Bei dem Fall geht es um eine Hochschule, in der 15.000 Studierende immatrikuliert sind. Vor fünf Jahren wurde die Anwesenheitspflicht abgeschafft, was zur Folge hat, dass die Studierenden frei entscheiden können, ob sie eine Lehrveranstaltung besuchen oder nicht. Eine Voraussetzung aber ist, dass die Prüfungen, unabhängig von dem Besuch von Seminaren, so gestaltet werden müssen, dass man sie bestehen kann. Obwohl statistische Analysen zeigen, dass sich das Leistungsniveau in den letzten fünf Jahren nicht verändert hat, wird die eingeführte Maßnahme sehr intensiv diskutiert.
In dieser Debatte gibt es zahlreiche Pro - und Kontraargumente. Einige Studierende behaupten, dass wegen zu geringer Anwesenheit von Studierenden in den Seminaren keine konstruktive Lernatmosphäre entstehen kann. Dagegen fordern einige Lehrende, dass die Studierenden die Seminare besuchen sollen, um eine vernünftige Auseinandersetzung mit den Lerninhalten herzustellen. Manche Lehrende und Studierende vertreten die Meinung, dass durch die Abschaffung der Anwesenheitspflicht nur noch Studierende in den Seminaren sind, die sich wirklich für die Themen interessieren. Dadurch sei eine verbesserte Lernatmosphäre entstanden.
Ein Kritikpunkt betrifft die Lernmaterialien, die für die Prüfungen zur Verfügung gestellt werden. Hier gibt es große Unterschiede, weil die Materialien von einigen Lehrenden sehr gut, von anderen sehr schlecht gestaltet sind. Ein weiterer Aspekt gehört auch in die Debatte, dass nämlich durch die Abschaffung der Anwesenheitspflicht ein kleiner Teil der Lehrenden die Hochschulen gewechselt hat.
Inhaltsverzeichnis des E-Books
- 1. Einleitung
- 2. Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende
- 2.1 Fragestellung
- 2.2 Methodologische Positionierung
- 2.3 Forschungsfeld
- 2.4 Erhebungs- und Auswertungsverfahren
- 2.5 Sampling
- 2.6 Grundlagentheoretische Einbettung der Forschung
- 2.7 Interviewleitfaden
- 3. Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die weitreichenden Auswirkungen der Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende an Hochschulen. Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage „Welche Vor- und Nachteile hat die Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende?“ mittels qualitativer Methoden zu beantworten und eine differenzierte Betrachtung dieses aktuellen Themas aus verschiedenen Perspektiven zu ermöglichen.
- Die Auswirkungen der fehlenden Präsenzpflicht auf die Lernatmosphäre und das Engagement der Studierenden.
- Die Rolle der Digitalisierung im Kontext von Hochschullehre und studentischer Präsenz.
- Die Anwendung qualitativer Forschungsmethoden, insbesondere des Leitfadeninterviews, zur Erhebung tiefgehender Meinungen und Erfahrungen.
- Die Auseinandersetzung mit der Balance zwischen studentischer Freiheit und der Notwendigkeit einer strukturierten Auseinandersetzung mit Lerninhalten.
- Die grundlagentheoretische Einbettung der Forschung in den breiteren wissenschaftlichen Diskurs über Bildung und Hochschulentwicklung.
Auszug aus dem Buch
2.2 Methodologische Positionierung
Die quantitative Sozialforschung besteht vor allem aus dem Errechnen von Häufigkeiten, sodass rechnerische, quantifizierende Auswertungsmethoden angewendet werden müssen. Dagegen handelt es sich bei der qualitativen Sozialforschung um die Interpretation des Materials, was eine Erarbeitung von Zusammenhängen zur Folge hat. Deshalb arbeitet qualitative Sozialforschung mit Beobachtung, Interviews, narrativen Interviews, um Hintergründe zu verstehen. Es geht somit um die Produktion eines Textmaterials, welches sich interpretieren lässt. Die quantitative Sozialforschung strebt an, soziale Phänomene zu messen und zu zählen und damit soziale Daten zu erzeugen. Im Gegensatz dazu geht es bei der qualitativen Forschung um die sogenannte „Tiefenerkundung“ von sozialen Phänomenen.
