Geschichte als Philosophie

Schillers Vorlesung über die Gesetzgebung bei Lykurg und Solon als Beitrag zur politischen Philosophie der Spätaufklärung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Schillersche Text
2.1 Verdacht der Gräkophilie
2.2 Universalgeschichtlicher Anspruch
2.3 Philosophischer Text

3. Der schlechte Staat
3.1 Das spartanische Beispiel
3.2Naturzustand imStaat
3.3 Tyrannische Königsherrschaft
3.4 Anarchische Demokratie
3.5 Der totalitäre Staat

4. Der gute Staat
4.1 Der oberste Zweck
4.2 Erziehung zum Besseren
4.3 Teilung der Gewalten
4.4 Repräsentative Demokratie
4.5 0rganische Verfassung
4.6 Gleichheit

5. Der aufgeklärte Denker
5.1 Fortschritt
5.2 Vernunft begründet den Staat
5.3 Volkssouveränität

6. Der zeitgenössische Bezug
6.1 Die Kritik der Verfassung
6.2 Die Frage der Eigentumsverteilung
6.3 Zwei gegenwartsbezogene Anekdoten?

7. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Die Vorlesung Schillers zur „Gesetzgebung des Lykurgs und Solons“, die 1790 in der Thalia abge­druckt wurde, gehört zu den Texten, die bei seiner Rezeption wenig bis gar keine Beachtung fin­den. Natürlich handelt es sich bei diesem Werk nicht um ein großartiges literarisches Meisterwerk. Auch ist es noch weit von dem philosophischen Anspruch etwa der politischen Dimension in der Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen entfernt.

Der Text behandelt einige historische Begebenheiten der Antike. Dennoch, so möchte ich behaup­ten, lässt sich der Text auch als eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen seiner Zeit lesen. Gehalten hat Schiller die Vorlesung im August 1789, kurz nach dem Ausbruch der Französischen Revolution also.1 Das reichliche Jahr, welches bis zum Druck in der Thalia verging, ist innerhalb des Revolutionsverlaufs als ruhig anzusehen. Trotzdem hat die Revolution in Frankreich auch in diesem Zeitraum sicher Spuren im Denken in ganz Europa und natürlich auch bei Schiller hinter­lassen.

Allein der anachronistische Gebrauch des Begriffs Nation weist bereits daraufhin, dass der vorlie­gende Text eher auf eine zeitgenössische Debatte abzielt. Schiller war in der Karlsschule mit den griechischen Quellen, wie etwa Aristoteles, sehr gut bekannt geworden und hat selbst Übersetzun­gen aus dem Griechischen angefertigt. Ihm musste also der historisch richtigere Begriff der Polis auch in seinem Unterschied zum Begriff der Nation ersichtlich gewesen sein. Die bessere deut­sche Übersetzung „Stadtstaat“ findet sich nicht einmal im Text. Der Nationenbegriff aber entwi­ckelte sich erst im 18. Jahrhundert zu einem Schlagwort im politischen Denken. Der Terminus, so möchte ich dies deuten, weist hier also entweder auf einen direkten Bezug des Gesagten zum da­maligen Geschehen oder doch wenigstens auf ein Publikum, welches sich mit diesem Begriff bes­ser anzufreunden vermag. In beiden Fällen wird deutlich, dass Schiller einen Bezug zur Debatte seiner Zeit zumindest intendiert hat.

Vor der näheren Betrachtung des Inhalts ist zunächst etwas Allgemeineres zum Text Schillers an­zumerken. Ich werde daher im Folgenden versuchen, den möglichen Verdacht der Gräkophilie zu entkräften (2.1), bevor ich auf das besondere Geschichtsverständnis Schillers, welches sich im Text auch zeigt, eingehen werde (2.2). Davon abhängig kann auch gezeigt werden, in wie fern sich der Text als ein philosophischer lesen lässt (2.3).

Danach ist es dann möglich aus dem Text die Vorstellung Schillers von einem schlechten Staat zu skizzieren, wobei ich am Beispiel Spartas (3.1) zur Idee Schillers von einem Naturzustand im Staat kommen werde (3.2). Nach den Ausführungen über die schlechten Staatsformen (3.3-3.4), werde ich zeigen, dass auch ein totalitärer Staat nicht dem Ideal Schillers entsprechen kann (3.5). An­schließend stelle ich Schillers Vorstellungen vom guten Staat dar, wobei zuerst auf dessen obersten Zweck einzugehen ist (4.1), sowie verschiedene Aspekte seiner Ausgestaltung (4.2-4.5). Abschlie­ßend soll noch gezeigt werden, wie sich Schiller mit diesen Ansichten in die Aufklärung einordnen lässt (5) sowie welche Andeutungen Schillers als Anspielungen auf seine eigene Zeit verstanden werden können (6).

