Die überwiegende Mehrheit der Menschen wird früher oder später mit dem Tod der eigenen Eltern konfrontiert. Die bestehende Trauerforschung bezieht sich jedoch überwiegend auf die Trauer von Kindern und Jugendlichen um ein verstorbenes Elternteil oder die Trauer Erwachsener um einen verstorbenen Lebenspartner. Es befassen sich kaum Studien mit den theoretischen und empirischen Aspekten des Todes von einem Elternteil auf die erwachsenen Kinder. Außerdem werden die Belastungen im Trauerprozess um die Eltern in der heutigen Gesellschaft unterschätzt. Dabei gilt der Verlust von einem Elternteil als eines der schmerzhaftesten und herausforderndsten Ereignisse des Lebens.
Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, zur Förderung des Verständnisses über den Trauerprozess Erwachsener für Betroffene selbst als auch für Trauerbegleiter wie Familie, Freunde oder Fachpersonal beizutragen. Damit soll eine Unterdrückung von Emotionen, die diesen erschweren kann, reduziert bzw. verhindert werden. Zusätzlich sollen die spezifische und individuelle Planung und Durchführung der Studie, einen wesentlichen und erweiterten Forschungsbeitrag zu den mangenden Erkenntnissen über die Trauer Erwachsener um ein verstorbenes Elternteil leisten. Dabei wurde folgender Leitfrage nachgegangen: Wird die Art und Intensität der Trauer Erwachsener um ein verstorbenes Elternteil von der seit dem Verlust vergangenen Zeit, dem Geschlecht, der Todesart und der Beziehungsqualität zum verstorbenen Elternteil vor dem Tod beeinflusst?
Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Begriffsbestimmung
- 2.1 Normale Trauer
- 2.2 Komplizierte Trauer
- 3 Trauertheorien
- 3.1 Die psychoanalytische Theorie nach Freud
- 3.2 Die Bindungstheorie nach Bowlby
- 3.3 Das Defizitmodell des Partnerverlustes nach Stroebe und Stroebe
- 4 Symptomatologie
- 4.1 Trauerreaktionen
- 4.2 Phasen- und Aufgabenmodelle der Trauer
- 4.2.1 Das Phasenmodell nach Kübler-Ross
- 4.2.2 Phasenmodell nach Kast
- 4.2.3 Das Aufgabenmodell nach Worden
- 5 Aktuelle Trauerforschung zum Tod eines Elternteils
- 5.1 Unterschiede kindlicher und erwachsener Trauer
- 5.2 Einflussfaktoren
- 5.2.1 Geschlecht
- 5.2.2 Todesumstände
- 5.2.3 Beziehung zum verstorbenen Elternteil vor dem Tod
- 6 Forschungshypothesen
- 7 Methode
- 7.1 Stichprobe
- 7.2 Versuchsmaterial
- 7.3 Durchführung
- 7.4 Auswertung
- 8 Ergebnisse
- 9 Diskussion
- 10 Fazit
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, das Verständnis für den Trauerprozess Erwachsener beim Verlust eines Elternteils zu fördern, sowohl für Betroffene als auch für Trauerbegleiter. Das primäre Ziel ist es, die Unterdrückung von Emotionen im Trauerprozess zu reduzieren oder zu verhindern.
- Analyse der Art und Intensität der Trauer Erwachsener um ein verstorbenes Elternteil.
- Untersuchung von Einflussfaktoren wie Zeit seit dem Verlust, Geschlecht, Todesart und Beziehungsqualität.
- Erörterung gängiger Trauertheorien (Freud, Bowlby, Stroebe & Stroebe).
- Darstellung von Trauersymptomatologie sowie Phasen- und Aufgabenmodellen.
- Empirische Untersuchung mittels quantitativer Online-Befragung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Bindungstheorie nach Bowlby
Bowlbys Überlegungen zu Verlust und Trauer wurden über einen Zeitraum von Jahrzehnten entwickelt und sind am ausführlichsten in seinem Buch Loss: Sadness and Depression (1980) dargestellt (vgl. Clark 2004). John Bowlby brachte durch die Bindungstheorie einen weiteren Erklärungsversuch für den Trauerprozess. Er lehnte sich dabei an theoretische Erkenntnisse aus der psychoanalytischen Theorie Freuds, der Lerntheorie und der Verhaltensforschung an (vgl. Lammer 2014: S. 40).
