Philosophie als Lebenspraxis, Bereich von Konfliktlösungsstrategie und als Anleitung zum richtigen Denken, Leben und Handeln: In seinem Buch „Das schlimme Spiel spielen“ verbindet Hans Hubert Schings persönliche Erfahrungen mit zentralen Fragen der Philosophie. Ausgangspunkt ist ein über Jahre gewachsener Reflexionsprozess, der schließlich in eine intensive Auseinandersetzung mit Sinn, Scheitern und dem eigenen Lebensweg mündet. Inspiriert von Denkern wie Nietzsche, Heidegger und Wittgenstein entsteht so ein vielschichtiges Werk, das biografische Erzählung und philosophische Analyse miteinander verschränkt. Schings zeigt, wie eng Denken und Leben verwoben sind, und warum gerade Unsicherheit, Zweifel und Konflikt zum Kern philosophischer Erkenntnis gehören. In unserem Interview spricht er über die Entstehung seines Buches, die Bedeutung des „schlimmen Spiels“ und darüber, welche Rolle Philosophie als Orientierung im Alltag einnehmen kann.
GRIN: Welche inneren oder äußeren Erfahrungen haben Sie ursprünglich dazu bewegt, Ihr Buch “ Das schlimme Spiel spielen“ zu schreiben? War es eher ein konkreter Auslöser oder ein über Jahre gewachsener Denk- und Lebensprozess?
Hans Hubert Schings: Es war wohl beides: ein über Jahre gewachsener Denk- und Vorstellungsprozess, der dann vor Rentenbeginn konkret wurde. Schreiben und Tagebuchführen waren seit meiner Jugendzeit wichtige Bedürfnisse und Betätigungen für mich – irgendwann einmal ein Buch zu schreiben, ein größerer Wunsch.
GRIN: Was war die größte Herausforderung bei der Recherche bzw. beim Schreiben?
Hans Hubert Schings: Die größte Herausforderung beim Schreiben und Nachforschen bestand zweifellos in der Erfahrung der Lebendigkeit, Intensität und der stets noch präsenten und aktuellen Bedeutung des Beschriebenen und Erzählten, der aufs Neue durchdachten und formulierten Texte. Das führte gelegentlich zu Irritationen, selbstkritischen Überlegungen und auch zu Korrekturen der frühen Aufzeichnungen.
GRIN: Sie greifen Nietzsches Bild vom „schlimmen Spiel“ auf. Was bedeutet dieses Bild für Ihr Verständnis von Philosophie – und vielleicht auch für das Leben selbst?
Hans Hubert Schings: Das „schlimme Spiel“ ist sicherlich ein passendes Bild Nietzsches nicht nur für Philosophen, denkende Menschen, Künstler, sondern generell auch für das Leben. Um dieses lebenswert und befriedigend zu gestalten, riskieren wir oft viel, sind erfolgreich oder scheitern. Wenn wir aber den Dingen ausweichen, die für uns zu schwierig und unerreichbar zu sein scheinen und die Herausforderung nicht suchen und annehmen, dann kann uns kein sinnvolles, erfolgreiches und befriedigendes Leben gelingen, dann bleiben wir auf der Strecke, landen im Sumpf und in der Depression.
Wenn wir aber den Dingen ausweichen, die für uns zu schwierig und unerreichbar zu sein scheinen und die Herausforderung nicht suchen und annehmen, dann kann uns kein sinnvolles, erfolgreiches und befriedigendes Leben gelingen, dann bleiben wir auf der Strecke, landen im Sumpf und in der Depression.
Hans Hubert Schings
GRIN: Ihr Werk verbindet biografische Erlebnisse mit philosophischen Theorien. Wo sehen Sie die Grenze – oder gerade die Stärke – dieser Verbindung?
Hans Hubert Schings: Die Stärke dieser Verbindung sehe ich darin, dass ich einerseits zeigen kann, in welchem Maß Philosophie, die Wahl ihrer Form, Richtung und Weltanschauung, von Leben und Schicksal des einzelnen Menschen abhängig ist, und andererseits umgekehrt, wie und in welchem Maß die gewählte, praktizierte Form der Philosophie und ihrer Lehrer Schicksal und Gestaltung der subjektiven Existenz prägen und bestimmen. Die Grenze dieser Repräsentation liegt in der Subjektivität, darin, dass diese Darstellung und Erzählung in erster Linie nur für mich und mein Leben Bedeutung und Gültigkeit haben kann. Andere Menschen mögen da anderer Meinung sein, weil ihre Erfahrungen andere sind. Das aber ist Bedingung und Ausgangspunkt der Grundbeschaffenheit und Verfahrensweise der Philosophie, nämlich die der Diskussion und des Gesprächs.
GRIN: Sie schreiben, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens Ihr „größtes Problem“ ist. Hat das Schreiben des Buches Ihnen Antworten gegeben – oder eher neue Fragen?
Hans Hubert Schings: Das Schreiben eines Buches allein ist schon eine kreative und befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn. Neue Fragen wird es immer geben, sie machen das philosophische Denken aus, von daher muss der Philosoph auch „einen langen Atem haben“.
Neue Fragen wird es immer geben, sie machen das philosophische Denken aus, von daher muss der Philosoph auch „einen langen Atem haben“.