2. Der Schillersche Text

2.1 Verdacht der Gräkophilie

Ähnlich etwa der Renaissance zeichnet sich auch die Aufklärung in Deutschland durch eine starke Orientierung an antiken Vorbildern aus. Alexander Schmidt nennt als Ursprung dieser Begeiste­rung für die Griechen unter den deutschen Aufklärern Winckelmann.2 Diese Euphorie schlägt in ihren Ausmaßen gelegentlich in eine Art Fanatismus um, in der alles antike zum einzig wahren Maßstab gilt. Wenn Schiller nun eine Arbeit vorlegt, die sich mit der Gesetzgebung zweier Staaten der griechischen Antike befasst, kommt auch bei ihm der Verdacht schnell auf, dass es sich hier um eine verklärende Anhängerschaft handelt.

Gerade Schiller zeichnet sichja dadurch aus, dass in seinen Werken sich die vor allem griechische Antike an vielen Stellen auffinden lässt. Denkt man zum Beispiel an die Balladen, „Die Kraniche des Ibykus“ etwa oder „Die Bürgschaft“, aber auch an andere Gedichte, wie etwa „Die Götter Griechenlands“, so lässt sich schnell eine Vorliebe für solche antiken Stoffe bei ihm finden. Dabei ist der Verdacht der Verklärung durchaus nahe liegend. Doch man begeht einen Fehler, wenn man diese Vermutung über den Dichter Schiller auf den Philosophen und Historiker Schiller eins zu eins überträgt.

Er wendet sich im vorliegenden Text zur Gesetzgebung Lykurgs und Solons direkt gegen eine un­kritische Anhimmelung der Antike. So bemerkt er, dass man „in Anpreisung des Alterthums sehr behutsam seyn“ müsse.3 Angedeutet wird die differenzierte Sichtweise bereits dadurch, dass zwei verschiedene antike „Verfassungen“ miteinander verglichen werden. Damit ist fast zwangsläufig einkalkuliert, dass sich die eine als besser erweist, und somit die Mängel der anderen aufzeigt. Das steht einer uneingeschränkten Gräkophilie bereits im Wege.

Schiller geht aber natürlich auch darüber noch hinaus. Er entlarvt nicht nur bei der Lykugischen Verfassung, dass die ihr anfänglich entgegengebrachte Bewunderung einem nur „flüchtigen Blick“ geschuldet ist.4 Auch in der Athener Verfassung finden sich für Schiller Ansatzpunkte zu einer Kri­tik. Und es ist für den Historiker geboten, dies auszuführen, „denn die Geschichte soll keine Lob­rednerin seyn.“5 So versucht er also im Hinblick auf beide Verfassungen sowohl positive, als auch negative Aspekte aufzuzeigen.

2.2 Universalgeschichtlicher Anspruch

Bereits in seiner Antrittsrede in Jena - oder vielmehr in der nachträglich bearbeiteten Druckfas­sung dieser Rede - legt Schiller ein Zeugnis davon ab, dass er als Historiker weit davon entfernt ist, schwärmerisch dem antiken Ideal anzuhängen. Vielmehr soll die Universalgeschichte „von der übertriebenen Bewunderung des Altertums und von der kindischen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten“ heilen.6

Sicher möchte Schiller als Literat eine Historiographie betreiben, was nichts anderes heißen soll, als Geschichte unterhaltsam zu vermitteln, ohne dabei Abstriche bei der Präzision zu machen.7 Für ihn ist es wichtig, dass aus der Geschichte gelernt werden kann. Muhlack meint, dass damit aber kein „unmittelbar anwendbares Handlungswissen“ gemeint sei, da dies mit Schillers Impetus der Freiheit und Selbstbildung nicht in Einklang zu bringen sei.8 Ein solches Verständnis von Univer­salgeschichte als didaktische Anleitung ist die Geschichtsschreibung Schlözers, von der sich Schil­ler aber durchaus absetzt. Muhlack meint, sich sogar in eine andere Welt versetzt zu sehen und glaubt, Schiller habe mit seinem Konzept der Universalgeschichte die Absicht, das „Schlözersche zu erledigen“.9

