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Getreidepreise unter dem Einfluss von Agrarpolitik im Deutschen Reich 1871–1913

Summary Excerpt Details

Die Wirksamkeit der zollpolitischen Maßnahmen zur Stabilisierung der Getreidepreise in Deutschen Reich ist mittlerweile unbestritten und führte zur partiellen Abkoppelung der deutschen Getreidemärkte vom Weltmarkt. Allerdings war die Wirkung der Zölle in unterschiedlichen Regionen des Deutschen Reiches höchst unterschiedlich. Die traditionellen Getreideüberschussgebiete des preußischen Ostens, aber auf einem Teilmarkt auch der Süden des Deutschen Reiches, profitierten spätestens seit Mitte der 90ger Jahre in besondere Weise von den Getreidezöllen und entwickelten auf dieser Basis spezifische, politisch induzierte, Produktions- und Handelsstrukturen.
Dabei wurde dem durch die Einführung der Zölle bewirkte Abschluss der regionalen Getreidemärkte von ihren angrenzenden Absatzgebieten im Ausland, insbesondere durch das Wiederaufleben des Transitverkehrs auf dem Rhein, durch die Abschaffung des Identitätsnachweises bei Einfuhrscheinen wirksam entgegengewirkt. Vielfach waren die um Zölle „bereinigten“ Preisdifferenzen der deutschen Regionen im Vergleich zum Weltmarkt deutlich geringer als die Differenzen der einzelnen zollfreien europäischen Märkte untereinander.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges war der Prozess der inneren Marktintegration auf Grund der immer noch hohen innerstaatlichen Transportkosten zwar noch nicht völlig abgeschlossen, aber doch weit gediehen.

Excerpt


Inhalt

1 Summary

2 Einleitung / Forschungsstand

3 Einflussfaktoren auf dem Getreidemarkt des Deutschen Reiches

4 Quellen zum Getreidemarkt
4.1 Börsenpreise und Marktpreise
4.2 Handelsvolumina

5 Preisentwicklungen auf dem deutschen Getreidemarkt

6 Weltmarkt ?
6.1 Handelsvolumina und Strukturen des deutschen Getreideaußenhandels
6.2 Preise

7 Ausblick – Ein Index der Marktintegration?

8 Literatur

1 Summary

Die Wirksamkeit der zollpolitischen Maßnahmen zur Stabilisierung der Getreidepreise in Deutschen Reich ist mittlerweile unbestritten und führte zur partiellen Abkoppelung der deutschen Getreidemärkte vom Weltmarkt.1 Allerdings war die Wirkung der Zölle in unterschiedlichen Regionen des Deutschen Reiches höchst unterschiedlich. Die traditionellen Getreideüberschussgebiete des preußischen Ostens, aber auf einem Teilmarkt auch der Süden des Deutschen Reiches, profitierten spätestens seit Mitte der 90ger Jahre in besondere Weise von den Getreidezöllen und entwickelten auf dieser Basis spezifische, politisch induzierte, Produktions- und Handelsstrukturen.

Dabei wurde dem durch die Einführung der Zölle bewirkte Abschluss der regionalen Getreidemärkte von ihren angrenzenden Absatzgebieten im Ausland, insbesondere durch das Wiederaufleben des Transitverkehrs auf dem Rhein, durch die Abschaffung des Identitätsnachweises bei Einfuhrscheinen wirksam entgegengewirkt. Vielfach waren die um Zölle „bereinigten“ Preisdifferenzen der deutschen Regionen im Vergleich zum Weltmarkt deutlich geringer als die Differenzen der einzelnen zollfreien europäischen Märkte untereinander.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges war der Prozess der inneren Marktintegration auf Grund der immer noch hohen innerstaatlichen Transportkosten zwar noch nicht völlig abgeschlossen, aber doch weit gediehen.

2 Einleitung / Forschungsstand

Analog des Stellenwertes, der dem Getreidemarkt im Rahmen des gesamten Agrarmarktes zugewiesen wurde, war er schon früh Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Schon Perlmann untersuchte 1914 am Beispiel der Weizenpreise die (jahres-)zeitlichen und regionalen Besonderheiten der Getreidepreisentwicklung und beschrieb den Einfluss spekulativer Elemente auf die Preisbildung.2

Kontrovers war stets die Beurteilung des Einflusses von Zollpolitik auf die Getreidepreise. Während Brentano schon 1911 in seiner, als politischer Kampfschrift verstandenen Arbeit, von einer volkswirtschaftlichen Belastung der Bevölkerung von ca. 1 Mrd. RM/Jahr ausging, haben spätere wirtschaftswissenschaftlich orientierte Arbeiten ein deutlich geringeres Maß an Preisbeeinflussung konstatiert.3 O‘ Rourke weist am Beispiel der europäischen Weizenpreise prinzipiell die wirksame Abkoppelung europäischer Weizenmärkte protektionistischer Staaten vom Weltmarkt nach während Bohlin in seiner Untersuchung zum schwedischen Getreidemarkt zwar die Ergebnisse zum Weizenmarkt bestätigen kann, aber zum Beispiel für den Roggenmarkt auf Grund der niedrigeren Importquoten zu gegenteiligen Ergebnissen kommt.4

Federico u.a. konstatieren in ihrer Arbeit zum Weizenmarkt einen Rückschlag der Preis- und Marktintegration ab den 70ger des 19. Jahrhunderts in Europa auf Grund des Übergangs zum Protektionismus in einer Reihe von Staaten Kontinentaleuropas und auch Uebele konstatiert, dass der zeitliche Schwerpunkt der Marktintegration eher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu suchen sei. Für das Gebiet des deutschen Zollvereins konstatieren Keller/Shiue die entscheidende Bedeutung der Reduktion von Zollschranken für die Marktintegration bis zur Gründung des Deutschen Reiches und argumentieren damit implizit angesichts der Zollerhöhungen der Jahre 1879ff in die gleiche Richtung.5

In Bezug auf den deutschen Markt konstatiert Pfister generell eine, durch die immer noch ökonomisch relevante Höhe von Transportkosten bedingte, geringere Auswirkung der Globalisierung auf die süddeutschen Märkte, während Wolf, auch unter Berücksichtigung außerökonomischer Faktoren, die Existenz eines einheitlichen Wirtschaftraumes im Deutschen Reich mindestens bis 1913 in Frage stellt.6

Dem gegenüber ist es Anliegen dieser Arbeit das Zusammenwachsen der deutschen Getreidemärkte im Zusammenspiel von Zollpolitik, Transportkostenentwicklung und Einfuhrscheinregelung für alle Getreidearten nachzuzeichnen7

Als wesentliche Kriterien für das Zusammenwachsen der Märkte werden in diesem Zusammenhang neben der Entwicklung von strukturellen Preisdifferenzen und dem Maß an regionaler bzw. internationaler Preisvolatilität zwischen Märkten auf der Zeitachse, abweichend von der vorherrschenden Lehrmeinung, auch das Volumen und das Maß an Diversität im nationalen und internationalen Handel angesehen.

Im Ergebnis stellt sich der deutsche Getreidemarkt als zunehmend integriert dar. Er ist sowohl im Hinblick auf die Preisentwicklung der verschiedenen Getreidearten als auch in regionaler Hinsicht bis 1913 als zunehmend einheitlich zu charakterisieren.

In der Folge werden zunächst die politischen, ökonomischen und geographischen Rahmenbedingungen des deutschen Getreidemarktes analysiert (Kapitel 3). Die Entscheidungen zu den in diesem Aufsatz verwendeten Daten werden in Kapitel 4 erläutert, die Analyse der Ergebnisse in Bezug auf den deutschen Binnenmarkt für Getreide erfolgt in Kapitel 5, während in Kapitel 6 ein Ausblick auf den Weltmarkt erfolgt.

