Chancen bilden - Frühkindliche Bildung als gesellschaftlicher Auftrag an die Professionellen der Sozialen Arbeit


Diplomarbeit, 2006

86 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehung und Bildung - formen oder befähigen?

3. Neue Herausforderungen in einer sich wandelnden Gesellschaft
3.1. Ein Blick auf unser defizitäres Bildungssystem

4. Frühkindliche Bildung
4.1. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns
4.2. Lern- und Bildungsprozesse in der frühen Kindheit
4.2.1. Der kompetente, wählende und aktive Säugling
4.2.2. Wahrnehmung
4.3. Übergeordnete Bildungsziele am Beispiel der zwölf Empfehlungen des „Forum Bildung“

5. Die Kinder- und Jugendhilfe vor neuen Aufgaben
5.1. Die Soziale Arbeit als Handlungsinstrument der Kinder- und Jugendhilfe

6. Die Familie als Bildungsort
6.1. Familienergänzende Angebote der Kinder- und Jugendhilfe

7. Kindertageseinrichtungen als Bildungsinsitutionen
7.1. Bildungsziele für den frühkindlichen Bereich am Beispiel des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans
7.2. Das Neue Verständnis vom Kind
7.3. Handlungsansätze und Methoden zur Unterstützung frühkindlicher Lern- und Bildungsprozesse
7.3.1. Der metakognitive Ansatz
7.3.2. Der projektorientierte Ansatz
7.3.3. Die Projektarbeit
7.3.4. Die Reflexion von kindlichen Bildungsprozessen
7.3.5. Die lösungsorientierte Gesprächsführung
7.4. Neue Herausforderungen für pädagogische Fachkräfte
7.5. Die Qualitätssicherung von Kindertageseinrichtungen
7.5.1. Leitung einer Kindertageseinrichtung

8. Ausblick auf weitere sozialarbeiterische Handlungsfelder
8.1. Soziale Frühwarnsysteme
8.2. Kompetenznetzwerke

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie sich Soziale Arbeit an frühkindlichen Bildungsprozessen beteiligen kann und in wieweit sie sogar dazu verpflichtet ist, Benachteiligungen in diesem Bereich entgegenzuwirken.

Eigene Berufserfahrungen als Erzieherin habe ich u.a. in einer Einrichtung gesammelt, die Kinder frühzeitig integrativ fördert. Immer wieder fand ich mich - wenn ich von meiner Arbeit erzählte - in Diskussionen über den Sinn und Zweck von früher Förderung wieder. „Elitebildung“ war da oft zu hören und von übertriebenem Ehrgeiz der Eltern war die Rede. Frühkindliche Bildung schien eine zu früh einsetzende Maßnahme zu sein, die die unbeschwerte Welt des Kindes zerstörte. Selbst im Rahmen meines Studiums zur Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin erlebte ich, dass frühkindliche Förderung etwas Neues und Innovatives zu sein schien. Ein Dozent der Fachhochschule Hannover gab mir zu verstehen, dass diese Thematik wenig mit meinem Studium zu tun hätte.

Mir persönlich war die Wichtigkeit von frühkindlicher Bildung schon lange bewusst, ist das menschliche Gehirn doch nie mehr so plastisch wie in den ersten drei Lebensjahren.

Das Ziel meiner Diplomarbeit ist daher, aktuelle Forschungsergebnisse zusammenzutragen und daraus neue pädagogische Ansätze und Methoden zu entwickeln. Vor allem möchte ich die Handlungslegitimation von Sozialer Arbeit an frühkindlichen Bildungsprozessen belegen und Handlungsfelder benennen.

„ Bildung ist (...) ein aktiver, komplexer und nie abgeschlossener Prozess, in dessen glücklichem Verlauf eine selbstständige und selbsttätige, problemlösungsfähige und lebenstüchtige Persönlichkeit entstehen kann. “ 1

Ich beginne damit, den Bildungsbegriff im historischen Kontext zu betrachten. Indem ich den Bezug zur Gegenwart herstelle, werde ich zu einer Definition kommen, die Ausgangspunkt für Bildungsanforderungen wird.

Die Strukturen und Werte in unserer Gesellschaft haben sich stark gewandelt; die Pluralisierung von Lebensformen und Individualisierungstendenzen stellen jeden Einzelnen vor neue und vielfältige Aufgaben. Einerseits haben sich die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt verändert; nur diejenigen können bestehen, die über das nötige Fachwissen hinaus über bestimmte Schlüsselkompetenzen, wie zum Beispiel die Fähigkeit des lebenslangen Lernens, Team- und Kommunikationsfähigkeit verfügen. Andererseits bestehen in Bezug auf die individuelle Lebensführung zunehmend Verunsicherungen. Unterstützung bei der Lebensbewältigung und Orientierungshilfen werden notwendig.

Besonders Familien und Kinder sind von den Auswirkungen des Strukturwandels betroffen. Oft sind sie zusätzlich durch Trennungen, Arbeitslosigkeit oder Armut belastet. Daraus ergeben sich bestimmte Problem- und Mangellagen, die oft ungelöst an die nachwachsende Generation weitergegeben werden und ein Herauskommen aus Armut, Erwerbs- und Hoffnungslosigkeit zunehmend erschweren.

