Welche Signifikate im Kontext der fünf Codes nach Roland Barthes konstruieren NSSV innerhalb eines dynamischen und instabilen Geschehens der Sinnkonstruktion? Wie vollzieht sich Signifiance – das Gleiten und Überfließen des Sinns im Prozess der sprachlichen Konstruktion nicht-suizidalen selbstverletzenden Verhaltens (NSSV)? Wie fungiert die Darstellung von NSSV als affektiv wirksamer Signifikant der Wollust (jouissance) nach Barthes und (wie) lässt sich dies im Kontext der affektästhetischen Erfahrung auf symbolisch-psychoanalytischer Ebene mit dem Konzept des Abjekts nach Kristeva in Beziehung setzen? Bevor – um den Umfang der Arbeit zu begrenzen – drei Textstellen ausgewählt und unter Berücksichtigung der genannten theoretischen Rahmungen und Konzepte analysiert werden, findet eine interdisziplinäre, Auseinandersetzung mit NSSV statt, gefolgt von einem Abriss zur Darstellung von Judes NSSV im literarischen (Trauma-)Kontext sowie der Erläuterung zum methodischen Vorgehen der Lektüre(n). Nach den Stellenanalysen folgt eine kurze Reflexion zur Pluralität der Zugänge.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Ein wenig Leben und viel Schmerz
- 2 Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV)
- 2.1 Soziologische und psycho(patho)logische Zugänge.
- 2.2 NSSV im Kontext des Traumanarrativs in Ein wenig Leben
- 3 Signifiance, Wollust und Abjekt – theoretische und methodische Triangulation.
- 4 NSSV in Ein wenig Leben – Zur Auswahl der Textstellen.
- 4.1 Stelle 1: Das erste Mal – ein Geheimnis
- 4.2. Stelle 2: Nach Calebs Tod – tröstende Leere
- 4.3. Stelle 3: Nach dem Sex – köstliche Schwachheit
- 5 Fazit: NSSV als Ort der Transformation.
- Literaturverzeichnis.
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Konstruktion und Funktion von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV) im Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Das primäre Ziel ist es, NSSV im Roman als Ort der Signifiance und Artikulation des Abjekts zu analysieren, indem semiologisch-strukturale und symbolisch-psychoanalytische Lektüren miteinander in Dialog gebracht werden, um zu verstehen, wie NSSV affektiv wirksam wird und die Sinnkonstruktion beeinflusst.
- Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV)
- Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara
- Semiologisch-strukturale Analyse nach Roland Barthes (Signifiance, Codes)
- Symbolisch-psychoanalytische Lektüren nach Julia Kristeva (Abjekt)
- Traumanarrativ und Affektregulation in der Literatur
- Geschlechtsspezifische Darstellung von Selbstverletzung
Auszug aus dem Buch
3 Signifiance, Wollust und Abjekt – theoretische und methodische Triangulation
Die drei Stellenanalysen zielen – in Anlehnung an die von Roland Barthes verwendete Vorgehensweise seiner strukturalen Lektüre der Novelle Sarrasine von Honoré de Balzac in S/Z – darauf ab, „den Text, anstatt ihn zu versammeln, sternförmig aufzulösen“. Im ersten Schritt werden die ausgewählten Textstellen in Lexien, auf das Signifikat ausgerichtete Lese- bzw. Sinneinheiten, unterteilt. Um das „Plurale [des Textes] (sei es auch noch so spärlich) festzulegen" werden für jede Lexie mittels eines Codier-Systems die jeweiligen Signifikate ausfindig gemacht. Barthes unterscheidet zwischen dem hermeneutischen Code (HER, hier werden Rätsel, Fragen aufgeworfen, Antworten verzögert, Enthüllungen vorbereitet und offenbart), dem proairetischen Code (AKT, Verhaltensweisen, Handlungen, Ereignisse), dem semischen Code (SEM, textnahes, konnotatives Signifikat oder Signifikat par excellence als zentrale, semische Kernbedeutung), dem symbolischen Code (SYM, tiefenstrukturelle Gegensätze/Antithesen, Übergänge, Mittelstellung) sowie dem kulturellen Code (KUL. verweist auf kulturelles, wissenschaftliches, soziales oder allgemeines Wissen bzw. Referenz-Codes/gnomischer Codes (REF). Barthes unterscheidet in S/Z nicht trennscharf zwischen KUL und REF. Die vorliegende Arbeit definiert REF in einer freieren Auslegung als Subkategorie des kulturellen Codes, die sich nicht nur auf allgemeine Wissensbestände bezieht, sondern auf Fachwissen/fachliche Diskurse innerhalb bestimmter (akademischer) Disziplinen und Wissensfelder. Doch in Übereinstimmung mit Barthes wird versucht sich darauf zu beschränken, diese Codes (KUL bzw. hier insbesondere REF) zu zitieren „ohne jemals die Kultur, die sie artikulieren, zu konstruieren oder nachzukonstruieren“. Zudem werden thematisch abgesteckte, symbolische Felder benannt, welche nicht als Ergebnisse der Codierung, sondern als Analyseinstrumente im Hinblick auf den Rahmen, in welchem die SYM-Oppositionspaare operieren, betrachtet werden sollten. Symbolische Felder sind hier analog zu einführenden Einheiten zu lesen, welche Barthes mit „SYM. Antithese: AB“ bezeichnet. Somit weicht hier die Definition etwas Barthes Vorgabe ab, der das symbolische Feld als „Ort
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 Ein wenig Leben und viel Schmerz: Dieses Kapitel führt in die literarische Darstellung von Gewalt und Leid im Roman „Ein wenig Leben“ ein und positioniert nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) als zentralen Ort der Signifiance.