Die gesamte Darstellung kann nicht ohne Rekurs auf die in den Anmerkungen genannten Exceltabellen nachvollzogen werden. Sie werden gern auf Anforderung per Mail zur Verfügung gestellt.8

3 Einflussfaktoren auf dem Getreidemarkt des Deutschen Reiches

In geographischer Hinsicht dominieren, für den Getreidehandel relevant, im Deutschen Reich die Wasserwege in Nord-Süd Ausrichtung. Da es bis zum Ende des Kaiserreichs aus politischen Gründen nicht gelang das System der künstlichen Wasserstraßen auch in Ost-West-Richtung fertigzustellen (Mittellandkanal) fehlte in dieser Hinsicht eine wichtige marktintegrierende Infrastrukturkomponente.

Dieser Umstand ist bedeutsam im Hinblick auf Getreideimporte und ihren Einfluss auf lokale Getreidemärkte – insbesondere die Elbe, die Weser und der Rhein bildeten, bis tief in das Binnenland hinein, die ausschließlichen Einfallstore für Getreideimporte und prägten so die regionalen Märkte.9

Diesen Mangel konnte das bis 1913 gut ausgebaute Eisenbahnnetz nur bedingt kompensieren. Zwar wurden alle Teile des Deutschen Reiches zunehmend verkehrstechnisch erschlossen, doch verhinderte die in Bezug auf Preissenkungen sehr zurückhaltende Eisenbahnverwaltung durch ihre Tarifpolitik insbesondere die Ost-West-Integration. Zwar gab es zur Unterstützung spezifischer lokaler ökonomischer Interessen eine Vielzahl von Sondertarifen, jedoch blieb das Transportpreisniveau insgesamt hoch und verringerte sich seit Mitte der 80ger Jahren kaum noch.10 Transporte von agrarischen Massengütern z.B. aus Ostpreußen erfolgten daher vielfach auf dem Seeweg via Ostsee und Nord-Ostseekanal in den Westen des Landes, teilweise sogar über die entfernten niederländischen Häfen.11

Die Agrarpolitik des Deutschen Reiches konzentrierte sich seit 1879 vielfach auf den Getreidemarkt: Neben den Getreidezöllen, die in den 80ger Jahren in rascher Folge zunächst erhöht, im Zuge der Handelsvertragsverhandlungen insbesondere mit Rumänien, Österreich-Ungarn und Russland dann zu Beginn der 90ger Jahre reduziert, und mit der Zollnovelle des Jahres 1902/06, mit bedeutsamen Ausnahmen, wieder auf das Niveau von 1887 gesteigert wurden, war die Möglichkeit der Zollermäßigung durch Einfuhrscheine spätestens ab 1894 maßgeblich relevant für die Entwicklung des Preisniveaus für Getreide im Deutschen Reich.12

Die Einfuhrscheine erlaubten es seit 1879 zunächst im wesentlichen ostdeutschen Mühlenbetrieben ihre auf Importgetreide basierenden Exporte von Mühlenerzeugnissen aufrecht zu erhalten, stellten also zunächst eine nur regional bedeutsame zollpolitische Regelung dar.

Mit Aufhebung des Identitätsnachweises im Rahmen der Gewährung von Einfuhrscheinen, wohl auch als Kompensation der Zollsenkungen der Jahre 1892 / 1894, veränderte sich allerdings der Charakter der Einfuhrscheine völlig. Sie erlaubten es den Getreideproduzenten im gesamten Deutschen Reich, ungeachtet der vorhandenen Zollschranken, diejenigen Märkte zu beliefern, die unter Beachtung zu minimierender Transportkosten optimal waren und beendeten somit die zollpolitisch verursachte, einseitige Orientierung von deutschen Getreideüberschussgebieten auf den Binnenmarkt. Darüber hinaus wurde ein umfangreicher Transithandel insbesondere in die Schweiz und Ostfrankreich wieder möglich. Die zu Beginn der 80ger Jahre völlig zum Erliegen gekommenen Getreideexporte hatten 1913 für alle Getreidearten immerhin schon wieder ein Volumen von ca. 2,1 Mill t.13

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Unter den Bedingungen des deutschen Getreidezolls mit Protektionsraten von teilweise 40% des Produktwertes kann Getreideexport, bei hoch bleibenden Transportkosten im Inland, immer nur Element der Optimierung des Binnenmarktes sein.14 In der Regel dienten die regionalen Exporte, denen Importe an anderer Stelle gegenüberstanden, dem regionalen Binnenmarktausgleich. Eine Ausnahme stellten die umfangreichen Roggenexporte nach 1906 dar, die den deutlich unterschiedlichen Roggen- und Gerstenzöllen geschuldet waren.15

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Darüber hinaus wurden die Getreidezölle in Bezug auf die Interessengegensätze in der deutschen Landwirtschaft sorgsam austariert, Futtermittelzölle waren stets deutlich niedriger als die Zollsätze für Brotgetreide und bedeutende Mengen an Viehfutter (Kleie, Ölkuchen) blieben trotz der Konkurrenzsituation mit einheimischem Futtergetreide dauerhaft zollfrei.16

Insbesondere für die Jahre 1892 bis 1894 ist die obige Darstellung der Zolltarife insofern ungenau, als durch das Auslaufen der Zollbestimmungen aus dem Frankfurter Frieden und die nach und nach abgeschlossenen Handelsverträge, temporär und für einzelne Lieferländer, unterschiedliche Zollsätze galten.

4 Quellen zum Getreidemarkt

4.1 Börsenpreise und Marktpreise

Behördlicherseits erhobene Marktpreise und Börsenpreise unterscheiden sich in Bezug auf die Methode ihrer Erhebung grundsätzlich voneinander:

Während Börsenpreise, bei aller notwendigen Reserviertheit im Hinblick auf Repräsentativität in Bezug auf die korrekte Abbildung des Marktgeschehens, doch als Reflex realer Verkäufe und Käufe gelten können, sind Marktpreise in der Regel sowohl in Preußen als auch in den süddeutschen Staaten mindestens teilweise Resultat behördlicher Umfragen bei örtlichen Marktteilnehmern. Allerdings sollte man sich in diesem Zusammenhang von Vorstellungen moderner Börsen lösen, insbesondere was die Transparenz der jeweiligen Preisnotierungen angeht. Der Unterschied zwischen Getreidebörsen und einfachen Marktorten war fließend und die Einbeziehung einer ganzen Reihe von Marktplätzen in die deutsche Reichsstatistik war in der Regel eher dem Umfang des jeweiligen Handels geschuldet und nicht der andersartigen Organisation des Marktes bzw. der Art der Durchschnittspreisfeststellung.

Insgesamt ist die Quellenlage in Bezug auf Getreidepreise im Deutschen Reich im Vergleich zu allen anderen agrarischen Erzeugnissen für den Untersuchungszeitraum als besonders gut zu bezeichnen. Neben den älteren Arbeiten von Jacobs/Richters und der speziellen Veröffentlichung des Statistischen Reichsamtes zu Getreidepreisen aus dem Jahr 1935 liegen darüber hinaus noch eine Reihe anderer Zahlenreihen vor.

