Sexueller Missbrauch an Kindern: Folgen, Handlungsmöglichkeiten für Erwachsene und Hilfestellungen für Kinder, Vorschläge zur Prävention


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begründung und Eingrenzung des Themas
A. Was ist sexueller Missbrauch?
1. Versuch einer Definition
2. Auch sublimer Missbrauch ist Gewalt
3. Missbrauch als Ausdruck der herrschenden Verhältnisse in unserer Gesellschaft
B. Folgen des Missbrauchs
C. Handlungsmöglichkeiten für LehrerInnen und Hilfestellungen für Kinder
D. Vorschläge zur Prävention

III. Schluss

IV. Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Aus einem Tabuthema ist ein Thema geworden, das nahezu jeden erreicht hat, ähnlich dem Wissen um die Übertragung von Aids. Bis in die 80er Jahre wurde der Straftatbestand des sexuellen Kindesmissbrauchs mit Ausnahme von spektakulären und somit medienwirksamen Einzelfällen, die dann im Detail in das Wohnzimmer übertragen wurden, möglichst vor der Öffentlichkeit verborgen.

Jedoch: Nicht das Delikt an sich, sondern das Reden darüber war ein Tabu. Die sexuelle Ausbeutung von Kindern hat eine lange Tradition, und die Untersuchung des sozialpsychologischen Hintergrundes, verbunden mit einem Kulturvergleich, wäre eine interessante und wichtige Aufgabe, die aber den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde.

Seit Jahren wird von Seiten der Fachwelt, insbesondere der Frauenbewegung, nachdrücklich auf die Problematik hingewiesen. Zunächst ungehört und vor allem nicht ernst genommen, ist letztlich hauptsächlich Frauen – die meisten Opfer sexuellen Missbrauchs sind Mädchen – der heutige Fundus an Fachwissen mit Hilfs- und Präventionsvorschlägen zu verdanken.

Dennoch ist eine Minimierung oder gar Lösung des Problems bei weitem nicht abzusehen. Im Gegenteil: Solange allein in Deutschland von einer geschätzten Dunkelziffer von ca. 150.000 bis 300.000[1] sexuellen Übergriffen auf Kinder pro Jahr gesprochen wird, sind die derzeit vorhandenen Hilfsangebote noch lange nicht ausreichend.

Es gilt, sich und andere zu sensibilisieren, die Aufmerksamkeit gegenüber Kindern zu erhöhen und deren Signale deuten zu lernen. Das Wissen und die Fähigkeit zum Erkennen muss verbreitet und verstärkt werden. Die Furcht vor Grenzverletzung gegenüber Erwachsenen muss zugunsten eventuell in jedem Wortsinn schon verletzter Grenzen von Kindern bekämpft und überwunden werden. Jeder Erwachsene sollte sich in die Pflicht genommen fühlen, seine Verantwortung gegenüber Kindern und Heranwachsenden neu zu überdenken und allen Anzeichen von sexueller Ausbeutung nachzugehen.

Das gilt auch gerade dann, wenn es sich um „nette Nachbarn“, Freunde oder „angesehene“ Familien handelt. Sicherlich ist das Problem des sexuellen Missbrauchs an Kindern äußerst komplex, oft haben Täter in ihrer Kindheit oder Jugend gar Ähnliches erfahren.

Dennoch kann nur das konsequente Anprangern von Tat und Tätern und die konsequente Hilfe für (potentiell) Betroffene bewirken, dass sich die Anzahl dieser beschämenden Straftat nicht weiter erhöht, wobei das eigentliche Ziel darin liegt, sie langfristig immer weiter zu senken.

II. Begründung und Eingrenzung des Themas

Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass der Täter in den seltensten Fällen der „fremde, böse Onkel“ ist (ca. 6%), sondern dass die erschreckende Mehrzahl von knapp 98% dem Opfer vertrauten Sozialverband von Familie, Verwandtschaft oder engerem Freundeskreis entstammt. Diese Tatsache macht ein ganz anderes Präventionsverfahren nötig als es vordem noch in der Kindererziehung üblich war.

