Luhmanns Systemtheorie und Einordnung der Massenmedien


Hausarbeit, 2010
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Luhmanns Systemtheorie
2.1 Eine Welt aus Systemen
2.2 Soziale Systeme
2.3 Die Massenmedien - Ein System?

3. Kritische Betrachtung

4. Fazit und Ausblick

5. Literatur

1. Einleitung

„Niklas Luhmann, der Beobachter der Gesellschaft im Ausguck der Wissenschaft“ (Boehm u. Strauch 19891 ), gilt als der „produktivste und originellste unter den theoretischen Soziologen in der Bundesrepublik.“ (dpa 1988 nach Horster 2005, S. 193). Bekanntheit erlangte der studierte Rechtswissenschaftler vor allem durch seine Weiterentwicklung der Systemtheorie und der damit verbundenen wissenschaftlichen Debatte. Kaum eine andere Theorie erhebt den größtmöglichen Anspruch, die gesamte Gesellschaft inklusive sich selbst beschreiben zu wollen. In 29 Jahren entwickelte Luhmann eine komplexe Systemtheorie, die um einiges abstrakter und komplexer daherkommt als alle älteren Ansätze.

Geprägt von chaotischen Nachkriegserfahrungen und britischer Kriegsgefangen- schaft, fand der gebürtige Lüneburger fortan Befriedigung in der Herstellung von Ordnung und strebte zunächst eine Karriere in der Verwaltung an, bevor er sich der Wissenschaft widmete. Der Ordnungssinn Luhmanns spiegelt sich in seinem Zet- telkasten-System, das die Grundlage seiner immensen Produktivität birgt, wider (vgl. Berghaus 2004, S. 14). So beachtlich Luhmanns Leistung auch ist, seine Sys- temtheorie wurde Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen und spaltet bis heute die soziologische Welt. Jürgen Habermas, mit dem Luhmann 1971 Theorie der Ge- sellschaft oder Sozialtechnologie veröffentlichte, gilt als einer der größten Kritiker. Obgleich sich beide Sozialwissenschaftler auf die gleichen Ursprünge beziehen, entwickelten sie sehr verschiedene Ansätze und scheuten die gegenseitige Kritik nicht.

Die folgende Arbeit soll Niklas Luhmanns Systemtheorie näher beleuchten, zentrale Begriffe klären und zueinander in Beziehung setzen. Des Weiteren wird der Schwerpunkt auf den Massenmedien als System liegen. Der zweite Teil wird sich kritisch mit der Theorie auseinander setzen und die Einordnung der Massenmedien aus verschiedenen Perspektiven untersuchen, bevor Fazit und Ausblick die Nieder- schrift abrunden. Aufgrund der relativen Kürze dieser Arbeit, muss eine umfassen de Abhandlung der Luhmann’schen Theorie außen vor bleiben. Beziehungen zwischen den Systemen sollen deswegen weitgehend ausgeblendet werden.

2. Luhmanns Systemtheorie

2.1 Eine Welt aus Systemen

Im Mittelpunkt der Systemtheorie steht nach Matthias Kohring von der Westfäli- schen Wilhelm-Universität Münster die Vernetzung von Einzelphänomenen „zu einer als System bezeichneten Ganzheit.“ (Kohring 2004, S. 186). Kohring schreibt weiterhin, ein System werde durch die wechselseitigen Relationen seiner Elemente bestimmt und Stefan Weber ergänzt, dass System sei in jedem Falle mehr als bloß die Summe seiner Teile (vgl. Kohring 2004, S. 186; Weber 2003, S. 203). In der Systemtheorie geht es also um die „ Organisationsform der komplexen Wechselbe- ziehung zwischen einzelnen Elementen “ (Kneer u. Nassehi 2000, S. 21).

