Zerstörung des Ursprünglichen

Untergang des Paradieses in Wilhelm Raabes "Pfisters Mühle"?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Was war und ist Natur?
2.1 Der Naturbegriff in Pfisters Mühle

3.0 Das Naturbild des Mütterlichen und Guten
3.1 Abwesenheit des Mütterlichen

4.0 Pfisters Mühle: Paradiesische Idylle?
4.1 Wasser als Urbild der Idylle
4.2 Der Garten Eden

5.0 Destruktion der Idylle
5.1 Idylle als ein ‚Ort‘ des Vergänglichen
5.2 Verwirkte Idylle: Zerstörung der ursprünglichen Natur
5.3 Krise des Paradieses: der Sündenfall

6.0 Schlussfolgerungen: Untergang des Guten und Schönen?

7.0 Bibliografie

1.0 Einleitung

Sie hat den Namen, daß sie lebet, und ist tot![1]

Wilhelm Raabe erzählt in Pfisters Mühle die folgenschwere Veränderung des Landschaftsbildes wie auch der natürlichen Lebensbedingungen für Mensch und Tier durch die aufkommende industrielle Entwicklung. Die Mühle des alten Pfisters ist Schauplatz dieses gesellschaftlichen Umbruchs. Eine Zuckerrübenfabrik aus Krickerode leitet verunreinigte, industrielle Abfälle in den Mühlbach ein. Dies hat zur Folge, dass der ehemals so frische und lebendige Bach zu einer tötenden Kloake verkommt. Die Fische im Bach sterben. Das Mühlrad kann sich nicht mehr drehen, denn der zähflüssige Schlamm blockiert das Rad. Der alte Pfister strebt einen Prozess gegen die Zuckerrübenfabrik an, den er auch gewinnt. Schlussendlich ist die alte, traditionsreiche Mühle trotz aller Bemühungen dem Untergang geweiht. An ihrer Stelle soll eine Fabrik errichtet werden. Der gesellschaftliche Fortschritt bemächtigt sich allem, was den anwachsenden Effizienzkriterien nicht entspricht. Der alte Pfister verkauft sein Vätererbe und stirbt, er hat jeglichen Lebenswillen verloren.

Das Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur wird deutlich: Der Mensch greift im Zuge seines stetigen Strebens nach beständiger Weiterentwicklung in die unberührte Natur ein. Aus einer symbiotischen Lebensweise, wie sie der alte Pfister im Einklang mit der Natur führt, entwickelt sich ein Verdrängungswettkampf – durch den Menschen eingefordert. Das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich – zunächst aus philosophischer Perspektive – mit eben diesem Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur. Es soll geklärt werden, als was ‚Natur‘ zu verstehen ist und wie sich das Naturbild in Pfisters Mühle zusammensetzt.

Mit dem Naturbild des Mütterlichen und Guten beschäftigt sich das dritte Kapitel. Zudem soll geklärt werden, welche Funktion die Abwesenheit des Mütterlichen innerhalb des Romans einnimmt. Das vierte Kapitel analysiert das Konzept von Idylle, in Bezug auf die Funktion von Wasser als Urbild der Idylle, wie auch den Paradies-Topos. Günther Bayerl schreibt über die Wirkung von Mühlen auf die Konzeption von Idylle:

„Die Mühle ist uns heute zur Idylle geworden, zum Signum einer heilen, überschaubaren und geordneten Welt.“[2]

Nachdem im vierten Kapitel Motive der Konstruktion von Idylle analysiert wurden, wendet sich das fünfte Kapitel den Motiven zu, die das Bild der Idylle umkehren oder gar auflösen. Idylle wird vergänglich, ‚beschmutzt‘ und ‚verraten‘.

Zygmunt Baumann schreibt über die Folgen der Modernisierung folgendes:

„Die Produktion »menschlichen Abfalls« – korrekter ausgedrückt: nutzloser Menschen (womit der »überschüssige« und »überzählige« Teil der Bevölkerung gemeint ist, der an seinem Wohnort entweder nicht bleiben konnte oder dem dort die notwendige Anerkennung oder Erlaubnis für weitern Aufenthalt verweigert wurde) – ist ein unvermeidliches Ergebnis der Modernisierung und eine untrennbare Begleiterscheinung der Moderne.“[3]

Zu diesen ‚nutzlos‘ gewordenen Menschen zählt auch die Figur des alten Pfisters. Von der Moderne bezwungen, verlässt er eine Welt, in der er keinen Platz mehr findet. Dieses Motiv zieht sich durch den ganzen Roman. Mit dem Verlust der Idylle gibt sich der alte Pfister dem Verlust seines Lebens hin.

