Das niedersächsische Kerncurriculum für die gymnasiale Oberstufe schreibt unter dem 3. Rahmenthema „Wurzeln unserer Identität“ als mögliche Unterthemen „Motive kolonialpolitischer Agitation [und] Praxis deutscher Kolonialpolitik“ vor. Auch wenn
Frauen bei dieser Vorgabe nicht direkt erwähnt werden, so wurde in der Politik die Eindämmung von „Mischehen“ in den deutschen Kolonien als ein wichtiger Beitrag von Frauen erachtet. In der Praxis zeigte sich, dass Kolonialromane und Kolonialpresse ein spezifisches Rollenbild der sogenannten „Kolonialfrau“ entwickelten und verbreiteten, um sie auf das Leben in den Kolonien sowie auf ihre Aufgaben dort vorzubereiten. Dass ohne den weiblichen Beitrag eine erfolgreiche Kolonisierung nicht möglich sei, wurde in den Publikationen immer wieder hervorgehoben. So auch von der Kolonialautorin Clara Brockmann, die das Buch "Die deutsche Frau in Südwestafrika. Ein Beitrag zur Frauenfrage in unseren Kolonien" veröffentlichte. Das erste Kapitel in ihrem Werk Die Notwendigkeit der Einwanderung deutscher Frauen soll als Quelle im Geschichtsleistungskurs eingesetzt werden, in dem das Thema „Der Blick einer deutschen Frau auf die Mischehen“ einen möglichen Schwerpunkt einer
Unterrichtsstunde darstellt.
Insgesamt ist die Quelle nur aus Clara Brockmanns Sicht geschrieben, mit dem Ziel, Propaganda für die Einreise deutscher Frauen in die Kolonien zu betreiben, indem sie ihre Anwesenheit als notwendig darlegt, um die „Mischehen“ einzudämmen. Denn all ihre Beobachtungen zu den „Mischehen“ beschreibt sie mit einer Klimax, zunächst als „traurig [sowie] unerwünscht“ und letztlich sogar als fluchbringend für den weißen Mann. Die aus einer Ehe zwischen einem deutschen Mann und einer afrikanischen Frau entstandenen Kinder bezeichnet sie als „kleine schwarzäugige Bastardkinder“ und sieht in ihnen ein Hindernis für die erfolgreiche Entwicklung der Kolonie. Wolfgang Gippert fasst zusammen, dass Kolonialautorinnen sich „nicht zuletzt deshalb an der Konstruktion zeitgenössischer nationalistischer und rassistischer Vorurteile und Stereotypen“ beteiligten, um dadurch ihre soziale Stellung in der Kolonie zu legitimieren. Aus diesem Grund lässt sich die vorliegende Quelle auf die folgende historische Fragestellung hin untersuchen: An welchen rassistischen Vorurteilen und Stereotypen bedient sich Clara Brockmann, um die Wichtigkeit der deutschen Frauen in den Kolonien zu begründen?
Inhaltsverzeichnis
- 1. Didaktische Überlegungen zur Quelle
- 1.1. Themenschwerpunkt und historische Fragestellung
- 1.2. Möglichkeit des historischen Lernens am Gegenstand
- 1.3. Einsatz im Unterricht und der Kompetenzerwerb
- Quellen- und Literaturverzeichnis
- Quellenverzeichnis
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit didaktischen Überlegungen zur Aufbereitung einer historischen Quelle für den Geschichtsunterricht. Im Fokus steht dabei die Analyse der Schrift von Clara Brockmann über die Rolle deutscher Frauen in den Kolonien und die Darstellung sogenannter "Mischehen", um die historische Forschungsfrage zu beantworten, wie Brockmann rassistische Vorurteile nutzt, um die Bedeutung deutscher Frauen in den Kolonien zu begründen.