Die allgemeine Brisanz der Systemtheorie spiegelt sich in der Sekundärliteratur sehr unterschiedlich wider. Spricht Margot Berghaus von einer Theorie, die „heute in der Wissenschaft bereits etabliert“ (Berghaus 2004, S. 24) sei, heißt es bei Dieck- mann, dass speziell „Luhmanns theoretischer Entwurf […] ein geteiltes Echo fand und nach wie vor findet.“ (Dieckmann 2004, S. 9). Hingegen bescheinigt Helmut Willke, die Systemtheorie habe sich „zum expansivsten Paradigma in den Sozial- wissenschaften entwickelt“ (Willke 2006, S. 12). Der Soziologe Hartmut Esser spricht in diesem Zusammenhang unter anderem von der Selbst-Erfindung nötig scheinender Konzepte und schreibt weiter, die Theorie habe sich zu einem Para- digma aufgebläht (vgl. Esser 2000, S. 300). Jürgen Habermas, Begründer der kriti- schen Theorie und einst Luhmanns Kollege an der Johann Wolfgang Goethe- Universität in Frankfurt am Main, soll einmal über Luhmanns Theorie geäußert haben, sie sei falsch, habe aber Qualität (vgl. Rastelli 2008). Obgleich der Begriff Systemtheorie besonders im deutschsprachigen Raum stets mit Niklas Luhmann verknüpft wird, kann man keinesfalls von einer singulären Systemtheorie sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein ganzes Bündel an Theorien, die im Laufe der Jahre stets weiter ausgebaut und modernisiert wurden. Namen wie Talcott Parsons, Nor- bert Wiener oder George Spencer Brown stehen genau wie Luhmann in unmittelba rer Verbindung zur systemischen Denkweise. Weber bezeichnet Luhmanns Theorie selbstrefenzieller, autopoietischer Sozialsysteme allerdings als „die am weitesten fortgeschrittene und begrifflich komplexeste Fassung der Systemtheorie“ (Weber 2003, S. 206) und zeigt damit deren Stellenwert auf.

Vorreiter systemtheoretischen Denkens und ein wesentliches Vorbild Luhmanns war der US-amerikanische Soziologe Talcott Parsons. Die Betrachtungsweise mit der Luhmann an die Systemtheorie herantritt, differenziert sich allerdings von der seiner Vorgänger. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Parsons und Luhmann besteht darin, dass letzterer die Theorie des US-Amerikaners umkehrt. Ging Par- sons von einer strukturell-funktionalen Systemtheorie aus und fragte nach der Funk- tion bestehender Strukturen, ändert Luhmann die Perspektive, indem er sich zu Gunsten einer funktional-strukturellen Sichtweise entscheidet. Luhmann nimmt somit nicht an, dass eine bestimmte Struktur vorausgesetzt sein muss, deren Funkti- on es anschließend zu erklären gilt (vgl. MedienWiki 2006). Sondern er fragt, wie die soziale Ordnung, „deren Entwicklung als hoch selektiv und damit als sehr un- wahrscheinlich betrachtet wird“ (Kohring 2004, S. 187), überhaupt möglich wird. Gemein ist allen Systemtheoretikern freilich die Auffassung, dass die Welt aus Sys- temen besteht. Auch Luhmann geht es folglich um „eine Analyse realer Systeme in der wirklichen Welt.“ (Luhmann 2006, S. 30). Das System gilt als der wichtigste Begriff der Theorie und doch fällt eine schlüssige Definition einigermaßen schwer. Für Berghaus ist es gar „der abstrakteste Begriff in dieser Theorie.“ (Berghaus 2004, S. 39). Eine Rückbesinnung auf alltagssprachliche Vorstellungen bestimmter Begrifflichkeiten erweist sich bei Luhmanns Ausarbeitungen als durchaus unvor- teilhaft. Sich, im Gegenteil dazu, von konventionalisierten Bedeutungszuschreibun- gen zu lösen und der Theorie in einem gewissen Maße unbeeinflusst zu begegnen, kann dem Verständnis dagegen förderlich sein, wie im Folgenden am Beispiel „System“ zu sehen. Denn Systeme bestehen bei Luhmann weder aus Menschen bzw. Bewusstseinssystemen (vgl. Kohring 2008, S. 188), sondern aus Operationen. „Nur ein System [könne] operieren, und nur Operationen [könnten] Systeme produ- zieren.“ (Luhmann 2008, S. 28), behauptet der Sozialforscher. Da es sich hierbei um eine zirkuläre Entwicklung handelt, stellt sich natürlich die Frage, wie sich neue Systeme etablieren können. Für Luhmann gilt: „Jede moderne Systemtheorie setzt an bei der Differenz von System und Umwelt.“ (Luhmann 19732 ). Es bleibt festzu- halten, dass zunächst Umwelt vorhanden sein muss „und dass dann der Differenzie- rungsvorgang des Unterscheidens dazu führt, dass neue Systeme entstehen.“ (Dieckmann 2004, S. 25). Die Abgrenzung des Systems erfolgt „anhand der spezifi- schen Art und Weise, wie ein System seine Elemente miteinander verknüpft“ (Koh- ring 2004, S. 186). Elemente, zu denen keine Verknüpfung erfolgt, sind folglich als Umwelt zu bezeichnen und diese wird insofern „durch die systemeigenen Operatio- nen erzeugt“ (Berghaus 2004, S. 40). Luhmann ist zwar Konstruktivist, leugnet aber keinesfalls die Existenz von Welt. Jede nur mögliche Realität muss allerdings „über Unterscheidungen konstruiert werden und bleibt damit Konstruktion.“ (Luhmann 1990 nach Berghaus 2004, S. 27). Man kann sagen, die Welt ist wirklich vorhan- den, aber de facto unerreichbar, denn wenn sich ein System von seiner Umwelt ab- grenzt, ist diese Umwelt eine konstruierte. Folglich kann das System auch keinen direkten Zugriff auf seine Umwelt haben, denn wäre dieser vorhanden, dann wäre die vermeintliche Umwelt auch ein Teil des Systems. „Realität ist uns nur durch den Vorgang des Beobachtens und der Beschreibung gegeben.“ (Wehner 2000, S. 99), fasst Josef Wehner von der Universität Bielefeld zusammen. Beobachten ist in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit Unterscheidungen treffen, denn im Vorfeld muss bereits unterschieden werden, was in den Fokus rücken soll und was nicht. Unweigerlich entsteht bei jeder Beobachtung ein blinder Fleck, da der Beob- achter sich und seine getroffene Unterscheidung nicht selbst beobachten kann. Lö- sen sollte man sich infolge der System-Umwelt-Differenz von statischen Vorstellungen und einer trennscharfen Begrenzung, denn diese „Differenz ist keine ontologische“ (Luhmann 2006, S. 244) und „gilt vielmehr nur systemrelativ“ (Luhmann 2006, S. 244). Die konstruktivistische Sichtweise Luhmanns begründet sich schon allein darin, dass Umwelt je nach System also etwas immer verschiede- nes ist, denn das jeweilige System bildet seine Grenzen bereits durch das eigene Vorhandensein, durch Operationen, aus.

