Machiavelli, der verkannte Republikaner?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

GLIEDERUNG

A. Einleitung

B. Machiavelli, der verkannte Republikaner ?
I. Machiavellis Menschen- und Geschichtsbild
I.1. Der politische Mensch
I.2. Geschichte und Ihr politischer Nutzen
II. Machterhalt als höchste Maxime - Vom Principe zu den Discorsi
III. Die republikanische Mischverfassung als Idealtypus ?
III.1. Vorbild Rom
III.2. Machiavelli und die Religion

C. Schluss

D. Literatur

A. Einleitung

Bei dem Blick auf die Liste der bedeutenden, klassischen Staatstheoretiker der frühen Neuzeit, fällt besonders der Florentiner Niccolò Machiavelli ins Auge. Auf der einen Seite entstand ein überwiegend negatives Bild Machiavellis, das sich vorwiegend auf die Aussagen seines bekanntesten Werkes, dem Principe stützt. Sein Name ging seit seines Ablebens, in erster Linie mit einer unmoralischen, rücksichtslosen und machtakkumulierenden Politik konform: dem so genannten Machiavellismus. Eine Staatskunst, die sich im Zweifelsfall über jegliche Grenzen, wie Moral oder Religion hinwegsetzt, um die eigenen Interessen verfolgen zu können. In diesem Zusammenhang ließ sich beispielsweise schon 1545 der englische Kardinal Reginald Pole zu der Aussage hinreißen, der Principe müsse mit dem Finger Satans geschrieben worden sein.1 ! Auf der anderen Seite finden sich jedoch zahlreiche Aussagen, die Machiavelli keinesfalls, oder nicht ausschließlich als rücksichtslos bezeichnen und sogar eine besondere Nähe seiner Person zum republikanischen Idealdenken, feststellen wollen. Unter spezieller Berücksichtigung jener zweiten Gruppe und Machiavellis Werken Il principe und den Discorsi , setzt diese Arbeit ihren Fokus auf Machiavelli den Republikaner, dessen Menschen- und Geschichtsbild stark von der römischen Blütezeit beeinflusst wurde und sein staatliches Idealbild in einer dauerhafte, republikanischen Mischverfassung findet, ähnlich der bewunderten Römischen Republik. In den folgenden Abschnitten soll deutlich werden, inwiefern Machiavelli Unrecht getan wird, wenn er ausschließlich als ein Menschen verachtender Kriegstreiber - kurz: Machiavellist - betitelt wird.

B. Machiavelli, verkannte Republikaner ?

Um Machiavellis Werke richtig verstehen zu können, muss man sich zunächst die geschichtliche Situation Italiens zum Ende des Mittelalters vor Augen führen. Nur wenn man ihn in diese Welt zurücksetzt, in der sich seine Vorstellungen ursprünglich gebildet haben, kann man die außergewöhnlichen Angriffe auf die verbreiteten moralischen Ansichten seiner Zeit erkennen und honorieren.2 Zwar rückt die dunkle Epoche des Mittelalters dem Ende entgegen, im Vergleich mit dem einstigen Glanz des Römischen Reiches, war Florenz weiterhin Schauplatz politischer Intrigen und wirtschaftlicher Krisen.3 Obwohl Machiavelli sein Leben lang, trotz allen persönlichen Elendes - wie der Entbindung von seinen politischen Ämtern - stets von starken Herrschern, wie den wiederkehrenden Medici, umgeben war und beeinflusst blieb, begab er sich dennoch auf die Suche nach der bestmöglichen Lösung für einen dauerhaften Frieden und einen beständigen Staat; und dies unabhängig von seiner eigenen Person. Im Principe richtet sich das Wort direkt an den Herrscher Lorenzo de Medici: unter anderem, damit dieser Machiavellis Wunsch nachkomme, Italien von fremden Einflüssen zu befreien, ähnlich wie sich das israelische Volk aus der Knechtschaft der Ägypter befreite.4 ! Noch heute wird Machiavelli mit den verschiedensten politischen Seiten in Verbindung gebracht. Obwohl er sich nie ganz eindeutig für eine bestimmte Richtung aussprach, schien er, in der sich durch die Mischverfassung auszeichnende Republik, das scheinbar geeignete politische System gefunden zu haben. Er konnte in seiner Lebenssituation selbst kaum von einer möglichen Kompromissbereitschaft profitieren, wie sie etwa in einer Republik zu finden wäre5 - indem er sich aus Florenz zurückzog - und doch ist seine republikanische Überzeugung, gerade in den Discorsi , klar sichtbar.6

So geben seine Schriften zwar reformbereite, republikanische und für seine Zeit recht innovative Ideen wieder. Aber dem gegenüber weisen sich andere Passagen, besonders im Principe , um so konservativer aus. Ein Herrscher, vor allem ein unerfahrener, müsse zum Beispiel „gegen die Treue [und] Menschlichkeit [...] verstossen“7, die Bürger folglich missbrauchen und enttäuschen und je nach Notwendigkeit, „Löwe“, oder „Fuchs“8 sein, um den Staat zu erhalten.9 Im 1. Buch der Discorsi beschreibt Machiavelli hingegen, dass sich selbst der Herrscher an bestehende Gesetze unbedingt zu halten hat, um dem Volk ein Leitbild zu präsentieren.10

„Denn ich glaube nicht, daß man in einem Staat ein schlechteres Beispiel geben kann, als ein Gesetz zu erlassen und nicht zu beachten; das schlimmste aber ist, wenn der Gesetzgeber selber es nicht einhält“.11

Welche der teilweise kontroversen Aussagen für Machiavelli nun letztendlich mehr Gültigkeit besitzen, hängt vielmehr von der jeweiligen politischen Ausgangsbedingung ab.12 Ihn interessierte also primär das erfolgsversprechende politische Handeln, dass dem Staat zu wahrer Größe verhilft.