Bildung wurde bislang auf die Institution Schule begrenzt. Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems stellte sich bereits in den 80-er Jahren. Erst durch unterschiedliche ländervergleichende Studien wurde belegbar, dass Deutschlands Bildungssystem nicht mehr in der Lage ist, Heranwachsende auf die Anforderungen der Zukunft vorzubereiten. Die Angst kommt auf, dass Deutschland im internationalen wissenschaftlichen und ökonomischen Wettbewerb verlieren könnte.2

Die mangelhafte Ausbildung betrifft vor allem Kinder aus o.g. Risikofamilien (bildungsfernen Familien, von Armut, Arbeitslosigkeit betroffenen Familien, Familien mit Migrationshintergrund). Die aktuelle PISA-Studie belegt, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen und aus Migrantenfamilien schlechtere Bildungschancen haben. Minderwertige Schulabschlüsse und dadurch bedingt verringerte Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind die Folgen. Dies wird vor allem auf unzureichende Deutschkenntnisse zurückgeführt.3 Bildungsexperten kritisieren einerseits, dass Bildungspotentiale in der frühen Kindheit nicht genutzt werden, im frühkindlichen Bildungsbereich zu wenig investiert wird und dass andererseits die Integration und Chancengleichheit von Migrantenkindern bzw. Kindern aus ökonomisch schlechter gestellten Familien nicht gesichert ist.

Um die Bildungspotentiale der frühen Kindheit zu verdeutlichen, werde ich einen Einblick in die Ergebnisse der Hirnforschung geben, die belegen, dass das Gehirn des Menschen nie mehr so offen für Reize ist wie in den ersten Lebensjahren. Die „Theorie der sensiblen Phasen“, in denen sich bestimmte Hirnregionen entwickeln und besonders empfänglich für Lernimpulse sind, beinhalten folgenden Umkehrschluss: bleiben während dieser Phasen entsprechende Reize aus, sind optimale Lernerfahrungen und die entsprechende Entwicklung dieser Hirnregionen nicht mehr möglich. Verpasste Lernerfahrungen müssen dann unter einem erhöhten Aufwand nachgeholt werden.

Um pädagogische Arbeitsansätze entwickeln zu können, werde ich näher auf frühkindliches Lernen und frühkindliche Bildungsprozesse eingehen. Das Kind zeigt sich als kompetentes und aktiv handelndes Wesen, das seine Entwicklungsprozesse selbst zu gestalten vermag.

Es stellt sich die Frage, wie man Kinder auf die vielfältigen Anforderungen der Zukunft vorbereiten kann und wie die Chancen benachteiligter Kinder verbessert werden können. Das „Forum Bildung“ entwickelte zwölf Empfehlungen für eine Bildungsreform, die ich exemplarisch vorstellen möchte.

Da die Problemlagen so vielfältig geworden sind, muss Bildung sich mehr auf die individuelle Lebenswelt der Kinder und Jugendliche einlassen können. Da Kinder erfahrungsbezogen lernen und nach (individueller) Sinnhaftigkeit suchen, muss Bildung von reiner Wissensvermittlung abrücken und mehr die Lerntechniken und die Lernmotivation im Fokus haben. Besonders die Kinder- und Jugendhilfe wird sich mehr an den Bildungsprozessen von Kindern beteiligen müssen. Hieraus leiten sich bereits Handlungsfelder für die Soziale Arbeit ab, deren rechtliche Legitimation sich aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ergibt. Kinder sind die Zukunft der Gesellschaft, daher ist die „ Aufgabe von Staat und Gesellschaft (...), den Heranwachsenden eine bedürfnisgerechte und selbstbestimmte Gestaltung ihres Lebens zu ermöglichen und ihnen Chancen für den Erwerb von Kompetenzen zu eröffnen, die ihnen eine eigenständige und eigenverantwortliche Lebensführung ermöglichen. “ 4 Die Instrumente und Handlungsweisen der Sozialen Arbeit werde ich auf kindliche Bildungsorte wie Familie und Kindertageseinrichtungen herunterbrechen.

Da die Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren meistens die Eltern sind, aber nicht alle die gleichen Möglichkeiten oder Interessen haben, ihr Kind zu fördern, stellt sich die Frage nach angemessenen Angeboten, die die o.g. Familien erreichen. Die Angebote sollen Eltern hinsichtlich ihres Erziehungsauftrages unterstützen und konkrete Bildungsanregungen für Kleinkinder bereithalten. Die Kinder- und Jugendhilfe stellt hierfür Erziehungsberatungen und Angebote im Rahmen der Familienbildung zur Verfügung.

Ein weiteres Augenmerk liegt auf den Kindertageseinrichtungen wie Kinderkrippen, Krabbelgruppen oder Kindergärten. Sie entlasten Familien durch die Betreuung der Kinder und geben ihnen die Möglichkeit, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Diese Institutionen könnten somit Familien helfen, sich aus Armut zu befreien und Problemlagen aufzulösen. Zur Zeit kommt der Bildungsauftrag, der diesen Einrichtungen obliegt, wieder stärker in die Diskussion. Gerade Kinder aus benachteiligten Familien haben schlechtere Bildungschancen. Nachgewiesenermaßen haben qualitativ hochwertige Einrichtungen hierauf einen kompensatorischen Einfluss. Um die gute Qualität der Einrichtungen zu sichern, besteht die Forderung nach einer Standardisierung von Bildungsinhalten und -zielen und den quantitativen Ausbau von Kindertagesplätzen.

Das veränderte Verständnis von kindlichen Lern- und Bildungsprozessen mündet in ein wertschätzendes Menschenbild, welches in die Methoden des pädagogischen Alltags einfließt.

Abschließend stelle ich Handlungsfelder der Sozialen Arbeit vor, die in den Bereichen der Qualitätsentwicklung von Kindertageseinrichtungen, sozialen Frühwarnsystemen und der Gestaltung von Kompetenznetzwerken liegen.

Formale Anmerkungen zu dieser Arbeit:

In dieser Arbeit werde ich mich auf den Bereich der frühkindlichen Bildung konzentrieren. Damit beziehe ich mich auf die Entwicklung der Kinder von der Geburt an bis zu deren Einschulung. Wenn hier von pädagogischen Fachkräften o.ä. gesprochen wird, beziehe ich hierbei alle Professionellen der Sozialen Arbeit mit ein (Erzieher, Sozialassistenten, Kinderpfleger, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen).

