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Livhausen - Die 90er sind zurück

Titre: Livhausen - Die 90er sind zurück

Roman , 2026 , 356 Pages

Autor:in: Andreas Trautwein (Auteur)

StorySphere
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Résumé Extrait Résumé des informations

26. Juni 1996. Coole Musik, D-Mark in der Tasche - in Livhausen wollen Harald und Anton auf ein Konzert, verlieren sich aber völlig unerwartet aus den Augen. Kein Handy, kein Navi, Internet ist erst im Kommen. Und plötzlich wird aus einem simplen Konzertabend eine improvisierte Odyssee durch eine unbekannte Stadt. Zwischen Plattenladen und Internetcafés, Club-Besuchen und kuriosen Begegnungen eskaliert Livhausen zum 90er-Jahre-Spielplatz: laut schräg, lustig und überraschend herzlich. Am Ende steht die Frage: Was bleibt - und was bringt die Zukunft?

Extrait


Auszüge aus dem Buch

Cover: Livhausen - Die 90er sind zurück

1

In einem Club am Rande einer Kleinstadt gaben um Mitternacht die Lautsprecherboxen ihr Bestes. Sie spielten „Disco 2000“ von PULP, einer der aktuell bekanntesten Bands aus den UK. Die Meute ging „steil ab“, auf der Tanzfläche tummelten sich gleichermaßen Bewegungstalente als auch Talentfreie und die Stimmung heizte sich konstant auf.

Die gelöste Atmosphäre führte im Laufe der Nacht dazu, dass die Menge beinah überkochte, die Lokalität war völlig überfüllt, es passte kein D-Mark Schein mehr zwischen die Körper. Mittendrin tobten Harald und Anton herum, die schon seit ihrer Schulzeit befreundet waren. Der schmierige Boden, bestehend aus einer Mischung von Kondenswasser, verschütteten Getränken und Scherben heruntergefallener Flaschen und Gläser, schmälerte den Spaß nicht. Die schmutzigen Schuhe konnte man putzen, zum Ausgehen zog sowieso niemand seine besten Sneaker an. Weiße T-Shirts trugen schon seit Stunden dunkle, nasse Flecken aus Schweiß und die Luftqualität glich der bei einem Höhentraining, denn Sauerstoff war zusätzlich durch den Qualm der Zigaretten Mangelware. Das zuckende Licht und die Lasershow aus der Deckenbeleuchtung gaben der Atmosphäre ein besonderes Ambiente. Die Musik wurde so laut aufgedreht, dass die Bässe die Jeanshosen zum Schwingen brachten. Unterhalten konnte man sich nur, wenn in das Ohr des Nachbarn geschrien wurde, und selbst dann ging die Botschaft meist verloren. Der Club namens „Baramba“ war im ganzen Umkreis seit Jahren der beliebteste Treffpunkt junger Leute. Die Britpop-Welle hatte schon seit langem Deutschland überrollt und neben der Techno-Szene war es der Musik-Hype überhaupt, wenn man auf Stromgitarren stand. Grunge, die etwas härtere Gangart, wie sie die Band Nirvana spielte, verlor bereits wieder an Zuspruch. Der Kalender schrieb das Jahr 1995, es war Freitag, der 13. Oktober, doch trotz des besonderen Datums war es kein schlechtes Omen für diese Nacht. Harald, ein fröhlicher zwanzigjähriger, selbstsicherer junger Mann, gab richtig Gas. Er trank gerne mal ein Bierchen zu viel, was den Bauchansatz erklärte, rauchte Zigaretten, ohne süchtig danach zu sein, so meinte er, und ließ auch sonst wenig anbrennen, wie es so schön hieß. Die Akne im Gesicht war sicherlich ein Resultat seines Lebensstils, was ihn allerdings überhaupt nicht störte. Seine langen Haare klebten verschwitzt im Nacken und am Gesicht. Ihm war das völlig schnuppe, er hatte Spaß, während er eine nasse Strähne entfernte, die sich über sein linkes Auge bis über seinen Mund breitgemacht hatte.

