Am 28. Oktober 2012 werden die Freunde Konstantins I. die hundertjährige Wiederkehr der Schlacht an der Milvischen Brücke (Rom) feiern. Am Vorabend dieses Tages, respektive in der Nacht vor der Schlacht, soll Konstantin eine Kreuzerscheinung ("in diesem Zeichen siege") gehabt und dadurch erkannt haben, dass sein bisheriger göttlicher Wegbegleiter, der Sonnengott Sol, ihm nicht mehr den Sieg garantieren könne. Und so habe er sich, wie die damaligen christlichen Berichterstatter und eine Anzahl moderner Althistoriker zu berichten wissen, dem christlichen Gott zugewandt.
Das klingt zwar ein wenig merkwürdig, denn immerhin ist der Kaiser bisher unter dem Schutz heidnischer Götter von Sieg zu Sieg geeilt, auch ist der christliche Gott innerhalb der christlichen Gemeinden noch heftig umstritten und daher vermutlich wenig attraktiv, gleichwohl meinen die meisten Althistoriker, Konstantins Bekehrung zum Christentum sei ein "weltgeschichtliches Ereignis" gewesen. Und so feiern sie den Herrscher in regelmäßigen Publikationen und ehrfurchtsvollen Ausstellungen als „ersten christlichen Kaiser“ und auch der Vatikan mag nicht nachstehen und gedenkt seiner in prachtvollen Gemälden im Sala di Constantino des Vatikanischen Palastes.
Aber die „konstantinische Wende“ ist keine. „Christlich“ im Sinne des trinitarischen Christentums war der Kaiser nie, die „konstantinische Wende“ ist eine Legende.
Der folgende Text faßt die Ergebnisse einer vorbereitenden Detailstudie zusammen, die für das umfassende Werk „Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser“ benötigt wurde. (ISBN 978 86569 064 7, 350 S., Aschaffenburg 2010. Dort auch detaillierte Quellen- und Literaturnachweise.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
1 Vor der Schlacht an der Milvischen Brücke
2 Träume, Visionen und Symbole vor der großen Schlacht
2.1 Laktanz und das Christus-Monogramm
2.2 Eusebius und die Kreuzlegende
3 Widerrede: Die vergessene Symbolforschung
3.1 Das Christogramm zu Beginn des vierten Jahrhunderts
3.2 Das Kreuz-Symbol
3.3 Ergebnis
4 Eine bizarre nächtliche Malerei
5 Die Schlacht
Zielsetzung & Themen
Das Buch verfolgt das Ziel, die Legende der „konstantinischen Wende“ kritisch zu hinterfragen und die historische Plausibilität der christlichen Bekehrung Konstantins I. vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 zu prüfen.
- Kritische Analyse antiker Berichte über Visionen und Traumgeschehnisse
- Untersuchung der Symbolforschung bezüglich des Christogramms und des Kreuzes
- Überprüfung der historischen Authentizität frühchristlicher Symbole
- Hinterfragung der logistischen und militärhistorischen Praktikabilität von Schildbemalungen
- Einordnung der konstantinischen Religionspolitik im Kontext zeitgenössischer Quellen
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Christogramm zu Beginn des vierten Jahrhunderts
Das XP-Symbol hat hellenistische und orientalisch-heidnische Vorläufer. Der Paläograph und Althistoriker Gardthausen untersucht 1966 die Überlieferung der XP-Ligatur in einer sorgfältigen und detailreichen Studie und liefert eine Fülle von Belegen für den heidnischen Ursprung. Er verweist auf den mehrstrahligen Stern mit darüber gesetzten Diskus der Sonne, in Abwandlung des Vollkreises auch mit einen rechts oder links orientierten Halbkreis, als ein "uraltes Symbol des Orients" und belegt, dass das Kreuz/Stern-Monogramm mit dem nach rechts geöffneten Halbkreis im "alten Orient als Urquell allen Lebens verehrt" wird. Er zitiert zahlreiche Beispiele für die Verwendung der XP-Ligatur in vorchristlichen Inschriften und auf ägyptischen und griechischen Münzen, so dass die heidnische Herkunft als Kreuz- oder Sternmonogramm mit aufgesetztem Halb- oder Vollkreis als gesichert gelten kann.