Bei meinen Ausführungen und Herleitungen schließe ich den sonderpädagogischen Bereich weitestgehend aus, obwohl die gezogenen Konsequenzen teilweise auch auf diesen Bereich anzuwenden wären. Um den Lesefluss nicht unnötig zu beeinträchtigen, werde ich mich auf die männliche Schreibform beschränken, schließe dabei aber die weiblichen Personen mit ein.

2. Erziehung und Bildung - formen oder befähigen?

„Erziehung“ bezieht sich im klassischen Sinn auf ein Erlernen von Verhaltensweisen und das Erwerben von Kenntnissen, Fähigkeiten und Einstellungen, die Kindern gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Erziehung findet ausschließlich im sozialen Kontext statt.5

„Bildung“ beschreibt den Prozess der kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen und Aneignung von geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten sowie der Entwicklung von personalen und sozialen Kompetenzen.6

Ich werde vorerst einen Blick auf die historische Entwicklung der Begriffe „Erziehung“ und „Bildung“ werfen. Dadurch lässt sich verdeutlichen, dass über diese Begriffe auch das Menschenbild, der Stand der Forschung (Psychologie, Soziologie, Medizin,...) und die jeweiligen Gesellschaftsbedingungen transportiert werden.

Der Begriff „Bildung“ stammt aus dem Mittelalter und hat einen religiösen Hintergrund. Der Mensch wurde von Gott „gebildet“, nach seinem „Abbild“ geschaffen. Der Bildungsprozess war nach Meinung der damaligen Menschen somit von außen gesteuert und lag nicht im Einflussbereich des Einzelnen, sondern war durch Gott bestimmt.7

Erst während der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert wandelte sich der Begriff. Bildung sollte nun den einzelnen Menschen zu einer politisch mündigen und emanzipierten Person machen und seinen Geist formen. Die Balance zwischen Freiheit und Toleranz sollte gefunden werden, der Mensch aus eigener Einsicht „richtig“ handeln können, um aus ihm den idealen Nutzen für die Gesellschaft zu erzielen. Bildungsziele wurden also nach wie vor von außen bestimmt. Erziehung ging von der vorherigen Generation aus; Bildung galt als bürgerliche Qualifikation und Kindheit bzw. Jugend wurden zwar als wichtige Phase angesehen, waren aber im Prinzip bloß ein Zustand der Unvollkommenheit; Kinder galten als unfertige Erwachsene.8

Später ging es in der Zeit der deutschen Klassik (1786 - 1805) weniger darum, eine von Anderen erwartete Leistung zu erbringen und nützlich zu sein. Vielmehr war es „ die lebenslange Arbeit an der Vervollkommnung der eigenen Person “ 9, die nun im Fokus stand, wobei immer nur von einem Ideal gesprochen wurde, das es anzustreben galt. Das Bildungskonzept wandelte sich also zugunsten der Individualisierung und dem lebenslangen Lernen:

„ Gebildet ist, wer sich selbst am Maßstabästhetischer und moralischer Perfektion ausrichtet und sich selbst danach zu gestalten versucht. Bildung ist also ein lebenslanger, ein prinzipiell nicht abschließbarer Prozess. “ 10

Dem Gedanken, dass sich die gesamte Menschheit nur weiterentwickeln könne, wenn sich jeder Einzelne weiterentwickeln würde, entspringt ein Gleichheitsanspruch, der sowohl ein Recht als auch eine moralische Pflicht für jeden Einzelnen beinhaltet, sich weiterzubilden. Gesellschaft und Staat müssten demzufolge jedem Menschen Bildung ermöglichen, unabhängig von Standes- und Klassengrenzen. Daraus entwickelten sich die Anfänge des Rechtes auf Schulbildung für alle.11 Wilhelm Freiherr von Humboldt (1767 - 1835) begründete ein mehrgliedriges Schulsystem, bei dem jeder nach seinen Fähigkeiten und nach den Anforderungen, die die Gesellschaft an ihn stellte, gefördert werden sollte. Bildung wurde zum Schlüssel für Teilhabe und Selbstbestimmung:

“ Nur der Gebildete kann kompetent die wechselnden Situationen des Lebens bewältigen. Das muss in Kindheit und Jugend nach den Möglichkeiten der Altersstufe schon gelebt und zugleich damit für die Zukunft vermittelt und angeeignet werden, nicht mehr, aber auch nicht weniger “ 12

Im Zeitalter der Romantik (Anfang des 19. Jahrhundert) wandelte sich die Perspektive in Bezug auf die Vervollkommnung des Menschen. Erziehung galt nun als Zerstörung des kindlichen „Paradieses“, da Kinder noch vollkommen, rein und unverdorben seien. Die Idee des „in sich selbst angelegten idealen Entwurfes“ änderte den Umgang mit Kindern. Sie sollten sich entfalten können, der Spieltrieb im Menschen wurden ernst genommen. Das Glück war von nun an nicht nur in der Zukunft zu finden, sondern es sollte seine Erfüllung auch in der Gegenwart erleben. Erstmals floss der Begriff der Sozialisation in die Bildungsentwürfe mit ein und man war sich einig: Kinder lernen voneinander in der Gruppe durch alltägliche Erfahrungen. „Das Schulgebäude der jungen Seele besteht nicht aus bloßen Hör- und Lehrzimmern, sondern auch aus dem Schulhof, der Schlafkammer, der Gemeindestube, dem Spielplatze und aus jedem Platz,“13

Reformpädagogen wie Fröbel, Montessori und Reggio stellen ihre neuen Bildungsund Erziehungskonzepte vor. Die Ausdrucksfähigkeit der Kinder sollte gefördert, ihre Neugierde und ihr Forscherdrang genährt sowie ihr Tatendrang unterstützt werden. Dabei war es ihnen wichtig, dass Kinder sich diese erworbenen Kompetenzen als Möglichkeit der Selbstbildung auch für das Erwachsenenalter erhalten können.14

