Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen der unterschiedlichen Sozialisation in der ehemaligen DDR und BRD auf die Bindungsqualität der heutigen Erwachsenen. Grundlegend wird die Bindungstheorie, die Kulturdimension Kollektivismus versus Individualismus und die unterschiedliche Erziehung in den ersten drei Lebensjahren in der ehemaligen DDR und BRD erklärt. Der Fokus der Arbeit liegt auf der Erziehung der Säuglinge und Kleinkinder in den DDR-Tageskrippen. Es wird ein bestehender Datensatz zur Untersuchung der folgenden zwei Forschungsfragen genutzt:
1. Gibt es einen Unterschied im Bindungsverhalten bei den heutigen Erwachsenen, die in der ehemaligen DDR geboren sind, und denen, die in der BRD geboren sind?
2. Kann ein Unterschied im Bindungsverhalten bei den heutigen Erwachsenen festgestellt werden, die in der ehemaligen DDR in einer Kinderkrippe betreut wurden, im Vergleich zu den Erwachsenen, die in der DDR in der Familie betreut wurden?
Die Bindungsqualität wird mittels der Fragebögen ECR-RD und ADA erfasst. Die Auswertung mittels t-Tests ergab für beide Forschungsfragen keine signifikanten Unterschiede in den Bindungsqualitäten. Korrelationsanalysen zeigten jedoch signifikante Zusammenhänge zwischen den Bindungsskalen und den Variablen Alter und Geschlecht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die untersuchten Sozialisationseinflüsse keinen signifikanten Einfluss auf die Bindungsqualität haben, während Alter und Geschlecht eine Rolle spielen.
Die Arbeit wurde mit Auszeichnung bestanden.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Theoretische Grundlagen
- 2.1 Die Bindungstheorie
- 2.1.1 Entstehung der Bindungstheorie
- 2.1.2 Bindung als existenzielles biologisches Grundbedürfnis
- 2.1.3 Grundlagen der Bindungstheorie
- 2.1.4 Die Bindungsqualitäten nach Ainsworth, Main und Solomon
- 2.1.5 Von der kategorialen zur dimensionalen Betrachtung von Bindung
- 2.1.6 Erfassung der Bindungsqualitäten
- 2.1.7 Stabilität der Bindungsqualität
- 2.2 Einflüsse der Umwelt auf die Entwicklung eines Menschen
- 2.2.1 Bronfenbrenners Ökologische Systemtheorie
- 2.2.2 Kulturdimension Kollektivismus versus Individualismus
- 2.3 Frühkindliche Erziehung in der ehemaligen DDR und in der BRD
- 2.3.1 Sozialpolitische Maßnahmen der DDR zur Familienförderung
- 2.3.2 Staatlich verordnete Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit
- 2.3.3 DDR-Tageskrippen: Zahlen, Fakten und Erziehungsprogramme
- 2.3.4 Krippenbetreuung in der BRD bis 1989
- 2.4 Bindungsqualitäten abhängig von der Kulturdimension Kollektivismus versus Individualismus
- 2.5 Bindungsqualitäten unter Berücksichtigung der Art der frühen Fremdbetreuung in Ost- und Westdeutschland
- 2.6 Forschungsfragen und Hypothesen
- 2.1 Die Bindungstheorie
- 3 Methodik
- 3.1 Untersuchungsdesign und Rohdatensatz
- 3.2 Erhobene Instrumente zur Bindungsqualität
- 3.2.1 ECR-RD
- 3.2.2 ADA
- 3.3 Beschreibung der Stichprobe
- 3.4 Datenaufbereitung und statistische Verfahren
- 4 Ergebnisse
- 4.1 Deskriptive Statistik der Gesamtstichprobe
- 4.2 Frage 1: Unterschiede in der Bindung zwischen BRD und DDR
- 4.3 Frage 2: Unterschiede in der Bindung zwischen krippen- und familienbetreuten Kindern in der DDR
- 4.4 Explorative Analysen
- 4.4.1 Korrelation zwischen Geschlecht und Bindungsskalen
- 4.4.2 Korrelation zwischen Alter und Bindungsskalen
- 5 Diskussion und Limitation
- 6 Fazit
- Literaturverzeichnis
- KI-Verzeichnis
- Anhangsverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die Auswirkungen der unterschiedlichen Sozialisation in der ehemaligen DDR und BRD auf die Bindungsqualität heutiger Erwachsener, insbesondere durch den Besuch von Kinderkrippen in der DDR. Das primäre Ziel ist es, Unterschiede im Bindungsverhalten in Bezug auf die Herkunftsregion (Ost/West) und die Art der frühkindlichen Betreuung (Kinderkrippe/Familie) zu analysieren.
