen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse der vorhandenen Literatur zu Diskriminierung, Zeugnisbewertung und Bourdieus Kapitalbegriff, um einen konzeptionellen Rahmen zu schaffen und die Problematik zu untersuchen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Formen der institutionellen Diskriminierung dargelegt, die Rolle von Zeugnissen als institutionalisiertes kulturelles Kapital beleuchtet und die negativen Effekte der uneinheitlichen Zeugniserstellung in Vorbereitungsklassen analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Vorbereitungsklassen, Zeugnisse, Diskriminierung, Kulturelles Kapital, Verbalbeurteilung und Chancengleichheit.

Warum sind Zeugnisse im Kontext von Bourdieu als „institutionalisiertes kulturelles Kapital“ relevant?

Zeugnisse sind in Bourdieus Konzept als institutionalisiertes kulturelles Kapital relevant, da sie erworbene Kompetenzen zertifizieren und ihren Besitzern den Zwang zum erneuten Nachweis dieser Kompetenzen ersparen, wodurch sie Zugang zu weiterführender Bildung und gut bezahlter Arbeit ermöglichen.

Welche spezifische Problematik der Zeugnisgestaltung in Baden-Württemberg wird kritisiert?

Kritisiert wird die fehlende verbindliche und einheitliche Regelung für Zeugnisse in Vorbereitungsklassen, welche den Schulen die Entscheidung über die Art der Leistungsbewertung (Ziffernnoten oder verbale Beurteilung) überlässt und somit zu Ungleichbehandlung führt.

Inwiefern können verbale Beurteilungen, trotz guter Absichten, diskriminierend wirken?

Verbale Beurteilungen sind subjektiver und anfälliger für die Einflüsse persönlicher Erfahrungen oder Vorurteile der Lehrkräfte. Sie sind zudem weniger vergleichbar als Ziffernnoten, was den Zugang zu weiterführenden Bildungsangeboten oder Ausbildungsplätzen für Schüler aus Vorbereitungsklassen erschweren kann.

Welche konkreten Alternativen zur aktuellen Zeugnisregelung schlägt der Autor vor?

Der Autor schlägt die Vergabe von Ziffernnoten im Fach Deutsch als Zweitsprache vor, die informell durch zusätzliche Erläuterungen ergänzt werden können, oder die Implementierung standardisierter Sprachstandserhebungen, die ausschließlich Sprachkenntnisse prüfen und von vielen Institutionen anerkannt sind.

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Résumé des informations

Titre
Diskriminierende Wirkungen der Nichtvergabe von Zeugnisnoten in Vorbereitungsklassen
Sous-titre
Eine kritische Überprüfung der baden-württembergischen Regelungen
Université
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn
Note
1,6
Auteur
Sven Klees (Auteur)
Année de publication
2025
Pages
20
N° de catalogue
V1683441
ISBN (PDF)
9783389170625
ISBN (Livre)
9783389170632
Langue
allemand
mots-clé
Institutionelle Diskriminierung, Kapitalbegriff Vorbereitungsklassen Zeugnisse Notenvergabe
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Sven Klees (Auteur), 2025, Diskriminierende Wirkungen der Nichtvergabe von Zeugnisnoten in Vorbereitungsklassen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1683441
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Extrait de  20  pages
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