Rechtsextremismus in der DDR

Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung


Hausarbeit, 2008
25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Thema, Fragestellung und Eingrenzung
1.2. Quellenlage und Forschungsstand

2. Die Entlarvung der faschismusfreien Zone

3. Ursachen für Rechtsextremismus
3.1. Rechtsextremismus als Jugendprotest
3.2. Staatlich verordneter Antifaschismus als Wurzel des Rechtsextremismus?
3.3. Interpretation und Definition von Nationalsozialismus und Rechtsextremismus

4. Skinheads in der DDR
4.1. Neonazis/Skinheads
4.2. Die jugendlichen Skinheads

5. Die Situation der Ausländer in der DDR

6. Skinheads und die Wende

7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Betrachtung des Rechtsextremismus in der DDR

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Thema, Fragestellung und Eingrenzung

In der Arbeit mit dem Thema „Rechtsextremismus in der DDR“ soll gezeigt werden, dass auch die „Antifaschistischen Staaten des Realexistierenden Sozialismus“ sich mit dem Problem des Rechtsextremismus auseinander zu setzen hatten.

Stellte die DDR sich nach Außen als ein Staat dar, der das Problem des Rechtsextremismus seit 1950 hinter sich gelassen hatte, obwohl die Staatsführung von den rechtsextremen Vorkommnissen im eigenen Land wusste, ließ sich dieser Schein seit dem 17. Oktober 1987 nicht mehr aufrecht erhalten. Mit dem Überfall rechtsextremer Jugendlicher auf die Zionskirche wurde der Öffentlichkeit die Realität vor Augen geführt. Die Unzufriedenheit im eigenen Land hatte vor allem unter den Jugendlichen zu Protestverhalten geführt, die sich auch in der Skinheadbewegung nieder schlugen. Der Mangel an Konsumgütern, die ständige Propaganda der faschismusfreien Zone, und die einseitige Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte hatte dazu geführt, dass der Staat nicht mehr die politische Erziehung bei der Jugend durchsetzen konnte. Viele Jugendliche ließen sich von ihren Familien über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich aufklären. Dieser Wissensdurst, der Drang nach persönlicher Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung führten immer mehr zum Zweifel am Sozialismus. Bei einigen Jugendlichen ging das soweit, dass sie sich dem Rechtsextremismus zuwandten.

In diesem fanden sie den Ersatz für die verlorene Autorität und Orientierung, sowie auch Akzeptanz und emotionale Geborgenheit.

Seit Ende der 50er Jahre hielt die Skinheadbewegung Einzug in die DDR. Vor allem in der 80ern machte sie immer wieder mit Überfällen auf Ausländer auf sich aufmerksam. In dieser Zeit hatte diese Gruppierung den größten Zulauf an Jugendlichen. Aufgrund des öffentlichen Drucks, Überwachungen und Benachteiligungen fingen die Skinheads an sich unauffälliger zu bewegen und die Organisationen der DDR zu „infiltrieren“.

Der Großteil der rechtsextremen Jugendlichen war zwischen 16 und 25 Jahren alt. Rechtsextremfreundliche Ansichten wurden jedoch in allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten vertreten. Vor allem die rund 190.000 Gastarbeiter hatten darunter zu leiden. Von der Gesellschaft abgetrennt wurden sie in Wohnheimen untergebracht, um einen privaten Kontakt mit der DDR-Bevölkerung zu vermeiden. Obwohl ihre gesellschaftlichen und sozialen Umstände schlecht waren, profitierten sie von einigen Privilegien, die der normale DDR-Bürger nicht hatte. Diese Privilegien führten dazu, dass der Neid auf die Ausländer und der Rassismus noch weiter verschärft wurden. Mit der Wende und dem Wegbruch der Kontrollorgane brach der angestaute Hass sich in den Ereignissen von Hoyerswerda, Rostock und Mölln seine Bahn. Diese Ereignisse werfen heutzutage noch ihre Schatten und lassen immer wieder daran erinnern, dass der Rechtsextremismus immer präsent ist und nicht unterschätzt werden sollte.