Im Zuge der Bürokratisierung wurde Bildung immer mehr zum messbaren Gut und bürgerlichem Statussymbol und dadurch auch zum sozialen Ausgrenzungskriterium. Schulen schlossen mit einer Prüfung ab, „um über den Erfolg, also den Besitz der Bildung, keine Zweifel bestehen zu lassen,..“15

Eckart Liebau beschreibt Bildung wie folgt: sie eröffnet Möglichkeiten der Kommunikation über und damit der Teilhabe an etwas. Bildung befähigt durch Fachwissen, macht kompetent und gibt Sicherheit, weil Zusammenhänge verstanden werden und die Reflexion der eigenen Person im Kontext möglich ist. Bildung soll also auf das Leben vorbereiten und das nötige Wissen bzw. die notwendigen Fertigkeiten vermitteln. Bildung ist Voraussetzung für persönliche Orientierung in einer wertepluralen und komplexer werdenden Gesellschaft, eröffnet aber auch Möglichkeiten, sich im Arbeitsmarkt erfolgreich zu integrieren. Bildung ebnet den Weg zu gesellschaftlicher und politischer Teilhabe und fördert somit die (Mit-)Gestaltungsfähigkeit des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens.16

Erziehung und Bildung lassen sich nach dieser Beschreibung nicht mehr von einander trennen. Durch das Ablösen des Bildungsbegriffs von der reinen Wissensvermittlung und durch die Erweiterung der Bildungsinhalte um Lebensbewältigungskompetenzen und Lernstrategien für lebenslanges Lernen verwachsen Bildung und Erziehung miteinander zu einem ineinander verwobenen Prozess. In anderen Ländern wird für beide Bezeichnungen von vornherein nur ein Ausdruck verwendet. So bezeichnen die Engländer „Bildung" und „Erziehung" gleichermaßen als „education".

In diesem Zusammenhang spielt der Wissenserwerb eine große Rolle. Er ist zwar nicht das primäre Ziel von Erziehung / Bildung, aber dennoch der Schlüssel zur Weiterentwicklung. „Wer keine Ahnung hat, hat keine Meinung"17 sagt aus, dass auch Urteile nur aufgrund von Vorinformationen gebildet werden können. Wissen beinhaltet nicht nur „Fakten", sondern insbesondere Zusammenhänge, Kausalitäten und Schlußfolgerungen. Die Fähigkeit, lernen und selbstreflektiv, verantwortlich und kritisch handeln zu können sind Voraussetzungen für Bildung; ebenso wie reflektierendes Denken, eine kritische Distanz gegenüber neuer Informationen und die Möglichkeit zur Kommunikation.18 Damit ist Bildung an eine Reihe von Kompetenzen gebunden, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklung ausbildet bzw. erwerben muss.

Die dafür notwendigen Bildungsinhalte, Kompetenzen und Erziehungsformen werden zur Zeit auf politischer sowie fachlicher Ebene diskutiert. Um den Ergebnissen dieser Diskussionen näher zu kommen, werde ich im nächsten Kapitel die Anforderungen, die eine sich verändernde Gesellschaft heute und in Zukunft an jeden Einzelnen stellt, herauszuarbeiten.

3. Neue Herausforderungen in einer sich wandelnden Gesellschaft

Unsere Gesellschaft hat sich von einer Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft entwickelt, in der durch neue Forschungsmethoden und -technologien das Weltwissen immer umfangreicher wird und mittels moderner Kommunikationstechnologien in Sekundenschnelle über den gesamten Globus verteilt werden kann. Kompetenzen unserer Zeit und besonders der Zukunft sind daher der Umgang mit den verschiedenen Medien und die Fähigkeit, sich Wissen verfügbar zu machen, auszuwählen, zu bewerten und es anzuwenden. Durch die Globalisierung und der damit verbundenen Zunahme an transnationalen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Beziehungen, haben sich auch Bereiche der Wirtschaft und damit der allgemeinen Arbeitswelt verändert.

Dieser Strukturwandel stellt die heranwachsende Generation vor neue Herausforderungen. Erfolg im Berufsleben ist nicht mehr allein durch die Aneignung von Fachwissen garantiert, vielmehr werden Schlüsselkompetenzen wie lebenslanges Lernen, Teamfähigkeit, vernetztes Denken und Eigeninitiative vorausgesetzt.19

Unsere Gesellschaft hat sich zu einer pluralistischen gewandelt, in der eine Vielzahl von unterschiedlichen Weltanschauungen und Lebenskonzepten nebeneinander existieren. Tradierte Formen des Zusammenlebens werden brüchig, enthalten allerdings auch neue Chancen. Jedem Einzelnen stehen viele Wege offen, die noch vor 50 Jahren schwierig bis unmöglich zu sein schienen. Allerdings muss jetzt erst noch gelernt werden, mit diesen neu gewonnenen Freiheiten umzugehen, die zunehmend Orientierungslosigkeit und Verunsicherung auslösen. Lothar Böhnisch stellt fest, „(...)dass die Menschen in solchen Prozessen der sozialen Freisetzung immer auch nach neuen Formen sozialer Integration suchen. “20

Diese Neuorientierung ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden, da Traditionen und Rituale, die oft Verhaltensmuster und Lebensformen vorgegeben haben, in Frage gestellt oder abgelehnt werden. Für immer mehr Menschen stellt diese Herausforderung der Lebensbewältigung und Selbstfindung eine Überforderung dar. Sie brauchen Anregung, Unterstützung und Beratung.21

Deswegen sind heute häufiger als früher Aushandlungsprozesse zwischen den Individuen nötig, um sich zu verständigen und eine Einheit zu finden, in der sich jeder sozial eingebunden fühlen kann; denn „(...) der moderne Mensch (...) kann nur existieren, wenn er sozial irgendwie eingebunden ist.“22 Das setzt gewisse soziale Kompetenzen, wie z.B. Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen usw. voraus, ohne deren Besitz der Mensch Gefahr läuft, zu vereinsamen. „(...) Es wird zunehmend notwendig, Beziehungen zu stiften und soziale Bezüge, Netze und Lebensräume zu schaffen“23