Es ist nicht die Anzahl der Warnungen vor Gefahren von außen, wie z.B. nichts von einem fremden Mann anzunehmen, nicht mit einem fremden Mann mitzugehen, einem fremden Mann nicht zu glauben, wenn er anbietet das Kind (im Auto) nach Hause zu fahren etc., die das Kind vor gewaltsamen und sexuellen Übergriffen schützen, sondern die Stärkung seines Selbstwertgefühls und des Wissens um seine, wenn auch begrenzten, Möglichkeiten. Hierzu gehört auch eine größere Wachsamkeit gegenüber Kindern, die bereits in Not geraten sind, sowie der Mut zur Intervention. Hierbei sind auch besonders ErzieherInnen und LehrerInnen angesprochen, denn diese haben durch den täglichen Kontakt die Möglichkeit, Verhaltensänderungen von Kindern festzustellen. Kindergärten, Schulen u. a. m. sollten zu den Institutionen gehören, an denen sich Kinder durch das Vorhandensein von kompetenten Vertrauenspersonen sicher fühlen können. Neben der sexuellen Ausbeutung in den Familien nehmen die Gewalt und auch die sexuellen Übergriffe an den Schulen vornehmlich gegenüber Mädchen immer mehr zu; diese spezielle Problematik gilt es beim grundsätzlichen Problem des sexuellen Missbrauchs an Kindern zu berücksichtigen. Für angehende LehrerInnen des Faches LER, ebenso wie für LehrerInnen aller übrigen Fächer ist es ein Muss, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzten, um im Zweifelsfall adäquat reagieren zu können. LehrerInnen sollten dabei nicht nur Anzeichen auf sexuellen Missbrauch im Verhalten von Kindern deuten können. Da weiterhin die Wahrscheinlichkeit, im Schulalltag mittelbar oder unmittelbar selbst Zeuge von Übergriffen zu werden, recht hoch ist, sollten sie auch hier in der Lage dazu sein, angemessen zu reagieren. Diese Fähigkeit ist absolut notwendig.

Die vorliegende Arbeit möchte nicht nur einen kurzen Abriss der Problematik geben, sondern, soweit es in ihrem Rahmen möglich ist, auch die Strukturen des sexuellen Missbrauchs deutlich machen, sowie Aktions- und Reaktionsvorschläge geben. Zielsetzung ist es, zu lernen, Missbrauch zu erkennen, und die Kenntnisse in diesem Bereich zu vergrößern. Dabei ist insbesondere Vorsicht bei der Nennung von Zahlen geboten; mit dem Erscheinen von immer neuen Publikationen und der Gewinnung von aktuelleren Erkenntnissen verändern sich auch die Angaben. Gibt etwa Gisela Braun noch 1989 den Anteil an Mädchen unter den Opfern mit 80% an, weisen Ouainé Bain und Maureen Sanders nur drei Jahre später auf die immer häufiger bekannt werdenden Fällen von Missbrauch an Jungen hin.

A. Was ist sexueller Missbrauch?

1. Versuch einer Definition

Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, welche also der strafrechtlichen Verfolgung unterliegt, sofern sie bei den entsprechenden Behörden angezeigt wird. Die Varianten des Missbrauchs sind vielfach und entsprechend schwierig ist es, eine allgemeingültige Definition zu finden.

Ein erster Versuch von Stanzel lautet: „Sexueller Mißbrauch ist körperliche und psychische Gewaltanwendung und Machtausübung mittels sexueller Handlungen am Körper und an der Seele eines Mädchens oder Jungen.“[2] Elke Garbe erweitert diese Definition um den Begriff „Leib“ nach Petzold (1988), um einer ganzheitlichen Sicht von Körper, Seele und Geist Rechnung zu tragen. Sie beschreibt Übergriffe auf Kinder folgendermaßen: „Sexuell Gewalttätige sind in diesem Sinne 'Leib-Subjekte', sie richten sich leiblich an Kinder. In diesem umfassenden Sinne sind Körper, Geist und Seele, sich gegenseitig beeinflussend, beteiligt. Sie treffen auf das Kind als 'Leib-Subjekte', es erlebt sie ganzheitlich, sowohl körperlich (Folgen davon sind zum Beispiel Zuschreibungen, die die Identität – 'Ich bin ein schuldiges Kind' – wesentlich beeinträchtigen). Sexuelle Gewalt an Kindern ist immer Verletzung in diesem umfassenden Sinne.“[3]

Obwohl diese Auffassung von zusammenwirkenden und sich gegenseitig bedingenden Faktoren am sinn- und gehaltvollsten erscheint, sollen noch weitere Definitions-möglichkeiten und Abwandlungen genannt sowie Grundsätzliches ergänzt werden.

„Sexueller Mißbrauch ist ein Mißbrauch von Vertrauen und Macht.“[4]

„Inzest ist der sexuelle Mißbrauch eines Kindes durch einen Erwachsenen, dem dieses Kind vertraut und der ihm gegenüber eine Position der Macht und Autorität inne hat.“[5]

„Ein Kind (jede/r unter sechzehn Jahren) wird sexuell mißbraucht, wenn eine Person, die sexuell erwachsen ist, es in eine Handlung einbezieht in der Erwartung, dass sie zu sexueller Erregung führt. Dabei kann es sich um Geschlechtsverkehr, Berührung das Entblößen von Geschlechtsteilen, das Zeigen von pornografischem Material oder um anzügliches Gerede über Sexualität handeln.“[6]

Und weiter:

„Sexueller Mißbrauch von Kindern findet dann statt, wenn Kinder oder Adoleszenten, die noch keine sexuelle Reife erreicht haben, in sexuelle Handlung einbezogen werden, die sich noch nicht richtig verstehen und beurteilen können und denen sie, weil es ihnen an Reife fehlt, nicht klaren Verstandes zustimmen können; oder aber es handelt sich um sexuelle Handlungen, die die sozialen Tabus von Familienrollen verletzen.“[7]

Die letztgenannte Definition erscheint reichlich antiquiert: Es wird beim Kind nahezu im Sinne einer Kritik von „fehlender Reife“ gesprochen – was wäre, wenn es diese hätte? –, und die Verletzung sozialer Tabus von Familienrollen beklagt , nicht aber die Verletzung des Kindes selbst, welches als Leib-Subjekt (also umfassend in Körper, Geist und Seele) die ganze Last des Traumas zu tragen hat.