- Didaktische Aufbereitung historischer Quellen für den Unterricht
- Analyse von Rassismus und Stereotypen im Kontext des deutschen Kolonialismus
- Die Rolle und das konstruierte Bild der deutschen Frau in den Kolonien
- Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Ablehnung von "Mischehen" und "Rassenmischung"
- Förderung historischen Lernens und relevanter Kompetenzen bei Schülern
- Die Auseinandersetzung mit Selbst- und Fremdbildern sowie Geschlechterverhältnissen in kolonialen Zeiten
Auszug aus dem Buch
1.2. Möglichkeit des historischen Lernens am Gegenstand
Um ein Thema für den Geschichtsunterricht geeignet zu konstruieren, rät Jelko Peters den Gegenstand einer geschichtswissenschaftlichen Dimension, den Schlüsselproblemen und den Verfassungswerten zuzuordnen. Clara Brockmanns Beschreibungen über die afrikanischen Frauen, deren Kinder und ihre Beobachtungen zu den Mischehen lassen sich der mental-historischen Dimension nach Peters zuordnen. Diese Dimension erfasst die Abgrenzungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden, die sich durch Selbst- und Fremdbilder sowie Stereotypen äußern. Clara Brockmann zeichnet für ihre Leser/innen ein Bild von fremder und eigener Kultur sowie von Wildnis und Zivilisiertheit. Die Autorin berichtet durchweg abwertend über die afrikanischen Frauen. Ihre negative Beschreibung über die Afrikanerinnen nimmt den Höhepunkt an, wenn sie der „schwarze[n] Frau, die niemals den geringsten Aufstieg in eine höhere Kulturstufe unternommen hat“10, ihren hierarchischen Status neben einer weißen Frau abspricht. Viel mehr würde sich ihrer Ansicht nach der mit Afrikanerinnen verkehrende weiße Mann „dem Niveau seiner farbigen Lebensgefährtin“11 nähern und sogar „ganz auf dieses herabgestuft"12 werden. Bei diesem Vergleich bedient sie sich an klischeehaften Vorurteilen, nach denen ein deutscher Mann aufgrund der fremden Kultur „verwildern“ würde, wenn er mit einer Afrikanerin verheiratet ist. Wenn aber deutsche Frauen in die Kolonien kommen, dann sind laut Brockmann „die Zeiten [...] vorüber, wo Admiralsöhne und ehemalige Offiziere einer Schwarzen ihren Namen gaben.“13 Durch die Beschreibung der afrikanischen Kinder, die aus einer „Mischehe“ hervorgehen, wird diese Abgrenzung deutlicher. Denn Clara Brockmann bezeichnet sie immer wieder als „Bastardkinder“14 und ordnet sie als „ein Hindernis für die Entwicklung der Kolonie“15 ein. Dadurch stuft sie die Kinder massiv runter, die nach ihr nicht in die Ideologie der deutschen Kolonisation reinpassen würden.
Eine weitere Dimension nach Peters, die auf die Quelle zutrifft, ist die gesellschaftlich-historische und sozial-historische Dimension. Neben dem Alltag der Menschen geht es bei dieser Dimension auch darum, welche Lebensweise als traditionell oder alternativ angesehen, anerkannt oder abgelehnt wurden.16 Zwar geht es in dem vorliegenden Quellenausschnitt nicht direkt um den Alltag der Autorin oder der afrikanischen Bevölkerung – gleichwohl die Autorin im Vorwort erklärt, dass „das vorliegende Büchlein [...] ein Bild von dem Leben und Wirken der deutschen Frau in Südwestafrika entwirft [...]"17. Dennoch wird in der Quelle die Lebensweise der „Mischehe“ als „traurig [und] unerwünscht“18 beschrieben oder gar abgelehnt. Als Gründe für die Behinderung der Mischehen werden von Brockmann folgende genannt: „geistige[r] und wirtschaftliche[r] Ruin des Umsiedlers“19, kein „heimisch werden deutscher Art und Sitte“20 sowie keine Erzielung „eines rentablen Farmbetriebes“21 ohne die Hausfrau.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Didaktische Überlegungen zur Quelle: Dieses Kapitel führt in die didaktische Aufbereitung einer historischen Quelle für den Geschichtsunterricht ein, wobei der Fokus auf der Darstellung von "Mischehen" in den deutschen Kolonien liegt.
1.1. Themenschwerpunkt und historische Fragestellung: Hier wird der curriculare Kontext erläutert, die Rolle deutscher Frauen in den Kolonien zur Eindämmung von "Mischehen" dargelegt und die zentrale historische Forschungsfrage zur Argumentation rassistischer Vorurteile durch Clara Brockmann formuliert.