Machiavelli nimmt den aristotelischen Gedanken auf, nach dem kein politisches System durch ein dauerhaften Bestehen hervorsticht. Da es ihm aber insbesondere auf diese Beständigkeit ankommt, verweist er bei der Wahl der geeigneten Staatsform auf die jeweiligen politischen Gegebenheiten. Wichtig sei es jedoch zeitgemäß zu agieren.13 Am ehesten geeignet scheint ihm aber die erfolgreiche Etablierung einer Mischverfassung im Staat, die auch das Volk berücksichtigt:

„Ich widerspreche der allgemeinen Ansicht, die behauptet, Völker wären, wenn sie regieren, unbeständig, veränderlich und undankbar.“14

I. Machiavellis Menschen- und Geschichtsbild

I.1. Der politische Mensch

Obwohl Machiavelli lange nach dem Ende der Zeit der Bürgerhumanisten15 aufwuchs, könnte man ihn als Humanisten betiteln, da auch er mit großem Interesse die Möglichkeiten verfolgte die bürgerliche Freiheit zu wahren und die Republik zu erhalten.16

Nicht zuletzt im Principe analysiert Machiavelli diesen Punkt und verweist auf die enorme Wichtigkeit der Liebe des Bürgers zu seinem Heimatstaat, der Treue zum herrschenden Fürsten sowie eine sittliche Grundhaltung, die durch geeignete Verfassungseinrichtungen nur unterstützt, nie jedoch ersetzt werden kann. Gerade da die Fürsten Italiens dies nicht beachtet sahen, hätten sie ihre Staaten verloren.17 Ein System, das nicht auf seine Bürger setzt, kann folglich nicht von langer Lebensdauer sein,18 worauf es Machiavelli jedoch unbedingt ankommt. Machiavelli thematisiert folglich nicht nur eine Erklärung des Politischen an sich, sondern ihn interessieren zwei Größen, die fest zusammenhängen und doch nichts miteinander zu tuen habe, der Mensch und der Staat.19

„Da er den Staat aus geistlicher Bevormundung befreit, sieht er sich veranlaßt, ihm auch, nicht immer sehr systematisch, nach seinem Ursprung, seinem politischen Lebensweg, seinem organischen Gefüge [...] der entsprechenden Verfassung und den zugehörigen Institutionen - sowie nach dem damit verbundenen `Lebenszweck´, der Staatsräson, zu fragen und abzutasten“.20

An einigen Stellen seiner Schriften lässt sich Machiavelli zu einer „Allmachts - Proklamation des Staates drängen.“21 Jedoch macht er besonders in den Discorsi mehrmals deutlich, dass das beschriebene Gemeinwesen nur durch Bürgerhilfe entsteht. Tatsächlich spricht Machiavelli dem Bürger allerhand politisches Entscheidungsgewicht zu, um langfristig die Freiheit des Staates besser zu gewährleisten.22 Er war also keinesfalls, wie bis heute oftmals behauptet wird, ein Befürworter staatlicher Willkür. Vielmehr weist er immer wieder auf die enorme Wichtigkeit hin, selbst den gemeinen Bürger am politischen Geschehen partizipieren zu lassen.

„Er hat dies freilich nicht getan, weil er ein überzeugter Verteidiger der Menschenrechte oder Anwalt der Demokratie gewesen wäre, sondern weil er unter den Bedingungen, die innere Stabilität des Staates auf lange Sicht gesichert ansah“.23

[...]


1 Vgl. Diesner, S. 165.

2 Vgl. Skinner, S. 12.

3 1494 wurden die Medici aus Florenz verjagt, nach einer kurzen Schreckensherrschaft von Savonarola und der Einrichtung einer Republik, kehrten die Medici 1512 wieder. Vgl. Machiavelli, Il principe, VII.

4 Vgl. Machiavelli, Il principe S. 131.

5 Vgl. Diesner, S. 63.

6 Vgl. Ottmann S. 52.

7 Machiavelli, Il principe, S. 91.

8 Zitate aus: Machiavelli, Il principe, S. 89.

9 Vgl. Machiavelli, Il principe, S. 91.

10 Vgl. Machiavelli, Discorsi, S. 125.

11 Machiavelli, Discorsi, S125.

12 Vgl. Diesner, S. 13.

13 Vgl. Machiavelli, Discorsi, S. 327.

14 Machiavelli, Discorsi, S. 158

15 Bürgerhumanist, Begriff besonders von Hans Baron geprägt.

16 Vgl. Kersting, S. 129.

17 Vgl. Machiavelli, Il principe, S.124.

18 Vgl. Kersting, S. 129.

19 Vgl. Diesner, S. 156 .

20 Diesner, S. 156.

21 Diesner, S. 163.

22 Vgl. Machiavelli, Discorsi, S. 14.

23 Diesner, S. 377.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Machiavelli, der verkannte Republikaner?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V168483
ISBN (eBook)
9783640855513
ISBN (Buch)
9783640855162
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machiavellistisch, machiavellismus
Arbeit zitieren
Anthony Stern (Autor), 2010, Machiavelli, der verkannte Republikaner?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168483

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