„Lesebuch für Städtebewohner“ von Berthold Brecht

Die Stadt – Gebrochener Spiegel der menschlichen Seelen


Essay, 2008

7 Seiten


Leseprobe

Essay: „Lesebuch für Städtebewohner“ von Berthold Brecht

Die Stadt – Gebrochener Spiegel der menschlichen Seelen

„ […] Suche dir Quartier und wenn dein Kamerad anklopft: Öffne, o öffne die Tür nicht. Sondern verwisch die Spuren!“(Gedicht 1, Vers 3-7)

Das sind die ersten Verse von Bertolt Brechts erstem Gedicht aus dem „Lesebuch für Städtebewohner“ und schon zu Beginn des ersten Gedichtes wird für den Leser das Gesamtthema seiner Gedichtsammlung sichtbar: Die zehn nummerierten Gedichte befassen allesamt den Überlebenskampf der einzelnen Menschen in der Großstadt zu Brechts Zeiten. Im ersten Gedicht schreibt Brecht über einen Mann, dem gesagt wird, dass er sich von seinen Freunden („Trenne dich von deinen Kameraden“, Vers 1), seiner Familie („Wenn du deinen Eltern begegnest […] gehe an ihnen fremd vorbei […]“, Vers 8-9) und seinen Gewohnheiten („Iß das Fleisch, das da ist! Spare nicht!“, Vers 14) isolieren soll, seine Spuren verwischen soll, um somit für sein eigenes Leben in der Großstadt („[…] begegnest in der Stadt Hamburg […]“, Vers 8 – Hamburg hatte selbst in den 1920ern, in denen das Gedicht entstand, über 100.000 Einwohner und gilt deshalb zu den deutschen Großstädten) zu sorgen.

Einige Zitate in dem ersten Gedicht weisen darauf hin, dass diese Person, um die es sich dreht, auf der Flucht vor irgendwem oder irgendetwas ist. „Zieh den Hut ins Gesicht“ (Vers 11) und „Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat wie soll der zu fassen sein! Verwisch die Spuren“ (Vers 22-24) erläutern das typische Verhalten eines auf der Flucht befindenden Menschen: Man versucht unsichtbar für die Gesellschaft und das Umfeld zu sein, nicht aufzufallen, niemals zu rasten („Aber bleibe nicht sitzen!“, Vers 16) und alle Spuren zu verwischen, die man gelegt hat. Brecht spricht nicht nur in diesem, sondern auch in den anderen Gedichten, über die Emigration um 1935. Zu dieser Zeit ergriffen die Nationalsozialisten die Macht und viele Dichter und Schriftsteller (so auch Brecht), die sich dem nicht beugen und Widerstand leisten wollten, waren gezwungen Deutschland und Österreich zu verlassen und ins Exil zu gehen. Brechts Theateraufführungen wurden verboten und seine Bücher wurden verbrannt. Dieser Mann, der in dem ersten Gedicht auf der Flucht ist, könnte als Brecht sein, der vor den Nationalsozialisten flieht und eine neue Heimat sucht. In dieser Großstadt, in der er geflohen ist, fühlt er sich einsam und allein, alles wirkt fremd, dunkel und unbekannt- vielleicht sogar gefährlich.

Aber genauso ist das Gedicht auch zu verstehen als eine Entfremdung der Menschen

zu der modernen Zeit, der Übergangszeit in den 1920ern. Denn in dem Gedicht heißt es auch „Zieh den Hut ins Gesicht […] zeige, o zeige dein Gesicht nicht“ (Zeile 10-11): Die Individualität und Einzigartigkeit des einzelnen Menschen wird in den überfüllten Großstädten einfach weggewischt. Ein Mensch, dem seine Klasse und sein Leben am Herzen liegen hat einfach kein Gesicht zu haben. Aber nicht nur Bertolt Brecht verdeutlicht diese gesichtlose Gesellschaft, sondern wird es ebenfalls in anderen Werken, wie zum Beispiel in Goethes „Faust I“ aufgegriffen: „Doch an Blumen fehlts im Revier, sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen nach der Stadt zurück zu sehen!“ Auch Goethe verweist in diesen Versen aus dem Osterspaziergang auf die Menschen, die in ihrer Gesellschaft unbekannt, unauffällig bleiben möchten und eine Art Maske tragen.

Brecht kritisiert die Regierung Deutschlands und das Volk: Niemand wollte auffallen, sich gegen das Regime stellen, da ihnen sonst Tod drohen würde. Doch Brecht war niemand, dem man ein Blatt vor den Mund halten konnte. Er wehrte sich und zeigte der Regierung, dass er gegen das war.

„(Das wurde mir gesagt.)“ (Vers 31) ist der letzte Satz und das erste Zeichen des lyrischen Ich im ersten Gedicht. Da es in Klammern gesetzt wurde, bekommt man als Leser die Auffassung, dass alles, was außerhalb dieser Klammern steht, nicht von dem lyrischen Ich – dem Städtebewohner- an einen fremden Menschen gerichtet ist, sondern von einem fremden Menschen an den Städtebewohner gerichtet wurde. So sind diese Aufforderungen, wie zum Beispiel „Trenne dich“, oder „zeige dein Gesicht nicht“, an den Städtebewohner gerichtet, der dem Leser erklärt, wozu diese unbekannte Person auffordert.

Bertolt Brecht macht in seinen Gedichten aus dem „Lesebuch für Städtebewohner“ gebrauch von der modernen Lyrik: Er verzichtet auf die klassischen poetischen Mittel von Versmaß und Reimarten, verwendet stattdessen den freien Vers und verzichtet damit auf die Regeln der Metrik. So gibt es also in keinem der Gedichte Reime oder Metren.

Die Verse im ersten Gedicht sind regelmäßig. Das Gedicht besteht aus fünf Strophen mit jeweils sechs Versen, die ausnahmslos mit dem Satz „Verwisch die Spuren!“ enden. Diese Metapher „Verwisch die Spuren!“ taucht also mehrfach im ersten

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
„Lesebuch für Städtebewohner“ von Berthold Brecht
Untertitel
Die Stadt – Gebrochener Spiegel der menschlichen Seelen
Hochschule
Universität Erfurt
Autor
Jahr
2008
Seiten
7
Katalognummer
V169544
ISBN (eBook)
9783640879410
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brecht, Lesebuch, Städtebewohner, Essay
Arbeit zitieren
Susanne Hahn (Autor:in), 2008, „Lesebuch für Städtebewohner“ von Berthold Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169544

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