Was will dieser Essay? Worin besteht sein Plan, seine Intention? Dieser Essay ist kein Spaziergang, sondern die Rekonstruktion einer Gratwanderung, die sich von der durch praktische und ethische Verwirklichung der Philosophie geprägten Gegenwart retrospektiv zurückbegibt in die theoretischen Anfänge des philosophischen Ringens um Sinn- und Selbstkonstitution.
Es wird darum gehen, meinen Frieden mit der Philosophie zu schließen, ihre große Bedeutung, die sie für mich in meinem Leben eingenommen hat und die nicht immer unumstritten war, zu demonstrieren und hervorzuheben, die Demonstration und Vorführung einer Spieldramaturgie, die vielleicht auch andere Menschen zu tangieren mag.
Ich schreibe hier nicht als Philosoph, sondern als nachdenklicher Mensch, erhebe und verbinde mit meinen Gedanken und Reflexionen keinerlei allgemeingültigen Wahrheitsanspruch, denn es geht mir in dieser Schrift darum darzustellen und zu erzählen, wie ich mit und in der Philosophie mein Leben und die Welt, mich selbst und die anderen zu finden und zu verstehen getrachtet habe, zu explizieren, was ich ihr verdanke und wie ich nach den durchs philosophische Denken vermittelten Erfahrungen, Bedeutung, Geltung und Berechtigung der Philosophie für mich selber erlebte und im Resultat heute aktuell beurteile.
Auszüge aus dem Buch
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A. Unbedruckte Seiten
Da ich nun einmal existiere, besteht mein größtes Problem darin, wie ich diesem Dasein einen Sinn verschaffen und schenken kann. Das ist ein Dauerproblem, das sich immer wieder neu stellt und je älter ich werde, ohne eine Antwort zu haben, in immer schärferer Form. So versuche ich vieles, weil ich nun einmal da bin und zumeist habe ich das Gefühl, es führt zu nichts, es reicht nicht aus. Dann kommt mir eines Tages die Idee: Wäre es nicht an sich schon sinnvoll, dieses für sich sinnlose Leben, dieses an und für sich körperliche und geistige, aber auch triebhafte Treiben und Wirken zu dokumentieren und ins konkrete Abstrakte anschaulich zu erheben, dieses Verweigern, Scheitern, Irren und Wirren, Suchen, Reflektieren und Visualisieren zu dokumentieren und aufzuzeichnen? Und dann habe ich einen Traum: In einer Schwimmhalle versuche ich ohne Haken und Ösen glatte Wände hinaufzuklettern, um den Fall ins Wasser zu verhindern, immer wieder und stets aufs Neue vergeblich, trotzdem gebe ich nicht auf. Plötzlich lande ich doch ins Wasser und muss schwimmen, komme aber nicht vom Fleck. Aus dem Wasser ragen die Zipfel eines Kleidungsstücks, an das ich mich klammern kann, in der Hoffnung nicht unterzugehen. In den Stofffalten finde ich ein Buch, das den Titel trägt „Wie lerne ich schwimmen, über mich selbst zu lachen und dadurch dem Leben einen Sinn zu geben?“ Die Frage prangt in schönen großen Lettern auf dem Einband, aber die Seiten des Buchs sind unbedruckt. Auf der Innenseite des Buchdeckels ist der Untertitel zu lesen: „Wie werde ich ein selbstbestimmter, unverkrampfter Philosoph und uneingebildeter Lebenskünstler? Eine wahre, aber ungeschriebene Geschichte von Conatus Vanus“. Dann wird es dunkel, und ich wache schweißgebadet, mit klopfendem Herzen auf, wie aus einem Albtraum. Der wahre Albtraum aber - die verkehrte Welt - entpuppte sich als das reale Leben selbst.