Inge Schwarz-Winklhofer und H. Biedermann unterstützen 1972 Gardthausen: "Das Monogramm [ist] sicher vorchristlichen Ursprungs. Es erscheint bereits auf attischen Tetradrachmen, auf Münzen der Ptolemäer und auf einer der Isis geweihten Inschrift 137/138 v.Chr.". Der schottische Neutestamentler L. W. Hurtado weist im Jahre 2006 auf die vorchristliche Verwendung des "XP" als Abkürzung für XPONOS, dem Vater des Zeus, und für andere Begriffe hin und der Münchner Kunsthistoriker J. Deckers belegt noch im Jahre 2007, dass das "XP" "spätestens seit hellenistischer Zeit als Monogramm für Namen", die mit diesen beiden Buchstaben beginnen, verwendet worden sei. Ähnlich hatte sich bereits A. Harnack 1906 geäußert, der in "Mission und Ausbreitung des Christentums" den "längst bestehenden Argwohn" bestärkt sieht, dass "das Christus-Monogramm fremden Ursprungs ist". Die Experten lassen also kaum Raum für Zweifel, dass das "XP" eine vorchristliche solare Vergangenheit hat. Eine "Erfindung" durch Konstantin, wie der französische Althistoriker P. Veyne meint, war also nicht von Nöten.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Der Autor stellt die These auf, dass die sogenannte "konstantinische Wende" eine Legende ist und Konstantin nie ein Christ im trinitarischen Sinne war.
1 Vor der Schlacht an der Milvischen Brücke: Dieses Kapitel beschreibt die militärische Ausgangslage im Sommer 312, in der Konstantin gegen seinen Mitkaiser Maxentius in den Krieg zieht.
2 Träume, Visionen und Symbole vor der großen Schlacht: Der Text analysiert die Erzählungen über Konstantins Offenbarungen durch Laktanz und Eusebius und hinterfragt deren Wahrheitsgehalt.
3 Widerrede: Die vergessene Symbolforschung: Hier werden die historischen Ursprünge des Christogramms und des Kreuzes untersucht, wobei deren vorchristliche, heidnische Verwendung aufgezeigt wird.
4 Eine bizarre nächtliche Malerei: Der Autor kritisiert die Vorstellung, dass Tausende Soldaten kurz vor der Schlacht ihre Schilde mit christlichen Symbolen bemalt haben könnten, als logistisch undenkbar.
5 Die Schlacht: Die tatsächlichen Ereignisse der Schlacht bei Saxa Rubra werden den legendären Überlieferungen gegenübergestellt, wobei das diffuse Quellenbild betont wird.
Schlüsselwörter
Konstantin der Große, Milvische Brücke, Konstantinische Wende, Christogramm, Kreuz-Symbol, Symbolforschung, Laktanz, Eusebius, antike Religionsgeschichte, heidnische Ursprünge, Maxentius, frühchristliche Ikonographie, Quellenkritik, Sol Invictus, römische Militärgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch im Kern?
Das Buch setzt sich kritisch mit der historischen Legende auseinander, dass Kaiser Konstantin I. sich durch eine göttliche Vision vor der Schlacht an der Milvischen Brücke zum Christentum bekehrt habe.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf die Analyse antiker Quellenberichte, die Symbolforschung zu christlichen Zeichen wie dem XP-Monogramm und das Kreuz sowie die militärische Realität der konstantinischen Armee.
Was ist das primäre Ziel des Autors?
Das Ziel ist es, die "konstantinische Wende" als kirchengeschichtliche Legende zu entlarven und mittels archäologischer, numismatischer und historischer Befunde zu belegen, dass die christliche Symbolik erst viel später entstand.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Der Autor nutzt eine Kombination aus Quellenkritik, der Auswertung numismatischer Daten, archäologischer Funde und einer tiefgehenden Analyse der Symbolforschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der Traumberichte des Laktanz und Eusebius sowie mit der Herkunft und Verbreitung der Symbole XP und Kreuz in der vorchristlichen Zeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Konstantinische Wende, Symbolforschung, Quellenkritik und antike Religionspolitik charakterisieren.
Warum hält der Autor die Schildbemalung vor der Schlacht für unwahrscheinlich?
Er verweist auf die massiven logistischen Probleme: In einer stockdunklen Nacht eine Armee von bis zu 100.000 Soldaten dazu zu bringen, ihre Ausrüstung mit völlig neuen und unverständlichen Symbolen zu bemalen, gilt als faktisch unmöglich.
Welche Rolle spielte der Sonnengott Sol für Konstantin?
Der Autor zeigt auf, dass Sol Invictus zumindest bis zum Sieg über Licinius 324 Konstantins Schutzgott blieb, was auch durch entsprechende Münzprägungen aus dieser Zeit belegt wird.
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- Rolf Bergmeier (Autor), 2011, Die Schlacht an der Milvischen Brücke, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169813