Die Phasen des Blicks in Jean-Paul Sartres "Das Sein und das Nichts"

Wie verändert sich das Individuum im Verlauf des Erblickt-Werdens?


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Grundlagen der Problembehandlung in „Das Sein und das Nichts“

4. Die Strukturierung des Blickes anhand der Veränderung des Individuum in dessen Erfahrung
4.1. Vorbetrachtungen
4.2. Der Blick

5. Fazit

6. Quellen

Die Phasen des Blicks in Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“

Wie verändert sich das Individuum im Ablauf des Erblickt-Werdens?

2. Einleitung

Das philosophische Hauptwerk des Franzosen Jean-Paul Sartre, „Das Sein und das Nichts“, erschien 1943. In einer Zeit, die von Gewalt und Unterdrückung geprägt war, propagierte es die Unumgänglichkeit der menschlichen Freiheit. Freiheit ist der „Stoff meines Seins“ (Sartre; 1994; S. 762). Diese fundamentale Bestimmung bleibt von herausragender Bedeutung und prägte die Philosophie des 20. Jahrhundert. An anderer Stelle sagte Sartre: „Der Mensch ist, wozu er sich macht. Das ist der erste Grundsatz des Existenzialismus. Das ist es auch, was man die Subjektivität nennt und was man uns unter eben diesem Namen zum Vorwurf macht.“ (Vogt; 2005; S. 234). In dieser Betonung der Freiheit jedes Einzelnen liegt der geistesgeschichtliche Kern der existentialistischen Philosophie, die ihre Ursprünge bei Sören A. Kierkegaard und Friedrich Nietzsche hat. Über Karl Jaspers, Martin Buber, Martin Heidegger und Albert Camus setzte sich diese Auseinandersetzung mit dem Sein des Menschen in das 20. Jahrhundert fort. Sartre führte diese Untersuchung mit der phänomenologischen Vorgehensweise von Edmund Husserl zusammen. Dabei nimmt er eine ontologische Unterscheidung des Menschen in An-Sich-Sein und Für-Sich-Sein vor, die im ersten Kapitel, das die grundlegenden Annahmen und das Grundvokabular von „Das Sein und das Nichts“ darstellt, behandelt werden soll.

Ziel der Arbeit wird die Strukturierung des „Blicks“ sein. Dieser Teil von „Das Sein und das Nichts“ widmet sich dem Zwischenmenschlichen. Ob sich dabei der zitierte Subjektivitätsvorwurf bestätigen wird, soll herausgestellt werden. Die Einteilung wird sich dabei an der Veränderung der Bewusstseinszustände des Individuums orientieren, da es im Zentrum von Sartres Betrachtung steht. Die von Jonathan Webber vorgeschlagene Unterteilung in zwei Phasen erscheint dabei zu simpel und fehlerhaft. Die erste Phase beschreibt nach Webber, dass mir bewusst wird, dass eine andere Person eine Meinung von mir formt. In der zweiten Phase forme ich dann eine Meinung vom Anderen (Webber; 2009; S. 120). Die Formulierung des Formens einer Meinung ist dabei falsch, da sie nicht ausschließlich auf den Blick bezogen ist.

Im Fazit soll die Einteilung des Blicks in die entsprechenden Phasen noch einmal kurz und übersichtlich vorgestellt und nachvollzogen werden.

3. Grundlagen der Problembehandlung in „Das Sein und das Nichts

Um die Aufgaben dieser Arbeit zu bearbeiten ist es vonnöten, das Vokabular sowie die Zielsetzung und Vorgehensweise Sartres nachzuvollziehen. Hinweise auf das Ziel von „Das Sein und das Nichts“ liefert dabei schon der Untertitel, „Versuch einer phänomenologischen Ontologie“. Durch den Gebrauch der Phänomenologie als Methode lässt sich der Einfluss Edmund Husserls auf Sartre erkennen.

Wenn Phänomenologie als Wisscnschaft von der Erfahrung des Bewusstseins definiert wird, kann der adjektivische Gebrauch die Analyse der Phänomene, auf die das Bewusstsein gerichtet ist, meinen (Vogt; 2005; S. 205, 228). Ontologie will ich mit Sartre selbst als Explizierung der Seinsstrukturen des als Totalität aufgefassten Existierenden definieren (Sartre; 1994; S. 530). Phänomenologische Ontologie meint also die von der Erfahrung des Bewusstseins ausgehende Explizierung der Dinge. Verben wie erfahren, entdecken, erkennen oder begreifen können den Vorgang umschreiben, den Sartre zu beschreiben versucht. Etwas präziser, da mehr auf das Substantiv bezogen, übersetzt Schumacher phänomenologische Ontologie als Seinsmodi der Seinsstrukturen (Schumacher; 2003; S. 8). Die Analyse der Zustände des Bewusstseins als Bewusstsein von etwas (hier: dem Sein), was wiederum eine Formulierung Husserls ist, ist hierbei zentral im gesamten Buch.