Was will dieser Essay? Worin besteht sein Plan, seine Intention? Dieser Essay ist kein Spaziergang, sondern die Rekonstruktion einer Gratwanderung, die sich von der durch praktische und ethische Verwirklichung der Philosophie geprägten Gegenwart retrospektiv zurückbegibt in die theoretischen Anfänge des philosophischen Ringens um Sinn- und Selbstkonstitution. Er besteht in der fakultativen Anamnese eines zum Teil chaotischen und völlig unsystematischen Sinnfindungsprozesses, den ich mit den damit verbundenen, in den einzelnen Stufen jeweils aktuellen biografischen Ereignissen und Erlebnissen zu beleben und zu konkretisieren versuche. Es handelt sich um ein Drama verzweifelter Suche voller Irrungen und Wirrungen, um einen oft sehr schmerzhaften, aber notwendigen und wesentlichen Lern- und Erziehungsprozess, und von daher gesehen um so etwas wie eine performative, pragmatische Phänomenologie des subjektiven Geistes. Es wird darum gehen, meinen Frieden mit der Philosophie zu schließen, ihre große Bedeutung, die sie für mich in meinem Leben eingenommen hat und die nicht immer unumstritten war, zu demonstrieren und hervorzuheben, die Demonstration und Vorführung einer Spieldramaturgie, die vielleicht auch andere Menschen zu tangieren mag. Ich schreibe hier nicht als Philosoph, sondern als nachdenklicher Mensch, erhebe und verbinde mit meinen Gedanken und Reflexionen keinerlei allgemeingültigen Wahrheitsanspruch, denn es geht mir in dieser Schrift darum darzustellen und zu erzählen, wie ich mit und in der Philosophie, mein Leben und die Welt, mich selbst und die anderen zu finden und zu verstehen getrachtet habe, zu explizieren, was ich ihr verdanke und wie ich nach den durchs philosophische Denken vermittelten Erfahrungen, Bedeutung, Geltung und Berechtigung der Philosophie für mich selber erlebte und im Resultat heute aktuell beurteile.
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5.1 Stets spielt Magie hinein: Marcel Duchamp
Leben und Werk von Marcel Duchamp, Erz-Dadaist, charismatischer Clown und Trickster par excellence, bildeten die maßgebliche Quelle der Inspiration und das Zentrum meiner Dissertation „Narrenspiele oder die Erschaffung einer verkehrten Welt. Studien zu Mythos und Mythopoiese im Dadaismus“, mit der ich 1994 an der Universität Saarbrücken bei Prof. Dittmann promovierte. Am 22. 6. 1988 bereits notierte ich ins Tagebuch: „Marcel Duchamp empfahl einst dem Künstler den Besuch der Universität (den er selber sich verkniff), um sich a) über Entwicklung und Ergebnisse des «sogenannten materiellen Fortschritts auf dem Laufenden zu halten» und b) «eine Kenntnis der großen geistigen Traditionen zu erwerben, mit dem selbst die Religion denKontaktverloren zu haben scheint.»“ Durchs Studium, so glaubte M.D., gewänne der Künstler Möglichkeiten und Fähigkeiten «um sich im Rahmen geistiger Werte und durch den Kanal eines Ich-Kults der materialistischen Lage der Dinge zu widersetzen. Ich glaube der Künstler hat heute mehr denn je diese parareligiöse Mission zu erfüllen, die Flamme einer inneren Vision lebendig zu erhalten, deren getreueste Übersetzung für den Laien das Kunstwerk zu sein scheint.»“ Duchamp, der große Negierer und Verweigerer, ein wandelndes, leibhaftiges Oxymoron, konstatierte paradox, dass das Leben glauben sei, allerdings weder in theologisch-dogmatischer noch konfessionell gebundener Hinsicht, sondern in mythisch-magischer Perspektive: „Mir gefällt das Wort >glauben< . Wenn einer sagt >ich weiß<, weiß er für gewöhnlich nicht, er glaubt. Ich glaube, dass die Kunst die einzige Art von Tätigkeit ist, durch die sich der Mensch als Individuum bekundet. Nur durch sie kann er das animalische Stadium überwinden, denn die Kunst mündet in Bereiche, die weder die Zeit noch den Raum beherrschen. Leben heißt glauben (to live is to believe); wenigstens glaube ich das.