Zivilisatorische Reststoffe als Gegenstand im Kunstunterricht

Eine Auseinandersetzung mit zivilisatorischen Reststoffen im fächerübergreifenden Kunstunterricht unter Beachtung des neuen Bildungsplankonzepts sowie aktueller Kunstpositionen


Examensarbeit, 2003

125 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Vorwort - Einleitung

1 Zivilisatorische Reststoffe – Symptom und Herausforderung unserer Gesellschaft
1.1 Definitionen
1.1.1 Der Begriff: Reststoff, Abfall und Müll
1.1.2 Der Begriff als abhängige Variable von Gesetz und DIN-Norm
1.1.3 Eigene Begriffsfestlegung
1.2 Phänomenologie
1.2.1 Die rechtliche Dimension – der Wert
1.2.2 Die Dimension des Handelns
1.2.3 Die zeitliche und räumliche Dimension
1.2.4 Die Dimension des Objekts und des Materials
1.3 Das Recyceln
1.3.1 Geschichte des Recycling in der westlichen Welt
1.3.2 Kategorisierung von Abfall über Recyclingarten
1.3.3 Techniken in Verwertungsverfahren von Feststoffen
1.3.4 Das Sortieren
1.3.5 Das Reinigen und Instandsetzen
1.3.6 Das Zerlegen und Demontieren
1.4 Das Sammeln
1.5 Das Werfen und das Knüllen
1.6 Umwelterziehung durch Müllsensibilisierung
1.6.1 Die Situation in unserer Gesellschaft
1.6.2 Folgerungen für eine neue Verantwortung

2 Der Aspekt Abfall in der Kunst
2.1 Der Aspekt Abfall in Kunstgeschichtlichem Rückblick
2.1.1 Bildthema Abfall in verschiedenen Epochen europäischer Kunstgeschichte
2.1.2 Verwendung von Abfall als Material in Kunst verschiedener Stile in Europa
2.2 Der Aspekt Abfall in der aktuellen Kunst
2.2.1 Die Topoi
2.2.2 Michel Blazy
2.2.3 Tony Gragg und die jungen britischen Bildhauer
2.2.4 Koken Nomura und Nana Petzet

3 Elemente kunstpädagogischer Arbeit zum Thema Abfall
3.1 Basiselement Ästhetik
3.1.1 Überlegungen zur Ästhetik und Schule im Kontext Abfall
3.1.2 [EXKURS 1: Kunstgeschichte]
3.1.3 Kunstpädagogische Ansätze, die ästhetische Aspekte betonen
3.2 Basiselement Wissenschaft und Kunst
3.2.1 Überlegungen zum Verhältnis der Kunst zur Wissenschaft
3.2.2 Kunstpädagogische Ansätze, die mit dem Dialog von Wissenschaft und Kunst umgehen
3.3 Basiselement Handwerk
3.3.1 Überlegungen zur handwerklichen Seite
3.3.2 Exkurs 2: Das Kunstwerk
3.3.3 Kunstpädagogische Ansätze, die handwerkliche Aspekte bevorzugen
3.4 Basiselement soziale Verantwortung
3.4.1 Überlegungen eine soziale Verantwortung zu initiieren
3.4.2 Exkurs 3: Therapeutische Chancen in der Kunsterziehung
3.4.3 Kunstpädagogische Ansätze, die sich ihrer sozialen Verantwortung stellen
3.5 Basiselement Philosophieren
3.5.1 Überlegungen zum Gehalt des Philosophierens im Kontext Abfallkunst und Pädagogik
3.5.2 Exkurs 4: Kunstpädagogik als künstlerische Praxis (Maset)
3.5.3 Kunstpädagogische Ansätze, die viel Raum für philosophische Fragen lassen
3.6 Basiselement Spiel
3.6.1 Überlegungen zum Spielerischen in der Kunst
3.6.2 Kunstpädagogische Ansätze, die das Spielen im Kunstunterricht bevorzugen
3.7 Abschließender Gedanke

4 Konzeption einer Lerneinheit zum Thema Abfall im Sinne des neuen Lehrplans der Grundschule
4.1 Der neue Bildungsplan Grundschule 2004
4.1.1 Bildungsplanidee und die 6 Basiselemente
4.1.2 Bildungsplanneuerung: Mensch, Natur und Kultur und die Abfallthematik
4.2 Lerneinheit Abfall – Kunst – Ökologie
4.2.1 Unterrichtliche Rahmenbedingungen
4.2.2 Materialbeschaffung und Aufbereitung
4.2.3 Arbeits/Werkstattorganisation
4.2.4 Allgemeine Überlegungen zu Struktur und Konzeption
4.2.5 Konkrete Lerneinheit Müllsünder/Farbendieb

Literatur
1 Veröffentlichungen
2 Internet

Bilderverzeichnis
1 Abbildungen
2 Tabellen

Anhang
01 Die Anhänge des KrW-/AbfG
02 Personeninformationen
03 Datenmüll
04 Pressestelle des Kultusministeriums, 28. März 2002

Vorwort - Einleitung

Diese Arbeit möchte unter der Prämisse des neuen Bildungsplans (GS: Natur und Kultur) eine Brücke bauen, innerhalb des neu entstehenden Bereichs einer Verschmelzung von Kunst mit Heimat- und Sachunterricht bzw. Biologie und der daraus resultierenden Ökologieverantwortung.

