Die Verwandtschaftsverhältnisse in der städtischen Gesellschaft


Hausarbeit, 1997

12 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Talcott Parsons Thesen zur “ Isolation der Kernfamilie “

3. Industrialisierung

4. Städtische Verwandtschaftsbeziehungen ersten Grades in der zeitgenössischen Gesellschaft

5. Abschlussbetrachtung

6. Quellenangabe

1. Einführung

Grundlage der Hausarbeit war der Text von Martine Segalen zum Thema “ Die Verwandtschafts­beziehungen in der städtischen Gesellschaft”. Die Autorin untersucht in diesem Text die Bedeutung von Verwandtschaft und Verwandtschaftsnetzwerken. Dabei stützt sie sich auf eine kritische Betrachtung der Thesen von Talcott Parsons. Der Autorin geht es nicht darum, Parsons Gesamtkonzept zu widerlegen. Vielmehr versucht sie zu beweisen, dass dieses nicht zu generalisieren, das heißt auf die gesamte folgende gesellschaftliche Entwicklung, anzuwenden ist.

Im ersten Teil der Hausarbeit möchte ich einen verständlicheren Überblick über die Thesen Parsons geben. Dies wird insofern schwierig, da die Quellenangaben der Autorin unzureichend sind. Wichtig ist hier auch der Bezugsrahmen dieser Thesen. Parsons konnte sie mit empirischen Untersuchungen der amerikanischen Gesellschaft der 50-er und 60-er Jahre belegen. Deshalb ist es wichtig einige der sehr umfangreichen Grundanalysen zu erläutern.

Im zweiten Teil der Hausarbeit möchte ich Verwandtschaftsbeziehungen in Arbeiterfamilien während der Industrialisation aufzeigen. Hier wird dargestellt, wie die Familie die Anpassung an die industrielle Gesellschaft erleichtert und in der großbürgerlichen Schicht an Machterhaltung und -ausweitung aktiv beteiligt war.

Danach gehe ich auf die Beziehungen zwischen Eltern und verheirateten Kindern ein. Hier geht es um empirische Untersuchungen zu den Thesen Parsons. Die wichtigste Untersuchung führte Louis Rousell durch, in der er Kontakthäufigkeit zwischen verheirateten Kindern und ihrer Familie untersucht. In weiteren Analysen beschäftigt er sich mit dem Beziehungsgefüge im französischen Mittelstand.

Am Ende der Hausarbeit möchte ich die Kritik der Autorin im Gesamtzusammenhang mit Parsons Thesen darstellen. Vor allem aber zu den Thesen , die sich auf die Verwandtschaftsbeziehungen in der urbanen Gesellschaft beziehen . Hierbei soll ein Übergang zur zweiten Hausarbeit, die sich mit dem letzten Abschnitt des Textes von Martine Segalen befasst, eingeleitet werden.

2. Talcott Parsons Thesen zur “ Isolation der Kernfamilie “

Vor die Betrachtungen von Talcott Parsons Thesen, hier vor allem das “ Konzept der isolierten Kemfamilie möchte ich eine kurze Begriffserklärung setzen .

Was ist eine Familie?

Sie ist eine soziale Institution und die Urform des Gruppenlebens. Sie ist gekennzeichnet durch die Übernahme bestimmter gesellschaftlicher Funktionen, wie der Reproduktions- und Sozialisationsfunktion, der Generationendifferenzierung, durch ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zu ihren Mitgliedern und anderen, die kulturell variabel sind. Unter diesen Familienbegriff fallen auch neuere Lebensformen wie Wohngemeinschaften, nichteheliche Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende.[1]

Der Begriff der Kernfamilie beruht auf der Annahme, dass in der Gesellschaft zu allen Zeiten die Familie bestimmte Grundfunktionen für ihre Mitglieder und die Gesellschaft, in der sie leben, zu erfüllen hat. Daraus wurde das Modell der Kernfamilie mit Vater, Mutter, Tochter und Sohn entwickelt, mit dem man für jede Gesellschaft feststellen kann, welche Funktionen wie erfüllt werden.[2]