Dass aber Schiller keinerlei didaktische Absicht hat, ist natürlich nicht wahr. Natürlich ist aus der Geschichte zu lernen, wie er bereits in der Antrittsrede sagt.10 Deutlich ist gerade im vorliegenden Text zu merken, wo Schiller seine Sympathien für ein Konzept hat und was er für richtig erachtet. Muhlack meint, es ginge Schiller um eine formale Bildung, die eher zu einer eigenen Entschei­dungsfindung beiträgt, als diese Entscheidung vorwegzunehmen.11

2.3 Philosophischer Text

Bereits an diese Geschichtsauffassung kann man leicht anschließen und behaupten, dass sich Schiller eher als Geschichtsphilosoph ansehen lässt. Und der Text der Vorlesung zur „Gesetzge­bung des Lykurgs und Solons“ gibt darüber hinaus ganz konkrete Beispiele, wie philosophisch die historische Arbeit Schillers wirklich ist.

Nicht nur, dass sich Schillers Bemerkungen ausdrückli]ch an den „Philosophischen Forscher der Menschengeschichte“12 wenden. Es geht hier auch tatsächlich nicht einfach darum, einen histori­schen Bericht zu liefern. Viel mehr soll mit einem „allgemeinen Maaßstab“13 gearbeitet werden, der an den Staat als Institution angelegt werden soll. Schiller formuliert hier Regeln, die „ueber- haupt“ für „politische Anstalten“ gelten sollen14. Wir finden die Auseinandersetzung mit „höchs­ten“ Prinzipien, nicht nur des Staates, sondern - wie ich noch zeigen werde - der Menschheit selbst. Und schließlich geht es auch um ein „Grundprinzip, auf dem alle Staaten ruhen“ sollen.15 Allein die Wortwahl des Textes zeigt, dass man es mit einem philosophischen Werk zu tun hat. Ganz ist Schiller hier in einem normativen Werten verhaftet, statt in einem neutralen Bericht, wie ihn die heutige Geschichtsforschung zu geben versucht. Geschichte dient ihm in den späteren phi­losophischen Schriften vor allem als didaktisches Mittel der Veranschaulichung.16 Und eben dieses kann auch für den vorliegenden Text angenommen werden.

Es mag sehr wohl noch ein Rest von Gräkophilie sein, wenn Schiller andeutet, dass sich die Athe­ner Verfassung vielleicht durch ein Zuviel des Guten auszeichnet.17 Doch das Fehlen der richtigen Begriffe und Vorstellungen, welches er an gleicher Stelle anspricht, meint für den Philosophen doch das Verfehlen des anzustrebenden Ideals. Letztlich ist damit die „Staatskunst“18 selbst eine philosophische Kunst, die einer Wahrheit zustrebt, welche den menschlichen Fortschritt in den Mittelpunkt rückt. Sie ist damit die wichtigste aller Künste - die einzige, die sich mit einem „selbstthätigen widerstrebenden“ Gegenstand befasst: der menschlichen Freiheit.19

3. Der schlechte Staat

3.1 Das spartanische Beispiel

Obwohl es in den Verfassungen von Solon und Lykurg schlechte und sehr schlechte Aspekte gibt, so stellen sie dennoch nicht den schlechten Staat dar. Sie sind in gewisser Weise gut durchdacht und auch das lykurgische Sparta folgt ganz einem bestimmten Zweck. Auch diese Verfassung er­weist sich als „zweckmäßig“ und stellt ein „vollendetes Kunstwerk“. Erst der höhere Zweck des Menschen ist es, welcher dieser Verfassung eine tiefe „Missbilligung“ abverlangt.

In Schillers Darstellung nimmt eigentlich eher der Staat Sparta vor dem Auftreten Lykurgs diese Rolle ein, einen Staat zu zeigen, der die schlechtesten Eigenschaften in sich vereinigt. Gleich zu­erst kritisiert Schiller, dass der Reichtum im Staat ungleich verteilt ist. Das allein ergibt schon eini­ge Probleme, auf die ich später noch zurückkomme. Darüber hinaus aber für ihn stellt sich die Si­tuation in Sparta auch so dar, dass die wenigen Reichen die ärmeren Bevölkerungsteile unter­drücken. Schiller spricht vom „[T]yrannisiren“ der Armen durch die Reichen.20 Dies gibt weiten Bevölkerungsteilen einen ausreichenden Anlass, sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufzuleh­nen.

