Gerschenkron in China: Ist die Volksrepublik ein erfolgreicher Spätentwickler?


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. „Economic Backwardness in Historical Perspective“- Eine Zusammenfassung

3. Die Deutsche Industrialisierung
3.1 Der internationale Kontext.
3.2 Die politische Entwicklung
3.3 Die wirtschaftliche Entwicklung
3.4 Das Bankensystem

4. Die Volksrepublik China.
4.1 Der internationale Kontext
4.2 Die politische/wirtschaftliche Entwicklung
4.3 Das Bankensystem

5. Zusammenfassung

6. Literatur

7. Anhang

1. Einleitung

Im Jahre 1951 präsentierte Alexander Gerschenkron an der Universität Chicago erstmals sein berühmt gewordenes Essay „Economic Backwardness in Historical Perspective“.[1] Darin beschreibt er die Vorteile und den Prozess nachholender industrieller Entwicklung von mäßig rückständigen Ländern während der Industrialisierung in Europa im 19. Jahrhundert. Die Aneignung von bereits vorhandenem Wissen über moderne Techniken und Produktionsweisen aus den entwickelten Ländern gemischt mit der Entstehung von Institutionen und Ideologien sui generis verhalfen den rückständigen Ländern zu einer schnellen industriellen Entwicklung. Je nach Grad der Rückständigkeit spielte dabei das Bankensystem oder der Staat eine entscheidende Rolle (Gerschenkron 1962).

Diese Hausarbeit untersucht, inwiefern China im „gerschenkronischen“ Sinne als erfolgreicher Spätentwickler gilt und ob sich im Reich der Mitte ebenfalls Institutionen eigener Art entwickelt haben. Im Mittelpunkt steht dabei das chinesische Bankensystem. Zunächst wird jedoch das Essay von Gerschenkron genauer erläutert um seine Behauptungen zu verdeutlichen. Da für ihn das Deutsche Reich ein Paradebeispiel gelungener Spätentwicklung ist, wird anschließend die deutsche Entwicklung vorgestellt. Darauf aufbauend wird dann in den fernen Osten geschaut und vergleichend analysiert, wie die chinesische Entwicklung nach Gerschenkron eingeordnet werden könnte.

2. „Economic Backwardness in Historical Perspective“- Eine Zusammenfassung

Nach Gerschenkron entfalten sich in einem Land, in dem der Prozess der Industrialisierung verhältnismäßig später beginnt, andere Produktions- und Organisationsstrukturen als in den bereits entwickelten Ländern. Es bilden sich Institutionen heraus, die in den schon entwickelten Ländern nie entstanden sind, da sie nicht benötigt wurden. Auch die Ideologie unterscheidet sich signifikant von denen der entwickelten Länder (Gerschenkron 1962: 7). Des weiteren gilt, je rückständiger ein Land ist, desto schneller wird die industrielle Entwicklung verlaufen, da Wissen über Techniken und effektive Produktionsweisen aus den entwickelten Ländern importiert werden kann. Diese beschleunigte Entwicklung bezeichnet Gerschenkron auch als „great spurt“ (Ebd. 353). Die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Großunternehmen mit Konzentration auf Produktions- statt

Konsumgütern ist in rückständigen Ländern höher, die Produktivitätsrate im Agrarsektor ist in der Regel niedrig.

Die Möglichkeiten eines Landes, sich zu industrialisieren, sind zudem abhängig von natürlichen Ressourcen, dem Klima und der Beseitigung bestimmter Hindernisse, beispielsweise die Abschaffung von einer Unterdrückung großer Bevölkerungsgruppen (Ebd. 26) oder der Unwille politischer Eliten wirtschaftliche Reformen durchzuführen (Acemoglu & Robinson 2006). Schließlich ist der Grad der Rückständigkeit noch entscheidend, denn wenn ein Land ein bestimmtes Limit an Rückständigkeit unterschreitet, kann eine erfolgreiche Spätentwicklung kaum aus sich selbst heraus entstehen, stattdessen muss der Staat aktiv eingreifen. Dieses Eingreifen erzeugt jedoch ein gewisses Risiko, da die Geschichte gezeigt hat, dass es unter solchen Umständen nicht selten zu Diktaturen gekommen ist und langfristig zu Kriegen. Stark rückständige Länder stellen somit auch eine Gefahr für entwickelten Länder da (Ebd. 29L). In mäßig rückständigen Ländern hingegen muss sich ein starker Bankensektor herausbilden, da das Kapital knapp ist. Tabelle 1 verdeutlicht diese bestimmte Rangfolge der Institutionenentwicklung (vgl. Anhang Tab.i).