Sein dickster Freund Anton war schlank, einundzwanzig Jahre jung und durchaus ein Typ, den sich Eltern gerne als Schwiegersohn vorstellten, doch wie ein Nerd wirkte er nicht. Vielleicht war es die gute Erziehung, die ihn von übermäßigem Alkoholgenuss abhielt, oder sein Hobby – der Sport, denn auch Zigaretten gehörten nicht zu seinen ständigen Begleitern. Sein unscheinbares Äußeres wurde von einem adretten Kurzhaarschnitt gekrönt, auch sein durchtrainierter, knackiger Hintern wurde des Öfteren von der Damenwelt gelobt. Bei den Frauen kamen beide durch ihre positive Lebenseinstellung und ihr Verhalten sehr gut an. Sie waren nicht aufdringlich, sondern ganz normale Typen, die gerne das Leben lebten und die Zeit der aktuellen 90er Jahre richtig genossen. Ihre Gemeinsamkeit war die Musik. Seitdem eine große Anzahl an Bands europaweit auf Tour ging, versuchten sie, so oft wie möglich Konzerte zu besuchen. Neue Bands kamen wie Fliegen auf den Markt, sagte man. Das war nicht abwertend gemeint und für die beiden eher zum Vorteil. Gewöhnlich organisierte Anton, der oft auch einfach Toni gerufen wurde, die Eintrittskarten für die Gigs. Zum Glück gab es einen Ticketshop in der Nähe, so konnte er einfach telefonisch bestellen und die Karten anschließend dort abholen. Die Veranstaltungen fanden meist in Großstädten statt. Dafür nahmen die Freunde gerne längere Anfahrten in Kauf, fuhren mal mit der Bahn, dann erfolgte meist mindestens eine Übernachtung, oder mit dem alten Auto zum Konzert.

Nach „Disco 2000“ wechselte der DJ zu „Saturn 5“ von der Gruppe Inspiral Carpets. Es war heiß wie in einer Sauna, der Spezialaufguss hieß „Spaß“! Die Freunde benötigten schließlich eine Pause, verließen die Tanzfläche, die sich insgesamt kaum leerte und fanden ihre zwei Bierflaschen an der Bar wieder. Die hatten sie dort zuvor deponiert und stießen nun auf den gelungenen Abend an. Anton schrie Harald, dessen Kosename Harry war, ins Ohr: „Hey, wäre super, PULP einmal live zu hören! Die sollen im nächsten Jahr am 26. Juni nach Livhausen kommen, hab ich gelesen. Soll ich mich mal schlau machen? Was denkst du?“ Sein im Takt wippender Freund reagierte nicht gleich, weil dieser gerade einem Jeansrock hinterher glotzte. „Klar, die Gruppe rockt, ne? Soll ICH diesmal die Tickets kaufen?“ rief er zurück, den Blick weiter auf die Besitzerin des Rocks gerichtet. „Das wäre astrein! Mach das! Sag mir Bescheid, wenn du sie hast! Man muss heutzutage auf Zack sein. Solche Konzerte sind sehr schnell ausverkauft! Hörst du!“ Energisch griff Anton Harrys Arm und drückte fest zu. „Das Konzert ist in Livhausen und wir müssen rechtzeitig planen. Die Stadt ist weiter weg, verstehst du!“

[...]