In der Reichsstatistik wurden seit 1879, in schwankender Breite, Getreidepreise von verschiedenen Börsen- bzw. bedeutenden Marktplätzen berichtet, die in national aggregierter Form zu wesentlichen Teilen auch schon im Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik veröffentlicht wurden.17 Insoweit kann die Preisentwicklung im nationalen Maßstab für alle Hauptgetreidearten für den untersuchten Zeitraum als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden.18

Das gilt nicht für die Entwicklung der regionalen Preisunterschiede innerhalb des Deutschen Reiches. Zwar hat man schon sehr früh die sich schließende Preisschere zwischen den Getreideüberschussgebieten des

Ostens und den Nachfragezentren des Westens konstatiert, aber für eine detaillierte Analyse ist sowohl die Größe der zur Verfügung stehenden Stichprobe als auch die Sicherheit in Bezug auf die Vergleichbarkeit der Notierungen in Bezug auf die Qualität der dort gehandelten Ware und anderen Handelsgewohnheiten unzureichend.19

In diesem Zusammenhang ist es verwunderlich, dass die nahezu in allen Staaten des Deutschen Reiches erhobenen Marktpreise bislang in der Diskussion kaum eine Rolle spielen.20 Allerdings ist auch dieses Material im Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Daten nicht völlig unproblematisch, das sei hier an 3 Beispielen erläutert:

Preußen

Die preußischen Marktpreise wurden schon seit 1816 in den „alten“ Provinzen ermittelt. Die nach 1866 neu zu Preußen gelangten Provinzen (Hannover, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau) wiesen eine so heterogene Arbeitsweise im Hinblick auf die Erstellung von Preisstatistiken auf, dass das preußische statistische Bureau in später erfolgten Veröffentlichungen auf die Daten dieser Provinzen bis 1871 (Schleswig Holstein und Hannover) bzw. 1873 (Hessen-Nassau) verzichtete.21

Beginnend im August 1872 wurde dann eine vollständige Revision der Preisberichte vorgenommen. Im genannten Monat wurden aus insgesamt 544 Marktorten Preisberichte über landwirtschaftliche Produkte erhoben und an das statistische Bureau gesandt. Aus diesen 544 Marktorten wurden dann aus Gründen der Arbeitsökonomie 157 Marktorte für die weitere statistischer Berichterstattung ausgewählt, so das ab 1873 zu allen Orten mit einer Einwohnerzahl von mindesten 8000 Einwohnern monatliche Meldungen erfolgten.22

Der Umfang der Stichprobe blieb in der Folgezeit im Wesentlichen konstant, wenn auch einzelne Orte in einzelnen Monaten oder auch Jahren bei einzelnen Getreidesorten aus Mangel an Handelsvolumen keine Daten lieferten. Erst das Jahr 1909 brachte, analog der sich verändernden Einwohnerzahlen, eine allerdings relativ geringfügige Veränderung der Stichprobe (hinzu kam z. B. Wilhelmshafen und auch einige Orte in Ostpreußen (Allenstein, Lyck, Soldau, Konitz) entfielen. Mit dem 1.1.1913 wurde die Ermittlung von Getreidepreisen in den bisherigen Marktorten eingestellt und nur noch in 15 Marktorten wurden als Großhandelspreise interpretierte Notierungen erfasst.

Auch die Art der Preisfeststellung wandelte sich. Waren in den 70ger Jahren noch die Ergebnisse der einzelnen Schrannen in vielen Orten wesentlich, so veränderte sich die Methode der Preisfeststellung analog der sich wandelnden Marktgewohnheiten. In einigen Orten wurden die Preise unter Berücksichtigung der örtlichen Börse festgestellt, Rückfragen bei Getreidehändlern waren in anderen Marktorten das Mittel der Wahl, teilweise wurden die Getreidehändler selbst zu vereidigten Mitarbeitern der Behörden. Die örtlichen Veränderungen der Preisfeststellungsmethoden wurden in den Jahren nach der Jahrhundertwende kursorisch mitgeteilt.23

Bis einschließlich 1871 liegen die Notierungen in Hohlmaßen (preußische Staatsscheffel/preußischen Groschen) vor, danach in wechselnden, aber leicht umzurechnenden Angaben (1/10 Silbergroschen/100 Pfund, später dann in RM/t).24 Auch nach 1873 wurde in einer ganzen Reihe von Marktorten der Handel weiterhin in Hohlmaßen abgewickelt. Es oblag den örtlichen Behörden, diese bei der Meldung an das Statistische Büro in Gewichtseinheiten umzurechnen und entsprechend zu melden. In einigen Fällen führten diese Umrechnungsnotwendigkeiten zu wenig plausiblen Ergebnissen, etwa einer höheren Preisnotierung für geringwertigen Weizen im Vergleich zu höherwertigem Weizen.25

Die Preise wurden bis Mitte der 70ger Jahre in drei unterschiedlichen Qualitätsstufen erfasst (schwerer, mittlerer bzw. leichter Weizen). Aus diesen Angaben wurde ein mittlerer Preis berechnet, später wurde dieses Verfahren dadurch abgelöst das jeweils der höchste und niedrigste Preis eines Ortes übermittelt wurde, aus dem wiederum ein Mittelpreis berechnet wurde.

Die konkreten Ergebnisse zu einzelnen Orten deuten an dieser Stelle auf einen durchaus problematischen Interpretationsspielraum der behördlichen Erfasser hin. In einigen Orten wären demnach immer nur Waren einer einzigen Qualität gehandelt worden, während andere Marktorte für Waren unterschiedlicher Qualität mal sehr kleine oder aber auch sehr große Preisunterschiede konstatierten. In dieselbe Richtung deutet die sehr unterschiedlich große Preisdifferenz zwischen der höchsten und niedrigsten Notierung in einem Ort. Teilweise wurde auch für ein ganzes Kalenderjahr in den monatlichen Berichten immer der gleiche, einheitliche Preis gemeldet.26

Preise von Getreide ausländischer Provenienz wurden ebenfalls systematisch gemeldet, fanden aber in den Veröffentlichungen des preußischen statistischen Bureaus durchgängig nur kursorische Erwähnung und spielten bei der Preisberechnung auf Orts- Provinz- oder Staatsebene keine Rolle.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgte zunächst in der monatlich erscheinenden statistischen Korrespondenz. In der Zeitschrift des königlich statistischen Bureaus wurden die Ergebnisse bis 1909 entweder halbjährlich oder später jährlich in einer Beilage veröffentlicht, ab 1909 erfolgte dann eine separaten Veröffentlichung in den unregelmäßig erscheinenden Preußischen Statistik (1909 – 1914 in den Bänden 222, 227, 232, 237, 244 und 247).

Im Statistischen Jahrbuch wurden in unterschiedlicher Form Auszüge dieser Daten veröffentlicht.

Die Daten der einzelnen Marktorte standen nicht im Fokus der amtlichen Statistik. Vielmehr wurden in der Regel nur die jahreszeitlichen bzw. regionalen Zusammenfassungen präsentiert. Jährliche Daten zu den einzelnen Orten wurden nur für den Zeitraum von 1899 bis 1912 berechnet und im Anhang zu den eigentlichen Tabellen publiziert. Ausdrücklich warnt das statistische Bureau vor dem Vergleich der Werte für einzelnen Marktorte und verweist insbesondere auf die höhere Aussagekraft und Vergleichbarkeit der regionalen Daten.27

Bayern

Die bayrische Getreidestatistik weist analog der für Süddeutschland typischen, etwas andersartigen, Produktionsstruktur neben den Notierungen für die Hauptgetreidearten auch Nachweise für Dinkel und (Grün)kern auf.

Seit 1869 wurden die bayrischen Getreidepreise in der Zeitschrift des Königlich-Bayrischen Statistischen Bureaus veröffentlicht. Die quartalweise veröffentlichten, aber monatlich erhobenen Daten, wurden nur 1871 in einer einheitlichen Art und Weise veröffentlicht – alle Angaben erfolgten in der Form Scheffel/Gulden. Ab 1872 wurden die örtlichen Handelsgewohnheiten respektiert und voneinander getrennte Aufstellungen für Marktorte, die nach Hohlmaßen bzw. nach Gewichtseinheiten handelten vorgenommen: Das galt auch für die Aggregationen auf Regierungsbezirks- bzw. Landesebene.

Neben den Preisen wurden auch stets die gehandelten Mengen für jeden Markt, Regierungsbezirk aber auch für den gesamten Staat berichtet.

