Lichtenberg war der erste katholische Geistliche, der gegen die Gräueltaten des nationalsozialistischen Staates protestierte. Untersucht werden in dieser Arbeit die zwei wesentlichen Schriftstücke, die schließlich zu seiner Verhaftung im Jahre 1941 und seinem Tode führten. Es handelt sich um seinen Brief an den damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring von 1935 sowie das Schreiben an Leonardo Conti, so genannter Reichsgesundheitsführer, im Jahre 1941. Überdies ist es von Bedeutung, seine Handlungen in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen, da bereits vor der Verbreitung der päpstlichen Enzyklika 1937, die von deutschen Bischöfen veranlasst wurde, einige katholische Bischöfe erkannt hatten, welchen Weg die nationalsozialistische Führung einschlug und auf welche Weise Regimegegner und Andersgläubige verfolgt wurden. Die Haltung seiner „Vorgesetzten“, und ob Lichtenberg davon beeinflusst wurde, steht ebenfalls im Blickfeld dieser Untersuchung. Die Reduzierung auf zwei „Schlaglichter“ seines priesterlichen Wirkens während der Nazidiktatur hängt mit der Bedeutung dieser Handlungen für ihn selbst, aber auch für seine Gemeinde und seine Glaubensbrüder zusammen, wobei darauf hinzuweisen ist, dass die im Abschnitt drei thematisierten Predigten entscheidend zur Verhaftung beigetragen haben.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1 Fragestellung und Vorgehensweise
- 1.2 Quellenlage und Forschungsstand
- 2. Zeichen des Widerstandes
- 2.1 Der Bericht an Hermann Göring von 1935
- 2.2 Der Brief an den Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti von 1941
- 3. Verhaftung und Ende in Hof
- 4. Der letzte Brief
- 5. Schlussbetrachtung
- Anlagen
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf die Darstellung und Analyse der Widerstandsaktionen von Dompropst Bernhard Lichtenberg gegen das nationalsozialistische Regime. Das primäre Ziel ist es, Lichtenbergs Beweggründe für seinen Widerstand zu untersuchen und zu ergründen, ob er sich als Märtyrer verstanden wissen wollte, basierend auf seinen Handlungen und seinem letzten überlieferten Brief.
- Die Aktionen Bernhard Lichtenbergs gegen das nationalsozialistische Regime.
- Analyse des Briefes an Hermann Göring von 1935.
- Analyse des Schreibens an Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti von 1941.
- Lichtenbergs Haltung zu seinen kirchlichen "Vorgesetzten" und deren Einfluss.
- Die Thematik der Selbstinszenierung und des Märtyrertums im Kontext seines letzten Briefes.
- Der Kontext seiner Verhaftung und seine Gebete für Verfolgte.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Bericht an Hermann Göring von 1935
„Die Vollstreckung erfolgte mit dem Ochsenziemer[...] Am 13. April 1935 wurde der Führer des Deutschen Bergarbeiterverbandes, der frühere sozialdemokratische Reichs- tagsabgeordnete Fritz Husemann, im Lager Esterwegen erschossen. [...] Am Tage darauf wurde die Leiche¹⁶ in der Lagerstraße im schmutzigen, ungewaschenen, blutbefleckten Zustand in der alten Arbeitsuniform in einer Kiste aufgebahrt. Die Gefangenen mussten in Reih und Glied antreten und im Gänsemarsch an der Leiche des erschossenen Kame- raden vorbeimarschieren. Die ersten im Zuge machten durch Abnahme der Kopfbede- ckung Ehrenbezeugungen. Das wurde unterbunden, indem gerufen wurde: 'Die Ehren- bezeugungen haben zu unterbleiben, es fehle auch noch, das Schwein noch zu grüßen'. [...] Die Juden haben besonders zu leiden. Sie müssen meistens Jauche fahren, die Klo- settgruben reinigen, und das teilweise mit den Händen. Sie müssen, wenn sie zum Rollen kommandiert werden, in der Jauche rollen.“¹⁷[Großteil des Dokuments siehe Anlage 1] Dieser Bericht wurde protokolliert und dem Dompropst Lichtenberg zugesendet.