Den Menschen als Träger des Bewusstseins unterscheidet Sartre dabei in zwei fundamental verschiedene Seinszustände. Das An-Sich-Sein ist die reine fixe Positivität. Es ist, was es ist; zeitlos, immanent. Es stellt die Grundlage des Für-Sich-Seins dar, was von großer Bedeutung ist, da dieser Punkt eine Dialektik von Körper und Geist, wofür man die Unterscheidung auf den ersten Blick halten könnte, ausschließt. Das An-Sich kann ohne Für-Sich existieren, umgekehrt jedoch nicht, da das Für-Sich die Negation des An-Sich ist, die aus ihm entspringt. Sartre definiert das Für-Sich als An-Sich, das sich als An-Sich verliert, um sich als Bewusstsein zu begründen (Sartre; 1994; S. 177). Diese Definition macht zum einen deutlich, dass das An-Sich nicht nur als Körperliches verstanden werden darf, sondern auch als ein vorreflexiver Zustand des Bewusstseins, was Sartre als präreflexives cogito oder unmittelbares Bewusstsein bezeichnet. Was das bedeutet, soll am Beispiel der Schlüssellochszene erklärt werden. Zum zweiten zeigt es, die Verbindung bzw. den Übergang vom An-Sich zum Für-Sich.

Das Für-Sich bildet sich als Versuch des Bewusstseins bzw. des An-Sich, sich selbst zu erfassen, was jedoch nicht möglich ist, da das Erfassen eines Dinges bzw. das Bewusstmachen von etwas nur über die Objektivierung des zu Erfassenden möglich ist. An anderer Stelle beschreibt Sartre diese Distanzierung des Für-Sich vom An-Sich als Mangel, wobei sich dabei das Für-Sich als ein Mangel an Sich-sein herausstellt (Leclerce; 1990; S. 44). Im Sich liegt der Aspekt des Selbsbezugs, den das Für-Sich insofern nicht erfüllt, indem es sich über die Negation vom An-Sich definiert.

Zur Beschreibung des Versuchs der Selbstreflexion benutzt Sartre die Termini Reflektiertes und Reflektierendes. Im Versuch sich selbst zu erfassen, setzt sich das Reflektierende in den Zustand des Für-Sich, wobei es als Akt der Freiheit negiert, das An-Sich zu sein. Das An-Sich wiederum als Reflektiertes ist jedoch wie gesehen die Grundlage des Für-Sich. Indem nun das Reflektierende Für-Sich als Subjekt sich selbst bzw. das An-Sich als Objekt erfassen will, stellt sich eine Differenz auf, die der Grund für das Misslingen des Erfassens ist. Das Ich als Objekt ist nämlich nicht gleich dem Ich als Subjekt. Eine Erkenntnis des Objekt-Anderen kann nie auf seine Subjektivität bezogen werden (Sartre; 1994; S. 528). Diese Aussage trifft auch im Eigenbezug zu. Das Subjekt-Ich erfasst demnach nicht seine ganze Totalität, da es höchstens sein Sein als Objekt fassen kann, wobei ihm die Totalität entgeht, da die Seinsaspekte des Ich als Subjekt fehlen.

Dieses Problem umschreibt Sartre in der Formel, dass das Für-Sich das ist, was es nicht ist und nicht das ist, was es ist (Sartre; 1994; S. 42). Es ist das, was es nicht ist, indem das Für-Sich als ein selbstbegründeter Entwurf bestimmt, nicht das An-Sich zu sein. Diese Nichtung stellt dabei die ursprüngliche Verbindung von An-Sich und Für-Sich dar (Sartre; 1994; S. 183). Als Bewusstseinszustand ist es das, nämlich als Für-Sich, was es nicht ist, weil es aufgrund des Verhaftet-Seins im An-Sich auch mehr ist. Es ist nicht das, was es ist, greift den gleichen Punkt auf, steht aber in der negativen Formulierung. Diese doppelte Formulierung kann deswegen gewählt worden sein, weil es die Seinstotalität besser darstellt, die sowohl positiv als auch negativ formuliert werden kann. Soviel zu den Seinsstrukturen des Bewusstseins.

