Die vorliegende Arbeit untersucht einige der Besonderheiten des Hispanoamerikanischen, also des Spanischen Lateinamerikas. Hiermit ist ein ganzer Komplex sprachlicher Phänomene gemeint, die sich vom Iberokastilischen, der Hochsprache Spaniens, unterscheiden. Erst im 19. Jahrhundert begann man mit der konsequenten Erforschung dieser Besonderheiten.
Unterschiede in der Sprachentwicklung lassen sich vor allem auf die Kontakte der spanischen Eroberer bzw. Missionare mit den Ureinwohnern, den Indios, zurückführen. Durch den Einfluss der Indiosprachen gelangten die sogenannten Indigenismen in die spanische Superstratsprache, obwohl sich die Spanier bemühten, die Eingeborenen notfalls mit Gewalt zur Übernahme ihrer Sprache und Kultur zu bewegen. Das Spanische erfuhr durch die indianischen Einflüsse auch so manche Bereicherung, da Bezeichnungen für in Europa bisher unbekannte Objekte, Früchte, Bäume, Tiere usw. übernommen wurden. Viele dieser Lehnwörter sind inzwischen auch in andere europäische Sprachen übergegangen, zum Beispiel tomate, cacao, chocolate und tabaco.
Darüber hinaus gab es aber auch Einflüsse anderer europäischer sowie afrikanischer Sprachen sowie innersprachliche Kontakte durch Migration bestimmter Volksgruppen von einer Region Lateinamerikas in eine andere.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einige phonetische Besonderheiten des hispanoamerikanischen Spanisch
3. Morphosyntax
3.1 Der loísmo
3.2 Verbmorphosyntax
3.2.1 Der voseo
3.2.2 Presente statt pretérito perfecto compuesto
3.2.3 Pretérito perfecto compuesto statt imperfecto
3.2.4 Imperfecto statt pluscuamperfecto
3.2.5 Imperfecto statt presente
3.2.6 Futuro statt imperativo
3.2.7 Potencial (condicional) statt imperfecto de subjuntivo
3.2.8 Der potencial (condicional) in Zeitungsmeldungen
3.2.9 Der potencial (condicional) in der Vulgärsprache in Buenos Aires
3.2.10 Indefinido statt pretérito perfecto compuesto
3.2.11 Indefinido statt presente oder statt futuro
3.2.12 Vámosnos
3.2.13 Vamos – vayamos
3.2.14 Querramos, querrás
3.2.15 Presente de subjuntivo statt presente de indicativo
3.2.16 Presente de subjuntivo statt imperfecto de subjuntivo
3.2.17 Imperfecto de subjuntivo
3.2.18 Subjuntivo nach si (= ob)
3.2.19 Futuro de subjuntivo
3.2.20 Reflexive Verben
3.2.21 Unpersönliche Verben
3.3 Verbalperiphrasen
3.3.1 Presente statt futuro (periphrastisches Futur)
3.3.2 Verbalperiphrasen mit dem gerundio
3.3.3 Verbalperiphrasen mit dem participio pasado
3.3.4 Hubo de + infinitivo
3.3.5 Había sido, ha sido
4. Das papiamento von Curaçao
5. Einige sprachliche Neubildungen in der Verbalflexion
6. Untersuchung eines lateinamerikanischen Textes
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen detaillierten Vergleich zwischen der iberokastilischen und der hispanoamerikanischen Verbalmorphosyntax zu ziehen, um die sprachlichen Besonderheiten und Entwicklungen im spanischsprachigen Raum Lateinamerikas zu systematisieren.
- Analyse morphosyntaktischer Abweichungen vom europäischen Spanisch
- Untersuchung des Phänomens voseo und dessen historische Entwicklung
- Dokumentation von Verbalperiphrasen und Tempusverschiebungen
- Betrachtung von Kreolerscheinungen am Beispiel des Papiamento
- Praktische Überprüfung der theoretischen Erkenntnisse an einem lateinamerikanischen Dramentext
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der voseo
Zu den wichtigsten Erscheinungen in der Morphosyntax des lateinamerikanischen Spanisch zählt der voseo, d. h. der Gebrauch von vos statt tú in der 2. Pers. Sg. (Gebrauch von tú = tuteo). Im Allgemeinen entfällt die 2. Pers. Pl. vosotros mit den zugehörigen Verbformen völlig und wird durch ustedes mit der entsprechenden Verbform der 3. Pers. Pl. ersetzt. Ein ähnliches Phänomen existiert in Andalusien und anderen Teilen Spaniens, wo man gelegentlich ustedes mit der Verbform der 2. Pers. Pl. kombiniert (z. B.: ustedes tenéis).
Beim voseo wird also tú durch das familiäre vos ersetzt, wobei die Verbform entweder der 2. Pers. Sg. oder einer altertümlichen Form der 2. Pers. Pl. entspricht. Die zugehörigen Pronomen sind te, vos (statt ti), die Possessivadjektive bleiben tu und tuyo.
