Für viele Menschen kann die motorische Erfahrung bestimmter Handlungen durch eine körperliche Behinderung eingeschränkt sein. Vor allem in den Bereichen "Laufen" und "Sprechen" ist die Bedeutungswahrnehmung dieser Verben verzerrt und nicht mehr auf eine "typische" Körpermotorik anwendbar.
Inwiefern sind Bedeutungen von Verben wie "Laufen" und "Sprechen" also an motorische Erfahrung gebunden? Wie entsteht sprachliche Bedeutung und wie ist sie mental repräsentiert? Kann Sprache losgelöst vom Körper verstanden werden?
Diese und weitere Fragen beantwortet Lilli Zeifert in ihrem neuen Buch. Sie hinterfragt zentrale Annahmen der Grounded Cognition Theory und zeigt, dass sprachliche Bedeutung nicht an einen "typischen“ Körper gebunden ist. Die Verbindung aus theoretischer Analyse und reflektierter persönlicher Perspektive macht sichtbar, wie sich Bedeutungsräume erweitern können, ohne ihre Funktion zu verlieren. Eine Arbeit über Sprache, Körper und die Frage, was Bedeutung ist – jenseits körperlicher Normen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1. Grounded Cognition
- 2. Verkörperte (embodied) Bedeutung und motorische Erfahrung
- 3. Aktionsverben wie "Laufen" und "Sprechen" bei motorischer Behinderung
- 4. Persönliche Perspektive als theoretischer Zugang
- 5. Konsequenzen für die Grounded Cognition Theory
- Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Frage, wie sprachliche Bedeutung, insbesondere die von Aktionsverben, für Personen zugänglich ist, deren zugrundeliegende körperliche Erfahrungen aufgrund motorischer Behinderung fehlen oder verändert sind. Der Fokus liegt dabei auf einer theoretischen Betrachtung von Bedeutungsrepräsentationen unter veränderten körperlichen Voraussetzungen. Ziel ist es zu zeigen, dass verkörperte Bedeutung nicht zwingend an die tatsächliche Ausführung einer Handlung gebunden sein muss, sondern sich auch über alternative Formen der körperlichen Erfahrung wie Wahrnehmung, Beobachtung oder interne Rückmeldung aufbauen lässt.
- Hinterfragung der Grounded Cognition Theory bei atypischer Körpererfahrung
- Analyse verkörperter Bedeutung und motorischer Erfahrung
- Bedeutungszugang zu Aktionsverben wie "Laufen" und "Sprechen" bei motorischer Behinderung
- Die Rolle der persönlichen Perspektive als theoretischer Zugang
- Flexibilität und Adaptivität von Bedeutungsrepräsentationen
- Diskussion der Konsequenzen für die Grounded Cognition Theory
Auszug aus dem Buch
4. Persönliche Perspektive als theoretischer Zugang
Im Folgenden wechsle ich in die Ich-Form, um meine eigene Körpererfahrung als exemplarische Perspektive einzubeziehen. Diese dient nicht als empirischer Beleg, sondern als theoretisch motiviertes Fallbeispiel zur Veranschaulichung der zuvor beschriebenen Annahmen.
Ich lebe mit einer dyskinetischen Cerebralparese, die mit ausgeprägten athetotischen Bewegungen einhergeht. Diese äußern sich unter anderem in unkontrollierten Bewegungen, Gesichtszuckungen und ungewollten Zungenbewegungen. Dadurch ist es mir nicht möglich, zu laufen oder zu sprechen, wie diese Handlungen im alltäglichen Sprachgebrauch typischerweise verstanden werden. Beim Sprechen kommt hinzu, dass mir ein gleichmäßiger Luftstrom fehlt, der für kontinuierliche Lautproduktion notwendig wäre. Gleichzeitig ist mein Sprachverständnis vollständig vorhanden. Ich kann Sprache problemlos verstehen und bin neurologisch in der Lage, sprachliche Strukturen zu bilden. In einzelnen Fällen gelingt mir auch eine stark eingeschränkte lautliche Artikulation einfacher Wörter, etwa Ja oder Nein, meist zufällig und ohne verlässliche Kontrolle. Eine stabile lautsprachliche Kommunikation ist jedoch nicht möglich.
Vor diesem Hintergrund hat sich mein Bedeutungsverständnis des Aktionsverbs "Sprechen" deutlich erweitert. Für mich bezeichnet "Sprechen" nicht primär die motorische Erzeugung von Lauten, sondern den Akt der verbalen Kommunikation. Wenn ich Texte in eine Text-to-Speech-App eingebe und diese anschließend von einer KI-Stimme ausgegeben werden, erlebe ich dies eindeutig als Form des Sprechens. Die technische Vermittlung wird dabei Teil meiner körperlichen Kommunikationspraxis und erweitert den Bedeutungsraum des Verbs.
Auch mein Verständnis von "Laufen" ist nicht an eine bestimmte Gehbewegung gebunden. Obwohl ich nicht gehen kann, verfüge ich über vielfältige Erfahrungen der Fortbewegung, etwa durch kontrolliertes "Trippeln" im Rollstuhl oder durch unterstütztes Gehen mit einer anderen Person, die hinter mir läuft und mich festhält und stabilisiert. Diese Erfahrungen erfüllen funktional viele Aspekte dessen, was im Alltag mit "Laufen" verbunden ist, insbesondere Raumüberwindung, zielgerichtete Bewegung und Orientierung.
Für mich sind "Laufen" und "Sprechen" daher keine engen Begriffe, die an eine einzige motorische Ausführungsform gebunden sind, sondern offene Bedeutungsräume, die sich an meine körperlichen Möglichkeiten angepasst haben. Die Bedeutungen dieser Aktionsverben sind nicht ersetzt, sondern erweitert worden, indem sie neue Formen körperlicher Erfahrung integrieren.