Das Bewusstsein selber definiert Sartre als ein Sein, dem es in seinem Sein um sein Sein geht, insofern dieses Sein ein Anderes-sein als es selbst impliziert (Sartre; 1994; S. 119). In der Formulierung kann schon ein prozessuales Element des Seins des Bewusstseins herausgelesen werden, da es ihm um etwas geht, was eine Zielvorstellung bezeichnet. Der zweite Punkt ist der Selbstbezug bzw. das Streben nach Selbstbestimmung. Ebenso findet sich im zweiten Teilsatz die Unterscheidung von An-Sich und Für-Sich wieder. In der darauffolgenden zweiten Formulierung beschreibt Sartre, dass das Bewusstsein in seinem Sein Bewusstsein vom Nichts seines Seins hat. Dies deutet zum einen auf den Aspekt des Nichts als Mittel der Selbstdefinition des Bewusstseins hin, was nur bedeutet, dass ich weiß, dass ich bspw. nicht ein Klempner bin. Weiterhin zeigt es die Unvollständigkeit des Bewusstseins im Modus des Für-Sich. Das Auffinden einer Totalität und Synthese seines Selbst kann also als das Streben des Bewusstseins angesehen werden. Von herausragender Bedeutung ist der Selbstbezug. In der Formulierung kann schon erkannt werden, dass das Bewusstsein in der Betrachtung einen selbst bezogenen Vorgang beschreibt. Es setzt sich in Beziehung mit dem Betrachteten im Modus percipiens-percipi (Sartre; 1994; S. 29). In diesem Bewusstsein des In-Verbindung-stehens erkennt sich das Bewusstsein als ein Teil der Verbindung.

Die Formulierung des Nichts ist für Sartre elementar. Nichts bezeichnet hierbei nicht ausschließlich eine Leere i.S. des Fehlens eines Inhalts, es ist vielmehr ein Seinszustand. Dieser Gedanke kann auf Hegel zurückgeführt werden, der die Parallelität von Sein und Nichts umschrieb: es gibt nicht, „was nicht beides, Sein und Nichts, in sich enthielte“ (Sartre; 1994; S. 66). Das Nichts ist also etwas und dies in mehrerer Hinsicht: Erstens, indem es eine Distanz beschreibt, wie sie zwischen Reflektiertem und Reflexiven besteht, als rien. Zweitens bezeichnet Nichts (néant) den Zustand, den das Für-Sich zu sein hat. Die unterschiedliche Wortbezeichnung im Französischen, rien als Adverb und Teil des Hilfsverbs ne rien (nichts) und néant als Substantiv macht die tiefere Unterscheidung deutlich. Das rien bezeichnet durch den Gebrauch mit Verben einen Prozess, kann also auch Werdendes beschreiben, was die stärkere Bedeutung die Sartre ihm zuspricht erklärt. Das néant hingegen ist als Zustandsbeschreibung statisch. Es kann nicht mehr nichten bzw. seine Bedeutung erhöhen. Der Mensch kann demnach im Zustand eines Nichts agieren, so bspw. als Wächter oder Gefängniswärter. Dabei ist zu beachten, dass sich das Nichts nur auf Grundlage des Seins nichten kann, da es selbst nichts ist (Sartre; 1994; S. 79). Hier stellt sich wieder die Parallele zum Verhältnis von An-Sich zu Für-Sich auf. Nur auf Grundlage des Seins als An-Sich kann das Für-Sich nichten, eben dieses An-Sich zu sein. Die Parallele geht weiter, indem Sartre bemerkt, dass das Sein für seine Bestimmung nicht des Nichts bedarf (Sartre; 1994; S. 69).

Weitere Termini, insbesondere der des Anderen, werden im nächsten Abschnitt en passant geklärt. Aus den soeben erfolgten Erklärungen ist in Hinblick auf die kommende Untersuchung zu beachten, dass sich das Bewusstsein hier als Bewusstsein seiner eigenen Unvollständigkeit gezeigt hat. Inwiefern sich dies im Erleiden des Blickes, der nun vorgestellt werden soll, verhält, wird sich zeigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Phasen des Blicks in Jean-Paul Sartres "Das Sein und das Nichts"
Untertitel
Wie verändert sich das Individuum im Verlauf des Erblickt-Werdens?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V169782
ISBN (eBook)
9783640882335
ISBN (Buch)
9783640882182
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sartre, Blick, Existentialismus, Freiheit, moderne Philosophie, An-Sich, Für-Sich
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Thomas Kraatz (Autor), 2009, Die Phasen des Blicks in Jean-Paul Sartres "Das Sein und das Nichts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169782

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