Der Übergang von der Kita zur Grundschule stellt ein zentrales Ereignis in der Bildungsbiografie von Kindern dar und ein Drittel bis zur Hälfte der Kinder sollen Übergangsprobleme haben. Mit Beginn der Einschulung starten Kinder ihre schulische Laufbahn. Dass der Übergang dabei eine große Bedeutung für einen erfolgreichen Start hat, haben einige Studien in den letzten Jahren wissenschaftlich erwiesen. Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention und deren Inkrafttreten im Jahr 2009 ergibt sich auch für die Übergangsgestaltung der Fokus auf Inklusion. Wenngleich die Thematik international schon länger im wissenschaftlichen Fokus steht, befinden sich die Forschungen zu inklusiven Übergängen sowohl national als auch international noch in den Anfängen. Es gibt kaum theoretische Konzeptionen, die gezielt versuchen, kontinuierliche Lernentwicklungsprozesse im Übergang zu fördern. Zudem ist in kaum einem anderen OECD-Staat der Bildungserfolg so sehr abhängig von der sozialen Herkunft wie in Deutschland. Kinder, die besondere Bedarfe und/oder langfristigen Unterstützungsbedarf haben, sind in ihrer schulischen Laufbahn stärker gefährdet. Diese anhaltenden Auffälligkeiten verstärken sich im Übergang. Seit Jahrzehnten betonen Forscher*innen, dass diese Gruppe von Kindern aus inklusiver Perspektive gezielter in Blick genommen werden muss, wenn es um Transitionsprozesse geht. Deshalb stellen diese Kinder den Fokus dieser Arbeit dar. Sie werden als Children at Risk bezeichnet und in Kapitel 2.3 näher beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Theorieteil
- 2.1 Transitionsansätze
- 2.1.1 Ökosystemischer Ansatz nach Urie Bronfenbrenner (1981)
- 2.1.2 IFP-Transitionsansatz nach Niesel & Griebel (2015)
- 2.2 Kooperationen im Übergang
- 2.2.1 Kooperationsformen
- 2.2.2 Kompetenz- und Handlungsfelder kooperierender Akteur*innen
- 2.2.3 Empirische Ergebnisse zur Häufigkeit der Kooperationsformen
- 2.2.4 Bildungsdokumentation
- 2.2.5 Grundsätzliche Bedingungen und Herausforderungen im Übergang
- 2.3 Children at Risk
- 2.3.1 Theoretische Rahmung des Begriffs
- 2.3.2 Merkmale von CaR und deren Familien
- 2.3.3 Häufigkeit in Deutschland
- 2.3.4 Bedeutung und Realisierung von Frühförderung
- 2.4 Selektion im Übergang
- 2.4.1 Beurteilung der Schulfähigkeit/-reife bei der Schuleingangsdiagnostik
- 2.4.2 Statistische Ergebnisse zur Zurückstellung
- 2.4.3 Besonderes Selektionsrisiko für CaR
- 2.1 Transitionsansätze
- 3. Empirischer Teil
- 3.1 Methodik
- 3.1.1 Begründung der Methodenwahl: Leitfadeninterviews
- 3.1.2 Fragestellungen
- 3.1.3 Darstellung des Materials und Feldzugang
- 3.1.4 Durchführung der Inhaltsanalyse
- 3.2 Ergebnisdarstellung
- 3.2.1 Beschreibung CaR und Konsequenzen für den institutionellen Alltag
- 3.2.2 Häufigkeit der Kooperationsformen und Inhalte
- 3.2.3 Bildungsdokumentation als zentrales Element des Austausches
- 3.2.4 Bedeutung der Kooperationen
- 3.2.5 (Umgang mit) Bedingungen und Herausforderungen
- 3.3 Interpretation
- 3.1 Methodik
- 4. Fazit und Desiderata
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Relevanz interinstitutioneller Kooperationen im Übergang von der Kindertagesstätte (Kita) zur Grundschule, insbesondere im Hinblick auf sogenannte "Children at Risk". Die zentrale Forschungsfrage ist, inwiefern sich solche Kooperationen positiv auf "Children at Risk" auswirken können und welche Bedeutung sie in diesem Übergangsprozess spielen.
- Analyse des Übergangsprozesses von der Kita zur Grundschule.
