Nominale Syntagmen werden traditionell als Nominalphrase analysiert, deren Kopf das lexikalische Element N bildet. Diese Analyse scheint im ersten Moment im Lichte verschiedener linguistischer Theoriebereiche absolut nachvollziehbar zu sein, da Nomina aus semantischer Sicht (a) die zentralen lexikalischen Informationen des nominalen Syntagmas tragen, aus morpho-syntaktischer Sicht (b) die Kategorie Genus im Nomen inhärent ist sowie aus syntaktischer Sicht (c) zählbare Nomina im Singular einen Determinierer selegieren und (d) Nomina im Plural distributionell äquivalent zu einer vollen NP sind.
Nichtsdestoweniger ist die Analyse des Nomens als Kopf der NP durchaus umstritten: So ist der Determinierer im Deutschen stärker markiert als das Nomen, was sich auf der Sprachoberfläche daran zeigt, dass das Genus am Determinierer und nicht am Nomen selbst markiert ist. Außerdem können Nomina nicht immer ohne Determinierer eine NP bilden und sind darüber hinaus auch nicht immer obligatorisch.
Neben diesen Argumenten, die zweifelsohne gegen den Kopfstatus des Nomens im nominalen Syntagma sprechen, ergeben sich beim Vergleich der Strukturen von NPs mit Sätzen weitere Evidenzen, den bisherigen Kopfstatus des Nomens in der NP zu verwerfen und eine sog. funktionale Kategorie als Kopf anzunehmen. Im Sinne eines universellen Aufbaus von Phrasen ist es ein sicherlich wünschenswertes Ziel, nominale Syntagmen parallel zu Sätzen zu analysieren, wie es erstmals ABNEY (1987: 21) für das Englische vorschlägt.
Mit BHATT (vgl. 1990: 18) werden auf diese Weise die strukturellen Parallelen zwischen nominalen Syntagmen und Sätzen theoretisch erfasst.
Ziel dieser Arbeit ist es, ausgehend von der strukturellen Analyse von Sätzen in einem erweiterten X-Bar-Schema eine zu Sätzen analoge Analyse des nominalen Syntagmas in Anlehnung an ABNEY (1987) vorzuschlagen, strukturell zu motivieren und argumentativ zu fundieren. Hierbei richtet sich der Fokus neben den funktionalen Eigenschaften von Köpfen auch auf die kategoriale Form des Spezifizierers, die beim Vergleich von Satz und traditioneller NP signifikant voneinander abweicht.
Abschließend soll gezeigt werden, dass eine DP-Analyse nicht nur theoriegeleitet infolge struktureller Parallelität zur Analyse von Sätzen, sondern auch im Hinblick auf die Analyse ausgewählter sprachlicher Phänomene – also auf Basis empirischer Befunde wie ‚Indefinita‘, ‚Pronomen‘ und ‚Pränominale Genitive‘ – im Vergleich zu einer NP-Analyse zu präferieren ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen
2.1 Die Struktur der CP
2.2 Die Struktur der TP
2.3 Gemeinsamkeiten von CP und TP
3 Das nominale Syntagma
3.1 Zur traditionellen Nominalphrase
3.2 CP/TP-Analyse und traditionelle NP-Analyse im Vergleich
3.3 Die DP-Hypothese
3.3.1 Erweiterung der NP um die funktionale Kategorie D0
3.3.2 Zur Argumentstruktur von Verben und Nomina
3.3.3 „In Sachen Nullartikel“
3.3.4 Zur f-Selektion im nominalen Syntagma
3.3.5 Die DP-Hypothese – ein Zwischenfazit
4 Was kann die DP-Hypothese leisten?
4.1 Indefinita
4.2 Pronomen
4.3 Pränominale Genitive
5 Konklusion
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel der Arbeit ist es, die strukturelle und empirische Motivation für die Analyse nominaler Syntagmen als Determiniererphrasen (DP) anstelle der traditionellen Nominalphrase (NP) zu untersuchen. Dabei wird der Fokus darauf gelegt, eine funktionale Analogie zwischen nominalen Strukturen und Satzstrukturen zu begründen und diese durch linguistische Argumente zu fundieren.
