Die Gestalt der ‚Ol’ga‘: ihre Konzeption und ihre Funktion in Ivan Gončarovs Roman „Oblomov“


Seminararbeit, 2002

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse der Figur Ol’ga
2.1 Ol’gas Rolle im Roman
2.2 Einfluss auf Ol’gas Entwicklung von außen
2.3 Ol’gas Reifeprozess, ihre Ziele und deren Verwirklichung

3. Gegenüberstellung zu anderen Figuren im Roman
3.1 Ol’ga und das Frauenbild im 19. Jahrhundert
3.2 Die Liebe zu Oblomov
3.3 Beziehung zu Štol’c

4. Ist Ol’ga das Idealbild der Frau?

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist die Konzeption und Funktion der Gestalt „Ol’ga“ in Gončarovs Roman „Oblomov“.

Bei der Person Ol’ga Il’inskaja handelt es sich um eine Figur, die erst nach der ausführlichen Schilderung des Lebens des Protagonisten Il’ja Il’ič Oblomov in die Handlung eingeführt wird und das Leben des bisher untätig und müßig lebenden Oblomov zeitweilig positiv verändert.

Folgende Frage soll anhand einer Figurenanalyse von Ol’ga Il’inskaja in dieser Arbeit untersucht werden: Was bezweckte I. A. Gončarov mit dem Entwurf der Figur „Ol’ga“ in seinem Roman „Oblomov“?

Es wird innerhalb dieser Arbeit ausführlicher auf den Einfluss auf die Figur seitens ihrer Mitmenschen, ihre daraus erfolgende Entwicklung, ihre Intentionen als Protagonistin, auf den Vergleich und Konstellationen der Figur mit anderen Figuren im Roman eingegangen werden. Des weiteren stellt sich die Frage, ob die Figur Ol’ga dem damaligen Idealbild einer Frau für die russische Elite der Mitte des 19. Jahrhunderts entspricht.

Ich werde mich mit meinen Thesen unter anderem auf die Erkenntnisse und Belege aus der Forschungsliteratur stützen. Bei der von mir verwendeten Sekundärliteratur handelt es sich um Schriften von Baratoff, Belinskij, Dobroljubov, Lotmann, Pisarev, Setschkarev, Scholz und Russel.

Zu den untersuchten Primärquellen gehört der zweite Teil ab Kapitel V, der gesamte dritte und vierte Teil.

2. Analyse der Figur Ol’ga

2.1 Ol’gas Rolle im Roman

Die Figur Ol’ga Il’inskaja spielt eine sehr große, gar entscheidende Rolle in Gončarovs Roman „Oblomov“. Erst mit dieser Figur verändert sich das Leben des passiven Protagonisten Il’ja Il’ič Oblomov und ist später, nach Ol’gas Resignation, entgültig als ein verlorenes oder gar nutzloses anzusehen.

Schon bei der ersten Begegnung mit Oblomov hört sie Štol’c neugierig[1] (II, 5: S.188) zu,

als er sie auf die Größe und Güte Oblomovs Seele aufmerksam macht, sie betrachtet nun mit doppelter Neugierde: „с удвоенным любопытством“ (II, 5: S.188) den ohnehin schon schüchternen und tollpatschigen Il’ja Il’ič, bringt ihn dadurch noch mehr in Verlegenheit und weckt später ein Gefühl in ihm, zu dem er, obschon er davon träumte, nicht mehr fähig zu sein schien, nämlich die Liebe. Durch diese Funktion scheint Ol’ga die letzte Chance zur ‚Rettung’ des Protagonisten aus seiner Apathie zu sein, ihr scheint zu gelingen, was z. B. Štol’c, mit seiner rationalen Methode[2], nicht annähernd so gut erreichen kann:

Он [Oбломов] вдруг воскрес. И она [Ольга], в свою очередь, не узнала Обломова: туманное, сонное лицо мгновенно преобразилось, глаза открылись; заиграли краски на щеках; задвигались мысли; в глазах сверкнули желания и воля. Она тоже ясно прочла в этой немой игре лица, что у Обломова мгновенно явилась цель в жизни. (II,5:S. 231)

Ferner gibt es in der Forschungsliteratur Meinungen, dass „die Frauengestalt [in dem Roman] synthetisierende Funktion zwischen den beiden männlichen Gegensatztypen Träumer und Rationalist [erfüllt].“[3] Außerdem realisiere Ol’ga einen Entwicklungsweg, in dem sich Gončarovs anthropologisches Ideal abzeichne.[4]