Die Zahl der Marktorte schwankte, auch im Hinblick auf das Vorhandensein des Handels mit einzelnen Getreidearten, es waren aber bei den Hauptgetreidearten bis zur Jahrhundertwende in der Regel mehr als 100 Marktorte, danach sank die Zahl deutlich.28

Veröffentlicht wurden neben den Angaben für heimisches Getreide in einigen bedeutenderen Marktorten (z.B. Fürth, Nürnberg und Landau) auch die Preise für ausländisches bzw. aus anderen deutschen Regionen importiertes Getreide. Die Preisdifferenzen zwischen den heimischen Getreidesorten und der ausländischen Ware waren teilweise erheblich, im Regelfall war die heimische Ware deutlich preiswerter.29 Bei der Berechnung der Preise auf Bezirksebene, aber auch auf Landesebene wurden die Preise der nicht heimischen Ware, im Gegensatz zur preußischen Berechnungsmethode, teilweise mit berücksichtigt.30

Die Bedeutung der bayrischen Schrannen für den Handel mit Getreide nahm im Zeitverlauf deutlich ab, anders als die preußischen Behörden reagierte die bayrischen Statistiker auf diese Situation aber nicht mit der Einbeziehung von anderen Quellen zur Verbesserung der Repräsentativität der lokalen Daten. Das führt dazu, dass die Verwendung der lokalen Daten zur Feststellung des Preisniveaus weniger sinnvoll wird, ohne die Repräsentativität der gesamtbayrischen Angaben wesentlich zu beeinträchtigen.31

Baden

Seit 1868 wurden im Großherzogtum Baden im Statistischen Jahrbuch Preise für alle Hauptgetreidearten und darüber hinaus für Kernen veröffentlicht.

Bis 1875 wurden nur Daten 10 bis aufsteigend 14 Orten in die Berechnungen mit einbezogen, ab 1875 waren es 26 Berichtsorte in denen aber nicht durchgängig kontinuierlich in allen Jahren alle Hauptgetreidearten gehandelt wurden.32 Neben den Preisen wurden auch stets die jeweils gehandelten Mengen dokumentiert.

Die Daten liegen durchgängig in der Form Gewicht/Währungseinheit vor. In wie weit das den örtlichen Handelsusancen entsprach oder aber von den örtlichen berichtenden Polizeibehörden vereinheitlicht wurde, bleibt unklar.

In der frühen 70ger Jahren wurden nicht badische Preise bedeutender Marktorte ebenfalls nachrichtlich mitgeteilt, gingen aber zu keinem Zeitpunkt in die Berechnung von Landesdurchschnittspreisen mit ein.

Für die Erhebung der zunächst wöchentlichen, dann später monatlichen Daten waren die Ortspolizeibehörden verantwortlich.

Von den landwirtschaftlich bedeutsamen Flächenstaaten des Deutschen Reiches existieren nur für die beiden mecklenburgischen Staaten (Daten nur für einzelne Orte und kurze Zeiträume verfügbar) und für das Königreich Sachsen (Daten erst ab 1883) keine durchgängig repräsentativen Zahlenreihen zu landesweiten Marktpreisen für Getreide.33

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

In nationalen Kontext erweisen sich die Marktpreise als hinreichend repräsentativ, auch im Vergleich zu den „Börsenpreisen“ Das gilt sowohl für die hier dargestellten Notierungen für Weizen, als auch für alle anderen Getreidearten.3435

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Am Beispiel des preußischen Weizenmarktes kann gezeigt werden, das die Heranziehung von Provinzpreisen anstelle von Preisen einzelner Marktorte für die Analyse der Entwicklung von Preisvarianz zu gleichwertigen Ergebnissen führt. Die grüne und die blaue Linie repräsentieren die Ergebnisse für preußische Provinzen, zum einen die offiziellen Ergebnisse des preußischen statistischen Bureaus, zum anderen die Ergebnisse auf der Basis der veröffentlichten Einzelangaben zu den einzelnen Marktorten. Die rote Linie zeigt die Entwicklung auf der Basis der einzelnen Orte.

Die gesamten Ergebnisse für die Marktorte Preußens wurden dafür von mir für die Jahre 1899 bis 1912 in eine eigene Exceltabelle übertragen. Darüber hinaus wurden in 5 Jahres – Schritten für die Jahre 1871, 1875, 1880, 1885, 1890 und 1895 die monatlich vorhandenen Angaben der einzelnen Marktorte in einer separaten Exceltabelle erfasst, zu Jahresergebnissen zusammengefasst und in die zentrale Exceltabelle übernommen.36

Es wird deutlich, dass sich zwar der absolute Variationskoeffizient je nach Berechnungsmethode unterscheidet, die relative Entwicklung aber identisch ist, sodass valide Aussagen zur Entwicklung von Marktintegration auf der Grundlage von Provinz- bzw. Landespreisen möglich sind.37

In Bezug auf Getreidepreise ist in diesem Zusammenhang die deutlich höhere regionale Repräsentativität der Marktpreise festzuhalten, die es erlaubt regionale Vergleiche, insbesondere aber auch regionale Gruppierungen und idealtypische Zusammenfassungen vorzunehmen.

Folgende Aggregationen werden vorgenommen:

Nordosten als exportorientierte Überschussregion mit den preußischen Provinzen Brandenburg, Pommern, Posen und Ost- bzw. Westpreußen.

Nordwesten als Region mit überdurchschnittlicher Flächenproduktivität, die zunehmend auf Importe von Getreide angewiesen war, mit den Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen und Rheinland.

Süden als relativ marktferne Region mit deutlich unterdurchschnittlicher Produktivitätsentwicklung mit den Ländern Bayern, Württemberg, Baden und Elsass-Lothringen.

Diese Preisdaten sind in der Folge Grundlage der vorliegenden Arbeit.38

Im internationalen Kontext liefert Frederico für Weizen eine unverzichtbare und hinreichende Übersicht über die vorhandene Datenbasis, die Jacks nochmal deutlich verbessert hat, bei allen anderen Getreidearten ist die Quellenlage, sicher auch wegen des deutlich geringeren Stellenwertes des europäischen und weltweiten Handels, deutlich problematischer. Bramstedt liefert für Roggen eine ganze Reihe von allerdings kaum überprüfbarer Preisreihen, darüber hinaus existieren für die Einschätzung deutscher Preise in Relation zu Weltmarktpreisen relevante länderbezogene Zusammenfassungen für die Niederlande und Belgien (Verlinden, Tijms u.a.), Großbritannien allerdings ohne eine Notierung für Roggen (z. B. Jacks), die Schweiz (Brugger und Siegenthaler). Für Dänemark wurden die seit dem 17. Jahrhundert aufgezeichneten Kapitelstaxen verwendet, die auch schon Bramstedt herangezogen hat.39

4.2 Handelsvolumina

Für den überregionalen Getreidetransport kommen im Deutschen Reich von 1871 bis 1913 zwei Verkehrsträger in Frage, die Eisenbahn und der Wasserweg.40

In Bezug auf die Transporte auf Flüssen und Kanälen existiert seit 1873 eine gute und nach einheitlichen Kriterien aufgebaute Statistik, die zwar beginnend mit dem Jahr 1909 um eine an die Eisenbahnstatistik angelehnte, nach Verkehrsbezirken gegliederte Ergänzung erfuhr, aber schon im Zeitraum zuvor detaillierte Aussagen zu Handelsmengen und -strukturen erlaubte.41

Insbesondere der Umfang und die Durchdringung des Binnenmarktes in den einzelnen Flusssystemen durch Getreideimporte oder –exporte sind gut nachvollziehbar.

