Negro Spirituals - Religionssoziologische Bedeutung, Entstehung und Definition des geistlichen Volksliedes der afro-amerikanischen Sklaven


Seminararbeit, 2010
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Negro Spirituals
2.1 Der Begriff „Negro Spirituals
2.2 Differenzierung von Spirituals und Gospels

3. Geschichte und Entstehung von Negro Spirituals
3.1 Die Bibel als Grundlage von Negro Spirituals
3.2 Arten von Entstehung der Negro Spirituals

4. Religionssoziologische Betrachtung von Negro Spirituals
4.1 Die Doppeldeutigkeit der Kommunikation am Beispiel von „Go Down Moses“
4.2 Weitere Beispiele für Doppeldeutigkeiten in den Texten der Negro Spirituals
4.3 Der funktionale Charakter der Negro Spirituals

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Musik begegnet uns im täglichen Leben ständig. Ob nun durch das eingeschaltete Radio beim Autofahren, der Musik, die im Supermarkt aus den Boxen tönt oder durch das gemeinschaftliche Singen beim christlichen Gottesdienst. Und dies ist keineswegs ein neues Phänomen. Vor allem in verschiedenen Religionen spielte Musik stets eine wichtige Rolle. Um diese Bedeutung an einem historisch relevanten Beispiel aufzeigen zu können, werde ich diese Seminararbeit der religiösen Musik der afro-amerikanischen Sklaven widmen, den Negro Spirituals, deren Wert auf religiöser, kultureller, sowie soziologischer Ebene immens ist.

Negro Spirituals die im 17. Jahrhundert als Musik der Sklaven1 entstanden und heute noch populäre Musikrichtungen wie Gospel, Jazz oder Blues maßgeblich beeinflussten, sind in den afroamerikanischen Kirchengemeinden vom Gottesdienst nicht mehr wegzudenken. Ich werde erklären, wie es überhaupt zu der Entstehung eines „eigenen“ Liedguts der Sklaven kommen konnte und eine genaue Definition von Negro Spirituals liefern, sowie mögliche Schwierigkeiten in der Differenzierung zur Gospelmusik aus dem Weg räumen. Außerdem werden Negro Spirituals auf ihre Merkmale hin untersucht und bezüglich ihres funktionalen Charakters einer religionssoziologischen Analyse unterzogen.

2.Definition von Negro Spirituals

Bevor auf die Entstehung und Geschichte der Negro Spirituals, dem geistlichen Liedgut der schwarzen Sklaven in Nordamerika, eingegangen werden kann, muss erst einmal definiert und erklärt werden, worum es sich eigentlich bei einem solchen Negro Spiritual handelt. Dabei richtet sich der Blick erst auf die Etymologie des Begriffs.

2.1 Der Begriff „Negro Spirituals“

Der Begriff „Negro Spirituals“ setzt sich aus zwei Begriffen („Negro“ und „Spiritual“) zusammen. Dabei bezieht sich „Negro“ sowohl auf die Zielgruppe, die zumindest ursprünglich meist aus schwarzen Sklaven bestand, und auf die Komponisten. Nicht selten waren Zielgruppe und Komponist ein und dieselbe Person bzw. Gemeinde.2 Allerdings waren „Spirituals“ bzw. „Spiritual Songs“ zunächst farblos und drückten ausschließlich aus, dass es sich bei einem bestimmten Liedgut eben um geistliche Lieder handelt. Die ersten Spirituals waren rückblickend sogar „White Spirituals“, so die heutige Bezeichnung, da sie nicht von schwarzen Sklaven verfasst und gesungen wurden, sondern durch weiße Protestanten entstanden.3 Erstmalig tauchte die Bezeichnung „sperichil“ für die geistlichen Lieder der Schwarzen in der Zeitschrift „Nation“ am 30.05.1867 auf.4 Um die daraus entstandene Verwirrung und die erschwerte Differenzierung, wann es sich nun um welche Art von Spirituals handelt, zu beenden, wurde die Bezeichnung „White Spirituals“ von George Pullen Jackson geschaffen.5 Diese Formulierung wurde bis heute beibehalten und beendete nachhaltig vergangene Missverständnisse.