Für das bestehende Thema ist deshalb die qualitative Forschung relevant, denn es geht um die qualitative Erhebungsmethode eines Interviews. Die Frage nach der Präsenzpflicht von Studierenden kann mit quantitativen Fragebögen zwar bearbeitet werden, wenn man größere Datenmengen und verallgemeinerbare Ergebnisse erreichen will, aber eine offene Debatte, die zu weiteren Reflexionen anregen soll, lässt sich so nicht erzeugen. Bei einem Interview besteht der Vorteil, dass bei der Erhebung bereits mehr Raum für spontane Reaktionen und auch narrative Elemente geschaffen werden können.
Die qualitative Sozialforschung beinhaltet die sogenannten „13 Säulen des qualitativen Denkens“. Einige sollen hier dargestellt werden. Bei dem Thema „Präsenzpflicht für Studierende“ trifft die erste Säule der „Einzelfallbezogenheit“ zu, denn im Interview handelt es sich um eine bestimmte Gruppe, nämlich Studierende. Die zweite Säule, nämlich „Offenheit“, ist ein Hauptprinzip der qualitativen Sozialforschung. Das bedeutet, dass auch Unerwartetes geschehen kann, was der Interviewer eventuell nicht eingeplant hat. Die Studierenden könnten bestimmt Fragen überraschend beantworten. Das schließt eine „Methodenkontrolle" und ein „Vorverständnis“ natürlich nicht aus. Die weitere Säule „Forscher-Gegenstand-Interaktion“ setzt voraus, dass der Interviewpartner als Forschungssubjekt und nicht als Objekt anerkannt wird. Die qualitative Sozialforschung hat auch immer etwas mit Geschichte zu tun, denn ein Interview ändert sich im Laufe der Zeit sprachlich sowie inhaltlich. Das betont die „Historizität“. Weiterhin wird „Problemorientierung“ vorausgesetzt, da es um eine Problematik in der Praxis geht. Im Gegensatz zur quantitativen Forschung können die Ergebnisse nicht unbedingt verallgemeinert werden, sondern es ist eine „argumentative Verallgemeinerung" notwendig.
Für das bestehende Thema würde sich die sogenannte Methodentriangulation nicht anbieten, da es sich hierbei um den Einsatz verschiedener Erhebungsverfahren, z.B. Beobachtung, Interview usw., handelt, die zur Bearbeitung der gleichen Frage angewendet werden. Für die Fragestellung wird ein Interview als adäquat eingeschätzt, da z.B. eine Beobachtung von Studierenden als eventuell uferlos und auch aus Datenschutzgründen als illegal angesehen werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt den Fall einer Hochschule vor, an der die Präsenzpflicht abgeschafft wurde, beleuchtet die daraus resultierenden Debatten sowie die Pro- und Kontraargumente und führt in die Thematik der Arbeit ein.
2.1 Fragestellung: Hier wird die zentrale Forschungsfrage formuliert, die sich auf die Vor- und Nachteile der Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende konzentriert und Aspekte der Digitalisierung sowie studentische Freiheit thematisiert.
2.2 Methodologische Positionierung: Das Kapitel begründet die Wahl qualitativer Forschungsmethoden, insbesondere des Interviews, zur Tiefenerkundung des Phänomens und grenzt diese von quantitativen Ansätzen ab.
2.3 Forschungsfeld: Dieser Abschnitt definiert den Untersuchungsbereich, konzentriert sich auf die Interessen der Studierenden im Hochschulkontext, reflektiert die Auswirkungen der Digitalisierung und erörtert die historische Diskussion um studentische Präsenz.
2.4 Erhebungs- und Auswertungsverfahren: Es wird die Durchführung von Leitfadeninterviews als Erhebungsmethode und die qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsverfahren detailliert beschrieben, inklusive Transkription und Kategorienbildung.
2.5 Sampling: Dieses Kapitel behandelt die Auswahl der Interviewpartner, schlägt die Befragung von 10-12 Studierenden vor und diskutiert Fragen der Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse.