Hans Hubert Schings
GRIN: Immer wieder taucht in Ihrem Buch das Motiv des Scheiterns auf. Warum ist das Scheitern für Sie kein Gegenargument zur Philosophie, sondern ein wesentlicher Bestandteil?
Hans Hubert Schings: In dem Buch sind Antworten von Philosophen auf diese Frage zu finden. Karl Jaspers: „Verwirklichung im Scheitern kann so wirklich sein wie im Erfolg.“ Martin Heidegger: „Wer groß denkt, muss groß irren.“ Nach Heidegger gehört der Irrtum zum Wesen des Seins- und Wahrheitsprozesses, ist eine in ihm angelegte Disposition, die jedes Leben und jeden Menschen, jede Wahrheit und jedes Ereignis über sich hinauswachsen lassen kann.
GRIN: Sie setzen sich intensiv mit Denkern wie Sartre, Bloch, Wittgenstein oder Heidegger auseinander. Gab es eine philosophische Position, die Ihr Denken dauerhaft geprägt hat – oder gerade eine, von der Sie sich bewusst distanziert haben?
Hans Hubert Schings: Alle diese genannten Denker haben mein Leben und Denken in der Tat beeinflusst. Probleme hatte ich mit den politischen Einstellungen von Heidegger und Bloch. Heute sind es auch andere Philosophen und philosophische Strömungen, die mich interessieren und mein Denken beeinflussen, wie z.B. die analytische Philosophie, der Pragmatismus und die theoretische Philosophie. Wittgenstein hat nach wie vor eine wichtige Bedeutung für mich, aber auch andere Philosophen haben mein verstärktes Interesse geweckt, z.B. Jürgen Habermas, Hilary Putnam und neuerdings auch Robert B. Brandom.
GRIN: Ihr Buch thematisiert immer wieder das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Schaffen und philosophischem Denken. Wie erleben Sie das Verhältnis dieser beiden Bereiche heute?
Hans Hubert Schings: Heute ist der Frieden eingetreten zwischen beiden Bereichen, denn ich empfinde und erlebe sie konstant als gleichbedeutende, berechtigte und wichtige Beschäftigungen und Aufgaben, die ich zumeist ohne inneren Druck und äußere Spannungen praktiziere, wenn ich Lust und Zeit dazu habe.
GRIN: Der Untertitel Ihres Buches nennt Philosophie auch „Lebenshilfe“. Wo kann Philosophie konkret im Alltag helfen und wo stößt sie an ihre Grenzen?
Hans Hubert Schings: Philosophie ist nicht vergleichbar mit einer psychologischen, sozialen oder kirchlichen Lebensberatung. Sie ist eine besondere Form des rationalen Problemdenkens, der gedanklichen Problembewältigung, die uns hilft, belastende, spannungsreiche, heikle und schwierige Fragen und Sachverhalte zu lösen durch vernunftbetonte, rationale und argumentative Gedankenoperationen. Weltanschaulich orientierte Philosophien haben hier den Vorrang, aber auch die auf die Lebenspraxis bezogenen wie z.B. der Pragmatismus sind hier kompetent. Selbst die theoretische Philosophie, die eine Art Mathematik mit Begriffsbedeutungen darstellt, kann als reine Kopfarbeit Spaß machen, Sprachvermögen und Sprachbewusstsein vertiefen und die Lebensorientierung erhöhen.
Selbst die theoretische Philosophie, die eine Art Mathematik mit Begriffsbedeutungen darstellt, kann als reine Kopfarbeit Spaß machen, Sprachvermögen und Sprachbewusstsein vertiefen und die Lebensorientierung erhöhen.
Hans Hubert Schings
GRIN: Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben? Und was wünschen Sie sich, nehmen Leser:innen nach der Lektüre konkret mit?
Hans Hubert Schings: Das Buch richtet sich an Menschen, die sich für Leben und Schicksal, Denken und Handeln anderer Menschen interessieren, an Menschen, die die Herausforderung nicht scheuen und Dinge, die ihnen zu schwierig erscheinen, nicht verdrängen, sondern das Gute und Beste, und ebenso das Geheimnisvolle und Verborgene suchen, über sich, die Menschen und die Welt, die Mysterien des Lebens reflektieren, ein Interesse an Philosophie, Kunst, Mystik und Religion haben und sich Gedanken machen über den Sinn des Lebens, also darüber, „was das Ganze soll“.
GRIN: Wie sind Sie darauf gekommen, als Selfpublisher bei GRIN zu veröffentlichen?
Hans Hubert Schings: Bei Recherchen und Suchaktionen nach Büchern und Autor:innen im Internet bin ich auf GRIN gestoßen. Die Selfpublisher-Idee fand ich immer interessant und ansprechend. Daraufhin erhielt ich öfters Informationen und Anfragen vom Verlag. Irgendwann, als ich an meinem Buch arbeitete, dachte ich: hierhin werde ich, wenn es so weit ist, meinen Text zum Hochladen schicken.
GRIN: Welche Vorteile sehen Sie in einer Veröffentlichung bei GRIN?
Hans Hubert Schings: Ich hatte immer das gute Gefühl, dass eine Veröffentlichung bei GRIN für mich und mein Buch die beste Lösung sei. Das hat sich bestätigt.
GRIN: Herr Schings, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit Ihrem Buch!
Diese Artikel könnten dich auch interessieren
Du willst keine Neuigkeiten mehr verpassen? Dann melde dich jetzt zu unserem GRIN-Newsletter an!