1.2. Quellenlage und Forschungsstand

Als Basis für die verwendeten Werke dieser Arbeit dienten die Untersuchungen von Wolfgang Brück. Aufbauend auf seinen Forschungen, dienten vor allem die Werke von Wolfgang Melzer[1], Klaus Farin/Pielen Seidel[2], Bernd Siegler[3] und Holger Bredel[4]. Diese Werke bieten einen detaillierten Überblick über den Rechtsextremismus in der DDR. Dabei stellen alle zugleich auch immer einen Vergleich zu den Umständen des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik an.

Vor allem Holger Bredel gibt einen guten Gesamtüberblick über das Phänomen der Skinheads, die speziell den Rechtsextremismus vertraten. Besonders der bibliographische Anhang ist von großer Bedeutung und deckt einen bedeutenden Teil der Forschungsliteratur ab.

Aufgrund der Vertuschungskampagnen der DDR-Staatsführung sind aus der Zeit der 80er Jahre, um die es sich in dieser Arbeit hauptsächlich handelt, so gut wie keine offiziellen Forschungen durchgeführt und veröffentlicht worden, so dass die meiste Literatur erst nach der Wende entstehen konnte.

Bei Bernd Siegler und Britta Bugiel[5] wird im speziellen die Problematik der Gastarbeiter in der DDR thematisiert. Neben privaten Lebensumständen, gesellschaftlichen Problemfeldern und der Arbeitssituation werden vor allem der Rassismus und die Gewalttaten rechtsextremer Jugendlicher herauskristallisiert.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist die Abhandlung Frank Schumanns.[6] Dabei werden die Ausführungen über den Rechtsextremismus in der DDR und nach der Wende durch Interviews mit Zeitzeugen, welche in der DDR Wissenschaftler bzw. Kriminalpolizisten waren, ergänzt. Dadurch ist es gelungen, die Schwierigkeit mit dem Umgang des Rechtsextremismus zu Zeiten der DDR zu verdeutlichen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass direkt nach der Wende in der forschungsfreien Bundesrepublik viele Arbeiten zu dem Thema Rechtsextremismus in der DDR erschienen.

Ergänzt wurde die Arbeit durch Internetquellen, die das Augenmerk erst auf diese Problematik lenkten.

2. Die Entlarvung der faschismusfreien Zone

Mit dem Überfall einer Gruppe Neonazis am 17. Oktober 1987 auf die Ost-Berliner Zionskirche wurde der DDR-Öffentlichkeit endgültig die Existenz von Rechtsextremismus im eigenen Land vor Augen geführt. An diesem Abend spielte eine Ost-Berliner sowie West-Berliner Punkband in dieser Kirche.[7]

Unter „Sieg Heil“ und „Juden raus aus deutsche Kirchen“ Rufen[8], stürmten die siebzehn bis dreiundzwanzig Jahre alten Männer die Kirche, welche in den 80er Jahren ein Symbol für Opposition und Widerstand darstellte, und verletzten dabei einige Konzertbesucher. Ohne dass die Polizei zunächst einschritt, konnten die Skinheads den Ort der Auseinandersetzung wieder verlassen. Erst als es zu weiteren Belästigungen in der Straßenbahn kam, wurden einige Skinheads festgenommen. Der Vorfall wurde jedoch von Seiten der DDR-Funktionäre nicht weiter verfolgt. Erst als der RIAS von dem Überfall berichtete und weitere Westmedien dieses Thema aufgriffen, wurde die Polizei in Ost-Berlin aktiv. Am 3. Dezember 1987 kam es zur Verurteilung von vier Hauptangeklagten, welche aber nicht wegen faschistischen und antisemitischen Parolen, sondern aufgrund Rowdytums und öffentlicher Herabwürdigung verurteilt wurden. Der per Verfassungsdekret von 1964 erklärte antifaschistische und faschismusfreie Arbeiter und Bauernstaat zeigte, dass selbst der real existierende Sozialismus mit den „Problemen des Westens“ zu kämpfen hatte.[9]

3. Ursachen für Rechtsextremismus

3.1. Rechtsextremismus als Jugendprotest

Mit der ersten Skinhead-Gruppierung Anfang der 80er Jahre bildete sich eine Jugendbewegung, die sich vor allem durch ihr Protestverhalten auszeichnete. Dabei handelte es sich, um Jugendliche welche sich zusammenschlossen, um eigenständige, andere Freizeitprofile zu entwickeln.[10]

Die Skinheadbewegung dabei zu belassen, wäre jedoch eine zu vereinfachte und auch falsche Darstellung.

