Fundamentalismus - Grenzen einer wissenschaftlichen Begriffsbestimmung


Hausarbeit, 2010
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Genese des Begriffs und erste Probleme

3. EinvieldeutigerBegriff
3.1. Wissenschaftliche Begriffsbestimmung vs. pejorative Verwendung
3.2. Weitere Wortbedeutungen

4. Phänomen zwischen Politik und Religion

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit referiert über das Problem der ambivalenten Verwendung des Begriffs „Fundamentalismus“ und Versuche der wissenschaftlichen Konkretisierung des Gegenstands. Anfänglich soll, komprimiert, der geschichtliche Ursprung des Terminus' im Mittelpunkt stehen, anschließend werden einige Differenzen im heutigen Gebrauch aufgezeigt. Wie ist „Fundamentalismus“ umgangssprachlich konnotiert, wie wird das Phänomen dagegen wissenschaftlich verortet? Welche Möglichkeiten einer Klassifizierung ergeben sich?

Diese Arbeit versucht nicht, eine vermeintliche Substanzbestimmung vorzunehmen, mögliche Kerngedanken des Fundamentalismus zu erörtern, tertia comparationis herauszustellen oder eine eigene Wortverwendung zu suggerieren, vielmehr gibt sie einen unvollständigen Überblick über die Verwendungsvielfalt und beschreibt nachfolgend einige Ansätze der wissenschaftlichen Kategorisierung mit dem Fokus auf der Frage nach der Einordnung als einem religiösen oder einem politischen Phänomen.

2. Genese des Begriffs und erste Probleme

Der erste populäre objektsprachliche Verwendungszusammenhang des Begriffs liegt, wie gemeinhin bekannt, in Chicago/USA. 1910 begründet der Ölmillionär Lyman Stewart die Schriftenreihe „The Fundamentals. A Testimony to the Truth.“, in der fortan konservative protestantische Theologen für die Erneuerung der wahren christlichen Religion durch Rückbesinnung auf die fundamentalen biblischen Glaubenswahrheiten und gegen die Anpassung des Glaubens an moderne Lebensverhältnisse plädieren. Die Zeitschrift wird an alle Pastoren, Missionare, Theologieprofessoren, -Studenten, College- und Sonntagsschullehrer in der englischsprachigen Welt verteilt. Auch wenn man ihr keinen sofortigen, durchschlagenden Erfolg attestieren kann, bildet sich in der Folge ihrer Verbreitung ein Pool „all der protestantischen Strömungen, die die moderne industrielle Welt als Ausverkauf ihres Glaubensfundaments erfuhren“[1].

1919 gründet sich mit der „World's Christian Fundamental Association“ die erste offizielle, selbstbezeichnete fundamentalistische Vereinigung; schon bald treten „die Fundamentalisten“ ins öffentliche Rampenlicht, im Zuge des sogenannten „Affenprozesses“ von Dayton Mitte der Zwanziger Jahre und anderen Aktionen gegen die öffentliche Legitimation der Evolutionstheorie. In den fundamentalistischen Gruppierungen ist spätestens jetzt ein differenzierter, aber nie ganz verschwindender missionarisch motivierter Aktionismus zu verzeichnen, der sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, häufig aber in politischen Sphären niederschlägt.

Bereits diese früheren Entwicklungen, die für das aktuelle öffentliche Bild des Fundamentalismus nur noch von marginaler Bedeutung sind, offenbaren drei Probleme, denen sich die wissenschaftliche Begriffsbestimmung ausgesetzt sieht: 1. Die protestantische Provenienz und bis in die 1970er Jahre hineinreichende quasi­ausschließliche Anwendung des Begriffs auf christlich-evangelikale Gruppen wird für einige Wissenschaftler zum Plädoyer für die Beschränkung auf protestantische Glaubensausprägungen. Dieser Ansatz ist mittlerweile als überholt zu betrachten; das populäre Wortverständnis entfernt sich weit davon, auch im wissenschaftlichen Sprachraum scheint es, als habe sich nunmehr ein Minimalkonsens hinsichtlich der Verwendung des Begriffs für Phänomene unterschiedlicher religiöser und politischer Herkunft ergeben, lediglich eine Minderheit vorwiegend islamischer Gelehrter verwehrt dem Fundamentalismus die transkulturelle Anwendbarkeit, die ihm zugunsten komparatistischer Zwecke nunmehr obliegt.