Kapitel 2 Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV): Hier wird das psychosoziale Phänomen von NSSV interdisziplinär beleuchtet, einschließlich soziologischer und psycho(patho)logischer Zugänge sowie seiner Rolle im Traumanarrativ des Romans.
Kapitel 2.1 Soziologische und psycho(patho)logische Zugänge: Dieses Unterkapitel definiert NSSV, verfolgt seine Entwicklung in psychiatrischen Klassifikationssystemen und erörtert die gesellschaftlichen Geschlechternormen im Kontext der Selbstverletzung.
Kapitel 2.2 NSSV im Kontext des Traumanarrativs in Ein wenig Leben: Es wird die spezifische Darstellung von NSSV bei einer männlichen Romanfigur analysiert und deren Verbindung zu Traumaerfahrungen sowie deren narrativer Repräsentation hergestellt.
Kapitel 3 Signifiance, Wollust und Abjekt – theoretische und methodische Triangulation: Dieses Kapitel erläutert die methodologische Grundlage der Arbeit, die eine Verschränkung von Roland Barthes' semiologisch-strukturaler Analyse und Julia Kristevas symbolisch-psychoanalytischen Lektüren umfasst.
Kapitel 4 NSSV in Ein wenig Leben – Zur Auswahl der Textstellen: Es werden die Kriterien und Überlegungen für die Auswahl der drei zentralen Textstellen aus dem Roman dargelegt, die NSSV thematisieren.
Kapitel 5 Fazit: NSSV als Ort der Transformation: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Stellenanalysen zusammen und interpretiert NSSV als dynamischen Ort der Signifiance und Transformation, der durch Paradoxien und antithetische Kollisionen gekennzeichnet ist.
Schlüsselwörter
Selbstverletzendes Verhalten (NSSV), Ein wenig Leben, Hanya Yanagihara, Signifiance, Abjekt, Roland Barthes, Julia Kristeva, Trauma, Wollust, semiologische Analyse, psychoanalytische Lektüre, Affektregulation, Gender, literarische Darstellung, Sinnkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV) im Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, wobei die literarische Funktion und die affektive Wirkung dieses Verhaltens im Fokus stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten, literarische Darstellung von Trauma und Leid, sowie die theoretischen Konzepte von Signifiance, Wollust und Abjekt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, NSSV im Roman als Ort der Signifiance und Artikulation des Abjekts zu analysieren, indem semiologisch-strukturale und symbolisch-psychoanalytische Lektüren miteinander in Dialog gebracht werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine Triangulation aus semiologisch-strukturaler Analyse nach Roland Barthes und symbolisch-psychoanalytischen Lektüren nach Julia Kristeva.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen und methodischen Grundlagen (Signifiance, Wollust, Abjekt) und führt detaillierte Stellenanalysen von drei ausgewählten Textabschnitten durch, die NSSV-Darstellungen im Roman zeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Selbstverletzendes Verhalten (NSSV), Ein wenig Leben, Signifiance, Abjekt, Roland Barthes, Julia Kristeva, Trauma, Wollust, semiologische Analyse, psychoanalytische Lektüre.
Warum wird im Titel „Signifiance“ statt „Signifikanz“ verwendet?
Im Kontext dieser Arbeit wird „Signifiance“ in Anlehnung an Roland Barthes verwendet, um den dynamischen Prozess des Gleitens und Überfließens des Sinns zu betonen, anstatt einer fixen, eindeutigen Bedeutung.
Welche Rolle spielt die Figur Jude St. Francis im Kontext von NSSV?
Die Figur Jude St. Francis ist zentral, da er die einzige männliche Figur in den untersuchten Romanen ist, bei der nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten im Fokus steht, was die geschlechtsspezifischen Narrative durchbricht.
Wie wird die ambivalente Wirkung von Schmerz und Leid auf die Leser*innen beschrieben?
Die literarische Darstellung von Gewalt und Leid im Roman erzeugt bei Leser*innen eine ambivalente affektive Resonanz, die von tränenreicher Anteilnahme bis zur Verurteilung des Romans als „torture porn“ reicht.
Inwiefern ist der Roman „Ein wenig Leben“ als "pluraler, schreibbarer Text" zu verstehen?
Der Roman wird als partiell pluraler, schreibbarer Text betrachtet, da seine Erzählweise fragmentiert ist, von Analepsen und Auslassungen durchsetzt ist und eine chronologisch-logische Erzählstruktur teilweise fehlt, was eine vielschichtige Sinngebung ermöglicht.
- Citar trabajo
- Joy Baruna (Autor), 2025, Selbstverletzendes Verhalten als Ort der Signifiance und Artikulation des Abjekts in "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684006