Grundlegend werden vier Haupttypen von Systemen unterschieden: Maschinen, biologische, psychische und soziale Systeme. In der Gesellschaft existieren aber zahllose Systeme, die durch Evolution und Ausdifferenzierung entstanden sind (vgl. Berghaus 2004). Luhmann verfolgt hier einen biologischen Ansatz, denn er behaup- tet: „Wenn nicht die Umwelt stets anders variierte als das System, würde die Evolu- tion […] ein rasches Ende finden.“ (Luhmann 2001, S. 433). Auch in der Evolutionsbiologie können Lebewesen - oder nach Luhmann: biologische Systeme - nur durch Anpassung an eine sich ständig verändernde Umwelt evoluieren, sich weiterentwickeln. Eine entscheidende Rolle kommt hierbei natürlich der Differenz zwischen System und seiner Umwelt zu.

Wie bereits erwähnt, differenziert sich das System nicht durch physische Grenzen von seiner Umwelt und ist demzufolge auch offen für Umwelteinflüsse. Wird das System von außen irritiert, wandelt es diese Irritationen aber sofort in systemeigene Bestandteile um. Es ist also energetisch offen und operativ geschlossen (vgl. Weber 2003, S. 205). Wie Berghaus bemerkt, scheitert das Verständnis hier zumeist an der „Illusion des direkten Umweltkontaktes“ (Berghaus 2004, S. 60).