Des Weiteren ist für die Betrachtung der Thesen Parsons ein kurzer Überblick des historischen Kontextes nötig. Die USA war zu jener Zeit der industriell am weitesten entwickelte Staat. Daraus resultierte ein Aufschwung der Wissenschaften und der Kultur. So gesehen war die USA in den 60-er Jahren der modernste Staat der Welt . Dies ist insofern wichtig, da Parsons die amerikanische Gesellschaft und deren Weiterentwicklung in dieser Zeit untersuchte. Aus den Ergebnissen schloss er auf die Entwicklung anderer Gesellschaften. Die USA war für ihn ein Vorbild, dem jeder früher oder später folgen musste. Dies schlussfolgerte Parsons aus der Modernisierungstheorie, einer “ amerikanischen Erfindung der 50-er Jahre “ ( Zapf ; 1991 , S . 32 ) , die unter dem Einfluss seiner strukturfunktionalistischen Theorie entstand . Die Konzepte “ moderne Gesellschaft “ und “ Modernisierung “ sind weder eindeutig noch unumstritten. Man nutzte sie, um unter - entwickelte Länder mit der modernen, nordamerikanischen “Erfolgs - und Führungsgesellschaft“ größtenteils subjektiv wertend zu vergleichen.[3] Man kann diese Entwicklung als einen Prozess der Mobilisierung, der Differenzierung und der Säkularisierung kennzeichnen. Unter dem Begriff der Mobilisierung versteht man nicht nur eine individuelle Veränderung der sozialen Lage oder die Geschwindigkeit der Zirkulation von Gütern und Informationen in einer Gesellschaft, sondern auch Bevölkerungswanderung von einer Region in die andere, oder vom Land in die Städte.

Dies und auch der Prozess der Differenzierung spielen in Parsons Konzepten eine zentrale Rolle.

Welche Theorien stellte er auf?

Während der Industrialisierung hat sich durch die Differenzierung von Betrieben und Haushalten ein Großteil der wirtschaftlichen produktiven Arbeit außer Haus verlagert. Diese Verlagerung schuf einen großen Druck, “ der auf die Isolierung der Kemfamilie gerichtet ist”. Laut Parsons bedeutet dies nicht den radikalen Abbruch der Bindungen an die weitläufige Verwandtschaft. Insbesondere die Herkunftsfamilien der Ehepartner bleiben weiterhin wichtig. Da aber die Familie von den Verdiensten aus der Berufsarbeit abhängig ist, kommt der Wohnortmobilität große Bedeutung zu. Dies heißt meiner Meinung nach, dass man dort wohnt, wo Arbeit zu finden ist. Diese Wohnortmobilität führt zu einer Schwächung der Verwandtschaftsbindungen.[4] In diesem Prozess wird die häusliche Gemeinschaft auf ein Ehepaar mit geringer Kinderzahl reduziert. Diese Kleinfamilie verliert produktive, politische und religiöse Aufgaben und ist “ nur noch eine Wohn - und Konsumgesellschaft “. Sie teilt finanzielle und erzieherische Aufgaben mit anderen Institutionen.[5] Parsons schreibt dazu, das vor allem die Bildungsrevolution wichtige Konsequenzen hatten. Denn nicht die Familie, sondern das Bildungssystem “ dient in zunehmendem Maße als unmittelbare Quelle der Arbeitskräfte für die Wirtschaft “. Deshalb wird auch hier die Rolle der Verwandtschaftsbindungen geschwächt, da deren Einfluss bei der Verteilung der Individuen im Schichtsystem durch erhöhte Anforderungen an Qualifikation verringert wird, so dass die sogenannte “ Vetternwirtschaft “ unterbleibt.[6] Diese Kernfamilie basiert auf der Ehe zweier sich frei wählender Partner und orientiert sich an Werten der Rationalität und Effizienz. Ebenso wird nun die einzigste mit Mobilitäts - und Aufstiegsgrundsätzen vereinbare Funktion der modernen Familie, die der Sozialisation der Kinder sein. Des Weiteren steht der Familie nach Parsons Meinung auch eine verfrühte Selbstauflösung, von ihm als “ self liquidating mechanism “ bezeichnet, bevor. Dies geschieht deshalb, da die Kinder mit den Ehepartnern ihrer Wahl eine von der Herkunftsfamilie unabhängige Familie gründen.