Seine Bindungstheorie bietet eine Möglichkeit, die Tendenz des Menschen, starke emotionale Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen, zu konzeptualisieren. Darüber hinaus hilft die Theorie, die starken emotionalen Reaktionen zu verstehen, welche auftreten, wenn diese Bindungen bedroht oder zerbrochen werden. Er widerspricht denjenigen, die davon ausgehen, dass Bindungen zwischen Individuen nur entstehen, um bestimmte biologische Triebe zu befriedigen, beispielsweise dem Trieb nach Nahrung oder den Trieb nach sexueller Aktivität. Bowlby weist auf die Tatsache hin, dass Bindung ohne die Verstärkung dieser biogenen Bedürfnisse entsteht (vgl. Worden 2018: S. 15f.).
Bowlby vertritt die These, dass diese Bindungen einem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit entspringen und sich bereits früh im Leben eines Menschen entwickeln. Die Theorie geht davon aus, dass das Bindungsverhalten instinktiv und die Aufrechterhaltung der Nähe zu einem bevorzugten Individuum ein festes Ziel ist. Im Laufe einer gesunden Entwicklung führt das Bindungsverhalten zur Entwicklung von affektiven Bindungen, zunächst zwischen Kind und Elternteil und später zwischen Erwachsenen. Solche Bindungen richten sich in der Regel auf einige wenige ausgewählte Personen, in den meisten Fällen auf die Eltern, die dem Kind eine „sichere Basis“ bieten (vgl. Dunne 2004). Sie dienen also der Vermittlung von psychischer und sozialer Sicherheit und Stabilität in Form von Geborgenheit, sozialer Identität oder wirtschaftlicher Absicherung (vgl. Lammer 2014: S. 41). Sich gebunden zu fühlen, bedeutet demnach, sich sicher und geborgen zu fühlen. Umgekehrt erzeugt ein drohender Verlust Angst und ein tatsächlicher Verlust Trauer (vgl. Dunne 2004). Eine affektive Bindung wird im Gegensatz zur angeborenen instinktiven Bindung erlernt und steht mit intensiven Gefühlen im Zusammenhang und bleibt lebenslang wichtig und besonders. Die Ursache der Trauer ist nach Bowlby demnach die Trennung zu einer Bindungsfigur bzw. der Verlust einer Bindung. Es gilt nach Bowlby, den Verlust zu realisieren und die Bindung zu lösen. Dieser Lösungsprozess von der Bindungsfigur besteht aus zwei Phasen (vgl. Lammer 2014: S. 41f.). Das Fehlen einer Bezugsperson aktiviert zunächst ein angeborenes Motivationssystem, auch als Instinktverhalten bezeichnet, welches das Individuum trotz Unmöglichkeit dazu zwingt, die Person zu suchen und alles zu tun, um ihre Nähe und Fürsorge wiederzuerlangen (vgl. Clark 2004). Dies äußert sich beispielsweise in einer intensiven Suche nach der Bindungsfigur, einer wütenden Auflehnung gegen das Verlassenwerden oder in aggressiven Äußerungen. Dieses Aggressions- und Suchverhalten, welches in anderen Trauertheorien als unnormal oder gar pathologisch gilt, postuliert Bowlby als biologisch bedingt, normal und sogar sinnvoll. Laut ihm zeigen Hinterbliebene solch ein Verhalten während dem Trauerprozess, solange sie den Verstorbenen noch nicht aufgegeben haben. Anhand dieses Verhaltens könnten Außenstehende beurteilen, wie weit die Hinterbliebenen den Tod bereits angenommen haben und im Trauerprozess vorangekommen sind. Wenn diese intensiven Bemühungen immer wieder scheitern, setzt ein Lernprozess ein, bei dem die Trauernden merken, dass der Verlust nicht abzuwenden ist. Der Lernprozess besteht insbesondere nach Bowlby in der Realisierung und Akzeptanz des Verlustes und einem abschließenden adaptiven Lernvorgangs. Das bedeutet, dass der Trauernde versucht, sich an den Verlust und die neuen Lebensumstände anzupassen (vgl. Lammer 2014: S. 42ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Trauer Erwachsener um ein verstorbenes Elternteil ein und beleuchtet die gesellschaftliche Unterschätzung dieses Trauerprozesses.
2 Begriffsbestimmung: Hier werden die Konzepte der normalen und komplizierten Trauer definiert und voneinander abgegrenzt.
3 Trauertheorien: Das Kapitel stellt grundlegende Theorien zur Erklärung von Trauerprozessen vor, darunter Freuds psychoanalytische Theorie, Bowlbys Bindungstheorie und das Defizitmodell nach Stroebe und Stroebe.
4 Symptomatologie: Es werden typische Trauerreaktionen und -merkmale bei Erwachsenen sowie die bekanntesten Phasen- und Aufgabenmodelle der Trauer nach Kübler-Ross, Kast und Worden detailliert beschrieben.