Die Reaktion des Propstes auf dieses Schreiben zeigte seine bereits damals bestehende Haltung. Er legte das Schreiben nicht etwa zu den Akten oder übergab es einem Mitar- beiter, um möglicherweise nicht in diese Angelegenheit verwickelt zu werden. Der Beschreibung des Redakteurs Walter Adolph nach reagierte Lichtenberg sichtlich bewegt auf das, was er da lesen musste. Er soll bei jeder Zeile aufgestöhnt und 'mein Gott, mein Gott` ausgerufen haben.¹⁸ Bernhard Lichtenberg versah den Bericht am 18. Juli 1935 mit einem handschriftlichen Vermerk, womit er auch persönlich Verantwortung übernahm: „Dem Preußischen Staats- ministerium persönlich überreicht mit der Bitte um Nachprüfung und Remedur¹⁹. – Berlin W 8, 18. VII.1935. – Lichtenberg, Domkapitular. “²⁰[Dokument siehe Anlage 2] Daraufhin ging der Propst selbst zum Büro des preußischen Ministerpräsidenten Göring, nachdem Lichtenberg schon zuvor versucht hatte, telefonisch Verbindung mit diesem aufzunehmen. Dem Dompropst ging es offensichtlich darum, einen entscheidenden Mann zu sprechen, von dem er sich die besagte Abhilfe versprach.
Trotz seiner Bemühungen wurde er nicht zu Göring vorgelassen. Ein Ministerialdirektor nahm den Bericht entgegen und fügte die Bemerkung hinzu, dass dies nicht der erste Bericht dieser Art sei und man versuchen werde, Abhilfe zu schaffen.²¹ Als Reaktion rechtfertigte die Geheime Staatspolizei in einem Bericht an Göring die Er- schießungen mit „Fluchtversuchen“. Die Posten seien verpflichtet, in solchen Fällen zu schießen.²² Die geheime Staatspolizei beließ es aber nicht bei dieser Rechtfertigung für die Gescheh- nisse in dem KZ sondern ging so weit, Lichtenberg selbst in ihr „Fadenkreuz“ zu nehmen. In dem Bericht des stellvertretenden Chefs und Inspekteurs der Preußischen Geheimen Staatspolizei, Dr. Best, heißt es bezüglich der Person Lichtenbergs aber auch der Geist- lichkeit im Allgemeinen: „Zur Eingabe des Domkapitulars Lichtenberg hat sich der Inspekteur der Konzentrati- onslager[...]geäußert: [...]Es ist der Zorn der schwarzen Agenten Roms, [...]weil die gesamte SS-Besatzung des Lagers Esterwegen sich freiwillig losgesagt hat von den Die- nern und Einrichtungen einer internationalen, staatsfeindlichen Kirche[...]Ihre Lü- gen[gemeint sind hier die Geistlichen] stinken zum Himmel. Lichtenberg lügt, weil es ihm zweckmäßig erscheint.“²³
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Persönlichkeit Bernhard Lichtenbergs ein und umreißt die zentrale Rolle seines Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime, welche die Grundlage der vorliegenden Arbeit bildet.
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise: Hier werden die spezifischen Forschungsfragen dargelegt, insbesondere die Analyse zweier wichtiger Schriftstücke Lichtenbergs und die Untersuchung seiner Beweggründe für den Widerstand.
1.2 Quellenlage und Forschungsstand: Das Kapitel beleuchtet die vorhandenen Quellen und den Stand der Forschung zum katholischen Widerstand, wobei die geringe Präsenz Lichtenbergs in Gesamtdarstellungen betont wird.
2. Zeichen des Widerstandes: Dieses Hauptkapitel leitet die konkrete Darstellung von Lichtenbergs aktiven Widerstandshandlungen ein, die über reine Gebete hinausgingen.
2.1 Der Bericht an Hermann Göring von 1935: Es wird Lichtenbergs mutiges Vorgehen beschrieben, als er persönlich einen Bericht über Grausamkeiten im KZ Esterwegen an Hermann Göring übergab und damit frühzeitig das Regime herausforderte.
2.2 Der Brief an den Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti von 1941: Das Kapitel befasst sich mit Lichtenbergs scharfem Protest gegen die staatlich angeordnete Euthanasie, inspiriert durch die Predigt des Bischofs von Galen, und die anschließende Verbreitung dieser kritischen Inhalte.
