Partizipationsmöglichkeiten für Reichsritter im Alten Reich am Beispiel des Aufstieges der Familie Schönborn


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vom Reichsritter zum Reichsgrafen: Aufstiegsmöglichkeiten im Alten Reich

2 Der Aufstieg der Familie Schönborn
2.1 Konzentration auf das mittelrheinisch-fränkische Bistumssystem
2.2 Faktoren des Aufstieges
2.2.1 Interdependenz der Faktoren
2.2.2 Familienbewusstsein, Generationendenken, Familienhabitus
2.2.3 Patronage
2.2.4 Nepotismus
2.2.5 Heiratspolitik
2.2.6 Erziehung
2.2.7 Besitzerwerb
2.2.8 Standeserhebung
2.2.9 Repräsentation
2.3 Systemgrenzen

3 Einordnung

4 Bibliographie
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur

1 Vom Reichsritter zum Reichsgrafen: Aufstiegsmöglichkeiten im Alten Reich

Die reichsritterlichen von Schönborn erlebten in der Frühen Neuzeit einen außergewöhnlichen Aufstieg, welcher der Familie einen Bekanntheitsgrad einbrachte, der bis in die heutige Zeit den vieler Fürstenhäuser übersteigt. In der Welt des Alten Reiches gelang den von Schönborn der Aufstieg von „armen Westerwälder Edelleuten“ zu einem der einflussreichsten Adelshäuser des Reiches.[1] Die reichsritterschaftliche Tradition in den mittelrheinisch-fränkischen Bistümern ermöglichte den Reichsrittern eine Machtoption, welche die Schönborns im Familienverbund außergewöhnlich erfolgreich zu nutzen wussten. Über den Einfluss in den Domkapiteln erarbeiteten sie sich die Voraussetzungen um als Fürstbischöfe in die oberste Reihe der Fürsten des Reiches zu gelangen. Als Vorüberlegung zu einer Analyse dieses Erfolges, muss zuerst das Regierungssystem der Bistümer besprochen werden, auf welche die Schönborns ihr Augenmerk richteten. Im Folgenden gilt es zu untersuchen, wie der außergewöhnliche Aufstieg möglich war: Dies soll durch die Erstellung eines Kataloges an Faktoren geschehen, welche von der Familie zielstrebig verfolgt wurden und gewährleisteten, dass die Schönborns in der Zeit von 1642 bis 1756 zu maßgeblichem politischen Einfluss im Reich kamen und ihren Besitz um ein Vielfaches vergrößern konnten. Besonders deutlich werden die Ziele und Strategien der Schönborns an den Bestrebungen das Erreichte auch für die nächsten Generationen zu festigen und zu erhalten. Weiterhin soll die Frage behandelt werden inwieweit der Aufstieg der Schönborns ein Charakteristikum der reichsritterschaftlichen Partizipation im Alten Reich war, oder ob ihre Erfolgsgeschichte nur ein außergewöhnliches Extrem darstellt. Die ganzheitliche Sichtweise auf das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren soll einen Einblick in die gesellschaftlichen Zusammenhänge im Alten Reich, sowie ein Beispiel für soziale Mobilität in einer von den Zeitgenossen als rigide angesehenen Ständegesellschaft, bieten. Die Quellenlage zur Thematik ist trotz eines ausgeprägten Forschungsinteresses an der Geschichte des Hauses Schönborn, jüngst deutlich geworden durch die Veröffentlichung einer einschlägigen Familienbiographie von Sylvia Schraut, teilweise problematisch. Die Briefwechsel zwischen den Kirchenfürsten, besonders zwischen Lothar Franz und seinem Neffen in Wien, Karl Friedrich, sind in einem ausführlichen Quellenband editiert worden, zeigen aber eine größtenteils einseitige Sicht der Fürsten selbst auf ihre Politik und drehen sich hauptsächlich um deren Bestrebungen als Kunstmäzene und Bauförderer ihrem Standesbewusstsein Ausdruck zu verleihen. Auch weist Süßmann darauf hin, wie stark das Bild der Schönborns, durch deren eigene Archivpolitik geprägt wurde. Er beschreibt das Bestreben der Schönborns ihr Bild in der Zukunft zu prägen als „Memorialoffensive“, welche noch heute Einfluss auf die Wahrnehmung der Schönborns hat.[2] Da diese Arbeit aber auch versucht einen Einblick in die Strategien und Ziele der Schönbornfürsten zu erlangen, erweist sich die Vielzahl der von den Mitgliedern der Familie selbst verfassten, öffentlichen wie privaten, Schriftstücke als geeigneter Ausgangspunkt.