11

Es vergingen Wochen und Monate. In dieser Zeit lernten die Jungs einige Frauen im Club kennen, tanzten viel und genossen die Zeit. Keiner ging jedoch eine feste Beziehung ein. Neue Musik erschien am laufenden Band und in der Sendung auf MTV, die „120 Minutes“ hieß, wurden jede Woche die neuesten Videos aktueller Songs und Bands vorgestellt. Diese Show im Fernsehen anzusehen war zur Pflicht geworden. Neugierig trafen sich die zwei Freunde immer wieder in Plattenläden, jeder hatte eine Liste der Gruppen dabei, die ihnen in der letzten Zeit positiv aufgefallen waren. Diese mussten probegehört werden, was sich im Einzelnen als nicht so einfach gestaltete. Doch Not machte erfinderisch, denn es gab große Ketten an Geschäften, die aktuelle Musik jeglicher Richtungen verkauften und bewarben. Da die neuen Silberlinge, genannt CDs, nicht mehr so viel Platz einnahmen wie die Vinyl Scheiben von damals und günstiger im Einkauf waren, gab es eine riesige Auswahl. In den Läden standen viele kostenlose CD-Spieler zur Verfügung, mit Hilfe derer man ganz einfach neue Scheiben probehören konnte. Ständig kamen neue Platten von Bands mit genialen Songs in die Regale. Während die jungen Männer ihre Musik über die bereitliegenden Kopfhörer genossen, sahen sie auch interessiert zu den Türmen abgelegter CDs, die andere Leute angehört hatten, aber zu faul gewesen waren, diese bei Nichtgefallen zurück ins Regal zu räumen. Erwartungsvoll hofften sie auf die eine oder andere Perle, die ihnen noch nicht bekannt war. So versuchten die Freunde, ihren Wissensdurst mit einer für sie unbekannten Musik zu stillen. In weiteren Geschäften einer anderen Kette standen die Musikfreunde vor sortierten Regalen mit hunderten von CDs. Über ihnen hingen in Ein-Meter-Abständen Kopfhörer, aus denen nonstop Musik schallte. Die gespielte Scheibe wurde darunter ausgestellt, so erfuhr man, was man gerade hörte und konnte sich ganz entspannt durch neue Musikwelten hören. Ob einem der Stil der Band gefiel, war sehr schnell klar und bei Nichtgefallen ging man weiter. Oder man nahm die CD in die Hand, studierte die Songtitel und suchte nach Informationen zur Band, während man der Musik lauschte. Schon seit längerem kaufte kaum noch jemand Vinyl Platten. Die Technik war überholt, trotzdem schworen weiterhin ein paar Hardliner darauf, weil der Klang voluminöser und voller zu sein schien. CDs liefen der Platte aber seit Langem den Rang ab, weil sie praktischer und handlicher waren. In Zeitschriften las man zwar immer wieder Nachrichten darüber, dass die Qualität der Musik auf CDs im Laufe der Jahre nachlassen werde, nur könnte das auch der letzte Versuch gewesen sein, die Vinylscheiben positiv zu bewerten und den Umsatz nicht auf null fallen zu lassen. Die Zeit würde es zeigen. Der Vorteil der CDs war, dass alle Songs des Albums ohne Unterbrechung wiedergegeben werden konnten. Ein Umdrehen der Scheibe war überflüssig geworden.

Zufallswiedergabe, schneller Vorlauf, Titel überspringen mit nur einem Tastendruck: all das waren neue Möglichkeiten der auditiven Unterhaltung. Natürlich wurden die dazugehörigen Discmans ein Erfolg, Musik für unterwegs, ohne Bandsalat wie früher mit dem Walkman für Kassetten. Sie machten diese neue Technik zum Verkaufsschlager. Die Umstellung ging sehr schnell von statten.

Stunden über Stunden verbrachten die beiden dort in den Läden, fast jede Woche einmal. Die eine oder andere Platte wurde natürlich auch gekauft und zu Hause laut gehört. Ohne Rast waren sie gemeinsam in ihrer freien Zeit unterwegs. Ihre Berufe liefen nebenher, der Fokus lag auf der Musik, den Partys und dem dazugehörenden Spaß. Sie hatten mehr Freizeitstress als Stress während der Arbeit oder aber vielleicht nahmen sie Probleme im Job nicht so wahr. Zum einen waren sie öfter müde während der Arbeit, zum anderen dachten Harald und Anton immer schon an den Feierabend und was sie dann tun könnten. Gemeinsam gingen sie der Lebensphilosophie nach: Chillen und Relaxen kann ich auch noch, wenn ich im Altersheim gepflegt werde.