Schon vor der aufkommenden Skinheadbewegung in der DDR, versuchten Jugendliche, durch nationalsozialistische Parolen und Symbole die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Durch antikommunistische Verleumdungen wurde der Staatsmacht die „ablehnende oder feindliche Haltung zur DDR“ zur Schau getragen.

Für die Funktionäre wurden diese Jugendlichen durch die „neonazistischen Entwicklungen in der BRD inspiriert“. Zudem begünstigten mangelnde Erziehungsbereitschaft und die Herkunft aus „asozialen“ Familien die Bereitschaft sich der Skinheadbewegung anzuschließen. Des Weiteren stellte das Ministerium für Volksbildung Ende der 70er Jahre fest, dass die Rädelsführer sich vor allem aus Vorbestraften rekrutierten. Eine genaue Untersuchung von Straftaten 1987 legte dar, dass es sich bei den Analysen hauptsächlich um typische Vorurteile gehandelt hatte. Denn unter den Jugendlichen fanden sich auch Kinder von Angehörigen der Volksarmee und Mitarbeiter des Partei- und Staatsapparates.[11]

1988 führte das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig (ZIJ) eine Untersuchung durch, in der festgestellt wurde, dass sich 2% der DDR Jugendlichen zu den Skins zählten und 4% mit ihnen sympathisierte. Neben Anhängern der Skinheadbewegung vertraten auch 10 bis 15% der Jugendlichen, insbesondere Lehrlinge und Schüler, verharmlosende Sichtweisen in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus.[12]

3.2. Staatlich verordneter Antifaschismus als Wurzel des Rechtsextremismus?

Mit dem 1949 erfolgten Neubeginn sollten durch personelle Säuberungen in Staat, Wissenschaft und Wirtschaft sowie durch Enteignungen und Bodenreformen die strukturellen Voraussetzungen des Nationalsozialismus beseitigt werden. Mit diesen Maßnahmen und der Verurteilung von 12.147 ‚Kriegsverbrechern und Verbrechern gegen die Menschlichkeit bis 1950 wurde die Gefahr einer späteren rechtsextremen Entwicklung offiziell gebannt.[13]

Damit wurde die Aufarbeitung abgeschlossen. Der Staat konnte sich nun dem „Aufbau des Sozialismus“ zuwenden. Gleichzeitig wies die DDR jegliche Verantwortung für die von den Deutschen begangenen Verbrechen von sich.[14]

Zwar wurde in den Schulen den DDR-Jugendlichen die Zeit des Nationalsozialismus gelehrt, jedoch beschränkte er sich auf die Ausplünderung und Vernichtung anderer Völker, den antifaschistischen Widerstandskämpfern und den Terror dem die Kommunisten ausgesetzt waren.

Christlicher und/oder sozialdemokratischer Widerstand, das Alltagsleben der Deutschen im Nationalsozialismus, Erfahrungen von Wehrmachtsangehörigen, die Probleme des Führerkults und die Verführbarkeit der Massen wurden völlig ausgeblendet.[15]

