Die Geschichtswissenschaft wendet seit Jahren verstärkt ihre Aufmerksamkeit der Tatsache zu, dass die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts von konfessionellen Gegensätzen durchzogen ist. Olaf Blaschke sprach im Jahr 2000 sogar von einem "zweiten konfessionellen Zeitalter". Ob sich dieser Vergleich mit dem Zeitalter der Glaubenskämpfe ziehen lässt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Im folgenden Aufsatz, einer Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Magisterarbeit aus dem Jahr 2004, werden die konfessionellen Konflikte im Raum Soest in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert ausführlich analysiert und es wird versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob sich Blaschkes These auf Soest anwenden lässt. Da die Stadt fast zu gleichen Teilen katholisch wie protestantisch war, konnte davon ausgegangen werden, dass sich viele Spielarten im Umgang der Konfessionen miteinander finden ließen. Inwieweit die Presse durch die Verbreitung konfessioneller Vorurteile, besonders während des Kulturkampfes und zu Wahlkampfzeiten, zur Verfestigung konfessionellen Denkens beitrug, bildete den Schwerpunkt der Untersuchung. Insgesamt wurde umfangreiches Quellenmaterial ausgewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konfessionelle Konflikte in den 1860er Jahren: Erste Abwehrmaßnahmen der Protestanten gegen katholischen Proselytismus und katholische Kindererziehung in den konfessionell gemischten Ehen
3. Kulturkampfzeit
3.1 Die Berichterstattung über die kulturkampfpolitischen Gesetze in der Presse und die Haltung der Protestanten zu den Gesetzen
3.2 Konfessionelle Polemik in den Reichstagswahlkämpfen
4. Verschärfung des konfessionellen Verhältnisses nach dem Kulturkampf
4.1 Aufruf der Protestanten zu weiteren Widerstand gegen die römische Kirche
4.2 Erneuerung der Vorwürfe aus der Vor-Kulturkampfzeit in den 1880er Jahren
4.3 Die 1890er Jahre als Höhepunkt der Rekonfessionalisierung
4.4 Leichte Entspannung am Vorabend des Ersten Weltkrieges
5. Ausblick und Fazit
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellensammlungen des Stadtarchivs Soest
6.2 Gedruckte Quellen und Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Studie untersucht die Ausprägungen und Ursachen des Konfessionalismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert am Beispiel des Raumes Soest, um zu analysieren, inwiefern religiöse Spannungen das gesellschaftliche Leben und die politische Kultur beeinflussten und ob die These eines „zweiten konfessionellen Zeitalters“ auf diesen Raum zutrifft.
- Analyse des konfessionellen Antagonismus in einer gemischt-konfessionellen Region.
- Untersuchung der Auswirkungen des Kulturkampfes auf die lokale Lokalpresse und das Wahlverhalten.
- Rolle der evangelischen Geistlichkeit in der Auseinandersetzung mit Mischehen und katholischen Einflüssen.
- Einfluss der Berichterstattung auf das soziale Klima und die Vertiefung konfessioneller Gräben.
- Hinterfragung der Identitätsstiftung durch Konfession versus nationale oder politische Loyalitäten.
Auszug aus dem Buch
3. Kulturkampfzeit
Das konfessionelle Klima verschlechterte sich während der 1870er Jahre deutlich. Die Innenpolitik des Reiches wurde in diesen Jahren von der Auseinandersetzung Bismarcks mit dem Zentrum, der Partei des politischen Katholizismus, geprägt. Der Reichskanzler verfolgte nach der Reichsgründung die Konsolidierung des neuen Nationalstaates und sah dieses Ziel durch die Ausrichtung des Zentrums auf Rom gefährdet. Zusammen mit der liberalen Reichstagsmehrheit, die den Katholizismus als Gegner von Aufklärung und Moderne betrachtete, versuchte er den Einfluss der katholischen Kirche im täglichen Leben zurückzudrängen, vor allem durch Einführung der staatlichen Schulaufsicht 1872 und der obligatorischen Zivilehe 1874. Seinen Höhepunkt erreichte der Kulturkampf 1875, als der katholischen Kirche die staatlichen Zuschüsse entzogen und die religiösen Orden, mit Ausnahme der krankenpflegenden, aus Preußen ausgewiesen wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Forschungsstand zum Konfessionalismus im 19. und 20. Jahrhundert und führt in die spezifische Fragestellung der Arbeit ein.