So wurde das Jahr 1996 eingeläutet. Der Chef Deutschlands war weiterhin Helmut Kohl. Im Mai wurde in Kapstadt das erste Mal eine demokratische Verfassung gebilligt und der freigelassene Präsident, Nelson Mandela, der zuvor 26 Jahre lang in politischer Gefangenschaft nie die Hoffnung aufgab, dankte den Deutschen, die die Schwarzen im Kampf gegen das Apartheidregime in Südafrika unterstützt hatten. Mobiltelefone wurden langsam massentauglich, blieben aber sehr teuer. Die „SMS“ (Short Message Service) war der letzte Schrei, sie stieß ein neues Zeitalter der Kommunikation an. Kurze Textnachrichten konnten über ein kleines mobiles Wunderwerk der Technik gesendet werden. Man musste aber immer wieder mal sein Handy „aufräumen“ und Nachrichten löschen, sonst war der Speicher schnell voll. Viele verweigerten noch immer diese Art des Immer-Erreichbar Seins und waren gespannt, ob sich die Technik überhaupt durchsetzen würde. Die Handhabung mittels kleiner Tasten am Gerät war nicht einfach und neben vielen Tippfehlern konnte die Nutzung sehr ins Geld gehen.

Filme brannte man auf Silberlinge, sogenannte DVDs. Die zum Ansehen nötigen Geräte waren aber für Viele unbezahlbar. Das würde keine Zukunft haben, war die allgemeine Meinung. Das Computerprogramm Windows 95 belagerte sowohl die Computer der vielen Internetcafés sowie die Exemplare auf den heimischen Schreibtischen. Die privat genutzten Rechner wurden immer salonfähiger, aber man brauchte Geduld. Das Einwählen mithilfe eines Modems dauerte daheim lange und öfter als es einem lieb war, flog man wieder raus, da das Netz nicht stabil genug war. Gleichzeitig blockierte die Technik Anrufe, denn es war nur möglich, dass entweder im Internet gesurft oder die Leitung für Gespräche freigehalten wurde. Da gab es immer wieder Streit mit den Eltern. Oder den Geschwistern. Bis eine Webseite vollständig hochlud, verging viel Zeit. Die jungen Leute waren von dem Fortschritt trotzdem begeistert. Die Welt war im ständigen Wandel, in Firmen hielt der Computer mehr und mehr Einzug. Man erhoffte sich durch den Einsatz solcher hochtechnologischen Geräte Erleichterung bei der Arbeit, aber am Ende wurde alles nur komplizierter. Für die älteren Arbeitnehmer war das Erlernen schwierig, die Jugend hingegen saugte das Wissen förmlich auf.

Computerspiele sahen noch sehr stark verpixelt aus, wurden aber im Laufe der Zeit nicht nur optisch immer besser. Die kommende Fußball Europameisterschaft in England war in aller Munde. Auch die im Juli in Atlanta beginnende Sommerolympiade wurde bereits vielfältig angekündigt. Das Jahr war cool und einfach der Hammer. Zumindest dachten das die beiden Jungs.

Fin de l'extrait de 356 pages  - haut de page

Résumé des informations

Titre
Livhausen - Die 90er sind zurück
Auteur
Andreas Trautwein (Auteur)
Année de publication
2026
Pages
356
N° de catalogue
V1701825
ISBN (ebook)
9783389177631
ISBN (Livre)
9783389177648
Langue
allemand
mots-clé
90er Jahre 90er Livhausen D-Mark
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Andreas Trautwein (Auteur), 2026, Livhausen - Die 90er sind zurück, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1701825
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Extrait de  356  pages
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