Wie gehen Menschen mit Unsicherheit, Widersprüchen und doppeldeutigen Situationen um?
In einer Welt zunehmender Komplexität wird Ambiguitätstoleranz zu einer zentralen psychologischen Ressource. Sie beschreibt die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten, ohne vorschnell nach Eindeutigkeit zu verlangen oder alternative Sichtweisen auszublenden.
In dieser Arbeit wird untersucht, inwiefern Ambiguitätstoleranz mit zentralen psychologischen Konstrukten zusammenhängt. Im Fokus stehen Perfektionismus, subjektives Stresserleben und kognitive Flexibilität. Grundlage der Untersuchung bildet eine Querschnittsstudie mit 467 erwachsenen Teilnehmenden aus dem deutschsprachigen Raum. Zur Erhebung der relevanten Variablen wurden etablierte Selbstberichtsverfahren eingesetzt, darunter das Inventar zur Messung von Ambiguitätstoleranz (Reis, 1997), die Almost Perfect Scale - Revised (Slaney et al., 2001; deutsche Version nach Altstötter-Gleich & Bergemann, 2006), der Perceived Stress Questionnaire in der Kurzversion PSQ-20 (Fliege et al., 2009) sowie das Cognitive Flexibility Inventory (Dennis & Vander Wal, 2010).
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster. Eine höhere Ambiguitätstoleranz geht mit einem geringeren Stresserleben und einer höheren kognitiven Flexibilität einher. Personen, die flexibel zwischen Perspektiven wechseln können, erleben Mehrdeutigkeit als weniger belastend. Perfektionismus leistet hingegen keinen eigenständigen Beitrag zur Erklärung von Ambiguitätstoleranz, auch wenn er stark mit erhöhtem Stresserleben verbunden ist.
In einer multiplen Regressionsanalyse erweisen sich kognitive Flexibilität als positiver und Stresserleben als negativer Prädiktor der Ambiguitätstoleranz. Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht Selbstkontrolle oder das Streben nach Perfektion ausschlaggebend sind, sondern Anpassungsfähigkeit sowie ein konstruktiver Umgang mit Unsicherheit oder Mehrdeutigkeit.
Die Arbeit verbindet theoretische Fundierung mit empirischer Präzision und leitet praxisrelevante Schlussfolgerungen für die Bereiche psychologische Prävention, Psychotherapie und Beratung ab. Ambiguitätstoleranz ist eine zentrale psychologische Ressource, die beschreibt, wie Menschen mit Mehrdeutigkeit, Widersprüchen und unklaren Anforderungen umgehen, ohne ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren. Das Konstrukt ist grundlegend für den Umgang mit der Vielschichtigkeit unserer Welt.
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- Marie Unverzagt (Author), 2025, Zur Bedeutung der Ambiguitätstoleranz für zentrale psychologische Konstrukte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684460