Die Eisenbahnstatistik liefert erst seit 1883 detaillierte, nationale Ergebnisse zum Gütertransport der deutschen Eisenbahnen, dann aber mit einer bemerkenswerten Genauigkeit und Datenfülle. Die nach Verkehrsbezirken geordnete Darstellung weist Handelsströme zwischen den Verkehrsbezirken, die lokalen Bewegungen innerhalb der Verkehrsbezirke und die Güterbewegungen in das benachbarte Ausland für 70 Warenarten aus.42

Eine hilfreiche Ergänzung und Mittel zur Kontrolle der Ergebnisse dieser beiden Statistiken kann die Außenhandelsstatistik des Deutschen Reiches liefern, die zum einen als Prüfung auf Plausibilität der Ergebnisse fungieren kann, zum anderen aber auch Auskunft über die Herkunft der Importe auf dem Seeweg gibt.43

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Im Wesentlichen analog den unterschiedlichen Importquoten aber auch gemäß den unterschiedlichen Nachfragestrukturen wiesen die verschiedenen Getreidearten deutlich unterschiedliche Transportquoten auf. Während der Weizenmarkt reichsweit Auslandsbezug hatte und der Markt für Gerste bis zur Mainlinie von dem Importen sogar dominiert wurde, kann das für Roggen und Hafer so nicht festgestellt werden. Vielmehr verblieb ein sehr großer Teil der Ernte ausweislich der Transportstatistik im unmittelbaren Umfeld der Produktion und bildete damit einen hauptsächlich regional bestimmten Markt, der aber durchaus über die Landesgrenzen hinausgehen konnte.44

5 Preisentwicklungen auf dem deutschen Getreidemarkt

Weizen

Der Weizenmarkt war, neben einer stets steigenden inländischen Produktion, von steigenden Importen geprägt, die in den frühen 70ger Jahren beginnend um die Jahrhundertwende netto ein Volumen von ca. 2 Mill t aufwiesen. Die schlechte Weizenernte des Jahres 1901 sorgte für einen dauerhaften, sprunghaften Anstieg der Weizenimporte auf dieses Niveau (1900 1,01 Mill t, 1901 2,055 Mill t.).

Bis zum Beginn des 1. Weltkrieges blieb das Niveau der Nettoimporte danach stabil, die wachsende Binnennachfrage wurde durch die wachsende Eigenproduktion befriedigt.4546

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Der Variationskoeffizient sank sowohl für Preußen als auch für das Deutsche Reich im gesamten Zeitraum deutlich, wobei auch hier der sprunghafte Importanstieg des Jahres 1901 signifikante Auswirkungen hatte. Für Preußen ergibt sich danach ein Variationskoeffizient von 0,2, was praktisch völlig homogene Preise bedeutet, während der Variationskoeffizient für das Gesamtreich etwa doppelt so hoch liegt (0,4).47

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Ursache dafür war der Umstand, dass sich zwar die Preise der nordostdeutschen Weizenüberschussgebiete an das gesamtdeutsche Durchschnittsniveau anglichen, diese Entwicklung hingegen für den Süden des Deutschen Reiches in deutlich geringerem Ausmaß feststellbar ist. Erst nach der Jahrhundertwende weist z.B. die Wasserstraßenstatistik des Deutschen Reiches nennenswerte Transporte auf dem Rhein südlich von Ludwigshafen aus, so dass sich die marktintegrierende Wirkung von Getreideimporten in Baden und Württemberg zunächst kaum entfalten konnte.48 Für Bayern gingen die Importe über die Donau sogar zurück.49

Roggen

Der Roggenmarkt war geprägt von einer stetig steigenden Produktion (1871 5,871 Mill. t, 1913 12,2 Mill. t) und einer immer geringer werden Importquote. Ab 1908 war das Deutsche Reich stets Nettoexporteur von Roggen, 1913 betrug der Nettoexport 878.920 t, also etwas über 7 % der Gesamtproduktion. Neben dem Export über die Ostsee (Dänemark, Schweden, Norwegen, Niederlande und Russland) aus den ostelbischen Gebieten des Deutschen Reiches, spielte auch der Export per Eisenbahn (Russland, aber auch Belgien und die Niederlande) eine gewisse Rolle.50

In regionaler Hinsicht spielte der Süden des Deutschen Reiches mit Ausnahme von Bayern sowohl als Produzent wie auch als Verbraucher kaum eine Rolle, so dass der süddeutsche Markt aufgrund seiner Enge nur bedingt schlüssig, von Marktzufälligkeiten unbeeinflusst, analysiert werden kann.51

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

52

Auch der Variationskoeffizient für Roggen sinkt deutlich - prozentual sogar etwas deutlicher als der von Weizen – der Unterschied zwischen dem Reich und Preußen ist nicht besonders groß, jedoch ist die Volatilität des Variationskoeffizienten bei Einbeziehung der süddeutschen Länder deutlich erhöht. Insgesamt bleibt der Variationskoeffizient mit etwa 0,4 deutlich höher als bei Weizen.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

53

Der höhere Variationskoeffizient bei Roggen findet seine Erklärung in der nicht vollständig abgebauten Preisdifferenz zwischen den östlichen Überschussgebieten und dem Reichsdurchschnitt. Der Exportdruck bei regional hohem Exportanteil an der Gesamtproduktion führte offensichtlich dazu, dass sowohl im Binnenhandel als auch im Außenhandel die Transportkosten auch den heimischen Durchschnittspreis beeinflussten.

Hafer

Die Inlandsproduktion stieg von 1871 4,427 Mill t auf 1913 9,714 Mill t, die relativ geringen Nettoimporte wurden ab der Jahrhundertwende in einzelnen Jahren von Nettoexporten abgelöst (1913 ca. 156.000 t), also nicht ganz 2 % des Marktes.

Aus den ostdeutschen Überschussgebieten wurden 1913 über die Ostseehäfen ca. 430.000 t exportiert, während über den Rhein die Exporte in die Schweiz von immerhin 142.600 t aus den süddeutschen Eisenbahnverkehrsbezirken heraus erfolgten. Ausweislich der Wasserstraßenstatistik handelt es sich dabei nicht um einen Transithandel wie bei Weizen, sondern der Export in die Nachbarländer entlastete den relativ großen Binnenmarkt in Süddeutschland.5455

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Es existieren keine systematischen Unterschiede zwischen den Variationskoeffizienten des Reiches und Preußens, insgesamt gehen die Preisdifferenzen nur in geringem Maße zurück, sind aber besonders in der Frühphase deutlich volatiler als in späteren Jahren.56

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Unmittelbar ins Auge fällt die relative Bewegung der süddeutschen Preise zum Reichsdurchschnitt. Durch die Aufhebung des Identitätsnachweises für Einfuhrscheine für Getreide wurde 1894 dem süddeutschen Markt wieder die angrenzenden Auslandsmärkte geöffnet, die die traditionellen Überschüsse der Region nun wieder aufnehmen konnten. Zum gleichen Zeitpunkt weisen die nordwestdeutschen Preise eine gegenläufige Entwicklung im Vergleich zum Reichsdurchschnitt auf.

Gerste

Der Markt für Gerste teilt sich im Deutschen Reich traditionell nach Verwendungsarten auf. Etwa 50 % der Produktion, in der Regel die höherwertigen Qualitäten, dienten der Bierproduktion, während die andere Hälfte als Futtermittel verwendet wurde.57

Diese unterschiedlichen Marktsegmente machen durch die deutlich unterschiedlichen Preise, besonders natürlich im Gefolge der Zolldifferenzierung des Jahres 1906 (Braugerste 40 RM/t, Futtergerste 13 RM/t), Analysen der Preisbewegungen schon deshalb problematisch, weil nicht immer die in den Zahlenreihen zu Grunde gelegten Qualitäten klar benannt wurden.