2.2 Einfluss auf Ol’gas Entwicklung von Außen

Еine starke Autorität übt Andrej Štol’c auf Ol’ga aus. Noch vor ihrer Veränderung, die wie über Nacht kam, wird sie von ihm als ein Kind angesehen: „только прелесный, подающий большие надежды ребенок“ (II, 5: S. 187), das sich nicht immer traut, ihn, Štol’c zu fragen, wenn es eine Frage hat, weil ihre Eigenliebe darunter leidet, da sie sich ihm so unterlegen fühlt:

он [Штольц] был слишком далеко впереди ее, слишком выше ее, так что самолюбие ее иногда страдало от этой недозрелости, от расстояния в их уме и летах (II, 5: S. 187).

Zu diesem Zeitpunkt schätzt Ol’ga Štol’c als einen guten Freund, der ihr das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein, was durch folgende Metapher verdeutlicht wird: „не от того ли, может быть, шагала она так уверенно по этому пути“ (II, 5: S. 187), weil sie in Štol’c jemanden hat, der noch sicherer denselben „Weg“ geht: „что по временам слышала рядом другие, еще более уверенные шаги ‚друга’“ (II, 5: S. 187), was auch ihr mehr innere Sicherheit gibt, und Štol’c zu ihrem Vorbild machen muss, da sie sich, könnte man sagen, an ihm misst: „с ними [с шагами Штольца] соразмеряла свой шаг“ (II, 5: S. 187).

Ganz anders dagegen ist Ol’gas Beziehung zu ihrer Tante. Es handelt sich hierbei um ein fast unpersönliches Verhältnis zwischen den beiden, obschon die Tante Ol’ga großgezogen haben muss, da Ol’gas Eltern fast gar nicht (außer einmal, am Rande: „если б у ней была мать “ (IV, 4: S. 403)) in dem Roman erwähnt werden. Die Beziehung der beiden wird vom Autor folgendermaßen beschrieben:

Отношения Ольги к тетке были до сих пор очень просты и покойны: в нежности они не переходили никогда границ умеренности, никогда не ложились между ними и тени неудовольствия. [...] Зато с первого раза, видя их вместе, можно было решить, что они – тетка и племянница, а не мать и дочь. (II, 8: S. 219)

Auch weiterhin betont der Autor, dass die Tante einen sehr geringen Einfluss auf Ol’gas Entscheidungen hat und somit feststeht, dass die beiden sich wohl nicht sonderlich nahe stehen, und dass die Tante nicht zu den autoritären Personen gehört:

Ольга спрашивала у тетки советов не как у авторитета [...] а так, как бы спросила совета у всякой другой, более ее опытной женщины. (II, 8: S. 220)

Diese Tatsache erklärt die Selbständigkeit und die für damalige Verhältnisse recht freie Denk- und Handlungsweise Ol’gas. So auch Scholz:

Die Selbständigkeit ihres Charakters und ihres Denkens [...] werden aus den Erziehungsgrundsätzen ihrer Tante hergeleitet. Darum erübrigt sich ein detaillierteres Eingehen auf ihre Herkunft und die Lebensumstände während ihrer Kindheit.[5]

2.3 Ol’gas Reifeprozess, ihre Ziele und deren Verwirklichung

Zu Beginn fällt die Figur Ol’ga auf als ein Mädchen, dem eine Aufgabe fehlt: „сидела одна [...] и мало занималась тем, что вокруг нее происходило.“ (II, 5: S.187). Diese Aufgabe erhält sie jedoch bald von ihrem guten Freund Štol’c, der ihr einen Auftrag gibt:

чтоб она не давала дремать Обломову, чтоб запрещала спать, мучила бы его, тиранила, давала ему разные поручения – словом, распоряжалась им. (II, 8: S. 221)

Ol’ga bemüht sich sehr gewissenhaft, Štol’cens Auftrag in die Tat umzusetzen:

Она мечтала, как «прикажет ему [Обломову] прочесть книги», которые оставил Штольц, потом читать каждый день газеты и рассказывать ей новости, писать в деревню письма, дописывать план устройства имения, приготовиться ехать заграницу, [...] она укажет ему цель, заставит полюбить опять все, что он разлюбил, и Штольц не узнаеt его, воротясь (II, 6: S. 202).

In dieser Aufgabe geht Ol’ga gänzlich auf, denn sie vergleicht sie mit dem Ruhm eines Arztes, der einen hoffnungslos Kranken rettet, ja das sei für sie sogar eine, ihr vom Himmel gestellte Aufgabe: „сколько славы доктору, когда он спасет безнадежного больного! [...] [Ольга] считала это уроком, назначенным свыше“ (II, 6: S. 203).