2 Der Aufstieg der Familie Schönborn

2.1 Konzentration auf das mittelrheinisch-fränkische Bistumssystem

Voraussetzung für den Aufstieg der Schönborns war die Möglichkeit für reichsritterschaftliche Familien in den Bistümern Rheinfrankens an der Regierung beteiligt zu werden. Alle der im Folgenden zu behandelnden Faktoren des Aufstieges richten sich an der Ämterbesetzung in eben diesen Bistümern aus. Ohne deren Existenz als „gemäßigte Wahlmonarchien“, in denen die Reichsritterschaft ihre Stellung in den wahlberechtigten Domkapiteln bewahren konnte, wären die Schönborns auf den politischen Einfluss in den Reichskreisen und über die Ritterkollegien beschränkt gewesen.[3] Diese Partizipationsmöglichkeiten waren minimal im Vergleich zu dem Machtzuwachs, welchen eine Wahl zum Fürstbischof eröffnen konnte. Mit einem solchen Amt war Teilen der Reichsritterschaft eine Möglichkeit gegeben gegenüber ihren Standesgenossen herauszuragen, welche häufig als Dienstmänner von Fürsten ihren Unterhalt verdienten. Als solche Dienstmänner begannen auch die Vorfahren der Schönborns, welche urkundlich als Amtmänner der Grafen von Nassau-Weilburg belegt sind.[4] Der außergewöhnliche Erfolg der Schönbornfamilie in der Reichskirche trug „zu einer letzten Blüte der Reichsritterschaft als eigenständiger gesellschaftlicher Kraft bei.“[5]

Die Bistümer in Franken, Schwaben und im Rheingebiet, genauer die Bistümer Würzburg, Mainz, Speyer, Worms, Bamberg und Konstanz, waren die einzigen, die sich den Bestrebungen der Landesfürsten erwehren konnten, die Bischofsämter zu einem hochadeligen Privileg, teilweise sogar zu Sekundogenituren der Fürsten, zu machen. Da das Bistum Straßburg, sowie die Bistümer im Bayrischen Kreis, vom hohen Adel dominiert waren, blieben die rheinfränkischen Bistümer die einzigen in denen sich der reichsritterliche Einfluss erhalten konnte. Hier bot sich der Reichsritterschaft eine Möglichkeit sich vom landsässigen niederen Adel abzuheben; die Reichskirche eröffnete ihnen die letzten „Kanäle sozialer Mobilität“.[6] In den erwähnten Bistümern konnten die Domkapitel ganz oder teilweise von den reichsritterlichen Familien besetzt werden, die ihre Ahnenreihe über vier Generationen auf Reichsritter zurückführen konnten. Würzburg, Bamberg und Mainz beschlossen sogar ausschließlich Domkapitulare von reichsritterlicher Herkunft aufzunehmen.[7]

Da die Wahl des Bischofs meist ex gremio geschah, er also aus dem Kreis dieser ritterlichen Domkapitulare ausgewählt wurde, konnten die reichsritterlichen Familien aus den Domkapiteln meist das Fürstbischofsamt in ihren Händen behalten. Hieraus ergibt sich die Fixierung der von Schönborn auf das mittelrheinisch fränkische Bistumssystem.[8] Das Erzbistum Mainz übte wegen der Kurfürstenwürde noch eine besondere Anziehungskraft auf die ehrgeizigen von Schönborn aus.

Erst durch das Erkennen des Zieles des Aufstiegs in diesem mittelrheinisch-fränkischem Bistumssystems lassen sich alle zu besprechenden Faktoren des schönbornschen Aufstieges verstehen. Die Ausrichtung an den Bischofsämtern ist der Hintergrund aller Entscheidungen der Familie und die Ursache für die enge Verbindung zwischen den einzelnen Faktoren, da sie alle auf dieses Ziel hin ausgerichtet waren.[9]

2.2 Faktoren des Aufstieges

2.2.1 Interdependenz der Faktoren

Entscheidend für den Aufstieg war daher nicht der Erfolg in einem Bereich, sondern das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, welche eng miteinander in Verbindung stehen. Nur ein Familienverbund, der sich über die gemeinsamen Ziele einig war und in welchem sich die Einzelnen dem Interesse der ganzen Familie unterordnen, kann einen solchen Aufwand betreiben. Für den Erfolg musste ein enges Netz an Beziehungen geformt werden, um den eigenen Verwandten Aufstiegsmöglichkeiten in den Domkapiteln zu eröffnen. Um überhaupt geeignete Nachkommen zur Verfügung zu haben, musste eine langfristige Heiratspolitik durchgeführt werden und in die Erziehung der Nachfahren investiert werden. Doch auch wenn das erstrebte Ziel des Ämtergewinnes erreicht war, musste diese Stellung durch Besitzerwerb, mögliche Standeserhebung und standesgemäße Repräsentation gefestigt und gesichert werden, besonders da die Ämter auf die Lebenszeit des Bischofs befristet waren und eine sichere Nachfolge nicht gesichert war. Nur durch eine konsequente und dauerhafte Berücksichtigung aller Faktoren in der Familienpolitik konnte der Aufstieg gewährleistet werden. Die einzelnen Faktoren sind jeder für sich wichtig für das Verständnis der schönbornschen Familienpolitik. Da sie jedoch alle auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sind, dem Ämtergewinn im mittelrheinisch-fränkischen Bistumssystem, sind sie eng miteinander verbunden und stehen häufig in komplexen Ursache und Wirkung Zusammenhängen zueinander. Die Faktoren überschreiten die jeweiligen Grenzen von Familien-, Klientel- und Reichspolitik und zeigen ein im Hinblick auf die Vielfalt der Akteure und auf die Dauer der betrachteten Zeit überraschend zielstrebiges und konformes Handeln.