Ein Großteil dieser Thesen konnte von Parsons für die amerikanische Gesellschaft zu dieser Zeit belegt werden. In seinem Text “ Die Jugend im Gefüge der amerikanischen Gesellschaft “ versucht er dies zu veranschaulichen. Im Mittelpunkt steht der Prozess der Individualisierung und der Differenzierung. Durch die Entwicklung von Beschäftigungsorganisationen kommt es zu einem Funktionsverlust für die “ alte undifferenzierte Einheit, aber ebenso einem Gewinn an Autonomie, obwohl dies wieder eine neue Abhängigkeit einschließt, weil der Haushalt nicht länger autark sein kann “ Bindungen an Klasse und Familie werden flexibler und damit oft “ entbehrlicher “, da mehr Entscheidungsmöglichkeiten offenstehen. “[7] Dies geschieht vor allem durch Individualisierungsprozesse und durch die “ Emanzipation der Jugend Es kommt zu einem Funktionswandel der Familie. Die Fürsorgefunktion gegenüber Familienangehörigen wird zum Beispiel auf Altenheime oder Kindergärten verlagert. Freizeit - und Spannungsausgleichsfunktion infolge der Vielzahl von Zwängen der Arbeitswelt werden wichtiger. Die Familie spezialisiert sich auf Nachwuchssicherung, physische Stabilisierung und psychische Regeneration. Neue Faktoren wie die Verlängerung des Lebensalters und die Ausdehnung der Jugendphase aber auch die Anpassung an die Anforderungen der industriellen Gesellschaft zwingen die Familie zu immer neuen Veränderungen.[8]]

Wie schon erwähnt betrachtete Parsons die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft in einem bestimmten Zeitraum. Eine wichtige Fragen der folgenden Arbeit ist, ob diese Thesen zu generalisieren sind ist.

Die Autorin versucht die Ansichten Parsons zur Isolation der Kernfamilie und zur Schwächung der Verwandtschaftsbeziehungen zu widerlegen. Dazu muss sich gezwungenermaßen auch das Vorhandensein der Wohnortmobilität durch den Prozess der Modernisierung als falsch erweisen.

3. Industrialisierung und Verwandtschaft

In diesem Abschnitt “ Industrialisierung und Verwandtschaft “ behandelt die Autorin die Rolle der Verwandtschaftsbeziehungen in England während der Zeit der Industrialisierung. Das geschieht unter anderem am Beispiel der Untersuchung von Tamara Hareven . Sie stellte fest, dass sich auch Firmen , wie in diesem Fall die Amoskeag Manufaktoring Company , Verwandtschaftsbeziehungen zunutze machten . Dies geschah mit der Absicht, Kontrolle über die Arbeitskräfte zu erlangen. Dass heißt, es werden bevorzugt Familienangehörige und Verwandte von Personen eingestellt, die schon in der Firma arbeiten. Innerhalb der Fabrik organisierten sich die Arbeiter sich auf der Basis von ethnischer Zugehörigkeit und Verwandtschaftsgruppen. So gehörten in einigen Fällen bis zu 90 % der Arbeitskräfte im Produktionssektor ein und derselben ethnischen Gruppe an . Dies gab einen starken Zusammenhalt in der Gruppe. Die Familien wirkten stabilisierend, erleichterten ihren Mitgliedern die Anpassung und gaben moralische Unterstützung. Ein Einfluss der familialen Macht auf die industrielle Organisation konnte nur zustande kommen, wenn die äußeren Rahmenbedingungen günstig waren. Tamara Hareven stellt dies am Boykott der Modernisierung durch die Arbeiter in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg dar. Dieser konnte nur erfolgreich sein, solange der Konkurrenzdruck stark war und Arbeitskräftemangel herrschte. Nach dem Krieg konnte die Firma durch Personalabbau derartige Situationen verhindern.

Die Firmen stellten aber auch finanzielle Unterstützung für Wohnungen und Arztbesuche für Arbeiterfamilien bereit. Persönlich sehe ich dies aber nicht nur als “ soziale Hilfemaßnahmen “ sondern als eine Aufbesserung der Arbeitskraft. Die Arbeiter wohnten dann in der Nähe der Firma, hatten also einen kurzen Arbeitsweg und ließen sich durch diese “ Unterstützungsmaßnahmen “ eher zu hohen Arbeitsleistungen motivieren. So konnten die Firmen Druck auf ihre Arbeitskräfte ausüben. Deshalb würde ich nicht, wie die Autorin es behauptet, einen Einfluss der Familie auf die industrielle Organisation sehen. Die Unternehmenspolitik wirkte stabilisierend auf die Familie und die Verwandtschaftsbeziehungen. Dies stellt für mich aber keinen Konflikt mit Parsons Thesen dar. Er nannte die “ geographischen Mobilität “ die Ursache für die Schwächung der Verwandtschaftsbeziehungen. Es wurde versucht, diese durch “ geschickte Firmenpolitik” auszuschalten.