Doch aus dieser harmlosen Aufgabe und der häufigen Zusammenkunft beider entwickelt sich eine leidenschaftliche Zuneigung, die ein Geständnis seitens Oblomov nach sich zieht und Ol’ga zunächst Sorgen bereitet.

Oblomovs Liebesgeständnis löst in Ol’ga einen Reifeprozess aus, eine Veränderung in ihrem Leben, die sie, ein junges Mädchen, bisher noch nicht kennt. Ol’ga ist unentschlossen, was sie tun soll (II, 6: S. 203), und sie sucht den oder die Schuldige(n): „А кто виноват? [...] Андрей Иваныч, конечно, потому что заставил ее петь. [...] Боже мой! Да ведь я виновата: [...] я завлекала... [...] Что наделал этот Обломов!“ (II, 6: S. 204). Sie bedauert, dass sie Oblomov von nun an nicht mehr „quälen“ (II, 6: S. 202) kann: И вдруг все это должно кончится!“ (II, 6: S. 203).

Wie schon erwähnt, ist diese Situation sehr neu für Ol’ga und überfordert sie offensichtlich, deshalb wird ihr Plan, Oblomov zu verändern, umgeworfen. Sie erkennt, dass sie ihre Rolle als Oblomovs Vormund aufgeben und sich gleichzeitig von ihrer kindlichen Unschuld trennen muss:

Die Beziehung mit Oblomov verhilft Ol’ga dazu, den Übergang von „kindlicher Vertrautheit“ (detskaja doverčivost’; IV, 239) in die „Sphäre der Erkenntnis“ (sfera soznanija; IV, 235), von Intuition zum Bewusstsein [...] zu vollziehen.[6]

So wird sie auch aus der Sicht Oblomovs beschrieben: „Ее воображению открыта теперь самая поэтическая сфера жизни“ (II, 7: S.214f.). Ol’ga erscheint jetzt also als ein anderer Mensch, eine reifere Frau:

Молодая, наивная, почти детская усмешка ни разу не показалась на губах, ни разу не взглянула она так широко, открыто, глазами, когда в них выражался или вопрос, или недоумение, или простодушное любопытство, как будто ей уж не o чем спрашивать, нечего знать, нечему удивляться! (II, 8: S. 222)

An folgender Stelle erklärt Gončarov sehr präzise die Ursache und den Vorgang Ol’gas Veränderung, bzw. den Prozess der Reifung von einem Mädchen zu einer Frau:

Эти два часа и следующие три-четыре дня, много неделя, сделали на нее глубокое действие, двинули ее далеко вперед. [...] Она как будто слушала курс жизни не по дням, а по часам. И каждый час малейшего, едва заметного опыта, случая, который мелькнет, как птица, мимо носа мужчины, схватывается неизъяснимо быстро девушкой: она следит за полетом его вдаль, и кривая, описанная полетом линия остается у ней в памяти неизгладимым знаком, указанием, уроком. (II, 8: S. 223)

Doch auch hier bleibt Ol’ga nicht untätig stehen, sie begreift die neue Situation: „Оно пришло. ‚Это должно быть силы играют, организм проснулся.’ - говорила она“ (II, 9: S. 233) und geht weiter: viel früher als Oblomov denkt sie an die Heirat, denn als er ihr einen Heiratsantrag macht und verwundert die Frage stellt, warum sie denn so gleichgültig sei, antwortet sie: „что давно предвидела это и привыкла к мысли“ (II, 12: S. 280). Doch ein Heiratsantrag reicht ihr nicht, Ol’ga versucht Oblomov dazu zu bewegen, sich um all die unerledigten Geschäfte zu kümmern: „- Первый [шаг]... идти в палату. [...] потом ехать в Обломовку...“ (III, 2: S. 293). Oblomov denkt darauf folgendes, und das trifft sehr gut die Beschreibung von Ol’ga:

Она не останавливается на одном месте, не задумывается сладко над поэтической минутой, как будто у ней вовсе нет мечты, нет потребности утонуть в раздумье! (III, 2: S. 293)

Ol’ga ist nicht bereit, das Vorhaben zu heiraten, bekannt zu machen, bevor Oblomov alles erledigt hat: „- Пока все это не устроется, [...] говорить ma tante нельзя и видеться надо реже...“ (III, 3: S. 302). Eine Zeitlang versucht sie ihn noch zu Taten zu ermutigen, dann hat sie Angst, ihn zu verlieren und ist sogar bereit ihre Tante über die Heiratspläne in Kenntnis zu setzen, obwohl Oblomov noch lange nicht mit allem fertig ist. Sie hofft auf Wunder: „как в его ленивой душе любовь совершит переворот, как окончательно спадет с него гнет“ (III, 7: S. 341).