2.0 Was war und ist Natur?

Gernot Böhme weist in seinem Werk Natürlich Natur [4] auf die zentrale Problematik im Hinblick auf ein generalisierendes Verständnis von Natur hin:

„Es ist unklar geworden, was Natur ist, was wir darunter verstehen, ob, was wir als Natur ansehen, überhaupt Natur ist, und schließlich, welche Natur wir wollen.“[5]

Böhmes Formulierung nach zu urteilen, scheint in der Vergangenheit ersichtlicher gewesen zu sein, was Natur ist. Dies kann aus heutiger Perspektive zum einen in den unterschiedlichen Naturauffassungen begründet sein, die sich über die einzelnen Epochen der Menschheitsgeschichte formten. Zum anderen befindet sich die physische Natur in stetigem Wandel – durch den Einfluss des Menschen und nicht zuletzt durch sich selbst. Ist Natur die Gesamtheit einer diffusen Verschmelzung verschiedenster Naturauffassungen? Oder ist Natur immer nur die physische Umwelt zu einem bestimmten Zeitpunkt? Dies würde bedeuten, dass kein dauerhaftes Konzept von Natur festzuhalten ist. Oder zielt Böhme gar darauf ab, dass Natur bestimmbar war, als sie noch nahezu unberührt von den Einflüssen des Menschen war?

Bei näherer Betrachtung von Böhmes Ausführungen über das Wesen von Natur wird deutlich, dass er Natur als den Spiegel menschlicher Wahrnehmung von Natur bestimmt. Was wir unter Natur verstehen, ist unklar geworden, und ebenso, ob uns unsere Wahrnehmung von Natur nicht womöglich trügt.[6] Diese Gedanken sind begleitet von der Frage, „welche Natur wir wollen“[7]. Gernot Böhme spricht in diesem Zusammenhang von falschem Bewusstsein.

Der klassische Naturbegriff erhielt laut Böhme durch Entgegensetzungen wie Natur und Technik, natürlich und gekünstelt, oder ursprünglich und zivilisiert seine Kontur.[8] Da diese Gegensatzpaare möglicherweise nicht mehr legitim sind, wird der Naturbegriff zu etwas Unbestimmtem – folglich wird Natur zum falschen Bewusstsein.[9] Deutlich wird die paradoxe Auffassung von Natur in dem Bild eines sauberen Paradieses: „Und von der naturbelassenen Natur wird erwartet, daß sie kultiviert sei, eben ein Paradies: sicher und sauber.“[10]

2.1 Der Naturbegriff in Pfisters Mühle

Was für die heutige Zeit nicht mehr zutreffen mag, ist für den Roman Pfisters Mühle jedoch kennzeichnend. In Pfisters Mühle kommt der klassische Naturbegriff zum tragen, indem die genannten Entgegensetzungen das Kernstück des Romans ausmachen, metaphorisch geschildert wie auch explizit benannt. Natur steht zunehmender Technisierung gegenüber – im Kampf um Lebensraum und gesellschaftlicher Bedeutung. Kulturell geprägter Raum steht ursprünglichem Naturraum entgegen. Pfisters Mühle beschreibt erste, einschneidende Grenzüberschreitungen der bis dahin getrennten Räume. Die wohl deutlichste Metapher, in Bezug auf die Aufhebung der Raumgrenzen, ist des alten Pfisters Beobachtung über die – aufgrund der Wasserverschmutzung – leidenden Flussfische:

„Kein Baum wird denen am Ende zu hoch, um auf ihm dem Jammer zu entgehen; und ich erlebe es noch, daß demnächst noch die Hechte ans Stubenfenster klopfen und verlangen, reingenommen zu werden, […].“[11]