2.6 Grundlagentheoretische Einbettung der Forschung: Hier wird die Forschungsarbeit in einen breiteren wissenschaftlichen Kontext gestellt, der die Digitalisierung, die aktuelle Studierendengeneration und gesellschaftliche Veränderungen umfasst.
2.7 Interviewleitfaden: Der Leitfaden präsentiert eine Liste von 14 spezifischen Fragen, die im Rahmen der Interviews verwendet werden, um die Meinungen und Erfahrungen der Studierenden zur Präsenzpflicht zu erheben.
3. Fazit: Das Fazit zieht Schlussfolgerungen aus der Debatte um die Präsenzpflicht, betont die Rolle der Hochschulen als Orte des Denkens und Wissens und schlägt weitere Forschungsfragen vor, die sich aus der Thematik ergeben, unter anderem zur KI im Hochschulbereich.
Literaturverzeichnis: Listet alle im Text verwendeten und zitierten Quellen auf.
Schlüsselwörter
Qualitative Forschung, Fallstudie, Präsenzpflicht, Studierende, Hochschulen, Digitalisierung, Vor- und Nachteile, Lehrveranstaltungen, Lernatmosphäre, Interviews, Methodologie, Bildungsdiskurs, Freiheit, Wissensaneignung, Lehrende
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Fallstudie beschäftigt sich mit der Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende an einer Hochschule. Sie analysiert die vielfältigen Vor- und Nachteile dieser Maßnahme und beleuchtet die zugrunde liegenden Debatten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Präsenzpflicht im Hochschulkontext, die Rolle der Digitalisierung auf das Lernen, die studentische Freiheit und Autonomie sowie die Methodologie qualitativer Sozialforschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage „Welche Vor- und Nachteile hat die Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende?“ mittels einer qualitativen Analyse tiefgehend zu beantworten und damit zur aktuellen Diskussion beizutragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet qualitative Forschungsmethoden, insbesondere das Leitfadeninterview zur Datenerhebung und die qualitative Inhaltsanalyse zur systematischen Auswertung der transkribierten Interviewdaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Abschnitte, die von der spezifischen Fragestellung über die methodologische Positionierung und das Forschungsfeld bis hin zu den konkreten Erhebungs- und Auswertungsverfahren, dem Sampling und der grundlagentheoretischen Einbettung reichen, ergänzt durch einen Interviewleitfaden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Qualitative Forschung, Fallstudie, Präsenzpflicht, Studierende, Hochschulen, Digitalisierung, Vor- und Nachteile, Interviews und Bildungsdiskurs.
Was versteht die Arbeit unter den „13 Säulen des qualitativen Denkens“ und welche davon werden hervorgehoben?
Die „13 Säulen des qualitativen Denkens“ sind grundlegende Prinzipien qualitativer Sozialforschung. Die Arbeit hebt unter anderem die Einzelfallbezogenheit, Offenheit, Methodenkontrolle, Vorverständnis, Forscher-Gegenstand-Interaktion, Historizität und Problemorientierung hervor.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Kontext der Präsenzpflicht und wie hat sie das Studium verändert?
Die Digitalisierung ermöglicht Studierenden, ortsunabhängig Wissen anzueignen und schriftliche Arbeiten anzufertigen, was dazu verführt, Präsenz zu vernachlässigen. Sie unterstützt die Debatte um die Präsenzpflicht massiv und verändert die Art der Wissensaneignung.
Welche zukünftigen Forschungsperspektiven werden im Fazit der Arbeit aufgezeigt, insbesondere in Bezug auf Künstliche Intelligenz?
Das Fazit zeigt Forschungsbedarfe bezüglich der Kritik an Lehrenden, der Motivationslage von Studierenden und vor allem der Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz im Hochschulbereich auf, die Fragen nach Wahrheit, Betrug und der Rolle von Universitäten aufwerfen.
- Quote paper
- Gämär Amikishiyeva (Author), 2026, Abschaffung der Präsenzpflicht für Studierende, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1695939