2. Konfessionelle Konflikte in den 1860er Jahren: Erste Abwehrmaßnahmen der Protestanten gegen katholischen Proselytismus und katholische Kindererziehung in den konfessionell gemischten Ehen: Dieses Kapitel analysiert das aufkommende Misstrauen der evangelischen Geistlichkeit gegenüber katholischen Einflüssen, insbesondere im Kontext von Mischehen.
3. Kulturkampfzeit: Hier werden die Auswirkungen der kulturkampfpolitischen Gesetze auf die lokale Soester Presse sowie die polemische Ausprägung der Reichstagswahlkämpfe untersucht.
4. Verschärfung des konfessionellen Verhältnisses nach dem Kulturkampf: Das Kapitel beschreibt, wie nach dem Ende des Kulturkampfes die konfessionellen Spannungen durch erneuerte Vorwürfe, Mischehenstreitigkeiten und eine aggressive Rhetorik auf ihren Höhepunkt in den 1890er Jahren zusteuerten.
5. Ausblick und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass der Konfessionalismus zwar das soziale Leben prägte, aber in Krisenzeiten durch nationale Identität relativiert wurde.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Archivalien, Zeitungen und wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Konfessionalismus, Kulturkampf, Soest, Mischehen, Protestantismus, Katholizismus, Zentrumspartei, Lokalpresse, Identität, Preußen, Rekonfessionalisierung, Sozialgeschichte, Religionsgeschichte, Wahlkämpfe, Preußisches Allgemeines Landrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem konfessionellen Mit- und Gegeneinander von Protestanten und Katholiken im Raum Soest während der zweiten Hälfte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen der Einfluss des Kulturkampfes, der Konflikt um konfessionell gemischte Ehen und deren Auswirkungen auf die Erziehung der Kinder sowie die Rolle der Presse in diesen Auseinandersetzungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit die These vom „zweiten konfessionellen Zeitalter“ auf den Raum Soest anwendbar ist und welche Bedeutung der konfessionelle Antagonismus für die Inhomogenität der Gesellschaft hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozial- und regionalgeschichtliche Untersuchung, die primär auf der Auswertung von Kreissynodalberichten und der lokalen Zeitungsberichterstattung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die chronologische Entwicklung der konfessionellen Spannungen von den 1860er Jahren bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges, untergliedert in die verschiedenen Phasen des Kulturkampfes und der anschließenden Rekonfessionalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Konfessionalismus, Kulturkampf, Mischehen, Soest, Zentrumspartei und die Rolle des Protestantismus im Kaiserreich.
Wie reagierte die evangelische Geistlichkeit auf den Kulturkampf?
Zunächst loyal gegenüber dem Staat, wuchs jedoch die Skepsis, als erkannt wurde, dass die staatlichen Maßnahmen auch den Einfluss der evangelischen Kirche schwächten.
Welche Rolle spielte die Soester Presse bei der Polarisierung?
Die Presse fungierte als Verstärker durch die Wiederholung von Stereotypen und eine einseitige parteipolitische Berichterstattung, die das konfessionelle Klima maßgeblich beeinflusste.
Was zeichnete die 1890er Jahre im Soester Raum besonders aus?
Dieses Jahrzehnt wird als Höhepunkt der Rekonfessionalisierung identifiziert, geprägt durch eine Zunahme von Konflikten, etwa bei Prozessionen oder in Rechtsstreitigkeiten um die Kindererziehung.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich der nationalen Identität?
Die Autorin/der Autor kommt zu dem Schluss, dass die nationale Identität in Krisenzeiten, insbesondere in Kriegszeiten, eine stärkere Identitätskraft besaß als der konfessionelle Antagonismus.
- Citation du texte
- Carsten Müller (Auteur), 2004, Konfessionelles Mit- und Gegeneinander in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169545