“ (Zitiert nach Oktavio Paz, Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp, S.90/91) Duchamp hat hier die Dialektik und Ambivalenz von Wissen und Glauben im Sinn, wie sie anschaulich und konkret durch Sokrates verkörpert wurde und in seinem kompromittierend bedeutungsvollen und respekteinflößenden Bekenntnis: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ zum Ausdruck brachte. Wenn also jemand sagt „Ich weiß, dass…, so äußert er seine Meinung, die auf seinem Glauben basiert. Warum also nicht gleich zugeben, dass man glaubt, dass etwas so und so sei? Die Dialoge Platons sind selber beste Beispiele dafür, wie die Suche nach Wissen im Glauben und in Meinungsbildung endet. Wenn man aber schon im Voraus weiß, dass man zumindest kein „definitives“ Wissen erlangen kann, sondern immer nur glauben oder meinen, kann man dann überhaupt noch etwas wissen und aufgrund dieser Skepsis den anstrengenden ambitionierten Prozess des Wissenserwerbs aufgeben? Aber – so argumentiert Duchamp - Wissen ist nicht gleich Wissen, nicht gleich Wissenschaft, Bildung, Information, Gelehrsamkeit. Es gibt ein Wissen und „Bereiche“, so glaubt Duchamp, die unabhängig sind von Zeit und Raum, die alles Vergängliche, naturhaft Animalische, alles flüchtige, sinnlich Körperliche, alles temporäre, physisch Objektive transzendieren und diese Bereiche einer „vierten Dimension“ vermag die Kunst zu eröffnen. Wenn dem so ist, dann kann er dem Künstler gleichsam eine parareligiöse Funktion und Mission zuschreiben, denn er ist derjenige, der mit seinen Werken und Visionen, das Tor zur vierten Dimension öffnet und offenhält, das Medium, das den Kontakt zu transzendenten Welten herstellt und aufrechterhält, so wie der Schamane archaischer Gesellschaften den Kontakt zum Jenseits der Welt der Ahnen und Geister. Duchamp indessen romantisiert und mystifiziert die Rolle des modernen Künstlers, scheut aber zurück vor dem direkten Vergleich mit der Rolle des Hohenpriesters oder Schamanen. Denn die Aufgabe des Künstlers besteht ja ihm zufolge nicht de facto in religiösen und kultischen Praktiken, sondern die besondere Art seiner Mission zeigt lediglich gewisse Verwandtschaften und Ähnlichkeiten zu den religiösen des Schamanen. Der Künstler ist in erster Linie ein Spieler, ein Clown, Pseudoschamane und Trickster, eher die Parodie eines ernsthaften, religiösen Lehrers, Wissenschaftlers, Philosophen und Kabbalisten, er ist ein falscher ironischer Heiliger mit Humor, ein gewiefter Scheinheiliger, der den Schein zum Sein, das Pseudo zum Verum verkehrt und den Widerspruch, die Negation zum Agens der Wirklichkeit erhebt und damit zum Substrat der Freiheit. „Magie spielt stets und überall hinein“1, auch Mythisches. Das Enigmatische der alltäglichen Dinge wird erfahrbar durch ihre Entfernung aus und ihre Entfremdung von ihrem alltäglichen Kontext. Die Aura des Geheimnisvollen erhalten die Dinge durch Negation ihrer puren Faktizität, die sie in die Leere und ins Nichts versetzt, aufs Unbrauchbare nivelliert und im nächsten Schritt wieder aufgehoben wird durch Ironie und Humor. Diesen dialektischen Prozess demonstriert Duchamp anhand seiner Ready-mades: “Das Ready-made war seine Tonne des Diogenes. Denn letztlich war sein Akt weniger ein künstlerisches Verfahren als ein philosophisches oder genauer, dialektisches Spiel: eine Negation, die durch den Humor zu Bejahung wird“, wie Oktavio Paz treffend bemerkt. (Nackte Erscheinung, S.29) Die Selbstverspottung des Geistes, wie Duchamp sie vollzieht, besteht in dessen Selbstverneinung als Werte, Wahrheit und Moral stiftende und etablierende Instanz und seiner ironischen Nivellierung auf den Objektstatus des Unbedeutsamen, Sinnlosen, aus dem ihn nur wiederum der Humor zu befreien vermag. Die Verhöhnung einer jeden Form ernsthafter Erkenntnis, die ja eine Funktion des Geistes selbst ist, greift die dogmatische