Natürlich sind die Lebensentscheidungen des Einzelnen immer auch von den äußeren Umständen abhängig, an denen das eigene Glück ausgerichtet werden muss. So hat z.B. die demographische Veränderung durch den seit 30 Jahren verzeichneten Geburtenrückgang bei gleichzeitiger Zunahme der Lebenserwartung die Altersstruktur unserer Gesellschaft sehr verschoben. Dabei hat sich auch der Begriff „Alter" mitsamt den dazugehörigen Perspektiven stark gewandelt. Ältere Menschen wollen mehr denn je weiterhin integriert sein; sie wollen ihr Umfeld mitgestalten, ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung an jüngere Generationen weitergeben, sich selbst weiterbilden, sich selbständig machen u.v.m.. Das Rentenalter soll sinnerfüllt sein; das sollte bereits frühzeitig in der Lebensplanung berücksichtigt werden.

Der Wandel der gesellschaftlichen Strukturen hat auch Einfluss auf das Leben in Familien. Die klassische Großfamilie, in denen mehrere Generationen unter einem Dach lebten, zerfällt zu segmenthaften Familienbruchstücken. Die Anzahl der Ein-Eltern-Familien, in denen zu 87% die Mütter mit ihren Kindern alleine leben, nimmt deutschlandweit zu. Die Bereiche Kindererziehung, Erwerbstätigkeit und Haushalt sind von ihnen alleine zu bewältigen. Diese besondere Herausforderung wird für viele zu einer Überforderung. Allein die Familienform hat zwar keinen direkten Einfluss auf Entwicklungs- und Lernprozesse von Kindern24, weil jedoch rund ein Drittel dieser Ein-Eltern-Familien in Armut leben, ergeben sich aus diesem Zusammenhang indirekte

Benachteiligung und damit spezifische Mangellagen, auf die ich noch eingehen werde. 25 Die Trennung der Eltern bedeutet für viele Kinder zusätzlich eine große psychische Belastung, wenn z.B. Sorgerechtsangelegenheiten nicht geklärt sind oder ein Elternteil für das Kind nicht mehr greifbar ist.

Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst gegen Kinder an sich oder aber zumindest gegen eine Mehrkindfamilie, da die Lebensbedingungen für Familien schlechter werden.26 Diese erschwerten Umstände setzen sich aus veränderten Wirtschafts- und Arbeitsmarkverhältnissen, gesellschaftliche Wertorientierungen sowie familien- und sozialpolitische Regelungen und nicht zuletzt auf unzureichend ausgebaute Kinderbetreuungsgelegenheiten zusammen.27

Deutschland ist ein Zuwanderungsland, in dem fast 10% der Familien ausländisch sind. Daraus ergibt sich eine sprachliche und kulturelle Vielfalt, die aber auch ein erhebliches Konfliktpotential in sich trägt. Im Vergleich zu deutschen Kindern haben Migrantenkinder insgesamt schlechtere Entwicklungschancen. Ihre Eltern weisen häufiger einen niedrigeren Bildungsstand auf, ihre Deutschkenntnisse sind unterdurchschnittlich und ihre Familien leben häufiger in ärmlichen Verhältnissen.28

Mittlerweile sind Immer mehr Kinder von Armut betroffen. Bedingt durch die zunehmende Arbeitslosigkeit und der Einführung des Arbeitslosengeldes II, das die ehemalige Sozialhilfe ablöste, leben immer mehr Familien am Existenzminimum bzw. in Armut. Laut einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (DPWV) ist die Zahl der von Armut betroffenen Kinder unter 15 Jahren von 965.000 (Stand Ende 2004) auf 1,7 Millionen gestiegen. Davon nehmen schätzungsweise 200.000 ihr Anrecht auf Sozialleistungen nicht wahr. 14,2% der in Deutschland beheimateten Kinder leben somit in Armut (Westdeutschland 12,4%, Ostdeutschland 23,7%, einzelne Städte wie z.B. Görlitz und Bremerhaven erreichen sogar 35% bzw. 38,4%)29. Dadurch sind Kinder vom normalen gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Übliche Unternehmungen oder Förderangebote wie Musikunterricht, Turnen im Sportverein, Zoobesuche, Kino oder Computerkurse sind für die betroffenen Familien nicht bezahlbar.30

Auch in Nachhilfeunterricht oder in eine Computerausstattung, die es den Kindern ermöglichen würde, effektiver und erfolgreicher zu lernen, kann nicht investiert werden. Allein die nötige Erstausstattung zum Schulbeginn wie Schulranzen, Bücher, Hefte, Stifte usw. ist für viele Familien, die von ALG II leben, fast unbezahlbar. Für die Kinder bedeutet dieser Zustand oft schon bei Schuleintritt eine Stigmatisierung und ein Ausgegrenztsein von den Möglichkeiten modernen Lernens. Kinder aus armen Familien wachsen oft in einer anregungsarmen Umgebung mit schlechter Infrastruktur und ghettoisierten Wohngegenden auf.31 Sie haben weniger Kontakte zu Gleichaltrigen, sind einerseits stärker an das Elternhaus gebunden, bekommen dort aber aufgrund fehlender Außenkontakte und -aktivitäten weniger Gelegenheiten zu kognitiven und sozialen Aneignungsprozessen.32 Sie weisen gegenüber Mittelstandkindern häufiger Defizite in der kognitiven, körperlichen, sprachlichen und sozioemotionalen Entwicklung auf. Oft beginnt ein Teufelskreis: „Kinder, die in Armut aufwachsen, erreichen signifikant niedrigere Bildungsabschlüsse als Mittelschichtkinder, bekommen ihr erstes Kind oft verfrüht und sind als Erwachsene häufiger von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. “33