Doch ihre Hoffnungen und Träume erweisen sich als vergeblich, sie erreicht ihr Ziel nicht. Aber nicht das macht ihr am meisten zu schaffen, sondern, dass sie erkennen musste, dass ihre Liebe zu Oblomov ein Irrtum gewesen sein soll, dass sie nicht diesen Oblomov liebt, der ihr zu erklären versucht, dass irgendeiner, von ihm Beauftragter, seine Geschäfte erledigen wird, sondern den Oblomov, der alles eigenhändig, selbständig und bald macht, den „zukünftigen Oblomov“: „Я любила будущего Обломова!“ (III, 11: S. 368).

An dieser Stelle möchte ich eine Zwischenbilanz ziehen: zu dem ersten Ziel Ol’gas, nämlich Oblomov zu verändern, kommt später ein weiteres hinzu: Oblomov zu heiraten. Nun versucht Ol’ga beide Ziele zu erreichen und scheitert, weil sie das erste Ziel nicht erreicht, sie gibt sich der „Oblomoverei“ geschlagen. Dieses Kapitel ihres Lebens endet also mit ihrer Resignation.

In Paris trifft sie Štol’c, der sozusagen als Gegenpol zur Oblomoverei angesehen werden kann, und nach langem Grübeln stellt sie fest, dass aus der ursprünglichen Freundschaft nun Liebe entsteht: „дружба утонула в любви“ (IV, 4: S. 410).

„- Я его невеста...“ (IV, 4: S.422) und: „- Как я счастлива!“ (IV, 8: S. 454), sagt sie, nachdem sie schon jahrelang mit Štol’c verheiratet ist, aber dennoch, obwohl sie ihr Ziel nun entgültig erreicht zu haben scheint, wird sie nachdenklich und sogar ängstlich und als Ursache dessen gibt der Autor folgendes an:

Oна стала строго замечать за собой и уловила, что ее смущала эта тишина жизни, ее остановка на минутах счастья. [...] Она боялась впасть во что-нибудь похожее на обломовскую апатию. (IV, 8: S. 454 f.)

Als abschließendes Resümee möchte ich hinzufügen, dass das eigentliche Ziel von Ol’ga immer der Weg ist und was aus dem Ziel, welches sie verfolgt, ob es die Zusammenkunft mit Oblomov oder die Familiengründung mit Štol’c ist, wird, ist ihr nicht so wichtig. Wichtig ist ihr, dass es nicht zum Stillstand, zur Apathie kommt. Und das gelingt ihr bis jetzt, es sei denn, sie passt sich der Situation an. Da aber im Roman nicht erwähnt wird, wie die Ehe mit Štol’c ausgeht, ist es offen, ob und wie sie mit der momentanen Unzufriedenheit, bzw. der drohenden Oblomoverei in der Ehe mit Štol’c umgehen wird. Zu dieser Überlegung gibt es kritische Meinungen, wie die, von Dobroljubov:

Она [Ольга] бросила Обломова, когда перестала в него верить; она оставит и Штольца, ежели перестанет верить в него. А это случится, ежели вопросы и сомнения не перестанут мучить ее, а он [Штольц] будет продолжать ей советы – принять их, как новую стихию жизни, и склонить голову. Обломовщина хорошо ей знакома, она сумеет различить ее во всех видах, под всеми масками, и всегда найдет в себе столько сил, чтоб произнести над нею суд беспощадный...[7]

3. Gegenüberstellung zu anderen Figuren im Roman

3.1 Ol’ga und das Frauenbild im 19. Jahrhundert

Am Anfang wird Ol’ga als ein junges, unerfahrenes aber durchaus wissbegieriges und ehrgeiziges Mädchen dargestellt, das sich z. B. über die Vernachlässigung der Bildung für Frauen empört:

- Зачем нас не учат этому? – с задумчивой досадой говорила она, иногда с жадностью, урывками, слушая разговор о чем-нибудь, что привыкли считать не нужным женщине.