Die Inlandsproduktion stieg von 1871 2,254 Mill t auf 1913 3,673 Mill t, das Inlandsangebot wurde durch umfangreiche Importe in der Regel von Futtergerste zunehmend ergänzt (Nettoimporte 1871 56.000 t, 1913 3.232.000 t).

Gemäß der Eisenbahn- und Wasserstraßenstatistik konzentrierten sich die Importe auf die Flusseinzugsgebiete von Elbe, Weser und Rhein, dort aber nur bis zur Mainlinie. 1913 erreichten über die Eisenbahn die Verkehrsbezirke Hannover/Oldenburg 952.000 t, Westfalen 214.000 t, Schleswig-Holstein 110.700 t und Merseburg 105.500 t, hingegen das Großherzogtum Baden nur 39.100 t und Mannheim nur 11.700 t. Auf dem Wasserweg waren die Häfen Mannheim und Ludwigshafen mit zusammen 84.300 t rheinabwärts der letzte große Entladeplatz, ein Transithandel in Richtung Schweiz existierte mangels Nachfrage fast nicht.58

Abb. in Leseprobe nicht enthalten59

Abb. in Leseprobe nicht enthalten60

Analog der zuvor geschilderten methodischen Probleme ist es kaum möglich die Ergebnisse sinnvoll zu interpretieren. Die festgestellte Marktintegration ist mit einer Varianz von fast 0,8 zwar deutlich geringer als bei den anderen Getreidearten, allerdings kann es nicht ausgeschlossen werden, dass die Ursache dafür in den deutlich größeren Qualitätsunterschieden zwischen den betrachteten Märkten liegt. Ähnliches gilt für die fast konstante Preisdifferenz zwischen dem süddeutschen Getreidemarkt im Vergleich zum Reichsdurchschnitt.

Die mutmaßlich homogenere Preisfeststellung in den preußischen Provinzen kann den deutlich stärkeren Rückgang der Varianz für diesen Landesteil erklären.

Baden

Die Analyse des badischen Marktes erlaubt Rückschlüsse auf die Relevanz von Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und besonders der Größe von Handelsvolumina auf Preisdifferenzen:

Abb. in Leseprobe nicht enthalten61

Zollpolitisch und infrastrukturell sind die Bedingungen auf dem Weizen bzw. Roggenmarkt Badens völlig identisch. Während allerdings Weizen auf Grund sowohl der Nachfrage der süddeutschen Staaten als auch der Schweiz und Ostfrankreichs in großem Umfang importiert wurde, (Anlandungen 1913: Mannheim 544.600 t, Ludwigshafen 220.200 t, Straßburg 412.300 t und Kehl 106.000 t), sind analoge Transporte bei Roggen praktisch nicht zu beobachten. (Mannheim 17.200 t , Ludwighafen 10.300 t, Straßburg 2.500 t und Kehl unter 1000 t ).

Der enge Roggenmarkt führt zum einen zu einem durchschnittlich deutlich höherem, aber auch wesentlich deutlicher schwankendem Variationskoeffizienten, der in einzelnen Jahren fast an die Schwankungsbreite des badischen Kartoffelmarktes heranreicht.62

Demgegenüber erweist sich der Weizenmarkt schon früh als relativ homogen, 1905 ist ein Variationskoeffizient von 0,24 zu konstatieren. Allerdings kehren sich seit diesem Zeitpunkt die Verhältnisse um, 1913 erreicht der Variationskoeffizient wieder 0,6, liegt also auch deutlich über dem Reichsdurchschnitt. Parallel zu dieser Entwicklung stieg durch den Bau des neuen Binnenhafens in Straßburg und des Getreideumschlagsbahnhofs in Kehl um 1900 die Marktdurchdringung von Importweizen in Baden. Während um 1900 Mannheim und Ludwigshafen praktisch den Endpunkt der Flussschifffahrt darstellten, verlagerte sich dieser bis 1913 deutlich nach Süden (Karlsruhe, besonders aber Straßburg und Kehl).

Die Analyse der Preisdifferenz einzelner Orte deutet darauf hin, dass mit der zunehmenden Marktintegration Badens in den Weltmarkt die am Rhein gelegenen Orte von dieser Entwicklung relativ profitierten und auch relativ homogene Preise aufwiesen, während in den abseits gelegenen Orten geringere Preise für Weizen durchsetzbar waren, sich marktferne also negativ auswirkte.63.

6 Weltmarkt ?

6.1 Handelsvolumina und Strukturen des deutschen Getreideaußenhandels

Abb. in Leseprobe nicht enthalten64

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Abb. in Leseprobe nicht enthalten65

Die Entwicklung des deutschen Getreideaußenhandels lässt sich so zusammenfassen, dass er sich stetig ausweitete, zunehmend eurozentriert war und sich immer mehr auf den Handel mit Futtermitteln konzentrierte.

6.2 Preise

Ein vollständig entwickelter (Welt)markt, der relative Preisbetrachtungen sinnvoll erscheinen, lässt sollte mindestens 3 Kriterien erfüllen: Das Handelsvolumen sollte in Relation zur weltweiten Gesamtproduktion aber auch in Relation zur Eigenproduktion der interagierenden Länder groß genug sein um Preisverzerrungen auf der Grundlage von Marktmacht zu minimieren. Aus dem gleichen Grund sollte es eine genügende Anzahl von Anbietern und Nachfragern auf den Märkten geben und schließlich sollten für die Marktnotierungen in Bezug auf die gehandelten Waren hinreichend transparente Qualitätsmaßstäbe existieren.

Diese Kriterien werden auf dem Weltgetreidemarkt im Zeitraum von 1871 – 1913 nur bedingt und in sehr unterschiedlicher Weise erfüllt.

Weizen

Der Weizenmarkt wies schon im Zeitraum von 1884 – 1888 ein Volumen von ca. 9,5 Mill t auf, bis 1909 - 1913 erhöhte sich das Volumen auf ca. 19,7 Mill t .66 In Relation zur reichsdeutschen Gesamternte war das Volumen des Welthandels zu jedem Zeitpunkt groß, so entsprachen die deutschen Nettoimporte des Jahres 1913 mit ca. 2 Mill t nur etwa 10% des Weltmarktes, aber immerhin ca. 40% der Nettoinlandsproduktion. Auch die Zahl der Marktteilnehmer war relativ groß, 2 stellige Anteile am Weltmarkt hatten von 1909 – 1913 immerhin 5 Länder bzw. Herkunftsregionen.67

Für alle Vergleiche der deutschen Weizenpreise mit dem Weltmarkt benötigt man einen validen Weltmarktpreis. In diesem Zusammenhang kann es als üblich gelten, die in der London Gazette veröffentlichten Inlandspreise für Weizen als Weltmarktpreis heranzuziehen.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten68

Der Repräsentationsgrad der Londoner Preise nimmt zwar im Zeitverlauf deutlich zu, aber auch nach der Jahrhundertwende existieren noch Preisdifferenzen zwischen den Notierungen aus London und dem Landesdurchschnitt bis zu über 13%. In der Regel übersteigt der Landesdurchschnittspreis den Londoner Preis. Ähnliches gilt für den Vergleich zwischen dem britischen Landesdurchschnittspreis und dem Preis für amerikanischen Importweizen, allerdings noch deutlich konstanter. Der Preis für Importware liegt relativ konstant um 10 % über den heimischen Notierungen.

