Die Musikalität in Thomas Bernhards "Untergeher"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Die Musikalität in Thomas Bernhards Untergeher

1. Einleitung

Schon oft ist man der Meinung gewesen, dass in Bernhards Werk Der Untergeher, das im Jahre 1983 veröffentlicht wurde, die ganzen Goldbergvariationen Bachs zu erkennen sind. Eindeutige Beweise dafür gibt uns Bernhard jedoch nicht.

Im Mittelpunkt des Untergehers befindet sich das Thema der Musik, genauer gesagt, das Scheitern des Pianisten Wertheimers an dem Genie Glenn Goulds. Der Roman ist nicht nur thematisch, sondern auch strukturell von einer Musikalität geprägt. Es kommen natürlich auch autobiographische Elemente vor, wie der Musikunterricht in Bernhards Kinderzeit und dem Gesangstudium am Mozarteum. Auch kommen die für Bernhard typischen Themen vor, wie das Scheitern der Protagonisten in ihrem Streben nach Perfektion in der Kunst und Wissenschaft oder die Themen des Todes und Selbstmordes.

In dieser Arbeit wird jedoch versucht, anhand der Goldbergvariationen von Bach die musikalische Struktur der Bernhardschen Sprache in einer Analyse von bestimmten Passagen herauszuarbeiten. Nach einer Erläuterung dessen, was in Bernhards Roman Fiktion und Wirklichkeit ist, werden die Goldbergvariationen kurz dekonstruiert und dann die musikalischen Elemente in Bezug auf den Untergeher analysiert. Somit wird sich zeigen, ob Bernhard tatsächlich bewusst Elemente aus den Goldbergvariationen von Bach in seinem Roman eingearbeitet hat.

2. Kurze Zusammenfassung

Der Erzähler, der einst in seiner Jugend ein Klaviervirtuose war, begibt sich nach dem Begräbnis seines Freundes Wertheimers in ein Gasthaus, in welches er sich über die Studienzeit im Mozarteum mit Glenn Gould und Wertheimer Gedanken macht.

Seine Gedanken kreisen um Wertheimers Begräbnis, dem Klavierstudium bei Horowitz und des späteren Wiedersehens der drei Freunden. Vor achtundzwanzig Jahren studierten sie alle drei in Salzburg, doch als Wertheimer und der Erzähler die Goldbergvariationen Goulds hörten, dem Klaviergenie, wusste sie schon nach den ersten Takten, dass sie niemals sein Niveau der absoluten Perfektion erreichen werden. Beide beschließen, das Klavierstudium aufzugeben. Wertheimer bereut diesen Beschluss, und der Gedanke, niemals die Vollkommenheit des Spiels Goulds erreichen zu können, veranlasste ihn, Selbstmord zu begehen. Laut Wertheimer aber sei es die Schuld seiner vierzigjährigen Schwester gewesen, die ihn für einen reichen Chemiekonzernbesitzer verlassen hatte.

Schließlich begibt sich der Erzähler in das ehemalige Haus seines Freundes Wertheimer, und hört sich noch einmal die Goldbergvariationen, gespielt von Glenn Gould, die noch auf dem Plattenspieler liegen, an.

3. Fiktion und Wirklichkeit: Thematisierung von Musik

In seinem Roman verbindet Bernhard fiktive Figuren mit echten Figuren: Wertheimer und der Ich-Erzähler mit den berühmten Pianisten aus dem 20. Jahrhundert Glenn Gould und Horowitz. Andere Künstler werden ebenfalls zitiert, um das Genie Goulds noch zu verdeutlichen: „ [...] so viele Klavierspieler ich auch von diesem Augenblick an höre, keiner spielte so wie Glenn, selbst Rubinstein, den ich geliebt habe, war nicht besser[1]. Die anderen Klavierspieler werden ausnahmslos von Bernhard scharf kritisiert: „ Jährlich gehen Zehntausende Musikhochschüler den Weg in den Musikhochschulstumpfsinn und werden von ihren unqualifizierten Lehrern zugrunde gerichtet, dachte ich. Werden unter Umständen berühmt und haben doch nichts begriffen, dachte ich bei meinem Eintritt in das Gasthaus. Werden Gulda oder Brendel und sind doch nichts. Werden Gilels und sind doch nichts.[2] “ Sie sind schlecht, weil sie von ihren geistesgestörten Lehrern vernichtet wurden. Die einzige positive Figur ist Horowitz, dessen Klavierunterricht die drei Protagonisten dazu veranlasste, nach Salzburg zu gehen.