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich Faktoren wie Armut, Migrationshintergrund, niedriges Bildungsniveau der Eltern und schlechte Deutschkenntnisse negativ auf die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern auswirken. Statistisch gesehen entscheiden sich sowohl ausländische Familien gegenüber deutschen als auch sozioökonomisch schlechter gestellte Familien gegenüber besser gestellten und Familien mit niedrigem Bildungsniveau gegenüber Familien mit höherem Bildungsniveau häufiger für ein Kind bzw. mehrere Kinder. Dadurch nehmen Kinder mit voraussehbar verminderten Bildungschancen prozentual zu. Darüber hinaus bedingen sich o.g. Faktoren oft gegenseitig, sodass sich neben dem prozentualen Zuwachs so genannter „Risikokinder“ auch die bei ihnen vorliegenden Problemlagen als vielschichtig und komplex darstellen. Diese Feststellungen sind wichtige Grundlagen für die Ausarbeitung neuer Bildungskonzepte und der Beteiligung von Sozialarbeitern an den kindlichen Bildungsprozessen (s. Kapitel 5 ff).

Im Wissens- und Bildungsdelphi, das von 1996 -1998 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung durchgeführt wurde, schätzten Bildungsexperten ein, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Qualifikationen Kindern im Bildungssystem des Jahres 2020 vermittelt werden sollten. Es handelt sich bei der Studie um ein systematisches, mehrstufiges Interviewverfahren bzw. eine Schätzmethode zur Erfassung zukünftiger Ereignisse, Trends, technischer Entwicklungen usw.. Dabei wird einer Gruppe von Experten ein Fragenkatalog des betreffenden Fachgebiets vorgelegt. Die schriftlich erhaltenen Antworten, Schätzungen, Ergebnisse etc. werden aufgelistet und mit Hilfe einer speziellen Mittelwertbildung zusammengefasst und den Fachleuten anonymisiert erneut für eine weitere Diskussion, Klärung und Verfeinerung der Schätzungen vorgelegt. Dieser kontrollierte Prozess der Meinungsbildung erfolgt gewöhnlich über mehrere Stufen. Das Endergebnis ist eine aufbereitete Gruppenmeinung, die die Aussagen selbst und Angaben über die Bandbreite vorhandener Meinungen enthält.34 In Bezug auf Bildungsinhalte der Zukunft wurden aus den Expertenmeinungen folgende Ergebnisse veröffentlicht: Als eine der wichtigsten Fähigkeiten für die Zukunft wird die lerntechnische und lernmethodische Kompetenz genannt. Darüber hinaus werden psycho-soziale Kompetenzen, Fremdsprachenkompetenz, spezifische Fachkompetenz, Medienkompetenz und interkulturelle Kompetenz immer wichtiger.35

Nachdem die Anforderungen, die das Leben an die heranwachsenden Generationen stellt, aufgezeigt wurden, muss das Bildungssystem dahingehend überprüft werden, ob es Schlüsselqualifikationen der Zukunft angemessen vermittelt und dem öffentlichen Druck standhält.

3.1. Ein Blick auf unser defizitäres Bildungssystem

Bereits in den 80er Jahren wurden erste Stimmen laut, die eine Reformierung des bundesdeutschen Bildungssystems forderten. Doch erst nachdem unterschiedliche Studien den Mangel des Systems dokumentiert haben, scheint Deutschland diesbezüglich erwacht zu sein.

Bislang galt die Schule als wichtigste Bildungsinstanz. Sie hat die Aufgabe von Qualifikation und begibt sich in ein Spannungsfeld aus Integration (in die Gesellschaft eingliedern, politische / ethische Normen vermitteln) und Selektion (Zuteilung von Sozialchancen, Weichenstellung bezüglich Stellung in der Gesellschaft Verdienstmöglichkeiten, Ansehen,...).36 Schule soll die Entwicklung individueller Fähigkeiten und Interessen fördern und gleichzeitig Kenntnisse und Fertigkeiten, die Kinder und Jugendliche auf die Wahrnehmung verantwortlicher Aufgaben, Rechte und Pflichten im Privatleben, Beruf und in der Gesellschaft vorbereiten, vermitteln.37 Sie soll den Nachwuchs so ausbilden, dass die gesellschaftliche Zukunft gesichert ist. Die Bedürfnisse der Gesellschaft stehen jedoch den Bedürfnissen des Individuums nach Entfaltung gegenüber. Diese Spannungen sind in Schule aber nicht lösbar!38

Viele Kinder kommen aus belasteten Familien, die Problemlagen und Lebenswelten sind vielfältig. In der Schule treffen Kinder und Jugendliche mit verschiedenem ethnischen Ursprung, mit Sprachschwierigkeiten, mit unterschiedlichem ökonomischem Background, ungeklärten Geschlechterkonflikten, vielfältigen Familienformen usw. aufeinander. Die Schule wird zum Austragungsort von Konflikten, die aus einer sich wandelnden Gesellschaft entstehen. Sie kann aber aufgrund starrer Organisationsstrukturen und einengenden Lehrplänen nur unzureichend darauf eingehen und wird sie letztlich auch nicht lösen können, da es in erster Linie gesellschaftliche bzw. politische Probleme sind.

Mittels unterschiedlicher Studien wurde immer wieder die Schule als Bildungsinstitution auf Erfüllung ihrer Aufgaben hin untersucht. Den größten öffentlichen Raum haben wohl die Ergebnisse der „ PISA-Studie “ eingenommen und der Diskussionen um eine Bildungsreform neuen Schwung gegeben. Die Studie wurde von der OECD („Organisation for Economic CO-Operation and Development“) initiiert. Die OECD ist 1961 aus der OEEC (Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit) hervorgegangen, besteht aus 30 Mitgliedsstaaten (u.a. Deutschland) und hat das Ziel zur Entwicklung der Weltwirtschaft beizutragen. Der gegenseitige Austausch auch mit Nichtmitgliedsstaaten soll die weltweite Vernetzung nutzen, um Wirtschafts-und Sozialpolitiken zu konzipieren, die z.B. höhere Beschäftigungsniveaus zur Folge haben.

