Die "Orestie" von Aischylos - ein Nährboden der Gegenwartsdramatik

Ein Vergleich mit "Echtzeit" von Albert Mestres und "Ein Sturz" von Elfriede Jelinek


Essay, 2011

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die „Orestie“ von Aischylos– ein Nährboden der Gegenwartsdramatik

Obwohl um 458 v. Chr. entstanden, ist das griechisch-antike Drama von Aischylos heute so aktuell wie noch nie. Es begegnet uns in der Oper sowie in der Literatur und in modifizierter Form besonders im Theater. Entweder als Neu-Inszenierung des ursprünglichen Dramas, als stoffliches Binnenkonzept in Co-Produktionen oder aber als motivische und thematische Aufnahme in den erst kürzlich publizierten Stückfassungen von außergewöhnlichen Dramatikern. Auffällig ist, wie häufig die Orestie von Aischylos in der Gegenwartsdramatik zitiert oder rezipiert wird. Dabei stellt sich die Frage, was das Besondere an dem ungefähr 2500 Jahre alten Drama ist und weshalb es für die Gegenwartsdramatik offensichtlich so interessant ist. Wieso ist folglich die Orestie im aktuellen Theatergeschehen so stark präsent?

Formal ist Aischylos´ Werk ein Wegbereiter der griechisch-antiken Tragödie gewesen. Der Stoff ist auch schnell erzählt: In drei Teilen mit „Agamemnon“, „Choephoren“ und „Die Eumeniden“ wird die Tragödie der Familie um den mykenischen König Agamemnon nach dem Sieg im Trojanischen Krieg als Folge des Tantaliden-Fluchs erzählt. Agamemnon, der das Leben seiner Tochter gegen den Sieg im Trojanischen Krieg tauscht bzw. opfert, wird zusammen mit seiner Geliebten von seiner Ehefrau Klytaimnestra getötet. Ihr Sohn Orestes rächt sich für den Vatermord und tötet schließlich seine Mutter und ihren Geliebten. Als Orestes schließlich von den racheliebenden Erinnyen verfolgt wird, aber endlich seinen inneren Frieden wieder erlangen möchte, wird er durch den Einsatz des neu entstandenen Areopags mit Athenes Hilfe freigesprochen, sodass der Tantaliden-Fluch damit sein Ende hat.

Thematisch bietet die Orestie viele eindringliche Begebenheiten, wie den Muttermord, die Ermordung des Gatten und seiner Geliebten oder das Aufbegehren der Naturgottheiten. Dies alles sind Themen, die für die heutige Zeit von hoher Brisanz sind. Folgt man dem Geschehen in der aktuellen Tagespresse, fällt auf, dass Familienmorde immer häufiger stattfinden. Seien sie aus niederen Beweggründen wie Eifersucht und Liebesentzug oder aus blutiger Rache geschmiedet bzw. entschieden worden. Fast immer jedoch ist affektives Handeln die Voraussetzung.

In einer Podiumsdiskussion vom 05.07.1998[1] wird die Frage gestellt: Was hat uns die Antike heute noch zu sagen? Eine mögliche Antwort darauf bietet Heinz Josef Herbort, indem er sagt: „Gerade in der Konfrontation des ganz Antiken mit dem ganz Modernen werden wir auf einmal feststellen, was sie uns tatsächlich zu sagen hat.“ Das bedeutet, dass besonders im Theater erst die Möglichkeit besteht, sich mit den Themen der Antike auseinanderzusetzen, im Wechselspiel mit dem modernen Identitätsverständnis und der modernen Spielweise einen neuen Blick, eine neue Sicht auf die Dramen zu werfen. Die Gegenwartsdramatik scheint somit prädestiniert zu sein, antike Themen besser zu verstehen und immer wieder neu zu interpretieren.

Betrachtet man die Spielpläne der aktuellen Theatersaison, scheint das antike Drama zunächst nicht sehr stark in den Vordergrund gerückt zu sein. Nur wenige dieser Dramen, wenn überhaupt, schaffen es auf die Spielpläne der vielen Theater. Es scheint nicht mehr interessant zu sein, die antiken Dramen in der Form aufzuführen, wie sie in der jahrtausendalten Fassung vorliegt. Dafür wird der Fokus besonders auf die familiären Motive innerhalb der griechisch-antiken Theaterstücke in der Gegenwartsdramatik deutlich.