Aber nicht nur der Geschichtsunterricht wurde vom Antifaschismus geprägt. Die Gesellschaft wurde durch verschiedenste Mythen von der Entnazifizierung beeinflusst. So propagierte der Mythos von der Stunde Null den völligen Neubeginn und eine radikale Abkehr von der Vergangenheit des Dritten Reiches. Die Hauptverantwortung für diese Vergangenheit wurde den Großindustriellen und Militärs zugeschrieben. Die Arbeiterklasse wurde zur antifaschistischen Größe deklariert, um so ihre Führungsrolle in der sowjetischen Besatzungszone zu untermauern. Ein weiterer Mythos war der von der Gründung der DDR als Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Volkes. Durch den Kalten Krieg konnte die Verdrängung weiter vorangetrieben werden. Dem jeweils anderen deutschen Staat wurde die Schuld am Faschismus zu geschoben. Durch den ständigen propagandistischen Gebrauch der Wörter Faschismus und Antifaschismus, die Bonner Regierung wurde oft als faschistischer Terror, der 17. Juni 1953 als faschistischer Putsch, sowie die Mauer als antifaschistischer Schutzwall bezeichnet, wurden diese Begriffe zu Worthülsen des DDR Staatsapparates. Auch der Mythos von den Siegern der Geschichte, zu denen sich die DDR, dank ihres Antifaschismus und des engen Bruderbundes mit der Sowjetunion, zählte, trug ihren Teil dazu bei, dass ein großer Teil der DDR- Bevölkerung stolz die NS-Vergangenheit in der DDR als bewältigt ansah und sich somit diesen Fragen gar nicht mehr stellte. Besuche von KZ-Gedenkstätten, Kundgebungen und Zusammenkünfte mit ehemaligen Widerstandkämpfern bildeten immer wieder die wichtigsten Formen des Umganges mit der Geschichte von 1933-45. Diese Auseinandersetzungen mit der Geschichte wurden pädagogisch jedoch weit überschätzt, denn bei vielen Besuchern konnten meist nur kurzfristige emotionale Effekte nachgewiesen werden. Bei desinteressierten Jugendlichen kam es sogar zu kontraproduktiven Wirkungen.

Somit wurde der antifaschistische Grundpfeiler der DDR-Volksbildung vermehrt in den 80er Jahren durch Jugendliche hinterfragt.[16]

[...]


[1], Melzer, Wolfgang: Jugend und Politik in Deutschland, Gesellschaftliche Einstellungen, Zukunftsorientierte und Rechtsextremismus-Potential Jugendlicher in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1992.

[2] Farin, Klaus/Seidel-Pielen, Eberhard: Rechtsruck, Rassismus im neuen Deutschland, Berlin 1992.

[3] Siegler, Bernd: Rechtsextremismus in der DDR und den neuen Ländern, in: Mecklenburg, Jens(Hrsg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996.

[4] Bredel, Holger: Skinheads, Gefahr von Rechts, Berlin 2002.

[5] Bugiel, Britta: Rechtsextremismus Jugendlicher in der DDR und in den neuen Bundesländern von 1982-1998, Münster 2002.

[6] Schumann, Frank: Glatzen am Alex, Rechtsextremismus in der DDR, Berlin 1990.

[7] Dr. Kowalski, Ilko-Sascha: Der Überfall von Neonazis auf die Zionskirche im Oktober 1987,in: http://www.bstu.bund.de/nn_715182/DE/MfS-DDR-Geschichte/Einzelthemen/Themenarchiv/Zionskirche/zionskirche__inhalt.html__nnn=true, 23.12.07, 00:38.

[8] Weiß, Konrad: Die neue alte Gefahr, Junge Faschisten in der DDR, in: http://www.bln.de/k.weiss/tx_gefah.htm, 23.12.07, 00:47.

[9] Wittrock, Philipp: Faschismus made in DDR, in: http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/494/helene_heise_faschismus_made_in_ddr.html, 23.12.07, 01:11.

[10] Bugiel, Britta: Rechtsextremismus Jugendlicher in der DDR und in den neuen Bundesländern von 1982-1998, S.132.

[11] Zimmermann, Verena: „Den neuen Menschen schaffen“, S.91ff.

[12] Melzer, Wolfgang: Jugend und Politik in Deutschland, S. 141.

[13] Neubacher, Frank: Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, S. 22.

[14] Ebd., S, 24.

[15] Melzer, Wolfgang: Jugend und Politik in Deutschland, S. 142.

[16] Schubarth, Wilfried/Schmidt, Thomas: „Sieger der Geschichte“, S.12ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Rechtsextremismus in der DDR
Untertitel
Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V170266
ISBN (eBook)
9783640890200
ISBN (Buch)
9783640889846
Dateigröße
1943 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stasi, Skinheads, Neonazis, Jugendprotest, Zionskirche, Punks, Zone, FDJ, NVA, Wende, Ausländer, Realsozialismus
Arbeit zitieren
MAGISTER ARTIUM Karsten Mertens (Autor), 2008, Rechtsextremismus in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170266

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