Diese persönliche Perspektive legt nahe, dass verkörperte Bedeutung nicht normativ an einen bestimmten Körper gebunden ist. Vielmehr scheint Bedeutungszugang adaptiv zu sein und sich an individuelle körperliche Voraussetzungen anzupassen. Aktionsverben behalten ihre semantische Kohärenz, auch wenn sich die zugrunde liegenden Körpererfahrungen grundlegend unterscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, wie der Bedeutungszugang zu Aktionsverben bei motorischer Behinderung im Rahmen der Grounded Cognition Theory möglich ist, und skizziert den Aufbau der Arbeit.
1. Grounded Cognition: Dieses Kapitel erläutert die Grounded Cognition Theory nach Barsalou als Gegenentwurf zu amodalen Modellen und führt das zentrale Konzept der Simulation von körperlichen Erfahrungen ein.
2. Verkörperte (embodied) Bedeutung und motorische Erfahrung: Hier wird dargelegt, dass sprachliche Bedeutung auf körperlichen Interaktionsmustern mit der Umwelt basiert und beleuchtet die Rolle von Affordanzen und Image Schemas, während gleichzeitig eine kritische Hinterfragung des "typischen" Körpers erfolgt.
3. Aktionsverben wie "Laufen" und "Sprechen" bei motorischer Behinderung: Das Kapitel diskutiert, inwiefern motorische Aktivierung für das Verstehen von Aktionsverben notwendig ist, und präsentiert neurokognitive Befunde, die eine flexible Bedeutungsrepräsentation auch bei motorischen Einschränkungen nahelegen.
4. Persönliche Perspektive als theoretischer Zugang: Anhand der persönlichen Erfahrung der Verfasserin wird exemplarisch gezeigt, wie sich der Bedeutungsraum von Aktionsverben wie "Laufen" und "Sprechen" bei atypischer Körpererfahrung erweitern und anpassen kann.
5. Konsequenzen für die Grounded Cognition Theory: Dieses Kapitel erörtert die Implikationen der Ergebnisse für die Grounded Cognition Theory, indem es für eine moderate Auslegung plädiert, die Bedeutung nicht strikt an motorische Ausführung bindet, und offene Fragen für extreme Fälle aufwirft.
Schlusswort: Das Schlusswort fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, dass Bedeutungszugang flexibel und adaptiv ist, und weist auf die Notwendigkeit weiterer Forschung zu Bedeutungsrepräsentationen bei extrem fehlenden sensorisch-motorischen Erfahrungen hin.
Schlüsselwörter
Grounded Cognition, Verkörperte Kognition, Embodiment, Aktionsverben, Motorische Behinderung, Bedeutungszugang, Sprachverarbeitung, Körpererfahrung, Simulation, Wahrnehmung, Handlung, Flexible Bedeutung, Athetose, Cerebralparese, Semantische Netzwerke
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht, wie Menschen mit motorischen Behinderungen Aktionsverben verstehen, wenn ihre körperlichen Erfahrungen von der Norm abweichen, und beleuchtet dies im Rahmen der Grounded Cognition Theory.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Grounded Cognition Theory, verkörperte Bedeutung, die Verarbeitung von Aktionsverben bei motorischer Behinderung und die Rolle der persönlichen körperlichen Perspektive beim Bedeutungszugang.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob und wie die Grounded Cognition Theory den Bedeutungszugang zu Aktionsverben auch bei fehlender oder veränderter motorischer Erfahrung erklären kann, indem alternative Formen der Körpererfahrung einbezogen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen theoretischen Ansatz, der auf der Analyse bestehender kognitionswissenschaftlicher Modelle und neurokognitiver Befunde basiert und eine persönliche Perspektive als Fallbeispiel zur Illustration nutzt, anstatt empirische Daten zu erheben.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Grundlagen der Grounded Cognition Theory, den Zusammenhang von verkörperter Bedeutung und motorischer Erfahrung, die Verarbeitung von Aktionsverben bei motorischer Behinderung, die Bedeutung einer persönlichen Perspektive sowie die Konsequenzen für die Grounded Cognition Theory.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Grounded Cognition, Verkörperte Kognition, Embodiment, Aktionsverben, Motorische Behinderung, Bedeutungszugang, Sprachverarbeitung und Flexible Bedeutung.
Wie trägt die persönliche Erfahrung der Autorin zur Argumentation bei?
Die persönliche Erfahrung der Autorin mit einer dyskinetischen Cerebralparese dient als theoretisch motiviertes Fallbeispiel, um exemplarisch zu veranschaulichen, wie sich Bedeutungsräume von Aktionsverben bei atypischer motorischer Erfahrung erweitern und anpassen können.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit hinsichtlich einer "normativen" Körperauffassung in der Grounded Cognition Theory?
Die Arbeit plädiert für eine moderate Interpretation der Grounded Cognition Theory, die Bedeutung nicht an einen normativen Körper bindet, sondern sie als adaptiv und an individuelle körperliche Voraussetzungen anpassbar versteht.
Welche extreme Herausforderung für die Grounded Cognition Theory wird am Ende aufgeworfen?
Am Ende wird die Frage aufgeworfen, wie Bedeutungszugang bei Personen erklärt werden kann, denen grundlegende sensorische und motorische Erfahrungen weitgehend fehlen und die zudem keine visuelle Wahrnehmung besitzen.
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- Lilli Zeifert (Autor), 2025, Aktionsverben ohne typische Körpererfahrung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1693321