Stilleübungen und Sinneserfahrungen im Religionsunterricht der Grundschule

Stille ist kein Ziel, Stille ist die Chance die Fülle des Lebens zu entdecken


Referat (Ausarbeitung), 2007

15 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Thema des Referats

Stilleübungen und Sinneserfahrungen im Religionsunterricht der Grundschule

Stille ist kein Ziel, Stille ist die Chance die Fülle des Lebens zu entdecken

In einer Zeit, in der Kinder nur wenige Bezüge zu religiösem Leben haben, erscheint es nicht immer einfach, Ansätze zu finden, um gemeinsam mit ihnen spirituelle Wege zu beschreiten. Stilleübungen und Übungen zur sinnlichen Wahrnehmung können Angebote auf einem Weg sein, der religiöse Erfahrungen überhaupt erst möglich macht, denn Voraussetzung für jede tiefere spirituelle Erfahrung ist ein Mindestmaß an Sammlung und innerer Ruhe. Die Selbstwahrnehmung steht in einem engen Zusammenhang mit diesen tieferen Erfahrungen: "Wenn der Glaube bedeutet, dass ich angesprochen bin, muss ich zuerst mich selbst wahrnehmen." Dazu gehört, sich auf die eigenen Wahrnehmungen verlassen zu können, den eigenen Sinnen zu vertrauen. Kinder wollen das Leben schmecken, riechen, fühlen, sehen und hören und brauchen ausreichend Bewegung, um ihr Gleichgewicht zu finden. Globale Ziele der Übungen im Religionsunterricht sind die Förderung der Sensibilität für die eigene Person, für andere Menschen, für Gott und die Schöpfung. Sich selbst wahrnehmen (als Ganzheit von Körper, Seele und Geist) und darüber hinaus wahrnehmen, was wichtig und bedeutsam erscheint, fällt Kindern jedoch zunehmend schwerer. Leistungsdenken, Funktionalismus und eine zunehmende Mediatisierung im Alltag haben Kinder und deren Lebenszusammenhänge längst erreicht. Kinder reagieren darauf häufig mit Unruhe, Spannungen und Konzentrationsmängeln. Stilleübungen und Sinneserfahrungen bieten im Religionsunterricht die Möglichkeit, Spiritualität nicht ausschließlich über Texte oder Bilder erfahrbar zu machen, sondern über ein unmittelbares "Berührtsein.

Bedeutung der Stille - „Gute Atmosphäre, die zur Bildung hilft, bildet sich nicht ohne Stille“

Die Stille gehört für M. Montessori zur Bildung (Montessori in Helming 1977, S. 71). „Stille ist das Fundament des Lernens. Hingabe an eine Tun erfolgt aus Sammlung und Stille“ (dito, 1977, S. 71). Die Stille hat bei Montessori einen sehr hohen Wert: „Trotzdem weiß man, vor allen Dingen, von der erzieherischen Seite her, dass die Stille einen sehr hohen inneren Wert hat, und dass die Menschen, die sich zu vervollkommnen suchen oder die mit ihrer Intelligenz auf ein sehr hohes Niveau gelangen wollen.“ (Montessori, 1994, S. 132 f. ).

Aktive und passive Stille

„Es gibt zwei Arten von Stille: passive und aktive Stille. Beide sind in der Art ihres Personenbezugs einander konträr. Wird die eine als Zwang und Beengung erfahren, ist die andere geprägt von lustvollem Erleben in angespannter Aufmerksamkeit“ (Herz, 1993, S. 72).

Passive Stille ist erzwungen, so wie es in vielen Elternhäusern oder Einrichtungen praktiziert wird durch Reglementieren und Befehlen. Diese Art lehnt Montessori ab. Die Fremdbestimmung des Kindes erzeugt Angst und steht konträr zur Eigenaktivität. Stille muss vom Kind gewollt sein.

Diese angestrebte Stille ist eine aktive Stille, ein Still-Werden und Aufnehmen der Stille. Voraussetzung ist aber auch eine Beherrschung des Körpers. Man kann nur leise durch einen Raum gehen, indem man beherrschte Bewegungen ausführt. Ein Ruhezustand ist nur möglich durch ein Bewusstwerden des eigenen Körpers. Immer mehr liest man von Verhaltensauffälligkeiten, Hyperaktivität und sogar von psychosomatischen Störungen bei Kinder. Die Unruhe der Kinder ist ein Problem unserer Gesellschaft. Die Medien, wie Fernsehen, Computer bieten den Kindern eine Vielzahl und einen sehr schnellen Wechsel von Reizen. Sie bringen sehr oft Unruhe, Hektik und vor allem auch Lärm mit sich. Das führt dazu, dass Kinder heutzutage nicht mehr selbstverständlich mit Ruhe vertraut sind. Durch die hohen Ansprüche an Informationsverarbeitung sind die Kinder oft überfordert. Hinzu kommt, dass Medien oft als Ersatz für Spielpartner dienen, das gemeinsame, entspannte, selbstvergessene Spiel bleibt auf der Strecke. Da die Kinder als Konsumenten angesprochen werden, steigert sich die Unzufriedenheit und das Konsumdenken. Es entsteht ein stetiges Streben nach mehr. Die Kinder können keine Freude mehr finden an den kleinen Dingen im Leben, z. B. an der Natur. Dann leben die Kinder zuschauend statt erlebend, d. h. sie machen nur mittelbare Erfahrungen und erleben eine Wirklichkeit aus zweiter Hand. Dabei werden Körpererfahrungen und Kreativität eingeschränkt. Die Kinder können nicht mehr zu sich selbst, zu ihrem ruhenden Pool im Inneren finden. Stilleübungen sollen helfen, die Kreativität und Phantasie anzuregen und bieten Möglichkeiten, Ängste zu verarbeiten. Die Kinder sollen wieder lernen, auf ihre inneren Bilder zurückzugreifen.