Inwieweit Qualitätsunterschiede für diese Preisdifferenz ursächlich waren, bleibt unklar.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten69

Bei insgesamt deutlich geringer werdender Volatilität entspricht das niederländische Preisniveau insgesamt fast genau dem für amerikanischen Importweizen in Großbritannien, während die belgischen Vergleichszahlen in der Regel etwa 5-10 RM/t niedriger liegen und ziemlich exakt den Londoner Notierungen entsprechen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Niederlande in deutlich höherem Maße als Belgien als Transitland für die Weizenimporte Deutschlands, der Schweiz und Ostfrankreichs fungierte, die Importware also marktbeherrschend gewesen sein sollte.70

Abb. in Leseprobe nicht enthalten71

Vergleicht man zunächst einmal geographisch nahe beieinanderliegende Märkte um die unmittelbaren Auswirkungen der Importzölle zu untersuchen ist mit der bedeutenden Ausnahme de Jahre von 1885 – 1888 festzustellen, dass sich die Wirkung des Zolls zu nahezu 100% nachzeichnen lässt.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten72

Das Bild ändert sich, vergleicht man zum einen die Hamburger Notierungen mit denen für amerikanischen Importweizen, vor allem zum anderen aber die Landesdurchschnittspreise des Deutschen Reiches und Großbritanniens. Die Preisdifferenz unterschreitet in der Regel die Höhe des Zolls, vor allem aber sind insbesondere die Preisrelationen zwischen den beiden Gesamtmärkten in einzelnen Jahren hoch volatil, was auf teilweise träge Marktreaktionen schließen lässt.

Sucht man nun die Ursache sowohl für die ungenügende Wirksamkeit der Zölle in den Jahren 1885 – 1888 als auch für die andauernden, unerwarteten Preisdifferenzen der britischen und deutschen Gesamtmärkte, so hilft ein Blick auf die regionalen deutschen Märkte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten73

Erst mit der Abschaffung des Identitätsnachweises für Einfuhrscheine konnten die Exporte der ostdeutschen Überschussgebiete wieder aufgenommen werden und damit der nationale Markt bei Minimierung der Transportkosten durch ein Außenhandelsinstrument weitgehend hergestellt werden. Teile der Weizenimporte über Elbe, Weser, Ems und Rhein sind auf Grund der Transportkostendifferenz zwischen Eisenbahn- und Hochseetransport wahrscheinlich als Binnenhandel anzusehen. Die weiter bestehende Differenz der Landesdurchschnittspreise ist augenscheinlich durch die weiterhin relativ erhöhten Weizenpreise südlich der Mainlinie zu erklären.

Roggen

Der Roggenweltmarkt unterscheidet sich sowohl in Bezug auf das Volumen als auch im Hinblick auf die Struktur völlig vom Weizenmarkt. Im Zeitraum von 1884 – 1888 hatte er ein Volumen von ca. 2 Mill t , bis 1909 - 1913 erhöhte sich das Volumen auf ca. 2,4 Mill t.74 In Relation zur reichsdeutschen Gesamternte war das Volumen des Welthandels sehr klein und entsprach 1913 ca. 20% der Inlandsproduktion.

Marktbeherrschend war in den 80ger Jahren Russland mit einem Marktanteil von fast 70 %, ein großer Teil dieser Importe ging in das Deutsche Reich. Bis 1909 – 1913 hatte sich das Bild vollständig verändert. Das Deutsche Reich besaß nun einen Weltmarktanteil von über 43% aller Exporte, was aber weniger als 10% der Eigenproduktion ausmachte, während auf Russland ca. 27% und auf die anderen Balkanstatten ca. 20 % entfielen. Außereuropäische Staaten spielten zu keiner Zeit eine Rolle.

Die nach 1906 sprunghaft steigenden Roggenexporte des Deutschen Reiches wurden verursacht durch die unterschiedlichen Zölle von Futtergerste und Roggen und waren nicht Ausdruck steigender Nachfrage in den Zielländern der Exporte.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten75

Der Preisvergleich zwischen einer einzelnen Notierung auf dem russischen Marktes und Hollands zeigt, dass die Preisintegration bis Anfang der 90ger Jahre im Wesentlichen abgeschlossen gewesen sein könnte.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten76

Allerdings sorgt die relative Enge des Roggenmarktes dafür, dass die Preise volatil blieben und auch zwischen den zollfreien Märkte Europas temporäre Preisdifferenzen von bis 20 RM/t bestehen bleiben konnten.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten77

Versucht man nun zunächst mittels geographisch nahe beieinanderliegenden Märkte die Preisentwicklung zwischen dem Deutschen Reich und dem Weltmarkt zu beschreiben so ist festzustellen, dass sich mit Ausnahme des Zeitraums von 1890 – 1893 die Preisdifferenz zwischen dem holländischen Markt und Köln im Rahmen der Erwartungen bewegt. Es ist allerdings wenig glaubhaft, dass sich von 1890 – 93 über einen so relativ langen Zeitraum bei so nahe beieinander liegenden Märkten Preisunterschiede von 20 – 30 RM konservieren ließen.

Die Handelsauseinandersetzungen mit Russland von 1891 bis 1894, inklusive des russischen Exportverbots für Getreide und die damit ein hergehenden Umstellungen der Warenströme kann in diesem Zusammenhang ein Erklärungsansatz sein.78

Abb. in Leseprobe nicht enthalten79

Vergleicht man hingegen den reichsdurchschnittlichen Roggenpreis mit dem Durchschnitt der Nordseeanrainer (Niederlande, Belgien, Dänemark) so ergibt sich ein leicht anderes Bild. Die Durchschnittspreise im Deutschen Reich liegen dauerhaft ca. 10 RM/t unter den Preisen des „Weltmarktes“.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten80

Wesentliche Ursache dafür war der Umstand, dass die nordöstlichen Getreideüberschussgebiete nur niedrigere Preise im Vergleich zum Rest des Landes und auch zum Weltmarkt realisieren konnten, die Preisdifferenz dürfte sich in etwa in der Höhe der Transportkosten im Binnenland bzw. auf den Weltmarkt bewegt haben.

Hafer

Auch der Weltmarkt für Hafer war außerordentlich eng. Von 1884 – 1888 wurden durchschnittlich ca. 1,4 Mill t gehandelt, im Zeitraum von 1909 – 13 waren es 3,04 Mill t, also in Relation zur deutschen Haferernte 1913 von 9,7 Mill t ca. 31%.81

Der deutsche Import wurde bis 1910 fast ausschließlich durch Russland bedient, erst danach erreichte der argentinische Anteil ein nennenswertes Volumen. Die deutlich zunehmenden deutschen Exporte nach der Jahrhundertwende, besonders aber nach 1906, gingen, auch über den Seeweg, in praktisch alle europäischen Nachbarländer.82

Abb. in Leseprobe nicht enthalten83

Die Datenbasis für die obige Darstellung ist dürftig, es liegen insgesamt 7 Preisreihen vor, eine aus Großbritannien, 2 aus Belgien, 3 aus den Niederlanden und die Kapitelstaxen aus Dänemark.84

Es fällt auf, das es praktisch keine Tendenz zur Preisintegration gibt, der Variationskoeffizient schwankte stark und liegt in der Zeit nach der Jahrhundertwende immer noch durchschnittlich bei 0,8, also höher als der entsprechende Wert im nationalen Kontext.85

Ab 1894 bis 1906 gleichen sich die belgischen Preise in vielen Jahren den deutschen Preisen an und sind damit auch für die Entwicklung des Variationskoeffizienten hauptsächlich verantwortlich, ohne dass dafür eine schlüssige Erklärung zu finden ist.