Außerdem betont Gerschenkron, dass es unterschiedliche Ausgangssituationen für die europäischen Ländern gab. Deshalb stellen die Entwicklungen der Länder, die nach Groß Britannien folgten, auch keine Kopie der Entwicklung des Königreichs dar, sondern eigene verschiedene Prozesse. Der Druck einer schnellen nachholenden industriellen Entwicklung lastete jedoch auf allen. Bedingungen wie natürliche Ressourcen, Klima, institutionelle Hindernisse oder Handel sollten für jedes Land einzeln betrachtet werden.

Eine kurze Kritik sei an dieser Stelle gestattet. Gerschenkron liefert keinerlei Definitionen für entwickelte oder spätentwickelte Länder, was eine Einteilung anderer Länder in seine Theorie maßgeblich erschwert. Er betont, dass ein Limit an Rückständigkeit nicht unterschritten werden darf, damit eine erfolgreiche Spätentwicklung möglich ist (Ebd. 14), aber wo ist sind die Grenzen? Ferner konzentriert er sich nur auf die Schwerindustrie, bedeutet dies, nachholende Entwicklung ist nur im Bereich der Schwerindustrie möglich? Schließlich betont er zwar, dass er sich nur auf die europäischen Länder während des 19. Jahrhunderts konzentriert, springt dann aber doch plötzlich nach Indien (Ebd. 9), dann nach Mexiko (Ebd. 28) und verweist an anderer Stelle auf Japan (Ebd. 7). Da diese Hausarbeit aber ebenfalls einen Sprung in den außereuropäischen fernen Osten wagt, soll diese Beobachtung nur als Hinweis, nicht aber als negative Beurteilung wahrgenommen werden.

Eine vertiefende Kritik muss an dieser Stelle aufgrund des Umfangs der Arbeit abgebrochen werden und die angedeuteten Kritikpunkte sollten ebenfalls relativiert werden, da das Essay von Gerschenkron bis heute Einfluss auf diverse Wissenschaftler ausübt und als Standardliteratur gilt. Wichtig für diese Arbeit bleibt festzuhalten, dass es in Ländern mit nachholender Entwicklung zur Entstehung anderer Institutionen kommt als in vorzeitig industrialisierten Ländern. In mäßig rückständigen Ländern spielen die Banken eine besondere Rolle aufgrund des Kapitalmangels, in stark rückständigen Ländern greift der Staat aktiv in die Wirtschaft ein.

3. Die deutsche Industrialisierung

3.1 Der internationale Kontext

Je nach Definition des „Take-Off“ oder „Great Spurt“, wie Gerschenkron es nennt, startete die deutsche Industrialisierung zwischen 1830 und 1870.[2] In diesem Zeitraum war es vor allem England, das durch das eigene Wirtschaftswachstum Druck auf die anderen Länder ausübte. Gerschenkron beschreibt England als entwickeltes Land, das sich aus den Unternehmen heraus entwickelte und deshalb weder Banken noch den Staat als institutionelle Wirtschaftshilfe benötigte. Gründe für die frühe Entwicklung Englands waren unter Anderem die frühe politische Einheit, die Einführung von Eigentumsrechten, der Zugang zu natürlichen Ressourcen durch die Kolonien und die liberalen Denker, beispielsweise Adam Smith oder David Ricardo, die diese Epoche prägten. Zudem wurde bereits 1694 die „Bank of England“ gegründet, die Basis der staatlichen Anleihepolitik (Schremmer 1994: 3L; 132; 200).