Die Fische des Flusses gehören dem ursprünglichen Naturraum an, während die Stubenfenster der Mühle dem kulturell geprägten Raum zuzuordnen sind. Es erscheint abstrus, dass Zugehörige des ursprünglichen Naturraums Zuflucht im kulturell geformten Raum suchen, da sich ihr Lebensraum verengt. Schließlich verlief diese Entwicklung stets in reziproker Weise: Kulturelle, zivilisatorische Entwicklungen drängten stets den ursprünglichen Naturraum zurück. Städte und Siedlungen wurden gebaut, Äcker und Felder angelegt. Was sich vor Beginn der Industrialisierung noch in das räumliche Bild einer symbiotischen Beziehung einfügte, nimmt mit zunehmender industrieller Entwicklung die Form eines Verdrängungswettkampfes an, den der ursprüngliche Naturraum nur verlieren kann. Ursprüngliche Natur ist nicht mehr klar zu identifizieren, der klassische Naturbegriff verliert seine Berechtigung. Natur, Technik, Zivilisation und Kultur diffundieren zu einer unkenntlichen Masse. Eben diese Entwicklung zeigt der Zerfall von Pfisters Mühle auf.

3.0 Das Naturbild des Mütterlichen und des Guten

‚Mutter Natur‘ steht für das Leben, wohingegen der Tod männlich konnotiert ist. Der Tod wird auch mit dem mittelalterlichen Begriff ‚Gevatter Tod‘ benannt. Gevatter bedeutet ‚Mit-Vater‘. Die Mutter steht für den Ursprung des Lebens – Mütter gebären Nachkommen. Es entsteht neues Leben. Nach christlichem Glauben steht die Mutterfigur ‚Maria‘ für das Gute und Unbefleckte: Durch ihre jungfräuliche Geburt ihres Sohnes Jesu verkörpert Maria das Unschuldige und Reine. Auch ‚Mutter Natur‘ erweckt das Bild einer reinen, unberührten und unzerstörten Landschaft – das Konstrukt des Ursprünglichen. In Bezug auf politische, moralische und lebensweltliche Zusammenhänge verbinden wir nach Böhme folgende Vorstellung mit Natur:

„Sie sei das Ursprüngliche und damit auch das ursprünglich Gute, sie sei etwas Maßgebendes, sie sei dasjenige, was von selbst da ist, das den verläßlichen und umschließenden Hintergrund unseres irdischen Daseins bildet.“[12]

Demnach ist Natur der Vorstellung nach das Ursprüngliche, das Gute, das Verlässliche und etwas Maßgebendes. Diese normative Auffassung von Natur soll im Nachfolgenden als Basis des Naturbegriffs für die Analyse des Romans Pfisters Mühle dienen – insbesondere, wenn es um die Abgrenzung von Natur und Kultur geht.

Ebert beschreibt Pfisters Mühle als ein Ort des Guten:

„Und wie hätte vor allem der letzte wirkliche Herr und Wirt des guten Ortes sich in Nebel und Nichts auflösen können, während sein letzter Stammgast noch seinen Platz auf der Bank und am Tisch festhielt?“[13]

[...]


[1] Raabe, Wilhelm: Pfisters Mühle. Stuttgart: Reclam, 2009. S. 16.

[2] Bayerl, Günther: Herr Pfisters und anderer Leute Mühlen. Das Verhältnis von Mensch, Technik und Umwelt im Spiegel eines literarischen Topos. In: Harro Segeberg (Hrsg.): Technik in der Literatur. Frankfurt a. M.: 1987. S. 51.

[3] Baumann, Zygmunt: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Bonn: 2005. S. 12.

[4] Böhme, Gernot: Natürlich Natur. Über Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1992.

[5] Ebd.: S. 15.

[6] Vgl. ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl. ebd.: S. 12 ff.

[9] Vgl. ebd.: S. 15.

[10] Ebd.: S. 9. Hervorhebung im Text.

[11] Raabe, Wilhelm: Pfisters Mühle. S. 55.

[12] Böhme, Gernot: Natürlich Natur. S. 11.

[13] Raabe, Wilhelm: Pfisters Mühle. S. 17. Eigene Hervorhebungen.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zerstörung des Ursprünglichen
Untertitel
Untergang des Paradieses in Wilhelm Raabes "Pfisters Mühle"?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wilhelm Raabe
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V170030
ISBN (eBook)
9783640885978
ISBN (Buch)
9783640886043
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zerstörung, ursprünglichen, untergang, paradieses, wilhelm, raabes, pfisters, mühle
Arbeit zitieren
Linda Maria Höss (Autor), 2010, Zerstörung des Ursprünglichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170030

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