- Vergleich des Bindungsverhaltens von in der DDR und BRD geborenen Erwachsenen.
- Analyse des Bindungsverhaltens von in DDR-Kinderkrippen vs. familiär betreuten Erwachsenen.
- Erklärung der Bindungstheorie und ihrer Entwicklung.
- Darstellung der Kulturdimension Individualismus versus Kollektivismus.
- Beleuchtung der frühkindlichen Erziehungssysteme in der DDR (insbesondere Tageskrippen) und BRD.
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Bindungsqualität, Alter und Geschlecht.
Auszug aus dem Buch
DDR-Tageskrippen: Zahlen, Fakten und Erziehungsprogramme
Für die Kinder unter drei Jahren gab es in der DDR verschiedene Formen von Betreuungseinrichtungen: Tageskrippen mit einem Angebot von 06:00 bis 18:00 bzw. 19:00 Uhr; Wochenkrippen, in denen die Kinder tags und nachts untergebracht waren und nur am Wochenende nach Hause geholt wurden; Ernte- oder Saisonkrippen, in denen die Kinder betreut wurden, während die Eltern in der Ernte waren und schließlich auch Dauerheime (Beronneau, 2020, S. 49).
Nach dem „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ vom 27.09.1950 begann die DDR mit einem gezielten Ausbau des Kinderkrippenangebotes. Während es 1950 194 Kinderkrippen mit 4.774 Plätzen gab (Israel, 2008, S. 17), was zu dem Zeitpunkt einem Angebot für ca. 6 % der Kinder der Altersstufe von 0-3 Jahren entsprach (Liebsch et al., 2024, S. 37), waren es zehn Jahre später bereits 81.495 Krippenplätze und 1989 sogar 348.058 Betreuungsplätze für die unter Dreijährigen, womit – unter Berücksichtigung der oben erwähnten Babyjahre – für 82 % der in Frage kommenden Kinder ein Krippenplatz zur Verfügung stand (Weber, 1996, S. 178).
Aufgrund der angestrebten Vollbeschäftigung auch für Frauen, besuchten in den 70er Jahren „mehr als 20 % der Kinder schon vor dem ersten Lebensjahr die Krippe“ (Nentwig-Gesemann, 2022, S. 87), was sich jedoch mit der Einführung der Babyjahre änderte, so waren nach Beronneau ab 1986 „fast alle Kinder beim Krippeneintritt älter als zwölf Monate“ (2020, S. 50). Vor der Einführung des Babyjahres wurde den Müttern gemäß § 10 (1) des „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ fünf Wochen vor und 6 Wochen nach einer normalen Geburt Urlaub gewährt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und stellt die beiden zentralen Forschungsfragen vor, die sich mit Unterschieden im Bindungsverhalten von Erwachsenen aus Ost- und Westdeutschland sowie von in Krippen vs. Familie betreuten DDR-Bürgern befassen.
Theoretische Grundlagen: Hier werden die theoretischen Fundamente der Arbeit gelegt, darunter die Bindungstheorie, die Ökologische Systemtheorie nach Bronfenbrenner, die Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus und die Besonderheiten der frühkindlichen Erziehung in DDR und BRD.
Methodik: Dieses Kapitel erläutert das Untersuchungsdesign, den verwendeten bestehenden Datensatz sowie die eingesetzten Instrumente (ECR-RD und ADA) zur Erfassung der Bindungsqualität und die statistischen Analyseverfahren.
Ergebnisse: In diesem Abschnitt werden die deskriptiven Statistiken der Gesamtstichprobe und die Resultate der Hypothesentests für beide Forschungsfragen sowie explorative Korrelationsanalysen zu Geschlecht und Alter präsentiert.