Was sind Stilleübungen?

Stilleübung ist ein Sammelbegriff für alle Spiele und Übungen, in denen Kinder Stille als Erfahrungsraum positiv erleben. Der Unterschied zwischen Laut und Leise, Bewegung und Ruhe wird verdeutlicht und hervorgehoben. Bei den Übungen wird in der Regel nicht gesprochen, dafür werden die Sinne bzw. bestimmte Körpererfahrungen angeregt. Stilleübungen sind u. a. Sinnesübungen, aber auch Massagen, Mandala malen und Phantasiereisen. Kurz: alles was Stille zum Erlebnis macht.

Das Wort „Schule“ weist in seinem Ursprung der griechischen und lateinischen Sprache auf eine Bedeutung hin, die in unserer Zeit verlorengegangen zu sein scheint: Muße, Beschaulichkeit, Besinnlichkeit und Ruhe sind Begriffe, die von diesem Verständnis her mit Schule in Verbindung zu bringen sind. Wir assoziieren heute weit eher Geschäftigkeit, Aktivität und Leistung. Momente der Ruhe und Entspannung werden als Gegengewicht zum zielgerichteten Lernen im Sinn eines Ausgleichs bewusst in den Unterricht hineingenommen. Die Erkenntnis eines natürlichen Rhythmus von Aktivität und Besinnung, als in langer Tradition bewährter und hilfreicher Wechsel der Lebensformen setzt sich bis in die tägliche Schularbeit durch. Regelmäßige Stilleübungen sind Ausdruck dieser Erkenntnis und der Suche nach Ruhepolen. Sie können auf längere Zeit hin dazu führen, dass Kinder diese Phasen als wohltuendes Gegengewicht erleben, als Ausgleich zur vorwiegend kognitiven Arbeit, zum Schulstress und Leistungsdruck. Produktiv-schöpferisches Denken kann dabei zur Sammlung, Ruhe und Ausgeglichenheit führen. Es geht nicht darum, von Kindern von Anfang an die totale Stille und Bewegungslosigkeit zu erwarten. „Stilleübungen müssen nicht schweigende Übungen sein, sondern beinhalten auch Übungen, die zum Stillwerden einladen. Dabei ist mit Stillwerden nicht äußeres Stillsein gemeint, sondern inneres Stillwerden. Das innere Stillwerden führt zur Begegnung mit sich selbst und zu ganz neuen Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten. Die Fragen nach der eigenen Identität, nach Sinn und Zweck des Lebens und auch die Frage nach Gott, nach der Wirklichkeit Gottes im eigenen Leben erhalten Raum.

Wozu dienen Stilleübungen?

Unser Alltag ist geprägt von ruheloser Hektik und ständigen Geräuschen. Zur Ruhe kommen: das lässt Kraft schöpfen und setzt Kreativität frei. Kinder brauchen beides nötig:

1. Kognitiv

- Fähigkeit abzuschalten und zu entspannen beibehalten
- Wahrnehmung wird gefördert durch Sinnesanregungen
- Konzentration wird gesteigert und geübt
- Ausdauer wird angeregt und gefördert
- Begriffsbildung und Förderung der Kommunikation
- abstraktes Vorstellungsvermögen wird gefördert
- Lernbereitschaft steigern
- Schul- und Lebensvorbereitung!

2. Sozial

- Kontakt untereinander (gemeinsames Üben, Körperkontakt)
- Selbstbewusstsein stärken durch Erfolgserlebnisse
- Gemeinschaftsgefühl entsteht
- Spielfähigkeit fördern
- Phantasie fördern, Kooperation
- Achtung und Wertschätzung untereinander

3. Emotional

- Kreativität und Phantasie
- Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen
- Entscheidungsfreudigkeit durch erkennen der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Freude an den kleinen Dingen im Leben
- Verarbeitung von erlebten durch Träumereien
- Gleichgewicht zwischen Bewegung und Ruhe
- Stress und Leistungsdruck verarbeiten durch Abschalten
- innerliche Stabilität
- Aus sich selbst heraus zur Ruhe finden ohne Hilfsmittel wie Medien (Suchtprävention!)
- Ängste mindern und abbauen
- sich selbst Freiräume schaffen

4. Motorisch

- Körperwahrnehmung und Körperbewusstsein
- eigene Akzeptanz und Annahme
- besseres Vertrauen in eigenen motorische Leistungen
- Bewusstsein für Körpervorgänge, Unterschied Bewegung-Entspannung
- Verspannungen lösen und Haltung verbessern
- Atemtechnik üben
- Stabilisierung des Immunsystems"

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Stilleübungen und Sinneserfahrungen im Religionsunterricht der Grundschule
Untertitel
Stille ist kein Ziel, Stille ist die Chance die Fülle des Lebens zu entdecken
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Meditation
Note
Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V169229
ISBN (eBook)
9783640874392
ISBN (Buch)
9783640874057
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Methodisches Heranführen von Kindern an Stilleübungen didaktisch begründet
Schlagworte
Stilleübungen, Religion, Sinneserfahrungen, Grundschule, Methoden im Religionsunterricht
Arbeit zitieren
Stefanie Kinast (Autor), 2007, Stilleübungen und Sinneserfahrungen im Religionsunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169229

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