„Die DDR war mit dem ausdrücklichen Ziel angetreten, die beiden zentralen Aufgaben eines jeden Ausbildungssystems – Heranbildung des politischen Bewusstseins und der Ausbildung marktfähiger Qualifikationen – in einer neuen Ausbildungsstruktur zu ordnen und sich somit von dem traditionsgeleiteten Dualen System deutlich abzusetzen.“
Dieses Zitat von Horst Biermann, aus seinem nach der Wende veröffentlichten Werk, bringt einige wesentliche Merkmale der Zielvorstellungen von Bildung und Erziehung in der ehemaligen DDR auf den Punkt. Es taucht jedoch ebenfalls in ein Themengebiet ein, welches aufgrund des immer größer werdenden Abstands zum Mauerfall, sowie eines nunmehr schon vorhandenen generationsspezifischen Informationsgefälles, dem Leser große Informationslücken offenbart. Obwohl die DDR zwar längst der Vergangenheit angehört, wird man im Alltag immer wieder an die Teilung des einstigen Deutschen Reiches erinnert. Ob bei vergleichenden Arbeitslosenraten, demografischen Entwicklungen oder gar der Wettervorhersage wird stets in Ost- und Westdeutschland unterschieden und zeugt von dem einstigen Bruch.
Das Ziel dieser Arbeit soll sein, dem Leser Einblicke zu geben, welche Bildungsziele der Staatsapparat unter Führung der SED zu erreichen versuchte, ihren Verwirklichungen nachzugehen und die begleitenden und vollzogenen institutionellen Veränderungen aufzuzeigen, sowie der Analyse des in der DDR grundlegend anders aufgefassten Begriffes von Bildung und Erziehung.
Um den Gesamtkomplex nachhaltig verstehen zu können ist es zudem unerlässlich, den politisch – ideologischen Unterbau des beschriebenen Systems kennenzulernen, der untrennbar mit den jeweils getroffenen Entscheidungen zusammenhing und die Grundlage für jegliches Agieren darstellte.
Anschließend soll das Augenmerk auf das Wesensmerkmal der sozialistischen Bildung gelegt werden, der polytechnischen Bildung. In diesem Teil wird auf die immer wieder aufgeworfene Frage der frühen Berufsorientierung und – beratung eingegangen, sowie das Augenmerk auf die Justierung des Berufsbildungssystems auf die Erfordernisse der wissenschaftlich- technischen Revolution gelenkt. Neben einem abschließenden Fazit soll, um die Verknüpfung zu einem weiteren Modul 2 Seminar herzustellen, auf die Versuche der Reformpädagogik eingegangen werden, das in den Augen der DDR-Machthaber als stimmig angesehene Bildungskonzept zu beeinflussen und zu modifizieren.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Begriffserklärung
1.1 Marxistisch-Leninistische Grundlagen
1.2 Marxistische Bewegungen
2. Ziele und Entwicklungslinien seit Gründung der DDR
2.1 Die antifaschistisch-demokratische Schulreform (1945-1949)
2.2 Der Aufbau der sozialistischen Schule (1949-1961/62)
2.3 Die Gestaltung des entwickelten sozialistischen Bildungssystems ab 1961/62
3. Polytechnische Bildung im Zusammenhang mit Entwicklungen im Berufsbildungssystem
3.1 Idee und Neuorientierung der polytechnischen Bildung
3.2 Berufsvorbereitung als Aufgabe der allgemein bildenden Schule
3.3 Entwicklungen im Berufsbildungssystem
4. Einflüsse der Reformpädagogik
III. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die bildungspolitischen Zielsetzungen in der DDR unter Führung der SED, analysiert die institutionellen Veränderungen über verschiedene Entwicklungsphasen hinweg und beleuchtet die Rolle der Polytechnik als zentrales Wesensmerkmal des sozialistischen Bildungssystems.