2. Im öffentlichen Sprachgebrauch beginnen sich mit der ansteigenden medialen Relevanz protestantisch-fundamentalistischer Gruppen bereits ab den 1920er Jahren negative Assoziationshorizonte des Begriffs aufzutun[2] ; doch spätestens seit der starken Medienwirksamkeit „spektakulärer Attentate islamistischer Gruppen“[3] in Verbindung mit dem inflationären Gebrauch des Wortes Fundamentalismus ruft der Ausdruck nahezu ausschließlich negative emotionelle Begleitkonnotationen hervor. Das stellt die Eignung des Terminus' als metasprachlichen Konzepts gegenüber eines gesellschaftlich vorbelasteten Fundamentalismusbegriffs bzw. des „apologetisch-polemischen Verwendungszusammenhang[s]“[4] in Frage und erschwert die Begriffsbildung in Abgrenzung zum wertbehafteten Fundamentalismusbegriff. Dieses Problem und die sonstigen, zumeist irreführenden, Verwendungszusammenhänge, in denen der Begriff steht, sollen in 3. thematisiert werden.

3. Die fundamentalistischen Bewegungen gehen über Bereiche traditioneller Religionsausübung hinaus und verwischen die Grenzen zwischen Religion und Politik[5], das schafft eine breite definitorische Angriffsfläche. Dieser Thematik widmet sich der vierte Gliederungspunkt.

3. Ein vieldeutiger Begriff

Gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist der Terminus „Fundamentalismus“ assoziativ und definitorisch äußerst heterogen und scheint mitunter jeglichen Konsens' zu entbehren. Er erfährt Anwendung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die ich in 3.2. von der religiös-weltanschaulichen Verwendung abgrenzen möchte. In der öffentlichen Wahrnehmung überschattet allerdings der negative Wertakzent die Bedeutung.

3.1. Wissenschaftliche Begriffsbestimmung vs. pejorative Verwendung

Das massenmedial generierte Bild ist einseitig; in der jüngeren Mediengeschichte erfuhren vorwiegend aggressive, extremistische Vereinigungen islamischen Ursprungs unter dem Stichwort Fundamentalismus Beachtung; insbesondere deren terroristische Aktionen erlangten Publizität.[6] Der islamische Fundamentalismus[7] verbindet sich mit einem universalistischen politisch-messianischen Anspruch[8], der in seiner Radikalität einschüchternd wirkt, erinnert man sich an die Fatwa, das religiöse Rechtsgutachten als Grundlage Osama Bin Ladens Aufrufs zum Dschihad, dem heiligen Krieg[9], 1998 und den folgenden terroristischen Aktionen, für die er als Kopf der terroristischen Vereinigung al-Qaida verantwortlich zeichnet.[10]

Der Religionswissenschaftler Grünschloß attestiert dem Begriff im außerakademischen Sprachgebrauch einen Wandel zum „pauschalen Stigma einer aufklärungs-, vernunft- und fortschrittsfeindlichen Haltung“[11] ; seine jüngere Genese vergleicht er hinsichtlich des Abschreckungspotentials mit Begriffen wie Sekte oder Synkretismus, die einem religiös-polemischen Verwendungsgebrauch entstammen und denen trotz definitorischer „Reinigung“ stets ein „schlechtes konnotatives Karma“ anzuhaften scheint, welches die eigentliche Bedeutung oft unterwandert. Auch oder gerade im politischen Sprachraum ist „Fundamentalismus“ zu einem Kampfbegriff geworden, „der es Regimen erlaubt, die Unterdrückung von Oppositionellen dadurch zu rechtfertigen, dass man sie als Fundamentalisten bezeichnet“; Riesebrodt spricht sogar von der „Nachfolge des Kommunismus als Schreckgespenst in der politischen Rhetorik“[12].

3.2. Weitere Wortbedeutungen

Fundamentalismus besitzt neben seiner religiös begründeten Verwendung unpopulärere Bedeutungen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Im Aktiengeschäft bezeichnet er die Anhänger der fundamentalen im Gegensatz zur technischen Aktienanalyse, die Philosophie beschreibt mit dem Begriff Auffassungen „über den begründungstheoretischen Status und die Funktion von letzten Prinzipien des philosophischen Denkens“[13]. Bereits in den 1960er Jahren war der Begriff auf jene philosophische Position angewandt worden, die entgegen des Fallibilismus für jeden Erkenntnisbereich nur eine wahre, unwiderlegbar zu beweisende Theorie vorsah.