Die Herkunft des Ausdrucks „Spiritual“ ist auf den heiligen Geist (Holy spirit, engl.) zurückzuführen, der angeblich als Inspirationsquelle gedient hat, da er die Gesänge unmittelbar in den Kopf der Schwarzen eingepflanzt haben soll.6 „Spirituals“ waren aber auch nicht von vorne herein die einzige Bezeichnung für das geistliche Liedgut der Schwarzen. Es wurden anfänglich auch andere Begriffe genutzt, wie „jubilee songs“7 oder „sorrow songs“8, allerdings war es der Terminus „Spiritual“, der sich einbürgern und durchsetzen konnte. Dabei konkurrierte er kurzzeitig noch mit den „Jubilees“, die laut Definition von M.W. Stearns, einem US-amerikanischen Jazz-Historiker, fröhlich und rhythmisch daherkommen, während die „Spirituals“ eher von Traurigkeit und tiefer religiöser Überzeugung geprägt waren.9 Diese Differenzierung ist aber im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr üblich, sodass der Begriff „Spiritual“ alle Arten von religiösen Volksliedern der christlichen Afro- Amerikaner umfasst, egal ob es sich nun um eher traurige oder fröhliche Lieder handelt.10

2.2 Differenzierung von Spirituals und Gospels

Zur Zeit der Entstehung der ersten Negro Spirituals in Nordamerika, hätten es die auf Plantagen arbeitenden Sklaven wohl nie für möglich gehalten, dass Jahrhunderte später einmal ein Großteil der populären Musik auf ihr religiöses Liedgut zurückzuführen ist. Ob nun Blues, Jazz oder gar Rock „n„ Roll, sie konnten nur auf der Grundlage der Negro Spirituals geschaffen werden und so existieren, wie sie es heute tun.11 Auch die aktuell so populäre „Black Music“, die nicht nur in diversen angesagten Clubs und Discotheken rotiert, sondern auch in den vorderen Rängen der Musikcharts anzutreffen ist, beruft sich auf „Negro Spirituals“. Die Gemeinsamkeiten bzw. das Verwandtschaftsverhältnis ist heutzutage, abgesehen vielleicht von der Hautfarbe der Interpreten, kaum noch ersichtlich. Anders verhält es sich jedoch bei den „Gospel Songs“ (wahrscheinliche Namensherkunft: „gospel“ = „good spell/gute Nachricht“), denen man auch heute noch anhören kann, dass sie in direkter Verbindung zu den Negro Spirituals stehen. Womöglich hat die musikalische und inhaltliche Affinität auch dazu geführt, dass Gospel und Negro Spirituals mitunter gleichgesetzt oder verwechselt werden. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen Gospel Songs und Negro Spirituals.

Im Gegensatz zu den Negro Spirituals entstanden bzw. entstehen die Gospels ohne unmittelbar von der Sklaverei beeinflusst worden zu sein, wodurch ihr Wesen und ihre Wirkung nicht mehr mit den Negro Spirituals gleichsetzbar ist. In der Regel sind Gospels weder spontan, noch intuitiv, sondern, teilweise auf Anfrage, gewollt produziert und komponiert. Sie werden vermarktet, auf eine CD gedruckt und sind kommerziell orientiert.12 Dennoch ist der Grad der Gemeinsamkeit bzw. Unterschiede unter Experten umstritten. Während die eine Seite behauptet, sie seien aufgrund der angeführten Unterschiede „completely different“13, ist die andere Seite die Meinung, dass „der gemeinsame Grundsatz14 es unmöglich mache“ Gospels und Negro Spirituals als völlig verschieden zu bezeichnen.15

Diese Diskussion lässt jedoch die inhaltlichen Merkmale beider Arten außer Acht. Und das gar nicht zu Unrecht, wie wir gleich sehen werden. Fakt ist zwar, dass ein Großteil der Gospel Songs von neutestamentlichen Texten handelt, dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass die Mehrheit der Spirituals von alttestamentlichen Texten handelt.16 Denn eine Untersuchung von hundertzwanzig der bekanntesten Spirituals durch Alexander Sandilands hat gezeigt, dass „von sechsundsechzig Büchern der Bibel, insgesamt sechsunddreißig erwähnt werden, und zwar neunzehn aus dem Alten Testament, siebzehn aus dem Neuen Testament.“17 Dieser durchaus repräsentative Querschnitt belegt also, dass auch was den Inhalt anbelangt keine signifikanten Unterschiede zwischen Negro Spirituals und Gospels bestehen.

Bei der Untersuchung zweierlei Arten von Musik, darf, neben den Grundlagen in der Entstehung und der inhaltlichen Betrachtungsweise, natürlich die musikalische Differenzierung nicht fehlen. Gospel Songs zeichnen sich durch „ihre Jazzmäßigkeit aus, durch einen gleichmäßigen, mitreißenden Rhythmus, und tatsächlich ist der „beat“ (sic!) das hervorstechende Merkmal der Gospel Songs“.18 Dies liegt daran, dass viele Gospel Songs, wie bereits erwähnt, aufgrund kommerzieller Interessen erschaffen wurden und sich so an moderneren Klängen orientieren müssen, um als „charttaugliches“, gewinnbringendes Material zu gelten. Spirituals hingegen sind deutlich improvisatorischer und hauptsächlich nach dem „Call and Response“-Prinzip entstanden, bei dem ein Vorsänger eine Aussage tätigt und die Gruppe sie wiederholt oder kommentiert.