Der voseo findet sich vorwiegend in Argentinien, Uruguay, einem großen Teil Paraguays sowie in Teilen Mittelamerikas (Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und dem größten Teil Costa Ricas). Auch die Einwohner der mexikanischen Staaten Chiapas und Tabasco bevorzugen den voseo, obwohl ansonsten in Mexiko der tuteo vorherrscht. Tú statt vos ist außerdem gebräuchlich in Peru, Kuba, in Teilen Boliviens, in Nordkolumbien und Nordvenezuela (Atlantikküste), im westlichen Ecuador und dem größten Teil Panamas, in Santo Domingo und Puerto Rico.
Ursprünglich handelte es sich beim vos um eine Pluralform, die als solche bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts existierte. Durch Anhängen von otros an nos und an vos entstanden die Pluralformen nosotros und vosotros, die sich von nos bzw. vos auch dadurch unterschieden, dass letztere schon immer auch Singularformen darstellten, die Achtung und Höflichkeit signalisierten (wenn auch die zugehörige Verbform die 2. Pers. Plural war). Vos war also die Anrede hochgestellter Persönlichkeiten, während man sich mit tú im Allgemeinen an Personen niedrigeren Ranges wandte. Jedoch findet sich sogar in literarischen Texten bisweilen ein wechselnder Gebrauch von vos und tú.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand des Hispanoamerikanischen und benennt historische Einflussfaktoren sowie bedeutende Sprachforscher des Fachbereichs.
2. Einige phonetische Besonderheiten des hispanoamerikanischen Spanisch: Dieses Kapitel erläutert lautliche Merkmale wie Seseo, Yeísmo und Konsonantenverschiebungen, die den lateinamerikanischen Dialekten ihre charakteristische phonetische Prägung verleihen.
3. Morphosyntax: Der umfangreichste Teil der Arbeit behandelt detailliert syntaktische und morphologische Besonderheiten, insbesondere das Voseo-Phänomen sowie den Gebrauch von Zeiten und Verbalperiphrasen.
4. Das papiamento von Curaçao: Hier wird der Ursprung und die grammatikalische Struktur des Papiamento als Beispiel für eine kreolische Sprache im karibischen Raum analysiert.
5. Einige sprachliche Neubildungen in der Verbalflexion: Dieses Kapitel listet spezifische morphologische Neuentwicklungen auf, die vor allem in Puerto Rico beobachtet werden können.
6. Untersuchung eines lateinamerikanischen Textes: Anhand eines Auszuges aus der Komödie "Así es la vida" werden die zuvor theoretisch erläuterten sprachlichen Phänomene in der praktischen Anwendung demonstriert.
7. Schluss: Der Schlussteil reflektiert die methodischen Herausforderungen der Dialektologie und fasst die Bedeutung der Vielfalt des Hispanoamerikanischen zusammen.
Schlüsselwörter
Hispanoamerikanisches Spanisch, Morphosyntax, Voseo, Verbalperiphrasen, Papiamento, Indigenismen, Sprachwandel, Dialektologie, Tempusgebrauch, Subjuntivo, Sprachgeografie, Verbalflexion, Iberokastilisch, Sprachkontakte, Kreolistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den morphosyntaktischen Unterschieden zwischen der spanischen Hochsprache (Iberokastilisch) und den verschiedenen Varietäten des Spanischen in Lateinamerika.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Flexion der Verben, der Gebrauch von Pronomen (insbesondere das Voseo-System), Tempusverschiebungen sowie der Einfluss von Substrat- und Superstratsprachen auf die Grammatik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist die systematische Erfassung und wissenschaftliche Einordnung der sprachlichen Besonderheiten, die sich in Lateinamerika vom europäischen Standardspanisch distanziert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven linguistischen Analyse und der Auswertung bestehender sprachwissenschaftlicher Literatur sowie der praktischen Untersuchung eines literarischen Quellentextes.
Welche Inhalte umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine phonetische Einleitung, eine detaillierte Aufarbeitung morphosyntaktischer Phänomene, eine Exkursion in die Kreolistik sowie eine Analyse sprachlicher Neubildungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Voseo, Morphosyntax, Dialektologie, Hispanoamerikanisches Spanisch, Verbalperiphrasen und Sprachwandel charakterisieren.
Was bedeutet das Voseo-Phänomen für die Anrede?
Das Voseo-Phänomen beschreibt den Ersatz des Pronomens "tú" durch "vos" in der zweiten Person Singular, was oft mit spezifischen, historisch bedingten Verbendungen einhergeht.
Wie unterscheidet sich die Sprachverwendung im Papiamento von anderen lateinamerikanischen Varietäten?
Das Papiamento zeigt als Kreolensprache eine stärkere Vereinfachung morphologischer Strukturen und die Notwendigkeit von Hilfsverben zur Konjugation, die sich deutlich von den flektierenden spanischen Dialekten unterscheiden.
- Arbeit zitieren
- Ursula Wojciechowski (Autor:in), 1998, Vergleich zwischen iberokastilischer und hispanoamerikanischer Verbalmorphosyntax, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169774