Diskussion und Limitation: Die Ergebnisse werden kritisch interpretiert, in den Kontext der Forschungslage eingeordnet und methodische Einschränkungen der Studie, wie die Stichprobengröße und die Erfassungsmethode, diskutiert.
Fazit: Das Fazit fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen, betont die nicht-signifikanten Unterschiede bei den Hauptforschungsfragen, aber die signifikanten Zusammenhänge mit Alter und Geschlecht, und weist auf die Komplexität der Bindungsentwicklung und den Bedarf weiterer Langzeitstudien hin.
Schlüsselwörter
Bindungsqualität, Sozialisation, DDR, BRD, Individualismus, Kollektivismus, Kinderkrippe, frühkindliche Erziehung, Bindungstheorie, Erwachsenenalter, psychische Gesundheit, Geschlechtsunterschiede, Alterseffekte, quantitative Forschung, ECR-RD, ADA.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen in der ehemaligen DDR und BRD auf die Bindungsqualität von Erwachsenen heute auswirken, insbesondere im Hinblick auf frühkindliche Betreuungsformen wie Kinderkrippen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Bindungstheorie, die Kulturdimension Individualismus versus Kollektivismus, die frühkindliche Erziehung in der DDR und BRD sowie deren mögliche langfristige Auswirkungen auf das Bindungsverhalten im Erwachsenenalter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, ob es Unterschiede im Bindungsverhalten zwischen in der DDR und BRD geborenen Erwachsenen gibt und ob ein Unterschied im Bindungsverhalten zwischen in DDR-Kinderkrippen und in der Familie betreuten Erwachsenen feststellbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quantitative Untersuchung, die einen bestehenden Rohdatensatz mittels statistischer Verfahren wie t-Tests und Korrelationsanalysen auswertet. Die Bindungsqualität wird dabei mit den Fragebögen ECR-RD und ADA erfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie und der ökologischen Systemtheorie, die Kulturdimension Individualismus versus Kollektivismus, die detaillierte Darstellung der frühkindlichen Erziehungssysteme in DDR und BRD (insbesondere der DDR-Kinderkrippen), die Methodik der Untersuchung und die Ergebnisse der statistischen Analysen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Bindungsqualität, Sozialisation, DDR, BRD, Individualismus, Kollektivismus, Kinderkrippe, frühkindliche Erziehung, Bindungstheorie, Erwachsenenalter und psychische Gesundheit.
Welche Rolle spielten die DDR-Tageskrippen für die frühkindliche Erziehung?
DDR-Tageskrippen waren Teil eines staatlich geregelten Erziehungssystems, das auf die Formung einer sozialistischen Persönlichkeit und die Integration in Kollektive abzielte, mit umfassenden Betreuungsangeboten von 0-3 Jahren, um die Vollbeschäftigung der Frauen zu ermöglichen.
Wurden signifikante Unterschiede in der Bindungsqualität zwischen Ost- und Westdeutschen festgestellt?
Die Studie ergab für beide Hauptforschungsfragen, also sowohl für den Vergleich Ost- vs. Westdeutsche als auch für den Vergleich krippen- vs. familienbetreute DDR-Bürger, keine signifikanten Unterschiede in den Bindungsqualitäten.
Wie beeinflussten Alter und Geschlecht die Bindungsqualitäten in dieser Studie?
Korrelationsanalysen zeigten signifikante Zusammenhänge zwischen den Bindungsskalen und den Variablen Alter und Geschlecht: weibliche Probanden hatten tendenziell höhere Werte bei der Bindungsangst, und jüngere Probanden zeigten höhere (schlechtere) Werte auf allen drei Bindungsskalen.
Welche methodischen Einschränkungen werden in der Studie genannt?
Die Studie nennt als Einschränkungen die Nutzung eines bestehenden Datensatzes, der keine Einflussnahme auf Stichprobengröße oder spezifische Variablen zuließ, und die Schwierigkeit, langfristige Auswirkungen frühkindlicher Erfahrungen retrospektiv zu erfassen.
- Arbeit zitieren
- Susan Waldow (Autor:in), 2025, Bindungsqualitäten in Ost- und Westdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1687328