Neben England fingen auch Frankreich, Österreich, Italien, die Schweiz und Belgien an, wirtschaftlich zu wachsen. Diese Länder werden nach Gerschenkron wie Deutschland als mäßig rückständig eingeordnet (Gerschenkron 1962:16). Viele andere Länder aus dieser Zeit sind allerdings als extrem rückständig zu bezeichnen. In Europa betraf dies vor allem Russland, aber auch andere osteuropäische Länder

sowie skandinavische Länder wie Dänemark hatten zur Zeit des deutschen „Take- Offs“ noch eigene Entwicklungshemmnisse zu überwinden (Gerschenkron 1966). Insgesamt stand Deutschland also unter einem Entwicklungsdruck, vor allem durch England, aber gleichzeitig hatte es schon Vorsprünge gegenüber den meisten noch rückständigeren Ländern.

3.2 Die politische Entwicklung

Am Ende des 18. Jahrhunderts war das „Heilige Römische Reich Deutscher Nationen“ ein lockerer Zusammenschluss von Territorien und freien Städten mit unterschiedlicher Macht, zentrale politische Institutionen existierten nicht (Pierenkemper & Tilly 2004: 3). Die territorialen Grenzen und politischen Machtbezirke verschoben sich noch häufiger in den folgenden Jahrzehnten, so nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803, dem Wiener Kongress 1815, nach der Auflösung des Deutschen Bundes 1866 und ab 1871 nach der Gründung des deutschen Kaiserreiches. Politische Zersplitterung ist nach Gerschenkron ein Hindernis wirtschaftlicher Entwicklung, denn der innerdeutsche Handel war bis in die 1830er Jahre aufgrund der vielen kleinen Staaten und der intensiven Grenz- und Zollpolitik der Fürstentümer stark eingeschränkt. Zusätzlich prägtejedes Fürstentum seine eigenen Münzen, wodurch es zu diversen Münzen mit unterschiedlichen Werten kam. Händler mussten extra Geldschätzer einstellen, die den Wert der jeweiligen Münzen vermuteten (Ebd. 34ff.). Handel war also mit hohen Transaktionskosten verbunden. Diese Ineffektivität verlangte nach Verbesserung. Die Lösung war die Gründung des Deutschen Zollvereins (1834-1866).[3] Der Verein schaffte eine relative Freihandelszone und reduzierte die vielfältigen Währungen auf Taler und Gulden. Nach dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 zerbrach der Zollverein und wurde ersetzt durch den Norddeutschen Bund. Dieser führte eine einheitliche Währung ein und besaß ein eigenständiges Parlament, das Zollparlament (Ebd. 1of.).

Nach der kurzen Phase des Norddeutschen Bundes (1866-1870) kam es schließlich 1871 zum Deutschen Kaiserreich und es entwickelte sich ein dichtes System von zentralen politischen Institutionen (Nipperdey 1995:112).

Die policy der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war merkantilistisch geprägt durch den ökonomischen Nationalismus von Friedrich List (1789-1846).

[...]


[1] In einem interdisziplinären Seminar zur wirtschaftlichen Entwicklung stellte er sein Essay zum ersten Mal vor, kurze Zeit später wurde es im „Economic Development and Cultural Change“ publiziert. 1962 veröffent­lichte er ein gleichnamiges Buch, in dem das Essay ebenfalls enthalten ist (Carnaje & Harina 2009: 2).

[2] Gerschenkron zufolge beginnt die deutsche Industrialisierung Anfang der 1840er Jahre, nach Hoffmann und Rostow zählen bereits die 1830er Jahre dazu, Tilly hingegen spricht erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts von einer „Take-Off‘ Periode (Vgl. Gerschenkron 1962; Hoffmann 1969: 144; Tilly 2004: xvi).

[3] Erste Vorläufer des Zollvereins entstanden bereits ab 1820 zwischen Bayern, Württemberg, Baden, dem Großherzogtum Hessen/Darmstadt undNassau (Pierenkemper & Tilly 2004: 8f.).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gerschenkron in China: Ist die Volksrepublik ein erfolgreicher Spätentwickler?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
States and Markets - Internationale Politische Ökonomie
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V170317
ISBN (eBook)
9783640890828
ISBN (Buch)
9783640890996
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerschenkron, china, volksrepublik, spätentwickler
Arbeit zitieren
Anna-Katharina Dhungel (Autor), 2011, Gerschenkron in China: Ist die Volksrepublik ein erfolgreicher Spätentwickler?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170317

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