Der gemittelte „Nordseepreis“ entspricht seit Beginn der 90ger Jahre ziemlich exakt dem Londoner Preis.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten86

Der Vergleich geographisch nahe beieinander liegender Märkte zeigt, mit Ausnahme einiger Schwankungen ab 1908, ein hohes Maß an Integration des Hamburger Marktes. Allerdings sind die starken Preisschwankungen der Hamburger Notierung nach 1908, auch im nationalen Kontext, singulär und damit wenig glaubhaft, was den Vergleich naturgemäß insgesamt entwertet.87

Abb. in Leseprobe nicht enthalten88

Diese erratischen Schwankungen verschwinden beim Vergleich von nationalem und internationalem Durchschnittspreis. Der deutsche Preis ist durchgängig um ca. 10 RM/t niedriger als der berechnete Weltmarktpreis und entspricht ziemlich genau dem niederländischen Preisniveau.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten89

Die Ursache für die zollbereinigten Preisdifferenzen zwischen dem Deutschen Reich und dem Weltmarkt sind in der unzureichenden Anpassung der nordostdeutschen Preise an das Weltmarktniveau zu suchen. Es blieb eine zollbereinigte Differenz von in der Regel 20 RM/t bestehen. Während die süddeutschen Exporte kostengünstig per Eisenbahn in die umliegenden Länder, besonders aber die Schweiz, transportiert werden konnten, waren die Exporte der nordwestdeutschen Provinzen zum einen aufwändiger und zum anderen deutlich umfangreicher. Allein die Exporte aus den deutschen Ostseehäfen erreichten 1913 ein Niveau von über 430.000 t und damit immerhin 14 % des Weltmarktes, was für einen gewissen Exportdruck spricht.90

Gerste

Bei einer eigenen Nettoernte von ca. 3,3 Mill t wurden darüber hinaus 1913 noch etwa 3,2 Mill. t Gerste importiert. Gemessen am durchschnittlichen Welthandelsvolumen von ca. 5,5 Mill t (1909-13) lag der Anteil der deutschen Importe also bei ca. 58 %. Da ca. 50 % der heimischen Produktion als Braugerste Verwendung fand lag der Marktanteil der ausländischen Futtergerste sicher ungefähr bei 2/3.91

Quelle dieser Importe war seit der Jahrhundertwende fast ausschließlich Russland, die bis zu diesem Zeitpunkt durchaus nennenswerten Importe von Braugerste vornehmlich aus den Balkanstaaten und Österreich-Ungarn gingen immer mehr zurück.92, Auf dem Höhepunkt der Abhängigkeit von russischen Importen wurden 1911 von 3,478 Mill t Gerste 3,199 Mill t aus Russland importiert.93

Ausweislich der Daten zur deutschen Bierproduktion stieg der Anteil der Braugerste an der heimischen Produktion von ca. 40 auf 50 % an, was ebenfalls internationale Preisvergleiche erschwert.94

Es existieren keine verwertbaren russischen Preisreihen für Gerste außer denen von Odessa und auch die zentraleuropäischen Märkte sind nur unzureichend dokumentiert. In die folgende Darstellung geht nur jeweils ein Preis aus Großbritannien, den Niederlanden und Belgien ein, darüber hinaus die Kapitelstaxen aus Dänemark.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten95

Der aus diesen Daten resultierende Variationskoeffizient weist zwar eine Abwärtsbewegung von ca. 0,8 auf 0,4 auf, deutet also auf eine zunehmende Integration des „Weltmarktes“ hin, ist im Verlauf aber häufig völlig erratisch und auch sowohl wegen der in einigen Jahren fehlenden belgischen Preise, als auch wegen der fehlenden Definition der Getreidequalität in den Vergleichsmärkten, kaum verwendbar.96

Abb. in Leseprobe nicht enthalten97

Man kann dieses Problem anhand des Vergleichs des britischen Marktes mit 2 deutschen Marktorten illustrieren. Vergleicht man die Mannheimer und Londoner Notierung miteinander, so ergibt sich eine relativ plausible Preisentwicklung, sofern man davon ausgeht, dass auf beiden Märkten Braugerste gehandelt wird, während der Vergleich der Königsberger Notierung mit der Londoner Notierung dann plausibel wird, wenn man davon ausgeht, dass es sich bei der Königsberger Ware um Futtergerste handelt.

Ab 1887 sind die Mannheimer Preise in Höhe des Zolls, ab 1906 in der Höhe des Zolls für Braugerste, kontinuierlich höher als die Londoner Preise, während die Preisintegration der Königberger Gerste 1880 (Einführung des Zolls) einen deutlichen Schub bekommt, aber bis 1913 dann noch nicht ganz abgeschlossen ist – sofern man davon ausgeht, dass es sich um eine Futtergerstennotierung handelt.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten98

Bei aller notwendigen Reserviertheit in Bezug auf die Vergleichbarkeit der Notierungen lässt sich doch festhalten, dass die Preisdifferenzen zwischen dem deutschen und britischen Markt deutlich abnehmen. In besonderer Weise profitiert der Nordosten von dieser Entwicklung, die Preisdifferenz zum Londoner Markt verringert sich von maximal ca. 70 RM/t auf minimal 0 RM/t. Der Süden des Reiches profitiert insbesondere von den Veränderungen der Marktverhältnisse seit 1894 (Einfuhrscheine) und 1906 (Zollerhöhung).

7 Ausblick – Ein Index der Marktintegration?

Ohne Einschränkung ist nur der Weizenmarkt als Weltmarkt anzusehen und die Integration des deutschen Marktes als abgeschlossen zu charakterisieren. Alle anderen Teilmärkte weisen, insbesondere wegen des geringen binnenstaatlichen bzw. weltweiten Handelsvolumens und der geringen Zahl der Marktteilnehmer, ein deutlich geringeres Maß an Integration auf. Nicht die Höhe der Transportkosten oder Einschränkungen des Handels durch Zollschranken waren dafür verantwortlich, sondern einzig und allein das begrenzte Marktvolumen.

Die Variationskoeffizienten auf dem Getreidemarkt im nationalen Maßstab unterschritten in der Regel diejenigen auf dem „Weltmarkt“, von einer strukturellen Deformation des deutschen Getreidemarktes kann also nicht die Rede sein.

Es ist, denke ich, gelungen den Versuch Marktintegration nur mit Mitteln der Preisbeobachtung messen zu wollen, als gescheitert zu beschreiben. Sinnvoll wäre es aus meiner Sicht die Kriterien Preisintegration, hier aber sicher unter Bereinigung ggf. vorhandener Zölle, das Handelsvolumen und die Diversität des Handels zu analysieren und ggf. in einem zu entwickelnden Index zusammenzufassen.

Für den deutschen Binnenmarkt bedeutete das über die geschilderten und meines Erachtens nach ausreichenden Preisbetrachtungen auch innerdeutsche Transportvolumina und die innerdeutschen Handelsbeziehungen zwischen den Verkehrsbezirken systematisch zu erfassen und zu berücksichtigen.99

In Bezug auf die Frage, ob es einen entwickelten Weltmarkt für Getreide gegeben hat wären, neben der Berücksichtigung weiterer Getreidearten und Weltregionen, die notwendigen Indexfaktoren die relativen Preise zwischen den Märkten, die Handelsvolumina im Vergleich zur Weltproduktion und die Anzahl und Marktstellung der Liefer- und Empfängerländer auf dem Weltmarkt.100

8 Literatur

8.1 Quellen und statistische Zahlenwerke

Blickenstorfer-Ritzmann, Heiner, (Hrsg.), Historische Statistik der Schweiz,Zürich 1996

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Title: Getreidepreise unter dem Einfluss von Agrarpolitik im Deutschen Reich 1871–1913

Script , 2025 , 44 Pages

Autor:in: Abel Bley (Author)

History of Germany - National Socialism, World War II
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Details

Title
Getreidepreise unter dem Einfluss von Agrarpolitik im Deutschen Reich 1871–1913
College
University of Münster  (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Author
Abel Bley (Author)
Publication Year
2025
Pages
44
Catalog Number
V1684411
ISBN (PDF)
9783389171127
ISBN (Book)
9783389171134
Language
German
Tags
getreidepreise einfluss agrarpolitik deutschen reich
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Abel Bley (Author), 2025, Getreidepreise unter dem Einfluss von Agrarpolitik im Deutschen Reich 1871–1913, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684411
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