und übergeordnete, selbstgefällige Autorität des Geistes an und trifft ihn an seiner empfindlichsten Stelle: in seinem Anspruch, der Schöpfer und Verwalter absoluter und unfehlbarer Wahrheit zu sein. Sicherlich kann Duchamp als ein philosophischer Künstler betrachtet werden, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, ein Philosoph malgré lui, der Abstinenz von der Malerei übte, trotz oder gerade wegen eines großen Talents, eines großen Erfolgs, Abstinenz auch von Wissenschaft und Philosophie, Skeptiker und ironischer Kritiker zeitgenössischer Kunst, der Künstlerexistenz sowie der Ausstellungspraktiken, der gängigen Methoden von Kunstbewertung, Kunstvermittlung und des Kunsthandels. Seine kritischen Zweifel und seine Kunst zeugen von distanzierter und distanzierender Reflexion aus einer individualistischen und selbst gewählten Isolation heraus, die dennoch immense Wirkung in der Öffentlichkeit der Kunstwelt und deren Manifestationen und Diskurse erzielte und ausübte. Das Phänomen Marcel Duchamp ist ein paradoxes: aus Isolation und Verweigerung, Negation, Verpönung und Verhöhnung, durch den Akt einer freien individuellen Wahl erwachsen gleichsam ungewollt und wie von selbst positive und bejahende Konstellationen von Dingen und Ereignissen, die in ihrer manifesten Sinn- und Bedeutungslosigkeit gewissermaßen auf schamanische Art und Weise wiederum eine ephemere und brüchige Sinnhaftigkeit und Bedeutung konfigurieren. Darin besteht das Faszinierende der Kunst Marcel Duchamps und zugleich auch das spekulativ Philosophische, die Metaphysik einer „Vierten Dimension“, die er auch durch Wortspiele und dunkle Redewendungen zu eröffnen und zu konnotieren sucht. Robert Lebel hatte schon 1959 in seiner bekannten Dokumentation über Person und Werk des Künstlers gefragt, ob man nicht hinter den offensichtlich einem „Gesetz“ folgenden Arbeiten Duchamps eine philosophische Spekulation zu vermuten könne, für die Indizien genug zu finden seien: „der gesucht dunkle Charakter der Gedanken und Werke, der auf dem dauernden Gebrauch einer Geheimsprache beruht, die Symbolik der Formen, das Zahlensystem....., der systematische Gebrauch von Wortspielen und Kalauern, diese ganze klangliche Kabbala.“ (Duchamp. Von der Erscheinung zur Konzeption, S.102) Die Grundüberzeugung und Hauptintention Duchamps, das „Gesetz“ wie Lebel es nennt, bestand in der Überzeugung, dass die „Idee“, der „Geist“, wie sie sich in den visuellen Produkten der Malerei repräsentierte, für ihn das Wesentliche und Bedeutende war, und insofern eine ideelle Produktion und Konzeption im Mittelpunkt seines Interesses stand.2 Das führte zu sprachlich dominierten, gedanklichen und symbolischen Konzepten, Aktionen und Manifestationen, die mit dem Zufall jonglierend und ausgehend von konventionellen Relationen gleichsam spielerisch neue semantische und phonetische Konstellationen und Zusammenhänge hervorbrachten, die mehrdeutig und hintergründig waren. Tatsächlich kann man hier von einer undurchsichtigen, gewollt geheimnisvollen Symbolsprache sprechen, die sich befreit von allen konventionellen semantischen Bezügen und Bedeutungssphären, seien sie nun philosophischer, wissenschaftlicher oder religiöser Natur, die als unabhängiger, autonomer sprachlicher Organismus einerseits, als in sich geschlossenes, lockeres, ephemeres Quasi-System, andererseits als enigmatischer Quasi-Kommentar fungieren soll. Duchamps symbolgeladene Werke sind als satirische Produktionen stets aus einer kritischen und skeptischen Distanz zu konkreten geistigen und intellektuellen Institutionen und Disziplinen heraus entstanden, die Duchamp, wie Robert Lebel versichert, verabscheute insbesondere „philosophische Erklärungen“ seiner Werke. (Duchamp, S.62) Es ist auch nicht bekannt, ob er sich jemals ernsthaft mit philosophischer, wissenschaftlicher, theologischer oder