(II, 9: S. 238)

Die Besonderheit und Andersartigkeit von Ol’ga äußert sich nicht nur in Hinsicht auf ihre Denk- und Handlungsweise, sondern auch, was ihre äußere Erscheinung angeht. Der einleitende Satz des Autors über Ol’gas Aussehen lässt zunächst kein besonders vorteilhaftes Bild von ihr entstehen: „Ольга в строгом смысле не была красавица “ (II, 5: S. 190). Doch er relativiert seine Bemerkung, indem er die damals üblichen Vorstellungen von Schönheit aufzählt: „тоесть не было ни белизны в ней, [...] ни миньятюрных рук, как у пятилетнего ребенка, с пальцами в виде винограда.“(II, 5: S. 190). Überhaupt, mit Ausnahme von ein paar Gemeinsamkeiten, unterscheidet sich Ol’ga von ihren Zeitgenossinnen in jeder Hinsicht, was die äußere Erscheinung anbelangt, angefangen bei ihren Augenbrauen - die nicht etwa „fadendünn“ zurechtgezupft sind, wie bei den anderen jungen Frauen, und ihr somit eine eigensinnige und individuelle Ausstrahlung verleihen; weiter über ihre Augen, aus denen ein scharfer Blick mit „redendem Gedanken“ leuchtet, bis zu ihren schmalen und meistens zusammengepressten Lippen, die ein Zeichen des sich permanent auf etwas gerichteten Gedanken darstellen (II, 5: S. 190).

Hinzu kommt, dass sie sich nie so benimmt, wie es für ein Mädchen im 19. Jahrhundert üblich ist. Ol’ga verkörpert somit einen seltenen Frauentyp:

в редкой девице встретишь такую простоту и естественную свободу взгляда, слова, поступка. У ней никогда не прочтешь в глазах: «теперь я подожму немного губу и задумаюсь – я так не дурна. Взгляну туда и испугаюсь, слегка вскрикну, сейчас подбегут ко мне. Сяду у фортепьяно и выставлю чуть-чуть кончик ноги...». (II, 5: S. 187)

Das Benehmen der Mädchen und der jungen Frauen im 19. Jahrhundert wurde durch die sogenannten ‚modischen Gesetze’ von der höheren Gesellschaft bestimmt.Es wurde z. B. als gebildet empfunden, wenn adlige Damen „in Ohmacht fallen oder in Tränen ausbrechen [...], [denn] so benahmen sich eben europäische Damen“[8]. Doch Ol’ga unterwirft sich dem offensichtlich nicht: „Ни жеманства, ни кокетства, никакой лжи, никакой мишуры, ни умысла!“(II, 5: S. 188), „Она не задрожит, увидя мышонка, не упадет в обморок от падения стула“ (II, 11: S. 263), was ein Zeichen von selbständigem und selbstbewusstem Denken und einer Natürlichkeit ist. Damit ist sie eine große Ausnahme unter ihren Zeit- und Altersgenossinnen.

Ein weiteres Merkmal des ‚modischen’ Verhaltens, welches man auch bei Ol’ga vorfindet, ist, „daß die Frau sich ständig und aktiv Rollen aneignete, die ihr von Gedichten und Romanen vorgegeben wurden“[9]. So erkennt z.B. Oblomov in Ol’gas Liebeserklärung die Worte Kordelias, einer von Shakespeare erschaffenen Figur: „’Это слова... как будто Корделии!’ – подумал Обломов“ (II, 9: S. 240).

[...]


[1] Der Primärtext: Gončarov, I. A.: Oblomov. Sankt-Peterburg: “Chudožestvennaja literatura“, Sankt Peterburgskoje otdelenije, 1993 wird im laufenden Text mit Seitenzahlen, Teil- und Kapitelangabe in

Klammern zitiert.

[2] Baratoff, S. 81

[3] Russel, S. 186

[4] Ebd.

[5] Scholz, S. 148

[6] Russel, S. 182f.

[7] Dobroljubov, S. 93

[8] Lotmann, S. 90

[9] Lotmann, S. 68

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Gestalt der ‚Ol’ga‘: ihre Konzeption und ihre Funktion in Ivan Gončarovs Roman „Oblomov“
Hochschule
Universität zu Köln  (Slavisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V169036
ISBN (eBook)
9783640872411
ISBN (Buch)
9783640872152
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gestalt, konzeption, funktion, ivan, gončarovs, roman
Arbeit zitieren
Marianne Wenz (Autor), 2002, Die Gestalt der ‚Ol’ga‘: ihre Konzeption und ihre Funktion in Ivan Gončarovs Roman „Oblomov“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169036

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