3. Verhaftung und Ende in Hof: Hier wird die Verhaftung Lichtenbergs im Oktober 1941 thematisiert, die durch seine öffentlichen Fürbitten für Juden und KZ-Häftlinge ausgelöst wurde, sowie sein Tod auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau.
4. Der letzte Brief: Dieses Kapitel analysiert Lichtenbergs letzten überlieferten Brief als ein wichtiges Zeugnis seines Widerstands, in dem er seine Haltung zum Leiden und seinen möglichen Märtyrertod reflektiert.
5. Schlussbetrachtung: Das Abschlusskapitel fasst zusammen, dass Lichtenbergs Handlungen als bemerkenswerte und frühzeitige Zeichen des Widerstandes gelten, die sein Engagement und seine Rolle als Märtyrer unterstreichen, während andere bedeutende Katholiken noch schwiegen.
Schlüsselwörter
Bernhard Lichtenberg, Widerstand, Nationalsozialismus, Katholische Kirche, Dompropst, Konzentrationslager Esterwegen, Euthanasie, Martyrium, Verhaftung, Fürbitten, Hermann Göring, Leonardo Conti, Bischof Galen, Berlin, Zweiter Weltkrieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet das Leben und Wirken von Dompropst Bernhard Lichtenberg und analysiert seine vielfältigen Widerstandshandlungen gegen das nationalsozialistische Regime.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Lichtenbergs aktiver Widerstand, seine Kommunikation mit hochrangigen NS-Funktionären, die Verbreitung regimekritischer Inhalte, seine Verhaftung und die Frage nach seinem Märtyrertum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Lichtenbergs Beweggründe für seinen Widerstand zu ergründen und zu untersuchen, ob er sich anhand seines letzten Briefes als Märtyrer verstanden wissen wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf der Analyse von zwei bedeutenden Schriftstücken Lichtenbergs – den Briefen an Hermann Göring (1935) und Leonardo Conti (1941) – sowie der Einordnung seiner Handlungen in den historischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt Lichtenbergs Protestbericht an Hermann Göring über KZ-Gräueltaten, seinen Brief an Leonardo Conti gegen Euthanasie, die Umstände seiner Verhaftung und eine Analyse seines letzten Briefes im Hinblick auf seine Todesbereitschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Bernhard Lichtenberg, Widerstand, Nationalsozialismus, Katholische Kirche, Dompropst, Konzentrationslager und Märtyrertum.
Welche konkreten Widerstandshandlungen von Lichtenberg werden thematisiert?
Die Arbeit konzentriert sich auf seinen Bericht über Grausamkeiten im Konzentrationslager Esterwegen an Hermann Göring im Jahr 1935 und seinen Protestbrief an Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti im Jahr 1941 gegen die Euthanasie.
Welche Rolle spielten Bischof Galen und seine Predigten für Lichtenbergs Widerstand?
Bischof Galens mutige "Euthanasiepredigt" und seine generelle Haltung "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" beeinflussten Lichtenberg maßgeblich. Lichtenberg ließ Galens kritische Briefe vervielfältigen und in Berlin verbreiten.
Warum wurde Lichtenberg verhaftet und wie äußerte sich sein Glaube in der Haft?
Lichtenberg wurde wegen seiner öffentlichen Fürbitten für die Juden und Gefangenen in Konzentrationslagern verhaftet. In der Haft zeigte er einen tiefen Gottesbezug und äußerte sogar die Bereitschaft, für seinen Glauben zu sterben.
Wie wird in der Arbeit die Frage der Selbstinszenierung Lichtenbergs als Märtyrer beleuchtet?
Die Arbeit diskutiert, ob Lichtenberg sich selbst als Märtyrer inszenierte, kommt jedoch zu dem Schluss, dass sein Handeln von tiefer Überzeugung und Liebe geprägt war und seine Haltung trotz seines Wissens um die historische Wirkung nicht als reine Selbstinszenierung gedeutet werden kann.
- Quote paper
- Stephan Porwol (Author), 2007, Der Priester Bernhard Lichtenberg und sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1688469