„ Die OECD mit ihren makroökonomischen, handelspolitischen und strukturpolitischen Empfehlungen sowohl für die nationale als auch für die internationale wirtschaftspolitische Diskussion ist für die Bundesregierung eine der bedeutendsten und anerkanntesten wirtschaftspolitischen Beratungsorganisationen im internationalen Bereich. Die OECD ist auch in Zukunft in der Lage, wichtige, von anderen internationalen Organisationen nicht zu erbringende Beiträge bei Analyse und Politikgestaltung im Rahmen wirtschaftlichen Handelns im globalisierten Umfeld zu leisten. “ 39 Neben dem Dialog zählen auch Prüfungen zu den Instrumenten der OECD. Ein Schwerpunkt der OECD- Aktivitäten ist neben Finanz- und Geldpolitik, Armutsbekämpfung uvm. auch der Bereich Erziehung und Bildung. Um die Qualität der Bildungssysteme zu durchleuchten, wurde die „ PISA-Studie “ entwickelt („Programme for International Student Assessment“).

Ziel der „ PISA - Studie “ war und ist es, den Leistungsstand 15-jähriger Schüler aller Schulformen und Länder zu messen und miteinander vergleichbar zu machen, um dadurch Einblicke in die schulische Förderung zu bekommen und Rückschlüsse auf die Effektivität und Aktualität von Bildungskonzepten ziehen zu können. Es geht darum, zu überprüfen, wie gut Schüler auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet werden.40 Aus den Ergebnissen sollen sich auch Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Verbesserung der Bildungssysteme der jeweiligen Staaten ergeben. Die Studie soll alle drei Jahre durchgeführt werden, um die Wirkung von Veränderungen eines Bildungssystems zu verfolgen. Dabei geht es um die drei Kernbereiche Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch um den Einfluss von Unterricht, Elternhaus und Freundeskreis auf die Schulleistungen, die Kompetenzen und das Erleben junger Menschen.

Im Jahr 2000 wurde die Studie mit dem Schwerpunkt „Lesekompetenz“ zum ersten Mal in 32 Industriestaaten durchgeführt. Deutschlands Schüler belegten Platz 21 und erreichten damit ein unterdurchschnittliches Gesamtergebnis. Im Jahr 2003 beteiligten sich die 30 Mitgliedsstaaten sowie 11 Partnerländer an der auf den Schwerpunkt Mathematik ausgelegten zweiten Pisa-Studie, in der Deutschland Platz 19 belegte. 2006 soll der Fokus der PISA-Studie auf den Naturwissenschaften liegen.

Insgesamt schnitt Deutschland im Ländervergleich sehr schlecht ab, 22,6 % der deutschen Schüler erlangten im Jahr 2000 nur das niedrigste Testniveau. Diese Zahl ist für eine große Industrienation erschreckend hoch. Weiterhin wurde dokumentiert, dass „ in keinem anderen vergleichbaren Staat der Welt (...) der Schulerfolg so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern abhängt wie in Deutschland. “ 41 Das deutsche Schulsystem muss daher Arbeiter- und Migrantenkinder besser fördern, denn „ bei gleicher Begabung hat ein Akademikerkind in Deutschland eine mehr als dreimal so große Chance, das Abitur zu erlangen, als ein Facharbeiterkind. “ 42 Diese so genannten Risikoschüler verlieren also zunehmend den Anschluss an ihre Mitschüler und finden im deutschen Bildungssystem zu wenig Aufmerksamkeit.

Auf der Suche nach Gründen für diese miserablen Ergebnisse nannte die OECD, dass Deutschland insgesamt zu wenig in die Bildung investiere und die Schüler unzureichend fördere. Dadurch gefährde es sich selbst als Wirtschaftsstandort. Die OECD-Staaten erhöhten zwischen 1995 und 2001 ihre Investitionen für Schulen um 21 Prozent und für Hochschulen sogar um 30%. Deutschland erhöhte die Mehrleistungen für Schulen dagegen nur um 6% und für Hochschulen um nur 7%. Insgesamt investiere Deutschland mit 9,7 % der öffentlichen Ausgaben gegenüber 12, 7 % im OECD- Länderdurchschnitt deutlich zu wenig in seine Bildungseinrichtungen.43

Die Studie bemängelt ebenfalls, dass bereits in Kindertagesstätten ungünstige Verhältnisse bezüglich des Betreuungsschlüssels vorliegen. Auf rund 24 Kinder kommt hierzulande nur eine Betreuungsperson; der OECD-Durchschnitt liegt jedoch bei 15 Kindern. In deutschen Grundschulen hätten Kinder mit 626 Unterrichtsstunden pro Schuljahr deutlich weniger Unterricht als in vielen anderen Industriestaaten (Durchschnitt: 788 Stunden). Laut Empfehlungen des OECD-Berichtes muss mehr in den vorschulischen Bereich investiert werden und gleichzeitig sollte die Ausbildung der Erzieher zukünftig auf ein Hochschulniveau angehoben werden.44 Außerdem weist der UN- Menschenrechtsexperte Vernor Munoz, der im Februar 2006 auf einer 10-tägigen Besuchertour das deutsche Schul- und Bildungssystem begutachtete eindringlich darauf hin, dass vorschulische Bildung kostenlos sein müsse, um Benachteiligungen frühzeitig aufzulösen denn „ Bildung ist ein Menschenrecht “ . 45

Gefordert wird eine Erziehungs- und Bildungsgrundlage, die das Lernen an der eigenen Person und sozialen Beziehungen anlegt, d.h. unter Berücksichtigung der individuellen Lebenswelt mit individuellen Lebensmöglichkeiten und Schwierigkeiten.46 Hieraus ergeben sich für mich zwei Konsequenzen: Einerseits erachte ich den qualitativen und quantitativen Ausbau von Frühförderangeboten für Kleinkinder (0 - 6 Jahre) als besonders wichtig. Hierauf werde ich noch näher eingehen.