Problematisch wird es dann, wenn ein klassisches Spiritual, wie „When The Saints Go Marching In“, jazzmäßig interpretiert und vorgetragen wird. Dann handelt es sich zwar musikalisch um einen typischen Gospel Song, inhaltlich aber eben um ein klassisches Spiritual, weswegen eine eindeutige Kategorisierung nicht möglich ist.

Die Problematik, eindeutig zwischen Negro Spirituals und Gospel Songs differenzieren zu können, wirft natürlich die Frage auf, ob eine solche Unterscheidung überhaupt sinnvoll bzw. notwendig ist. Man kann sagen, dass eine Unterscheidung zwischen Gospel und Spirituals nicht unbedingt nötig ist, wenn unter Gospel die moderne Form der religiösen Volksmusik der afro- amerikanischen Bevölkerung verstanden wird. Die bereits genannten Gemeinsamkeiten und nicht auf den ersten Blick erkennbaren Unterschiede erschweren die Differenzierung, sodass ein neuer Begriff für Negro Spirituals, wie eben die Bezeichnung Gospel Songs, nicht zwangsläufig notwendig ist.19 Ein Lösungsvorschlag wäre, ohne den eingebürgerten Begriff „Gospel“ komplett aus dem Sprachgebrauch streichen zu müssen, zukünftig von einem „Gospel-Stil“20 zu sprechen, der sich dann einzig und allein auf die musikalische Interpretation von Negro Spirituals bezieht, egal ob sie nun moderner oder klassischer Herkunft sind.

[...]


1 Vgl. Berlin, Ira: Generations of Captivity: A History of African-American Slaves, Cambridge, London: The Belknap Press of Harvard University Press, 2003.

2 Vgl. Lehmann, Theo: Negro Spirituals Geschichte und Theologie, Eckart-Verlag, 1965, S.111 ff.

3 Vgl. Ebd., S.130.

4 Vgl. Allen, William Francis; Charles Pickard Ware, Lucy McKim Garrison: Slave Songs of the United States, Peter Smith, New York, New York 1951, S.XIIff.

5 Vgl. Jackson, George Pullen: White and Negro Spirituals, J.J. Augustin, New York 1943.

6 Vgl. Lehmann, S.118.

7 Du Bois, W.E Burghardt: The Souls of Black Folk, Archibald Constable & Co., London 1905, S.192.

8 Ebd., S.250.

9 Vgl. Stearns, Marshall W.: Die Story vom Jazz, Süddeutscher Verlag, München 1959, S.127.

10 Vgl. Lehmann, S.119.

11 Vgl. Jost, Gesine: Negro Spirituals im evangelischen Religionsunterricht, Lit Verlag Münster, Hamburg, London 2003, S.72.

12 Vgl. Jost, S.72.

13 Vgl. Lehmann, S.122ff.

14 ls Grundsatz wird u.a. das „ ußer-sich-Sein“, eine spirituelle Erfahrung, die als

Inspirationsquelle zu dem Komponieren eines Spirituals oder aber auch Gospels führen kann, gesehen, worüber sowohl Sklaven bei der Entstehung von Negro Spirituals berichtet haben als auch „moderne Komponisten“ bei dem Kreieren von Gospel Songs. Desweiteren ist der Zweck von Spirituals und Gospels in erster Linie ein gottesdienstlicher und beide Arten von Liedern von dem gleichen Volk für das gleiche Volk geschaffen wurden. (Vgl. Lehmann, S.124)

15 Vgl. Lehmann, S.122ff.

16 Vgl. Ebd., S.126.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Vgl. Lehmann, S.129.

20 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Negro Spirituals - Religionssoziologische Bedeutung, Entstehung und Definition des geistlichen Volksliedes der afro-amerikanischen Sklaven
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Religion als soziales Phänomen: Grundzüge der Religionssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V169939
ISBN (eBook)
9783640884650
ISBN (Buch)
9783640884315
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Negro Spirituals, Gospel, Soziologie, Kulturwissenschaft
Arbeit zitieren
Lukas Lohmer (Autor), 2010, Negro Spirituals - Religionssoziologische Bedeutung, Entstehung und Definition des geistlichen Volksliedes der afro-amerikanischen Sklaven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169939

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