5 Aktuelle Trauerforschung zum Tod eines Elternteils: Dieses Kapitel beleuchtet den aktuellen Forschungsstand zur Trauer erwachsener Kinder und deren spezifische Einflussfaktoren wie Geschlecht, Todesumstände und Beziehungsqualität zum Verstorbenen.
6 Forschungshypothesen: Aus der zentralen Forschungsfrage werden spezifische Hypothesen abgeleitet, die den Einfluss von Zeit, Geschlecht, Todesursache und Beziehungsqualität auf die Trauer untersuchen.
7 Methode: Das Kapitel beschreibt die quantitative Studiengestaltung, die Stichprobengewinnung, das verwendete Würzburger Trauerinventar (WüTi) als Versuchsmaterial, die Durchführung der Online-Befragung und die statistischen Auswertungsmethoden.
8 Ergebnisse: Die deskriptiven und inferenzstatistischen Ergebnisse der Studie werden präsentiert, wobei die Ausprägungen der Trauerreaktionen und die Überprüfung der Forschungshypothesen dargestellt werden.
9 Diskussion: Die Studienergebnisse werden im Lichte der bestehenden wissenschaftlichen Literatur diskutiert, mögliche Erklärungen für die Befunde erörtert und Limitationen der Studie aufgezeigt.
10 Fazit: Das Abschlusskapitel fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen und hebt hervor, dass der Trauerprozess Erwachsener um ein Elternteil oft länger und komplexer ist als angenommen.
Schlüsselwörter
Trauer, Erwachsene, Elternteil, Verlust, empirische Untersuchung, psychische Gesundheit, Bindungstheorie, Todesursache, Beziehungsqualität, Geschlecht, Trauerreaktionen, Trauerbewältigung, Würzburger Trauerinventar, quantitative Studie, Einflussfaktoren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Trauer von Erwachsenen um ein verstorbenes Elternteil und untersucht empirisch, welche Faktoren die Art und Intensität dieses Trauerprozesses beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Definition und Typen von Trauer, verschiedene Trauertheorien, die Symptomatologie der Trauer bei Erwachsenen und spezifische Einflussfaktoren auf diesen Prozess.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, das Verständnis für den Trauerprozess Erwachsener zu fördern, um die Unterdrückung von Emotionen zu reduzieren. Die Forschungsfrage lautet: Wird die Art und Intensität der Trauer Erwachsener um ein verstorbenes Elternteil von der seit dem Verlust vergangenen Zeit, dem Geschlecht, der Todesart und der Beziehungsqualität vor dem Tod beeinflusst?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine quantitative Querschnittsstudie mittels eines Online-Fragebogens durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt theoretische Grundlagen der Trauer (Trauertheorien, Symptomatologie), die aktuelle Trauerforschung zum Tod eines Elternteils, die formulierten Forschungshypothesen sowie die Methode der empirischen Untersuchung, deren Ergebnisse und eine Diskussion der Befunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Trauer, Erwachsene, Elternteil, Verlust, empirische Untersuchung, Bindungstheorie, Todesursache und Beziehungsqualität.
Wie beeinflusst das Geschlecht den Trauerprozess?
Die Studie zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer geben tendenziell weniger emotionale und kognitive Beeinträchtigungen, Schuldgefühle und Nähe zum Verstorbenen an als Frauen, was auf unterschiedliche Ausdrucksformen der Trauer hindeutet.
Welche Rolle spielt die Todesursache des Elternteils?
Die Todesursache ist ein signifikanter Einflussfaktor: Ein unnatürlicher, plötzlicher Tod führt zu stärker ausgeprägten emotionalen und kognitiven Beeinträchtigungen, Schuldgefühlen und einer intensiveren gedanklichen Nähe zur verstorbenen Person im Vergleich zu einem natürlichen, erwarteten Tod.
Gibt es positive Aspekte im Trauerprozess von Erwachsenen?
Ja, die Studie zeigt, dass persönliches Wachstum und Empathiefähigkeit mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Verlust an Intensität gewinnen, insbesondere nach mehr als vier Jahren.
Wie wirkt sich die Beziehungsqualität zum verstorbenen Elternteil aus?
Unerfüllte Wünsche und ungelöste Konflikte in der Beziehung zum verstorbenen Elternteil vor dem Tod verstärken das Erleben von Schuldgefühlen bei den Trauernden signifikant.
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- Julia Graf (Author), 2022, Die Trauer von Erwachsenen um ein verstorbenes Elternteil, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696350