- Definition und Identifikation von "Children at Risk" (CaR) sowie deren spezifische Merkmale.
- Erforschung verschiedener Formen und Bedingungen interinstitutioneller Kooperationen.
- Untersuchung der Rolle und Bedeutung der Bildungsdokumentation im Kooperationskontext.
- Beleuchtung der Bedeutung und Realisierung von Frühförderung für CaR.
- Analyse von Selektionsmechanismen im deutschen Bildungssystem.
Auszug aus dem Buch
2.3 Children at Risk
In diesem Kapitel soll auf die in der Einleitung bereits beschriebenen Children at Risk einge- gangen werden. Dazu erfolgt zunächst eine theoretische Rahmung des Begriffs. In der deutschsprachigen Forschung werden zumeist deutsche Pendants verwendet, die allesamt dem Risikobegriff zuzuordnen sind und das Risiko der Kinder, in der schulischen Laufbahn zu scheitern, fokussieren. In der englischsprachigen Forschung wird der Begriff CaR immer häu- figer von Forscher*innen wie zum Beispiel Michael Brambring, Marc Fraser oder Doris Ent- wisle verwendet. Im Kontext des SchuB-Projektes (Schulwahl und Bildung) hat sich der engli- sche Begriff ebenfalls etabliert. Eine theoretische Rahmung wird im Folgenden auf der Basis der Kapitaltheorie Bordieus erfolgen. Auf diese lassen sich soziale Ungleichheit und Kinderar- mut beziehen. Darauf aufbauend werden im Anschluss sowohl konkrete Merkmale der Kinder als auch der Eltern angeführt, da sich die Merkmale der Kinder nicht unabhängig von den Merkmalen der Familien beschreiben lassen. Sie stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander (vgl. Butterwege, 2022). Dabei werden auch die Konsequenzen für den Transiti- onsprozess angeführt.
2.3.1 Theoretische Rahmung des Begriffs
Zunächst lässt sich bei CaR formal zwischen zwei,Gruppenʻunterscheiden. Diese sollten nicht als trennscharf voneinander gesehen werden, da sie sich teilweise gegenseitig bedingen. Den- noch birgt jede Gruppe für sich bereits Risiken für den erfolgreichen Abschluss der Bildungs- laufbahn. Zum einen können jene Kinder als CaR beschrieben werden, die jegliche Art von Verhaltens- auffälligkeiten, emotionale Probleme, Probleme beim Lernen und kognitiven Verarbeiten oder auch physische Einschränkungen besitzen. Kurz gesagt alle Kinder, die einen sonderpädago- gischen Förderbedarf haben beziehungsweise auch jene Kinder, die besondere Bedürfnisse haben und im Laufe der Schulzeit auf langfristige Unterstützung angewiesen sein könnten. Dies betrifft vor allem den Förderschwerpunkt Lernen, welcher erst nach der zweiten Klasse zugeschrieben werden kann, wenngleich bereits vorher Entwicklungsschwierigkeiten erkenn- bar sind (vgl. Backhaus-Knocke & Hanke, 2023). Zum anderen, so wurde bereits in der Einleitung erwähnt, korreliert der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland stark mit ihrer sozialen Herkunft. Wenngleich der „staatlich[e] Bil- dungsauftrag [vorsieht], dass junge Menschen durch die Schule die Verwirklichungschancen zu gesellschaftlicher Teilhabe unabhängig von der Herkunft oder Lebenslage erhalten [soll- ten]" (Gold et al., 2022, S. 63), wurde dieser Gedanke bereits 1971 von Bourdieu und Passeron verworfen. Sie konnten empirisch belegen, dass es innerhalb eines Bildungssystems, wie es in Deutschland besteht, keine Chancengleichheit geben kann (vgl. Bourdieu & Passeron, 1971, 2007). Die PISA-Ergebnisse (vgl. Artelt et al., 2000) belegen dies anhand zahlreicher Analysen und Reflektionen ebenfalls.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die Relevanz des Übergangs von Kita zur Grundschule, fokussiert auf „Children at Risk“ und betont die Notwendigkeit inklusiver Perspektiven und interinstitutioneller Kooperation.