- Strukturelle Analyse von Sätzen im X-Bar-Schema
- Vergleich der traditionellen NP-Analyse mit der DP-Hypothese
- Untersuchung von Argumentstruktur, Indefinita und Pronomen als funktionale Kategorien
- Kritische Auseinandersetzung mit der DP-Analyse im Deutschen
Auszug aus dem Buch
Die DP-Hypothese
Der unter Kap. 3.2 vorgeschlagene Lösungsansatz, das nominale Syntagma als DP zu interpretieren, soll nun detailliert vorgestellt werden. Da – wie bereits angedeutet – auch im nominalen Syntagma ein funktionaler Kopf angenommen wird, wird an dieser Stelle vorgeschlagen, Elemente der Kategorie D0 als funktionale Köpfe des nominalen Syntagmas zu analysieren, da sie (a) keinen deskriptiven Gehalt besitzen, (b) folglich Funktionswörter sind und (c) an eine spezifische Position gebunden sind (D0-Position). Diesem Ansatz haben sich ausgehend von HELLAN (1986) und der wegweisenden Arbeit von ABNEY (1987) u. a. auch HAIDER (1988), BHATT (1989) und OLSEN (1989) für das Deutsche angeschlossen.
Wie lässt sich nun eine Analogie zwischen der Analyse des nominalen Syntagmas und derjenigen von Sätzen formal repräsentieren? Funktionale Kategorie und somit Kopf des nominalen Syntagmas ist der Determinierer (D0), der als Komplement die Nominalphrase (NP) selegiert, wie es (38) veranschaulicht:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik des Kopfstatus von Nomina ein und stellt das Ziel vor, nominale Syntagmen analog zu Sätzen als DP zu analysieren.
2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen: Es wird die syntaktische Struktur von Sätzen (CP/TP) im Rahmen neuer Generativer Grammatiken beschrieben, um eine Grundlage für den anschließenden Vergleich zu schaffen.
3 Das nominale Syntagma: Dieses Kapitel erläutert die traditionelle NP-Analyse, stellt sie der CP/TP-Analyse gegenüber und führt die DP-Hypothese als alternative strukturelle Analyse ein.
4 Was kann die DP-Hypothese leisten?: Hier wird die praktische Anwendbarkeit der DP-Hypothese durch die Analyse von Indefinita, Pronomen und pränominalen Genitiven empirisch geprüft.
5 Konklusion: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bewertet die Vor- und Nachteile der DP-Analyse im Vergleich zur traditionellen NP-Analyse.
Schlüsselwörter
DP-Hypothese, Nominalphrase, Determinierer, X-Bar-Schema, funktionale Kategorien, Syntax, Nullartikel, Indefinita, Pronomen, Genitiv, Argumentvererbung, linguistische Theorie, NP-Analyse, Sprachwissenschaft, Strukturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die syntaktische Struktur von nominalen Syntagmen und argumentiert für deren Umdeutung von einer traditionellen Nominalphrase (NP) zu einer Determiniererphrase (DP).
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind der strukturelle Vergleich zwischen Sätzen und nominalen Phrasen, die Rolle funktionaler Köpfe (D0) und die empirische Überprüfung dieser Struktur an Phänomenen wie Indefinita und Genitiven.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die DP-Hypothese für das Deutsche strukturell zu motivieren und argumentativ zu fundieren, um eine einheitliche Beschreibung von Phrasenstrukturen zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die generative Grammatiktheorie und das X-Bar-Schema als formalen Rahmen für die syntaktische Analyse und den Vergleich von Sprachdaten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Herleitung der DP-Hypothese sowie deren Anwendung auf spezifische sprachliche Probleme wie Argumentvererbung, den Status des Nullartikels und die Analyse von Pronomina.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie DP-Hypothese, Determinierer, X-Bar-Schema und funktionale Kategorien innerhalb der Syntaxforschung beschreiben.
Wie wird der Nullartikel im Rahmen der DP-Hypothese erklärt?
Der Nullartikel wird als leerer D0-Kopf interpretiert, der auch in Fällen syntaktischer Leere vorhanden ist und somit die Konsistenz der DP-Analyse wahrt.
Warum wird im Deutschen die Analyse des pränominalen Genitivs als problematisch angesehen?
Es gibt theoretische Differenzen, ob der pränominale Genitiv als maximale Phrase oder als Kopf der DP fungiert, was die parallele Analyse zur englischen Struktur erschwert.
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- Niels Kindl (Autor), 2011, Die DP-Hypothese, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168937