mystisch-religiöser Literatur beschäftigt, geschweige denn auseinandergesetzt hat. Sein größtes Anliegen bestand in der Kritik der zeitgenössischen Malerei in Form einer subversiven satirischen Meta-Kunst, eine Art „Gegen-Welt“, die aus der "aggressive(n) Bezweiflung der Wirklichkeit“ (Lebel, ebd., S.101) resultierte. Eine Gegenwelt allerdings, die nicht nur schöner Schein sein will und auftritt im Gewand der Schönheit als Wahrheit der ästhetischen Form, sondern als Schein des schönen Scheins diesen als schnöden Schein entlarvt und bloßstellt, ohne selbst schön und wahr sein zu wollen und dadurch der hässlichen und erbärmlichen Wirklichkeit den durchlässigen Spiegel vorhält. Denn selbst der Spiegel vermag in dieser verkehrten Welt nicht mehr seine normale Funktion als reflektierendes Medium zu erfüllen, sondern ist transparent und lässt den Blick durchgehen auf das mechanisch Maschinelle, Pornographische, das Entstellte und Entstellende, auf das Entfremdete und Befremdende menschlicher Existenz und Beziehungen und führt derart paradox zu prekärer Selbsterkenntnis.3 (Das Große Glas, 1915-23; Gegeben sei: 1. der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas,1944-64) Andererseits verhindert Duchamp dem neugierigen Betrachter den Durchblick, er verhindert den Blick durch Fenster, deren Glasscheiben mittels Farbe oder Filz opak und blind gemacht sind und wirft so den Betrachter auf sich selbst, auf die eigenen Vorstellungen und Phantasien zurück. (Fresh Widow, 1920; La Bagarre d´Austerlitz, 1921) Über „Das Große Glas“ (GG.), dessen Beschreibung und Interpretation auch in der Dissertation „Narrenspiele“ einen größeren Raum einnimmt, schrieb ich bereits am 24.10 1988 folgende Zeilen: „Die Bedeutung des „Grand Verre“ scheint mir viel schlichter zu sein, als die diversen, vielschichtig weit ausholenden, gar tiefsinnigen Deutungen nahezulegen versuchen: Es klagt die Mechanisierung der menschlichen Beziehungen, namentlich und insbesondere der sexuellen, der Liebesbeziehungen an, zeigt auf, dass im modernen, vollautomatisierten Leben, die Liebe zur mechanischen Handlung einseitiger Selbstbefriedigung geworden ist, designiert den gefühllosen onanistischen Gebrauch, den beide Partner an sich selbst ausüben. Das Glas führt somit die Verkümmerung menschlichen Gefühlslebens, menschlicher Würde und Selbstwertgefühls vor Augen, konstatiert sarkastisch und auf zynische Weise, Abusus und Dekadenz menschlicher Werte und Qualitäten, den Niedergang des menschlichen Seins zur blinden, automatischen Funktion >niederer Organe<, zum kalten Mechanismus autistischer Lustbefriedigung, deren Wesen Vereinzelung, nicht Vereinigung ist....Nicht, dass es den moralischen Zeigefinger erhebt: es deckt auf, entbirgt, manifestiert, projiziert. Es ist der durchsichtige Spiegel, in dem wir uns selber erkennen, unsere Unfähigkeit, die menschliche Wahrheit – uns selber – in der geschlechtlichen Vereinigung zu erkennen. Wir schauen durch uns hindurch, blicken durch unsere luziden Körper, die – vordergründig emotionslose Maschinen – hintergründig sich als Phantome, als bloße (Geist)-Erscheinung, als „apparition d`une apparence“ entpuppen: die apparathafte Erscheinung desMenschen als Projektion einer unsichtbaren Welt, die im Schein einer (Geist)-Erscheinung erahnbar wird. Jede Erscheinungist Schein, ist Schein einer Erscheinung usf… Niemals vermögen wir bis zur Ursache der unendlichen Projektionen vorzudringen bis zu jener der letzten möglichen Welten, die den Projektor, den unbewegten Beweger beherbergt...Unsere Welt ist und bleibt dreidimensional und auch über diese täuschen uns noch die Sinne. Nichts kann als gesichert, nichts als definitiv wahr und wirklich gelten. Leben heißt, stets und kompromisslos sich der Erkenntnis stellen, dass mit Gewissheit nichts erkannt werden kann, heißt glauben an die Unerkennbarkeit von Sinn und Sein.