Zwei weitere zentrale Merkmale von Systemen sind nach Luhmann Selbstreferenz und die auf den chilenischen Biologen Humberto Maturana zurückgehende Auto- poiesis. Autopoietische Systeme sind definiert als Systeme, „ die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren.“ (Luhmann 2008, S. 56). Ein Betriebssystem für Computer ist nach Luhmann - entgegen seiner Bezeichnung und entgegen der alltagssprachlichen Semantik - kein System, weil es sich nicht selbst zu reproduzieren vermag und auf äußere Einflüsse angewiesen ist. Auch sind Systeme keine statischen sondern dy- namische Gebilde. Das heißt, sie müssen „ weiter operieren, sonst existieren sie nicht.“ (Berghaus 2004, S. 54). Jede singuläre Operation muss folglich so angelegt sein, dass ein Anschluss daran möglich wird, das System muss anschlussfähig ar- beiten. Anschlussfähigkeit setzt allerdings eine Selbstreferenz des Systems voraus. Um zu wissen, welche Operationen im Anschluss folgen können, muss bekannt sein, welche Operationen bereits vorausgegangen sind. Das System kann also zwi- schen vorher und nachher unterscheiden und sich selbst beobachten. Zu dieser Un- terscheidung bedarf es keiner Menschen, sie wird vom System selbst getroffen. Um an dieser Stelle Missverständnisse auszuschließen, betont Berghaus, dass die Refle- xivität „also keineswegs erst mit der Entwicklung von Bewusstsein.“ (Berghaus 2004, S. 54) beginnt. Aus der Interaktion des Autopoiesis-Begriffs und der operati- ven Geschlossenheit lässt sich ableiten, dass ein System nur innerhalb strikter Grenzen produzieren kann. Ein psychisches System kann sich ebenso wenig als soziales System reproduzieren, wie Denken Kommunikation produzieren kann. Wehner schreibt, Denken und Kommunizieren müsse man als „zwei kategorial ver- schiedene, voneinander unabhängige, immer gleichzeitig aktive Prozesse“ (Wehner 2000, S. 95) auffassen. In der Geschlossenheit der Systeme ist, wie Kohring an- merkt, auch der Grund zu suchen, wieso Systeme nicht aus Menschen bestehen können. Denn „[a]ufgrund ihrer operationalen Geschlossenheit sind Bewusstseins- systeme nicht in der Lage, untereinander direkten Kontakt aufzunehmen.“ (Kohring 2004, S. 188). Unsere Gedanken können wir nicht ohne weiteres „versenden“, wir müssen zunächst einen Umweg über die Sprache gehen.

2.2 Soziale Systeme

Nach Kohring bestehen alle sozialen Systeme aus Kommunikation und auch dieser Begriff wird bei Luhmann anders definiert als in den Kommunikations- und Me- dienwissenschaften üblich (vgl. Kohring 2004, S. 188-189). Wehner führt in Bezug hierauf gar an, dass das Wissen darüber „in einem radikalen Sinne erneuerungsbe- dürftig“ sei (Wehner 2000, S. 95). „Kommunikation ist die Synthese von drei ver- schiedenen Selektionen“ (Dieckmann 2004, S. 130), erklärt Johann Dieckmann. Der erste Schritt besteht in der Selektion einer Information, der zweite in der Selektion der Mitteilung selbiger und schließlich erfolgt als dritter Schritt das Verstehen (oder Missverstehen) der Mitteilung. Dieckmann führt weiterhin aus, dass bloße Wahr- nehmung anstatt Kommunikation vorliege, falls die Trennung dieser drei Selektio- nen nicht vollzogen wird (vgl. Dieckmann 2004, S. 130). Es ist nicht der Mensch der kommuniziert - denn er kommt selbst nicht vor - sondern die Kommunikation. Wehner erläutert:

„Kommunikation setzt sich fort, indem sie an sich selbst, an in der Kommunikation zum Ausdruck kommenden Erwartungen sich orientiert und nicht etwa an dem, was in den Köpfen der daran Beteiligten vor sich geht.“ (Wehner 2000, S. 96).

Das Gelingen von Kommunikation stellt Kohring - ähnlich wie das Entstehen einer sozialen Ordnung - als „hochselektive[n] und informationstheoretisch betrachtet unwahrscheinliche[n] Vorgang“ (Kohring 2004, S. 189) heraus.

[...]


1 Zitiert nach der Fernseh-Dokumentation „Beobachter im Krähennest“ des Westdeutschen Rundfunks aus dem Jahr 1989.

2 Das Zitat entstammt einem Fernseh-Interview mit dem Journalisten Ulrich Boehm aus dem Jahr 1989.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Luhmanns Systemtheorie und Einordnung der Massenmedien
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Kommunikations- und Medientheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V169397
ISBN (eBook)
9783640877980
ISBN (Buch)
9783640877867
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas Luhmann, Luhmann, Systemtheorie, Massenmedien, soziale Systeme, autopoietisch, Umwelt, Kommunikation, Autopoiesis
Arbeit zitieren
Nico Dietrich (Autor), 2010, Luhmanns Systemtheorie und Einordnung der Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169397

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