Zudem stehen sich Volk und König unvermittelt gegenüber. Das heißt, dass das Volk dem Willen des Staatsoberhaupt in aller Willkür ausgesetzt ist. Es gibt keine den König begrenzende Kraft. Andererseits ist aber der König auch dem Volk völlig ausgesetzt, welches ihn vertreiben oder töten kann, um an die Macht zu kommen.

Der von Schiller attestierte Mangel an Gemeingeist ist aus mehreren Gründen als negativ zu sehen, etwa beim Zusammenhalt gegen einen äußeren Feind. Für Schiller scheint das Empfinden einer Zugehörigkeit zum Staat - ein Zusammengehörigkeitsgefühl in Form einer nationalen Identität - ein wichtiger Aspekt für die Möglichkeit eines guten Staates an sich zu sein. Vaterlandsliebe und politische Beteiligung gehören zu den Bürgertugenden. Beides ist scheinbar im Sparta vor Lykurgs Auftreten völlig verschwunden - daher erklärt sich Schiller wohl Lykurgs Hauptaufmerksamkeit auf diesen Aspekt.

Aus diesen Befunden nun lässt sich eine völlige politische Entkräftung des Staates schlussfol­gern.21 Der völlig zerrüttete Staat ist damit in seinem Bestand bedroht. Einerseits droht der Zerfall in kleinere Staaten. Andererseits ist aber auch eine feindliche Eroberung durch einen anderen Staat möglich, deren Abwendung nur einem starken Staatswesen möglich ist.

[...]


1 Vgl. von Wilpert, Gero, Schiller-Chronik: sein Leben und Schaffen, Berlin 1959, hier S. 127. Zu allen Daten, welche Schillers Leben betreffen, habe ich diese Quelle genutzt, auch wenn nicht explizit darauf verwiesen wurde.

2 Vgl. Schmidt, Alexander, Athen oder Sparta? Friedrich Schiller und der Republikanismus, in: Manger, Klaus (Hrsg.), Der ganze Schiller - Programm ästhetischer Erziehung, Heidelberg 2006, S. 103-130, hier S. 112.

3 Schiller, Friedrich, Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solons, in ders. (Hrsg.), Thalia - Eilftes Heft, o. O. o. J. (Leipzig 1790), S. 30-82, hier S. 70. Für diesen Titel wird im Folgenden kurz „SLS“ geschrieben.

4 Ebenda, hier S. 46

5 Ebenda, hier S.78

6 Schiller, Friedrich, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische Antrittsrede, in: ders., Sämtliche Werke Band 4, München 1962, S. 749-768, S. 766.

7 Vgl. Muhlack, Ulrich, Schillers Konzept der Universalgeschichte zwischen Aufklärung und Historismus, in: Dann, Otto u. a. (Hrsg.), Schiller als Historiker, Stuttgart und Weimar 1995, S. 5-29, hier S. 8

8 Vgl. ebenda, hier S. 12

9 Vgl. ebenda, hier S. 18

10 Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, hier S. 766

11 Vgl. Muhlack, Konzept der Universalgeschichte, hier S. 12

12 SLS, hier S. 51

13 Ebenda, hier S. 47

14 Ebenda, hier S. 46

15 Ebenda, hier S.75

16 Vgl. Muhlack, Konzept der Universalgeschichte, hier S. 7

17 SLS, S. 71

18 Ebenda, hier S.75

19 Ebenda, hier S.51

20 Ebenda, hier S.31

21 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Geschichte als Philosophie
Untertitel
Schillers Vorlesung über die Gesetzgebung bei Lykurg und Solon als Beitrag zur politischen Philosophie der Spätaufklärung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politisches Denken im Deutschland der Spätaufklärung
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V169086
ISBN (eBook)
9783640872473
ISBN (Buch)
9783640872930
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, vorlesung, gesetzgebung, lykurg, solon, spätaufklärung, Schiller, Aufklärung, Politik, Philosophie
Arbeit zitieren
Stefan Enke (Autor), 2011, Geschichte als Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169086

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