“ Das Verb „glauben“ jedoch ist in diesem Fall der falsche Ausdruck, denn es handelt sich ja dem vorher angesetzten ideellen Maßstab zufolge um Resignation, um eine Kapitulation vor der erstrebten Erkenntnis, um einen defizitären, nicht um einen gelungenen, gewinnbringenden Bewusstseinszustand. Es müsste also richtiger und präziser heißen…“die Unerkennbarkeit von Sinn und Sein (an)erkennen, akzeptieren.“ Jahre später, in der Dissertation, bilden Gegenstand, Funktion, Magie und mythische Symbolik des Spiegels eine zentrale Komponente der Interpretation. So heißt es auf Seite 143-44: „Wir müssen uns jedoch darüber hinaus klarmachen, dass das GG., der Spiegel eines Tricksters ist, ein Zerrspiegel, der eine Täuschung produziert, und den er uns vorhält, damit uns die falschen, illusionären Bilder, die wir und von uns selber machen, ansichtig und bewusst werden, und wir die Wahrheit über uns selbst erkennen......Das GG. ist ein Tricksterspiegel, ein paradoxes, kurioses Gerät, kein Spiegel im gewöhnlichen Sinn, ein durchsichtiger Pseudospiegel einerseits, andererseits ein Spiegel, der eine dreifache Spiegelung hervorbringt: a) eine Spiegelung im Spiegel: DieOkkulistenzeugen fungieren als Spiegel, durch den die Braut in ihrer Nacktheit ansichtig wird und in dem sie sich in ihrer Nacktheit erblickt. b) eine optisch-visuelle Spiegelung: die übliche Funktion des Spiegels, der den Betrachter/die Betrachterin bzw. einen Ausschnitt der Wirklichkeit dupliziert. c) eine symbolische Spiegelung: die Funktion des Narrenspiegels, eine durch Täuschung bzw. Verzerrung erkennbar gemachte und dadurch aufgehobene Täuschung, Selbsterkenntnis mittels Ent-Täuschung, der Narrenspiegel zeigt uns die Wahrheit über uns selbst.“ Insofern bleibt mir heute ein von allen diesen kreativ-spekulativen, mythopoietischen Erdichtungen befreite nüchterne, ernüchterte Blick auf das GG. Als ein unfreiwilliger Spiegel, einer, der keiner ist, weil er nur Glas ist und nicht wirklich ein Spiegel sein kann, sondern ein mit enigmatischen Zeichen, Symbolen, Formen, seltsamen Apparaturen und pseudomachinellen Vorrichtungen beklebtes Glasobjekt rätselhaften und originellen Charakters. So bin ich also letztlich der Magie des Tricksterspiegels erlegen und aus der Täuschung in die Ent-Täuschung, gar Ernüchterung geraten, allerdings eine dynamische, nicht resignative, denn auch der aus temporärer Distanz eingetrübte und ernüchterte Blick auf das GG. vermag den Wink aufs Transzendente, Magische, Enigmatische zu vernehmen, den es aussendet. Nun ging es in meiner Dissertation nicht allein um den Trickster Duchamp und sein Werk, sondern auch um andere Dada-Künstler wie Johannes Baader, den dadaistischen Obernarren, Hans Arp, Max Ernst und Kurt Schwitters. Sie alle sind mehr oder weniger repräsentative Vertreter und Verwirklicher dadaistischer Ideen, Geistes- und Lebenshaltung. Marcel Duchamp kann aber, wie ich meine zu Recht, als der herausragende Protagonist dadaistischen Trickstertums angesehen werden, weil es als Bestandteil seines rebellischen Wesens und seines Charakters gedeutet werden kann, das sein ganzes Leben und Schaffen prägte und dem auch die Readymades entsprangen. Insofern mag er als eine Art nonkonformistisches Urphänomen des Dadaismus gelten, der zwar nicht an den europäischen Dada-Veranstaltungen in Zürich und Berlin beteiligt war, aber in New York mit einer eigenen Dada-Variante für Aufsehen sorgte und dem Dadaismus zu einer weltweiten Beachtung verhalf.
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Im Interview spricht Autor Hans Hubert Schings über die Entstehung seines Buches, den Einfluss philosophischer Denker und darüber, warum Scheitern und Sinnsuche untrennbar zum Leben gehören.
- Quote paper
- Hans Hubert Schings (Author), 2026, Das schlimme Spiel spielen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1695823