2.2.2 Familienbewusstsein, Generationendenken, Familienhabitus

Ein Aufstieg im System der Reichskirche war eine langfristige Angelegenheit und erlaubte keine Konzentration auf die individuelle Erfolgsgeschichte der einzelnen Familienmitglieder, sondern erforderte eine generationenübergreifende Konzentration der verfügbaren Ressourcen. Nur die andauernde Ausrichtung des ganzen Familienverbundes auf dieses Ziel konnte den erwünschten Erfolg bringen. Eine eine eben solche Einstellung brachten die von Schönborn mit, da ein solches Denken im genossenschaftlich eingestelltem Reichsrittertum nach Meinung Schröckers weit verbreitet war: „Dieser Adel dachte nicht kurzfristig im Rahmen eines einzigen Lebens, sondern kontinuierlich in mehreren Generationen aus der Vergangenheit als auch in die Zukunft.“[10]

Eine solche langfristige Weichenstellung und somit eine Grundlegung für den schönbornschen Aufstieg war die Entscheidung der Familie für den katholischen Glauben und das Bestreben durch das Konnubium mit stiftsfähigen Familien Einfluss in den Domkapiteln zu erhalten. Erst durch diese beiden Entscheidungen am Beginn des 17. Jahrhunderts war der Weg in die Domkapitel der Reichskirche für die Familie geöffnet. Die Konzentration auf den Aufstieg in diesen Domkapiteln führte zu einer generationenübergreifenden Konstanz in der Familienpolitik. Alle Schönbornfürsten waren bestrebt die Verfassung des Reiches und dessen Unterteilung in die einzelnen Reichsstände zu bewahren, um ihre einzige Machtoption zu erhalten. So wurden sie zu beständigen Vertretern der sogenannten Reichspartei und vertraten in ihrer Rolle als Fürsten des Reiches die Rechte der kleinen und mittleren Stände des Reiches. Die von Schönborn wurden zu der tonangebenden Familie in der Reichspartei.[11] Aus dieser Konstellation ergab sich, dass bei den Schönborn der seltene Fall eintrat, dass die Familienpolitik mit der Reichspolitik verschmolz. Die geistlichen Oberhäupter der Familie, deren Einfluss auf Grund ihrer Position im Reich häufig den der weltlichen Familienoberhäupter überstieg, setzten sich außerdem für eine neue Friedensordnung ein. Die Erkenntnis aus dem 30-jährigen, dass die kleineren nicht-armierten Stände unter Kriegen am meisten zu leiden haben, überzeugt die Schönbornbischöfe von der Notwendigkeit von Bündnissen und Verträgen, um einen weiteren Krieg zu verhindern.[12] Diese Konstanz in der Reichspolitik lobt Süßmann, indem er die Politik der Schönborn als Marke beschreibt, welche im Reich mit ihnen assoziiert wurde. Das Verwachsen von Familienpolitik, also dem Streben nach Bischofswürden, mit der Reichspolitik, also dem Kampf für das Bestehen der Reichsordnung und des Friedens, wenn sie in den angestrebten Ämtern waren, zeigt für ihn ein konservatives Wertesystem, welchem die Familie generationenübergreifend folgte. Dies fügt eine positive moralische Wertung zu der Ansicht Schröckers hinzu, dass die von Schönborn ihr Handeln stets am eigenen Vorteil ausgerichtet hätten. Auch die schönbornsche Friedenspolitik lässt sich als Interessenpolitik der kleineren Stände verstehen. Da das Vorankommen der Familie nur im Frieden durch die bestehenden Institutionen des Reiches möglich war, beschreibt er die Schönbornpolitik am Beispiel von Lothar Franz von Schönborn als materiell-konservativ.[13]

[...]


[1] Jürgensmeier, Aufstieg.

[2] Süßmann, S.154-6.

[3] Schröcker, Patronage, S.10.

[4] Vgl. Riedenauer, S. 194; Schraut, S.16.

[5] Vgl. Schraut, S.11.

[6] vgl. Hahn, S.198.

[7] Vgl. Salver, S. 172.

[8] Vgl. Domarus. S.149; Süßmann, S. 82.

[9] Vgl. Schröcker, Patronage, S.19.

[10] Schröcker, Patronage, S.18.

[11] Vgl. Stephan, S. 58.

[12] Vgl. Schröcker, Patronage, S.12f.

[13] Vgl. Schröcker, Fallstudie.

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Details

Titel
Partizipationsmöglichkeiten für Reichsritter im Alten Reich am Beispiel des Aufstieges der Familie Schönborn
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Geschichte)
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V169980
ISBN (eBook)
9783640884902
ISBN (Buch)
9783640885046
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
partizipationsmöglichkeiten, reichsritter, alten, reich, beispiel, aufstieges, familie, schönborn
Arbeit zitieren
Marco Wirrer (Autor), 2010, Partizipationsmöglichkeiten für Reichsritter im Alten Reich am Beispiel des Aufstieges der Familie Schönborn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169980

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