Vergleicht man kritische Stimmen zur Figur der Luciane in Goethes "Wahlverwandtschaften", kann man zu dem Schluss kommen, dass sie eine für die Haupthandlung des Romans unbedeutende Rand- oder Nebenfigur sei. Es wird auf ihre "Eindimensionalität"[1]
oder die Oberflächlichkeit ihres Wesensverwiesen. Sie wird bereits von Zeitgenossen Goethes als Kontrastfigur zu Ottilie[2] gedeutet, und die Beschreibung ihres Charakters führt zu überwiegend negativen Werturteilen. Solche Auffassungen lassen sich ohne weiteres
aus dem Text heraus belegen, wenn man sie als Richtschnur einer selektiven Vorgehensweise verwendet. Luciane scheint nicht hineinzupassen in die idyllische Umgebung ihrer ländlichen
Gastgeber, vielmehr aus dem Rahmen zu fallen, viel Staub aufzuwirbeln und den Fluss der Handlung zu unterbrechen. Sie fällt mit ihrem Gefolge wie "ein wildes Heer" (WV, S. 141) in
diese ländliche "Stille" ein (WV, S. 141), erzeugt hektische Betriebsamkeit und stellt alles auf den Kopf, bevor die Handlung, wie der Erzähler in Bezug auf Ottilies Tagebucheinträge
feststellt (WV,S. 148), den "roten Faden" wieder aufnimmt.
Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit man durch ein solches Verfahren der Figur Lucianes und ihrer Bedeutung im Gesamtzusammenhang des Romans gerecht wird. Wenn man sie aus
dem Zusammenhang herausgelöst betrachtet, läuft man Gefahr, sich auf ihren zweifellos egozentrischen Charakter zu konzentrieren und dabei zu übersehen oder zu vernachlässigen, dass sie auch und vor allem das Produkt der Gesellschaft ist, aus der sie stammt und die sie
umgibt, und der Erziehung, die man ihr angedeihen ließ. Bezieht man hingegen diesen Zusammenhang in die Betrachtung mit ein, so ergibt sich möglicherweise, dass es eine ganze Reihe von Überschneidungen und Schnittmengen mit ihrem familiären und gesellschaftlichen
Umfeld gibt, die ihr Wesen und ihr Verhalten in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es ist daher ein Anliegen dieser Arbeit, einen erweiterten Bezugsrahmen aufzuzeigen, in dem Lucianes Wirken im komplexen menschlichen Beziehungsgefüge des Romans auf eine breitere
Basis gestellt wird, um sowohl ihr spezifisches Eigenleben als auch das Zusammenspiel ihres Verhaltens mit dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld einer genaueren Prüfung zu
unterziehen. Lucianes Auftritt in den Kapiteln II. ,4. - 6., hat eine Vorgeschichte und Auswirkungen, die eine solche Untersuchung wert sind.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Vorgeschichte
- Zähmung der Natur
- Standeskonformität und Selbsttäuschung
- Die Rolle der Erziehung
- Im Brennpunkt des Geschehens
- Die Situation bei Lucianes Ankunft
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung der Figur Luciane in Goethes "Wahlverwandtschaften" und hinterfragt die gängige Interpretation, sie als unbedeutende Nebenfigur zu betrachten. Sie beleuchtet Lucianes Wirken im komplexen Beziehungsgefüge des Romans, um sowohl ihr spezifisches Eigenleben als auch das Zusammenspiel ihres Verhaltens mit dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld einer genaueren Prüfung zu unterziehen.
- Die Rolle von Besitz und Begierde im Denken und Fühlen der Figuren
- Die Bedeutung von Erziehung und gesellschaftlichen Normen für die Charakterentwicklung
- Die Thematik der Selbsttäuschung und der Unvereinbarkeit von scheinbar kompatiblen Lebensentwürfen
- Die Darstellung von Natur als sowohl bedrohliche wie auch domestizierbare Kraft
- Die Verbindung von Schein und Wirklichkeit in der Romanhandlung
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung untersucht die kritischen Stimmen zu Lucianes Figur und stellt die Notwendigkeit einer erweiterten Betrachtung ihres Einflusses auf die Handlung des Romans heraus. Die Vorgeschichte beleuchtet Lucianes familiären Hintergrund und die prägenden Einflüsse ihrer Erziehung. Dabei wird die Bedeutung von Besitz und Begierde, Standeskonformität und Selbsttäuschung sowie die Rolle der Erziehung in der Entwicklung von Lucianes Charakter beleuchtet. Der Abschnitt "Im Brennpunkt des Geschehens" beschreibt die Situation im Schloss bei Lucianes Ankunft und die veränderten Beziehungen zwischen den Protagonisten.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen der "Wahlverwandtschaften", der Figur der Luciane, der Bedeutung von Erziehung und Gesellschaft, der Thematik von Besitz und Begierde, der Darstellung von Natur und der Verbindung von Schein und Wirklichkeit.
- Quote paper
- Hans-Georg Wendland (Author), 2011, Für die Welt geboren - Lucianes Bedeutung im Beziehungsgefüge von Goethes "Wahlverwandtschaften", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168561