Der gemeinsame Tenor der o. g. Definitionen sexuellen Missbrauchs liegt darin, sich ein physisch und psychisch überlegener Menschen an einem deutlich unterlegenen Menschen, einem Kind, vergeht. Daher wird auch häufig explizit von Machtmissbrauch gesprochen. Dieses trifft sicherlich zu, jedoch sollte das Spezielle, die perfide Art des Machtmissbrauchs, nämlich eben der sexuelle Übergriff, als solcher deutlich benannt werden.

Und an dieser Stelle sollte auch eine begriffliche Differenzierung zwischen dem sexuellen Missbrauch und der Misshandlung von Kindern erfolgen. Bei beiden Vorgängen steht die Ausübung von Gewalt und damit der Missbrauch von Macht im Vordergrund. Während jedoch der sexuelle Kindesmissbrauch die Kindessmisshandlung bereits faktisch enthält, ist dies umgekehrt nicht der Fall. Genauer ausgedrückt: Ein sexuell ausgebeutetes Kind ist damit gleichzeitig misshandelt worden; ein misshandeltes Kind ist aber nicht unbedingt sexuell ausgebeutet.

Gewalttätigkeit gegenüber Kindern kann sicherlich irgendwann auch zum sexuellen Missbrauch führen. Dennoch ist eine Unterscheidung der Formen von Gewalt wichtig für Prävention, Erkennen von Symptomen bei Betroffenen und Hilfsmöglichkeiten.

Ein anderes Unterscheidungsmerkmal liegt in der Häufigkeit, mit der Jungen betroffen sind. Auch wenn die Anzahl der sexuellen Missbrauchsfälle an Jungen steigt, wird der Missbrauch immer noch in der Mehrzahl an Mädchen verübt.

Während Kindesmisshandlung in vielen Fällen äußerlich an Hand von Verletzungen erkennbar ist, ist dies sexueller Missbrauch eher selten. Falls er körperliche Verletzungen zur Folge hat, werden diese vom Kind auf Grund des Einflusses des Täters unter der Kleidung versteckt und geheimgehalten. Sexueller Missbrauch ist meist eine im Voraus geplante Tat, die sich durch sorgfältige Vorbereitung sowohl praktischer als auch psychologischer Art auszeichnet; ausgeklügelte Einschüchterungstaktiken, die den Täter ent- und das Opfer belasten, stehen dem Bild vom Triebtäter diametral entgegen. Die Kindesmisshandlung hingegen geschieht häufig im Affekt. Während bei der Kindesmisshandlung auch Mütter beteiligt sind, machen Frauen als Täterinnen bei sexuellem Missbrauch einen sehr geringen Prozentsatz aus. Die Zahlen variieren hier zwischen 2% und 5%; umgekehrt sind 95% bis 97% der Täter Männer, man kann also von einem männerspezifischem Delikt sprechen.

Neben zahlreichen weiteren Möglichkeiten der Definition ist immer auch die Instrumentalisierung, die Reduzierung des Kindes auf den Status eines Objekts ein entscheidender Faktor. Mit ihm einher geht die Entwürdigung, die Nicht-Wahrnehmung seiner geistigen und seelischen Anteile: „Sexueller Mißbrauch ist Verrat an der Seele des Kindes, ist ein Angriff auf seine Würde. Ursula Wirtz bezeichnet ihn als 'Mord an der Seele des Kindes'. Ich denke der tiefsitzende und oft unbewußte Haß und Vernichtungswille des Täter sind darauf ausgerichtet, die Seele und manchmal auch den Leib des Kindes zu töten.“[8]

[...]


[1] http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=441

[2] Stanzel 1987 in: Garbe S. 11

[3] Garbe S.12

[4] Suzanne M. Sgroi in Bain/Sanders S. 17

[5] Incest Survivors Campaign in: ebda.

[6] Backer und Duncan in: ebda.

[7] C. Henry Kempe in Elliot S. 20

[8] Wirtz 1989 in: Garbe S. 13 und Garbe ebda.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sexueller Missbrauch an Kindern: Folgen, Handlungsmöglichkeiten für Erwachsene und Hilfestellungen für Kinder, Vorschläge zur Prävention
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V169788
ISBN (eBook)
9783640882366
ISBN (Buch)
9783640882533
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Sexueller, Missbrauch, Kindern, Sex Kinder, Kinder sex, Missbrauch Kinder
Arbeit zitieren
BA Christoph Staufenbiel (Autor), 2011, Sexueller Missbrauch an Kindern: Folgen, Handlungsmöglichkeiten für Erwachsene und Hilfestellungen für Kinder, Vorschläge zur Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169788

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