Die Wirksamkeit der zollpolitischen Maßnahmen zur Stabilisierung der Getreidepreise in Deutschen Reich ist mittlerweile unbestritten und führte zur partiellen Abkoppelung der deutschen Getreidemärkte vom Weltmarkt. Allerdings war die Wirkung der Zölle in unterschiedlichen Regionen des Deutschen Reiches höchst unterschiedlich. Die traditionellen Getreideüberschussgebiete des preußischen Ostens, aber auf einem Teilmarkt auch der Süden des Deutschen Reiches, profitierten spätestens seit Mitte der 90ger Jahre in besondere Weise von den Getreidezöllen und entwickelten auf dieser Basis spezifische, politisch induzierte, Produktions- und Handelsstrukturen.
Dabei wurde dem durch die Einführung der Zölle bewirkte Abschluss der regionalen Getreidemärkte von ihren angrenzenden Absatzgebieten im Ausland, insbesondere durch das Wiederaufleben des Transitverkehrs auf dem Rhein, durch die Abschaffung des Identitätsnachweises bei Einfuhrscheinen wirksam entgegengewirkt. Vielfach waren die um Zölle „bereinigten“ Preisdifferenzen der deutschen Regionen im Vergleich zum Weltmarkt deutlich geringer als die Differenzen der einzelnen zollfreien europäischen Märkte untereinander.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges war der Prozess der inneren Marktintegration auf Grund der immer noch hohen innerstaatlichen Transportkosten zwar noch nicht völlig abgeschlossen, aber doch weit gediehen.
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- Abel Bley (Author), 2025, Getreidepreise unter dem Einfluss von Agrarpolitik im Deutschen Reich 1871–1913, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684411