2. Theorieteil: Erläutert Transitionsansätze (Bronfenbrenner, IFP), verschiedene Kooperationsformen, den Begriff „Children at Risk“ (CaR) mit dessen Merkmalen und Häufigkeit, sowie die Bedeutung von Frühförderung und Selektionsmechanismen im Übergangsprozess.
3. Empirischer Teil: Stellt die Methodik einer qualitativen Studie mittels Leitfadeninterviews vor, analysiert die Definition und Merkmale von CaR durch die Akteur*innen, die Häufigkeit und Inhalte von Kooperationen sowie die Rolle der Bildungsdokumentation und interpretiert die Ergebnisse im theoretischen Kontext.
4. Fazit und Desiderata: Fasst die Relevanz interinstitutioneller Kooperation für den Übergang von CaR zusammen, beleuchtet identifizierte Bedingungen und Herausforderungen und zeigt Forschungsdesiderate auf, insbesondere hinsichtlich der Elternperspektive und der Wahrnehmung von Angeboten.
Schlüsselwörter
Interinstitutionelle Kooperation, Übergang Kita-Grundschule, Children at Risk, Frühförderung, Bildungsdokumentation, Selektionsmechanismen, Familienpartizipation, Transitionsansätze, soziale Ungleichheit, Bildungsgerechtigkeit, qualitative Studie, pädagogische Fachkräfte, Elternarbeit, Förderbedarf, sozioökonomischer Status.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Übergang von der Kindertagesstätte zur Grundschule und untersucht dabei speziell die Rolle interinstitutioneller Kooperationen für sogenannte "Children at Risk" in diesem Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind der Übergang von der Kita zur Grundschule, die spezifischen Herausforderungen für "Children at Risk", verschiedene Formen der interinstitutionellen Kooperation, die Bedeutung der Bildungsdokumentation sowie Selektionsmechanismen im Bildungssystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu erforschen, inwiefern sich interinstitutionelle Kooperationen positiv auf "Children at Risk" auswirken können und welche Relevanz sie im Übergang von Kita zu Grundschule spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine polyperspektivistische qualitative Fallstudie, die auf Leitfadeninterviews und einer mehrphasigen inhaltlich strukturierten Inhaltsanalyse basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt theoretische Konzepte wie Transitionsansätze und Kooperationsformen, definiert "Children at Risk" und deren Merkmale, beleuchtet empirische Ergebnisse zur Häufigkeit von Kooperationen und zum Umgang mit CaR im institutionellen Alltag sowie die Rolle der Bildungsdokumentation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Interinstitutionelle Kooperation, Übergang Kita-Grundschule, Children at Risk, Frühförderung, Bildungsdokumentation, Selektionsmechanismen, Familienpartizipation und soziale Ungleichheit.
Welche Rolle spielt die Bildungsdokumentation im Kooperationsprozess?
Die Bildungsdokumentation dient als zentrales Element des Informationsaustausches zwischen Kitas und Grundschulen, um die Entwicklung der Kinder festzuhalten und eine anschlussfähige Förderung zu gewährleisten. Ihre Weitergabe ist jedoch an die Einwilligung der Eltern gebunden.
Welche Herausforderungen bestehen bei der Frühförderung von Children at Risk?
Herausforderungen umfassen lange Wartezeiten bei Kinderärzt*innen und Frühförderanbieter*innen, das Dilemma zwischen frühzeitiger Förderung und der Vermeidung von Etikettierung des Kindes, sowie die begrenzten Ressourcen der Institutionen.
Wie beeinflusst der sozioökonomische Status der Familien den Übergang der Kinder?
Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status haben oft eingeschränkte Möglichkeiten, eine anregungsreiche Umgebung zu erhalten, und sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, den Übergang weniger erfolgreich zu bewältigen und von Selektionsmechanismen im Bildungssystem betroffen zu sein.
Was versteht man unter den verschiedenen Kooperationsformen im Übergang von Kita zu Grundschule?
Es werden vier Formen unterschieden: Keine Kooperation, Austausch (Informationsweitergabe), Arbeitsteilung (gemeinsames Ziel, verteilte Aufgaben) und Ko-Konstruktion (intensiver Austausch zur gemeinsamen Aufgaben- und Problemlösung).
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2024, Interinstitutionelle Kooperation im Übergang von Kita zu Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1688352