- Ideologisch-politische Grundlagen des marxistisch-leninistischen Bildungsideals
- Phasen der Entwicklung: Von der antifaschistisch-demokratischen Schulreform bis zur Gestaltung des entwickelten sozialistischen Bildungssystems
- Integration von allgemeiner Bildung und polytechnischer Berufsvorbereitung
- Berufsausbildung und die Rolle der wissenschaftlich-technischen Revolution
- Auseinandersetzung mit reformpädagogischen Einflüssen
Auszug aus dem Buch
3.1 Idee und Neuorientierung der polytechnischen Bildung
Über die Konzeption und Verwirklichung eines polytechnischen Unterrichts, seit den ersten Überlegungen in den Jahren 1952/53 und seiner tatsächlichen Einführung 1958/59, wurden viele Diskussionen hinsichtlich dessen Form der Inhalte geführt. In der DDR setzte sich letztendlich die Auffassung durch, die polytechnische Bildung als Teil der Allgemeinbildung in das gesamte Bildungssystem einzubauen und nicht, wie bis zur Lehrplanumstellung 1967 praktiziert, rein als berufliche Grundausbildung zu verstehen. Nur bei einem solchen Vorgehen war es möglich, den Schülern die unterschiedlichen Beziehungen zwischen den schulisch unterrichteten Naturwissenschaften und den realen sozialistischen Produktionsprozessen aufzuzeigen und zu verdeutlichen. Mit der Übertragbarkeit der Theorie in die praktischen Produktions- und Entwicklungsabläufe der Volkswirtschaft, sollte auch ein Einblick in den stetigen Fortlauf des wissenschaftlich-technischen Wandels gegeben werden, um den Schülern aufzuzeigen, dass sich die Wissenschaft im Laufe der WTR immer mehr zu einer unmittelbaren Produktionskraft entwickelte – wobei der technische Fortschritt alleine vom Menschen abhängig war. Der Produktionsprozess sollte sozusagen zum Ausgangspunkt für zukünftige wissenschaftliche Fragestellungen werden und es galt den zukünftigen Produktionsfaktor Arbeit nachhaltig auf diese Aufgabe vorzubereiten.
Im polytechnischen Aspekt der Allgemeinbildung war aber nicht nur ausschließlich von dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Teil hinsichtlich der Produktion die Rede, vielmehr gab es auch Bemühungen um gesellschaftswissenschaftliche und musische Fächer. Mit dem Ziel, die Arbeit im Kommunismus als wichtigste Lebensaufgabe zu machen wurde versucht, die Antihaltungen zwischen Kultur und Technik aufzulösen und beide auf einen gleichwertigen Nenner auf dem Weg zu der allseitig entwickelnden, sozialistischen Persönlichkeit zu bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die darin besteht, die Bildungsziele der SED, deren Verwirklichung und die institutionellen Veränderungen in der DDR aufzuzeigen.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die marxistischen Grundlagen, die drei Entwicklungsphasen des DDR-Bildungssystems, die Rolle der polytechnischen Bildung und die Auseinandersetzung mit der Reformpädagogik.
III. Schlussteil: Das Fazit reflektiert kritisch das Spannungsfeld zwischen staatlicher Manipulation und den Bildungsansprüchen der DDR und würdigt gleichzeitig die fachliche Stimmigkeit des Gesamtkonzepts.
Schlüsselwörter
DDR-Bildungssystem, Polytechnik, Sozialismus, Marxismus-Leninismus, Berufsausbildung, Polytechnische Oberschule, SED, Bildungspolitik, Wissenschaftlich-technische Revolution, Reformpädagogik, Berufsorientierung, Arbeiterklasse, Einheitsbildung, Schulreform, Facharbeiter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ziele und Entwicklungslinien des DDR-Bildungssystems mit einem besonderen Fokus auf das Konzept der Polytechnik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die marxistisch-leninistischen Grundlagen, die Etappen der Schulreform, die Verzahnung von Schule und Produktion sowie das Verhältnis zur Reformpädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Einblicke in die von der SED verfolgten Bildungsziele zu geben, die institutionellen Veränderungen nachzuvollziehen und den DDR-spezifischen Bildungsbegriff zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse und historische Aufarbeitung von bildungspolitischen Dokumenten, Gesetzen und fachwissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den theoretischen Grundlagen, den drei Hauptetappen der DDR-Schulpolitik, dem System der polytechnischen Bildung und dem Umgang mit reformpädagogischen Ideen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind DDR-Bildungssystem, Polytechnik, Marxismus-Leninismus, Berufsausbildung, SED und wissenschaftlich-technische Revolution.
Wie definiert das Dokument das Verhältnis von Theorie und Praxis?
Die DDR verfolgte das Ziel, Theorie und materielle Produktion zu vereinen, um Schüler direkt auf die Anforderungen der sozialistischen Volkswirtschaft vorzubereiten.
Wie stand das DDR-Bildungssystem zur Reformpädagogik?
Die DDR-Machthaber lehnten reformpädagogische Ansätze, die den Individualismus betonten, zugunsten einer kollektivistischen und fachorientierten "Kommando-Pädagogik" weitgehend ab.
- Quote paper
- Christian Hempel (Author), 2009, Ziele und Entwicklungslinien des DDR-Bildungssystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168874