Diese Verwendung als Oberkategorie unterschiedlicher, oft konservativer, wertebewahrender Phänomene führt in der wissenschaftlichen Begriffsbildung zur Abgrenzung der religiösen von anderen Bedeutungsebenen.

[...]


[1] Türcke, Christoph: Fundamentalismus - Maskierter Nihilismus? Zu Klampen Verlag. Hannover 2003. S. 16.

[2] Vgl. Salamun, Kurt: „Fundamentalismus“ - Versuch einer Begriffsklärung und Begriffsbestimmung. In: Ders.(Hrsg.): Fundamentalismus „interdisziplinär“. Lit-Verlag. Wien 2005. S. 25.

[3] Wentker, Sibylle: Fundamentalismus und Islamismus - Definition und Abgrenzung. In: Feichtinger & Wentker: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus. 2008. S.33.

[4] Grünschloß, Andreas: Was ist Fundamentalismus? Zur Eingrenzung des Phänomens aus religionswissenschaftlicher Sicht. URL: http ://wwwuser, gwdg.de/~agruens/fund/ fund.html#fnl. Stand: 07.06.2009

[5] Anm. d. Verf.: Beispiele dafür wären neben dem „Affenprozess“, wenn auch wesentlich später, die mehrmaligen verfassungsrechtlichen Bemühungen um die Wiedereinführung des Schulgebets unter Ronald Reagan, das Bestreben des Fernsehpredigers Marion „Pat“ Robertson um die Nominierung für das Amt des Präsidenten durch die republikanische Partei, etc.

[6] Vgl. Salamun, Kurt: „Fundamentalismus“ - Versuch einer Begriffsklärung und Begriffsbestimmung. In: Ders.fHrsg.): Fundamentalismus „interdisziplinär“. Lit-Verlag. Wien 2005. S. 29.

[7] Anm. d. Verf.: oft wird der Begriff Islamismus synonym verwendet.

[8] Vgl. Tibi, Bassam: Die fundamentalistische Herausforderung. Islam und die Weltpolitik. C.H. Beck. München 1992, S.221.

[9] Anm. d. Verf.: Dschihad; im ursprünglichen Wortsinn „individueller Einsatz“. Es ist das Bemühen, „für Gottes Sache unter Einsatz von Gut und Leben“ tätig zu sein. Dieses „sich Bemühen“ gilt immer für den einzelnen Muslim, nicht etwa für eine Institution wie z.B. für den Staat, vgl. dazu Noth, Albrecht: „Der Dschihad: sich mühen für Gott“ in Rotter, Gernot (Herausgeber): „Die Welten des Islam - Neunundzwanzig Vorschläge, das Unvertraute zu verstehen“ (mit Beiträgen verschiedener bekannter Orientalisten), Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1994.

[10] Vgl. Salamun, Kurt: „Fundamentalismus“ - Versuch einer Begriffsklärung und Begriffsbestimmung. In: Ders.(Hrsg.): Fundamentalismus „interdisziplinär“. Lit-Verlag. Wien 2005. S. 32.

[11] Grünschloß, Andreas: Was ist Fundamentalismus? Zur Eingrenzung des Phänomens aus religionswissenschaftlicher Sicht. URL: http ://wwwuser, gwdg.de/~agruens/fund/ fund.html#fnl. Stand: 07.06.2009.

[12] Beide Kurzzitate: Riesebrodt, Martin: Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „KampfderKulturen“. C.H. Beck, München2000. S.51.

[13] Gröbel-Seinbach, Evelyn: Fundamentalismus in der Philosophie. In: Salamun, Kurt(Hrsg.): Fundamentalismus „interdisziplinär“. Lit-Verlag. Wien2005. S. 324

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Fundamentalismus - Grenzen einer wissenschaftlichen Begriffsbestimmung
Hochschule
Universität Leipzig  (Religionswissenschaftliches Institut der Universität Leipzig )
Veranstaltung
Aktuelle Themen der Religionswissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V169424
ISBN (eBook)
9783640878062
ISBN (Buch)
9783640878666
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fundamentalismus, Islamismus, Terrorismus, Begriffsklärung, Definition, fundamentalistisch, Radikalismus, Politik, Fanatismus, Religion, Islam, Polemik, Religionswissenschaft, Traditionalismus, Orthodoxie, Nativismus, Exklusivismus, Monismus, fundalism project, Reaktivität, Selektivität, Absolutismus, Unfehlbarkeit, Messianismus
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Stefan Heinrich (Autor), 2010, Fundamentalismus - Grenzen einer wissenschaftlichen Begriffsbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169424

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