Andererseits müssen Bereiche der Schulsozialarbeit bzw. Kooperationsformen zwischen Bildungseinrichtungen und Jugendhilfe stärker ausgebaut werden. Bereits in Kapitel 3 (Seite 13) wies ich darauf hin, dass die Anzahl von „Risikokinder“ im gesamten Bildungsbereich zunimmt und die Problemlagen dieser Kinder oft sehr komplex sind. Schulsozialarbeit adaptiert nun Methoden und Grundsätze der Sozialen Arbeit auf das System Schule. „ Schulsozialarbeit ist ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe, das mit der Schule in formalisierter und institutionalisierter Form kooperiert. Schulsozialarbeit setzt sich zum Ziel, Kinder und Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens zu begleiten, sie bei einer für sie befriedigenden Lebensbewältigung zu unterstützen und sie zur Lösung von persönlichen und / oder sozialen Problemen zu fördern. “ 47 So kann Erziehung und Bildung an der Lebenswelt der Schüler ausgerichtet werden, Problemlagen verbessert und auch der Weg zu Ganztagsschulen eröffnet werden (s. Kapitel 4.3., Unterpunkt 2.). Da Kindertageseinrichtungen dabei sind, sich als Bildungseinrichtungen zu etablieren, möchte ich o.g. Handlungsfeld auch auf den frühkindlichen Bereich beziehen. Auch hier sollen Kinder Hilfestellungen im Entwicklungsprozess erhalten.48

[...]


1 Zitat n. Goeudevert (2001) vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung (Stand Februar 2006)

2 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005, S. 56-57)

3 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 144)

4 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005, S. 57)

5 vgl. Schaub; Zenke (1995, S.127-128)

6 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung (Stand Februar 2006)

7 vgl. ebenda

8 vgl. ebenda

9 vgl. Liebau, Eckart „Jugendhilfe, Bildung, Teilhabe“ in „Bildung und Lebenskompetenz“, 2002,S. 24

10 vgl. ebenda

11 vgl. ebenda (S.25)

12 Liebau in Münchmeier; Otto; Rabe-Kleber (Hrsg.) (2002, S.22)

13 Paul, (1807) In: Liebau, Eckart (2002, S.27)

14 Liebau in Münchmeier; Otto; Rabe-Kleber (Hrsg.) (2002, S.27-28)

15 Friedrich Paulsen. In: W.Rein (Hrsg.) (1903, S. 658 - 670)

16 vgl. Liebau, Eckart „Jugendhilfe, Bildung, Teilhabe“ in „Bildung und Lebenskompetenz“, S. 29-30

17 Joschka Fischer, Starnberg 2002 in einer Beilage der Süddeutschen Zeitung

18 vgl. Schäfer (2004, S. 2)

19 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 14)

20 Böhnisch (1997, S. 29)

21 vgl. Thiersch (1992, S. 27)

22 Böhnisch (1997, S. 29)

23 Thiersch. In Schilling, „Soziale Arbeit"

24 Mahler; Winkelmann (2004). In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), (2005, S. 252)

25 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 21)

26 ebenda (S. 15)

27 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005, S. 74)

28 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 22)

29 vgl. www.wsws.org/de/2005/sep2005/hart-s03.shtml World Socialist Web Site (Stand Januar 2006)

30 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005, S. 199)

31 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 16)

32 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005, S. 198)

33 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2003, S. 16)

34 vgl. Kuwan, Waschbüsch (1998, S. 5ff)

35 vgl. ebenda (S. 44 ff)

36 Tilmann/ Hollenstein (2002, S. 38 - 49)

37 Badry in Badry, Buchka, Knapp (2003)

38 vgl. FOCUS 8/2006, S. 59

39 http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/aussenwirtschaft/awpolitik/oecd_html (Stand 2006)

40 vgl. Fthenakis (2003, S. 13)

41 http://zope1.free.de/sofodo/themen/bildungsabbau/pisa-2/ (Stand Februar 2006)

42 http://www.lpb.bwue.de/aktuell/pisa.php3#kindergarten (Stand Februar 2006)

43 vgl. ebenda

44 vgl. ebenda

45 vgl. http://morgenpost.berlin1.de/desk/849399.html (Stand 21.2.2006)

46 Thiersch; In Drilling, M. (2003, S. 8)

47 Drilling (2003, S. 95)

48 vgl. ebenda (S. 96)

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Chancen bilden - Frühkindliche Bildung als gesellschaftlicher Auftrag an die Professionellen der Sozialen Arbeit
Hochschule
Hochschule Hannover  (Diakonie, Gesundheit und Soziales)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
86
Katalognummer
V168460
ISBN (eBook)
9783640880591
ISBN (Buch)
9783640880782
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Jasmin Hamidi nähert sich ihrem Thema, mit dem sie aktuelle Forschungsergebnisse zusammentragen und daraus neue pädagogische Ansätze und Methoden entwickeln, die Handlungslegitimation von Sozialer Arbeit an frühkindl. Bildungsprozessen belegen, sowie konkrete Handlungsfelder benennen möchte, in neun sinnvoll aufeinander aufbauenden Kapiteln. Ein sehr hoher Anspruch, dem J.Hamidi in sehr überzeugender Weise, sprachlich einwandfrei und engagiert gerecht wird.
Schlagworte
Frühkindliche Bildungsprozessen, Bildungssystem, „Forum Bildung“, Soziale Frühwarnsysteme, Kompetenznetzwerk, Hirnforschung, frühkindliches Lernen
Arbeit zitieren
Jasmin Hamidi (Autor), 2006, Chancen bilden - Frühkindliche Bildung als gesellschaftlicher Auftrag an die Professionellen der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168460

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