Häusliche Gewalt als Vorbote des Familienmords

Exemplarisch dafür steht das Theaterstück „Echtzeit“[2] (2010) vom katalanischen Autor und Regisseur Albert Mestres. In diesem Drama verarbeitet er das Thema der Gewalt in der Familie, seien sie physischer oder psychischer Natur. Jedenfalls sind sie stark in den Vordergrund gerückt und unterliegen dem Umgang innerhalb einer vom Leben sehr enttäuschten und unglücklichen Familie. Der Inhalt ist schnell erzählt. Nachdem der Ehemann Nonet nach jahrelanger Abwesenheit als Soldat im Krieg ins wohlbehütete Zuhause zurückkehrt, hat seine Frau Clita bereits einen Nebenbuhler. Als sie und ihr Geliebter Gisto die Situation als Patchwork-Familie nicht mehr ertragen können, töten sie Nonet. Die Kinder allerdings, welche den Vater abgöttisch lieben und die Ignoranz der Mutter und die körperliche Gewalt des Stiefvaters nicht mehr dulden wollen, töten erst Gisto und schließlich auch die Mutter.

Das Thema der häuslichen Gewalt ist bei Mestres in eine Handlung eingebettet, die dem der Orestie von Aischylos zu Grunde liegt. Die Trilogie der Stücke in der Orestie wird in „Echtzeit“ in drei Akte aufgelöst, wobei mythologisch nur mit den beiden ersten Teilen, dem „Agamemnon“ und den „Choephoren“ gearbeitet wurde. Jeder Akt beginnt mit einem zwei-strophigen Gesang, deren Metrik und sprachliche Gestaltung dem der Orestie sehr ähnlich formuliert sind: sie lauten der „Gesang der Elektra“, „Gesang des Agamemnon“ und „Gesang der Klytaimnestra“, welche von einem als ausgewiesenen Schauspieler im Stück verkörpert werden. Dieser hat die Aufgabe, dem Zuschauer den Stoff als Rahmenprogramm aufzuzeigen. Diese Gesänge können somit als thematische Vorboten der Aktionen in den jeweiligen Szenensequenzen gelesen werden und weisen damit explizit auf den Rückgriff des mythologischen Stoffes bei Mestres hin.

Interessant ist hierbei vor allem der Bezug zu den einzelnen agierenden Personen. So kann die Figur des aus dem Krieg heimkehrenden Nonet als Agamemnon identifiziert werden. Seine Frau Clita, die immer auf ihn gewartet und unterdessen den Haushalt und die Kinder betreut hat, stellt Klytaimnestra dar. Ihr heimlicher Geliebter Aigisthos kann mit Gisto gleichgesetzt werden und die vaterliebenden Kinder Uri und Eli ähneln den mythologischen Figuren des Orestes und der Elektra. Auch die vom Vater Agamemnon für die Hilfe der Götter zum Sieg geopferten Tochter Iphigenie taucht im Stück „Echtzeit“ wieder auf: Gènia. Der etymologische Zusammenhang der beiden Figuren sei hier nur am Rande erwähnt. Gènias Schicksal ist ebenfalls grausam. Auf Grund von Misshandlungen durch den Ehemann während der Schwangerschaft wird Gènia taub und stumm zur Welt gebracht. Bei einer kurzen Verletzung der elterlichen Aufsichtspflicht ertrinkt das Kind in der Badewanne.

Interessant ist nun die Frage, wie Albert Mestres die einzelnen Figuren und den Stoff interpretiert und gedeutet, was er also als etwas Neues bzw. Gegenwärtiges in der Orestie des Aischylos gesehen hat. Auffällig ist zunächst die starke sprachliche Reduktion innerhalb des Theaterstückes. Der linguistische Aspekt scheint für ihn bis auf die drei Gesänge nicht von Interesse gewesen zu sein. Denn alle Figuren sprechen nur mit wenigen kurzen Sätzen, die sie floskelhaft immer wieder in spärlichen Dialogen verwenden. Der Grund liegt zumindest auch darin, dass die einzelnen Familienmitglieder nicht wirklich miteinander kommunizieren möchten und so ihre scheinbare Teilnahme am Tagesgeschehen anzeigen.

[...]


[1] Hat uns die Antike heute noch etwas zu sagen? Podiumsdiskussion am 05.07.1998. In: THORAU, Henry und KÖHLER, Hartmut (Hrsg.): Inszenierte Antike – Die Antike, Frankreich und wir. Neue Beiträge zur Antikenrezeption in der Gegenwart. Frankfurt am Main u.a.: Lang, 2000. S. 123-144. Zitat hier S. 135.

[2] Stückabdruck und einleitende Worte sind zu finden in Theater der Zeit. Die Zeitschrift für Theater und Politik. Jahrgang 65., Heft Nr. 12. Berlin: Dezember 2010. S. 46 ff.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die "Orestie" von Aischylos - ein Nährboden der Gegenwartsdramatik
Untertitel
Ein Vergleich mit "Echtzeit" von Albert Mestres und "Ein Sturz" von Elfriede Jelinek
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
7
Katalognummer
V168963
ISBN (eBook)
9783640870592
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
orestie, aischylos, nährboden, gegenwartsdramatik, vergleich, echtzeit, albert, mestres, sturz, elfriede, jelinek
Arbeit zitieren
Nicole Hilbig (Autor), 2011, Die "Orestie" von Aischylos - ein Nährboden der Gegenwartsdramatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168963

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