1.2. Möglichkeit des historischen Lernens am Gegenstand: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Clara Brockmanns Quelle unter den Dimensionen des historischen Lernens nach Peters (mental-historisch, gesellschaftlich-historisch, sozial-historisch) zur Analyse von Selbst- und Fremdbildern sowie Geschlechterverhältnissen genutzt werden kann.
1.3. Einsatz im Unterricht und der Kompetenzerwerb: Es werden konkrete didaktische Vorschläge für den Einsatz der Quelle im Unterricht beschrieben, inklusive Kürzungsempfehlungen und der Förderung von Erschließungs- und Interpretationskompetenz bei den Lernenden.
Quellen- und Literaturverzeichnis: Dieses Verzeichnis listet alle verwendeten Primär- und Sekundärquellen auf, die zur Erstellung dieser didaktischen Analyse herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Didaktik, Geschichtsunterricht, Kolonialismus, Mischehen, Clara Brockmann, Frauenfrage, Rassismus, Stereotypen, Deutschland, Südwestafrika, Historisches Lernen, Kerncurriculum, Geschlechterverhältnis, Alteritätserfahrung, Kolonialfrau.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit didaktischen Überlegungen zur Verwendung einer historischen Quelle im Geschichtsunterricht, die sich mit der Darstellung von "Mischehen" in deutschen Kolonien und der Rolle deutscher Frauen dabei auseinandersetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die didaktische Aufbereitung von Geschichtsthemen, Kolonialismus, Rassismus und Stereotypen, die Rolle von Frauen im kolonialen Kontext sowie die Konzepte von "Mischehen" und "Rassenmischung".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die didaktische Anwendung einer Quelle zur Erarbeitung der historischen Forschungsfrage: "An welchen rassistischen Vorurteilen und Stereotypen bedient sich Clara Brockmann, um die Wichtigkeit der deutschen Frauen in den Kolonien zu begründen?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet Ansätze der Geschichtsdidaktik, um eine historische Quelle für den Unterricht aufzubereiten und deren Beitrag zum historischen Lernen im Rahmen verschiedener Dimensionen (mental-historisch, gesellschaftlich-historisch, sozial-historisch) zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Möglichkeiten des historischen Lernens am Beispiel der ausgewählten Quelle von Clara Brockmann erörtert, ihre Einordnung in geschichtswissenschaftliche Dimensionen nach Peters vorgenommen und konkrete didaktische Einsatzszenarien für den Unterricht beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Didaktik, Geschichtsunterricht, Kolonialismus, Mischehen, Clara Brockmann, Frauenfrage, Rassismus, Stereotypen, Historisches Lernen, Geschlechterverhältnis.
Wer war Clara Brockmann und warum ist ihre Quelle für den Unterricht relevant?
Clara Brockmann war eine Kolonialautorin, deren Buch "Die deutsche Frau in Südwestafrika" Propaganda für die Einreise deutscher Frauen in die Kolonien machte. Ihre Quelle ist relevant, da sie rassistische Vorurteile und Stereotypen der damaligen Zeit authentisch widerspiegelt und somit zur kritischen Auseinandersetzung im Geschichtsunterricht dienen kann.
Welche Rolle spielten deutsche Frauen laut Brockmann in den Kolonien?
Laut Brockmann war die Anwesenheit deutscher Frauen in den Kolonien notwendig, um die "Mischehen" einzudämmen und den "Untergang" der deutschen Kultur zu verhindern, da sie die "richtige" Ehe und Familie repräsentierten und zur Etablierung eines "rentablen Farmbetriebes" beitrugen.
Wie sollen Lehrkräfte den Begriff "Mischehe" im Unterricht behandeln?
Lehrkräfte sollten hervorheben, dass "Mischehen" zur Kolonialzeit als problematisch oder sogar verboten galten, während Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen heute selbstverständlich sind. Dies ermöglicht eine Problematisierung des historischen Kontextes durch Vergleich.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2022, Didaktische Analyse einer Quelle. Der Blick einer deutschen Frau auf die Mischehen in den Kolonien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1695456