Trotz allem widerlegt die Autorin die Annahme, dass die Industrialisierung zu einer Isolation der Kernkamilie führt. Sie belegte, dass es in ihren ausgewählten Beispielen zu keinem Abbruch der Verwandtschaftsbeziehungen kam. Die Familie muss sich durch den Druck der industriellen Organisation beugen und Veränderungen in Kauf nehmen. In einigen Fällen trifft dies aber nicht zu . Dies sieht man unter anderem an der sogenannten “ Vetternwirtschaft Das heißt, Verwandte reservieren für Angehörige freie Stellen in Bereichen, die für günstige Löhne und Arbeitsbedingungen bekannt waren oder sie erhalten bevorzugt Firmenaufträge. Die Autorin führt als Beispiel Frauen an, die in der staatlichen Tabakmanufaktur arbeiten und “ die es schafften, die Vorstellung zu vermitteln, dass Mitglieder ihrer Familie bei der Einstellung Vorrang hatten Diese besondere Art der familialen Hilfe traf man nicht nur bei Arbeiterfamilie an, sondern insbesondere bei Angestellten und Beamten an.

Da bis jetzt nur die Verwandtschaftsbeziehungen in der Arbeiterklasse betrachtet wurden geht die Autorin nun auf die gehobenen Schichten ein. Hier geht es nur um Machtgewinn und - erhalt. Man erkennt dies an Dynastien von Großindustriellen, die man in ihrem traditionellen Bewusstsein und bei Erbschaftspraktiken mit Adelshäusern vergleichen kann. Man heiratete nur in derselben Schicht, mit dem Ziel, zwei industrielle Organisationen zu verbinden. Durch diese Praktiken versuchten diese Familien neue Märkte und Kundenkreise zu erobern. Diese Großfamilien konnten umfangreiche Hilfeleistungen geben, da ausreichend Recourcen vorhanden waren.

Die unterste Schicht der Arbeiter, auf die die Thesen Parsons zutreffen könnten wurde hier nicht erwähnt. Ein Gegenbeispiel sind die Tagelöhnerfamilie in England oder auch in Preußen zur Zeit der Industrialisierung. Sie wurden nur kurzfristig beschäftigt und konnten jederzeit entlassen werden. So waren sie also jederzeit zu geographischer Mobilität gezwungen. Hier konnten die Familien vermutlich nicht als Bollwerk gegen die Gesellschaft fungieren und Verwandtschaftsbeziehungen waren durch die räumliche Trennung eher bedeutungslos.

[...]


[1] siehe Korte \ Schäfers (1997 , S . 12 )

[2] siehe Korte \ Schäfers ( 1995 , S . 87 )

[3] siehe Geißler ( 1996 , Kapitel 16 )

[4] siehe Parsons ( 1972 , S . 116 )

[5] siehe Segalen ( 1990 , S . 105 )

[6] siehe Parsons ( 1964 , S . 195 )

[7] siehe Parsons ( 1963 , S . 202 )

[8] siehe Korte \ Schäfers (1997 , S . 17 f )

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Verwandtschaftsverhältnisse in der städtischen Gesellschaft
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Biologische und soziale Verwandtschaftsverhältnisse im Umbruch
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
12
Katalognummer
V169145
ISBN (eBook)
9783640872565
ISBN (Buch)
9783640872046
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Grundlage der Hausarbeit war der Text von Martine Segalen zum Thema “ Die Verwandtschafts- beziehungen in der städtischen Gesellschaft”. Die Autorin untersucht in diesem Text die Bedeutung von Verwandtschaft und Verwandtschaftsnetzwerken. Dabei stützt sie sich auf eine kritische Betrachtung der Thesen von Talcott Parsons.
Schlagworte
verwandtschaftsverhältnisse, gesellschaft
Arbeit zitieren
Jörn Moch (Autor), 1997, Die Verwandtschaftsverhältnisse in der städtischen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169145

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