Doch es muss gesagt werden, dass Bernhard sich natürlich nicht an die Biographie Goulds hält. Der Erzähler, der mit Bernhard in Verbindung gebracht werden kann, hat nicht mit Glenn Gould bei Horowitz studiert. Auch hat Gould niemals in Salzburg gespielt. Gould starb auch nicht mit einundfünfzig Jahren, sondern am 4.Oktober 1982 an den Folgen eines Schlaganfalls als er gerade fünfzig Jahre alt geworden war.

Was die Gründe des Klavierspiels Goulds betrifft, erfahren wir durch den Ich-Erzähler: „ Glenn sagte radikaler: sie [die Eltern] hassen mich und mein Klavier. Sage ich Bach, sind sie nahe daran, zu erbrechen, sagte Glenn. Er war schon weltberühmt, waren seine Eltern noch unversöhnlich.[3] Ganz im Gegenteil waren Goulds Eltern Musiker und seine Mutter wollte, dass er Pianist wird. Sie unterrichtete ihn sogar ab seinem dritten Lebensjahr. Dadurch, dass Bernhard immer wieder Goulds Vornamen Glenn benutzt, entsteht beim Leser ein reales Bild eines fiktiven Glenn Goulds und man glaubt an die Freundschaft des Erzählers mit dem Klaviervirtuosen.

Dass Bernhard ebenfalls die Figur Horowitz wählt hängt damit zusammen, dass er auch zu den großen Klaviergenies des zwanzigsten Jahrhunderts gehört. Es handelt sich um ein immer wiederkehrendes Thema Bernhards des zum Perfektionismus gedrängten Genie und des Scheiterns. Bernhard stellt das Scheitern der Musikkarriere des Ich-Erzählers und Wertheimers gegenüber Glenn Gould. Beide kapituliere vor dem großen Genie, bevor sie überhaupt damit angefangen haben, an einer Musikkarriere zu denken

4. Dekonstruktion Bachs Goldbergvariationen

Bachs Vierter Teil der Clavierübung, heute unter dem Namen Goldbergvariationen bekannt, wurde 1742 gedruckt und veröffentlicht. Es handelt sich um eine Aria mit 30 Veränderungen. Unter einer Aria versteht man: “ein solistisch vorgetragenes Musikstück, das von Instrumenten […] begleitet wird. In der Regel ist eine Arie Teil eines größeren Werkes wie einer Oper, einer Kantate oder eines Oratoriums. Dabei vermittelt die Arie in einer empfindsamen, melodiösen Singweise die Gefühle und Stimmungen, den Affekt - im Gegensatz zum Rezitativ, das die Handlung vorantreibt.[4][5]

Die Aria (siehe Anhang) besteht aus 32 Takten und dient als Ausgangsmaterial für die nachfolgenden Variationen. Dieselbe Aria schließt auch, als 32. Stück, den Notenzyklus ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Takt

Der Aria folgen also 30 Stücke. An jeder ersten Stelle steht eine Charaktervariation, an jeder zweiten eine virtuose Variation und an jeder dritten Stelle ein Kanon. Der letzte Kanon, der 10., ist ein Quodlibet, eine Art Stegreifmusik (Volkslied). Es diente dazu, das streng strukturierte Variationsschema mit einer leichten volkstümlichen Melodie etwas aufzuheitern.

Auch der Notenzyklus ist in zwei Teile gegliedert. Der Bruch findet bei der 16. Variation, der Ouvertüre, statt. Die 10. Vartation „ Fughetta “ und die 22. „ Alla breve “ stehen jeweils in einem Abstand von sechs Sätzen von der Ouvertüre und somit entsteht eine perfekte Symmetrie.

4.1. Schema der Goldbergvariationen:

1. Aria TEIL I
2. Charaktervariation
3. Virtuose Variation
4. Kanon Prime (bis zur None aufsteigend)

[...]


[1] Thomas Bernhard: Der Untergeher. Suhrkamp Taschenbuch. Frankfurt/Main. S.8

[2] Der Untergeher, (Anm.1), S.21

[3] Ebd., S.32

[4] Bloemsaat-Voerknecht:Thomas Bernhard und die Musik, Themenkomplex mit drei Fallstudien und einem musikthematischen Register. Könighausen&Neumann. Wüurzburg: 2006, S. 185-189

[5] http://www.calsky.com/lexikon/de/txt/a/ar/arie.php, besucht am 18. November 2010

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Musikalität in Thomas Bernhards "Untergeher"
Hochschule
Université libre de Bruxelles
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V169524
ISBN (eBook)
9783640878994
ISBN (Buch)
9783640879021
Dateigröße
2771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
musikalität, thomas, bernhards, untergeher
Arbeit zitieren
Anne-Christine Funk (Autor), 2010, Die Musikalität in Thomas Bernhards "Untergeher", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169524

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