Die Intention zu diesem Thema kam mir in Westafrika – Dakar. Durch die ethnologische Relation anderer Lebensweisen und speziell dem Umgang mit Abfall entdeckte ich eine neue Faszination für das einfache Leben und dem direkten Lebensweltbezug unseres Handelns. Die großen Unterschiede im Lebensstandard und der Rechte der Bevölkerung zusammen mit dem Wissen um die Ungerechtigkeit des globalen Welthandels entwickelten bei mir den Wunsch eine neue Sensibilität für unseren (zu) hohen Lebensstandard[1] herauszuarbeiten.

Ich möchte in dieser Arbeit deduktiv vorgehen, damit die erarbeitet Basis für immer neue Konkretionen und Situationen verwendet werden kann. Dadurch ergibt sich allerdings eine aufwendige, theoretische, hermeneutisch geprägte Arbeit, um einen ausreichend umfassenden allgemeinen Rahmen und überblickenden Standpunkt zu gewährleisten. Ich hoffe, dass mir das durch Auswertung sowohl rechts- und wirtschaftswissenschaftlicher Werke der Recyclingindustrie, soziologischer und christlich-ethischer Auseinandersetzungen als auch durch die Sondierung der Kunstgeschichte und aktueller Künstlerpositionen einigermaßen gelungen ist.

Ich möchte die Chance wahrnehmen, rechtzeitig Konzepte für einen gelingenden, anspruchsvollen Unterricht im Rahmen des neuen Bildungsplankonzepts zu bieten.

Dabei steht an erster Stelle die umfangreiche Auseinandersetzung mit dem gewählten Problembereich zivilisatorischer Reststoffe.

Die phänomenologische Auseinandersetzung mit Müll im weiteren Sinne, also mit Recyclingverfahren und Umgang mit Müll in unserer Gesellschaft, soll eine Betrachtung darüber sein, gängige Alltagsprozesse und Tätigkeitsprinzipien, die in einer intakten modernen Gesellschaft nötig sind, für den Kunstunterricht zu nutzen und deren Gehalt für künstlerische Produktion fruchtbar zu machen. Weiter geht es darum, diese Alltagsmechanismen im Künstlerhandeln aktueller Künstler wiederzufinden, und nicht zuletzt die kunstpädagogische Praxis zu reflektieren und auf ihre Verbindung hin zu und auf ihren Nutzen für die Lebenswelt der Kinder und späteren Gestalter unserer Gesellschaft zu untersuchen.

Immer lauter wird der Ruf nach innovationsbereiten und –kompetenten Personen, die genügend Risikobereitschaft mitbringen selbstständig, wirtschaftlich, existenzgründend aktiv zu werden. Die Wissenschaft und auch die Wirtschaft haben dies schon lange erkannt und sind auf Künstler zu gegangen (siehe KUNSTFORUM: Dialog und Infiltration. Bd. 144. 1999).

Auf drei Ebenen soll das gerade angerissene Konzept Nutzen für den KU möglich machen: Erstens sollen neue Materialien und Arbeitstechniken für die Praxis im KU erschlossen werden, die eigene Arbeitsmethode soll in zweierlei Richtung überdacht werden: (1.) Wo kann schonender mit dem Material umgegangen werden bzw. wo können Materialien in einem kaskadierendem System zur vollen Ausschöpfung der Wertstoffe verarbeitet werden und so eine Art Stoffkreislauf installiert werden. (2.) Wo können u.a. dadurch künstlerische Methoden durch Mechanismen des Recyclings ergänzt und erneuert werden.

Zweitens geht es um eine neue Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung im künstlerischen Handeln, die über die bewusste Auseinandersetzung mit Problemen und Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft in beinahe syntopischer Weise – weil zugleich ökologisch ökonomisch künstlerisch –, und somit auf vielschichtigen Ebenen Kompetenzen erschließt.

Gleichzeitig und drittens soll diese Auseinandersetzung aktuelle Kunst in den Kunstunterricht einbinden, da viele Handlungsprinzipien der Müllverwertung in ihr zu finden oder mit ihr zu assoziieren sind, wie auch das Prinzip der Integration von Alltagshandlungen in die Kunstpraxis einem aktuellen Kunstverständnis zuzuordnen ist.

Deshalb soll auch die kunstgeschichtliche Betrachtung fokussiert auf die Ikonografie und Materialikonografie nur in einem reduzierten Überblick stattfinden.

Der offene interaktive Charakter neuer Handlungsmethoden im Kunstunterricht soll das soziale Gefüge der Klasse stärken und den Schülern Lernfelder für Kompetenzen im Bereich sozialer Verantwortung und emotionaler Intelligenz bieten.

Ein kritisch reflektierender Umgang mit den impliziten Grundhaltungen von Kunst, die über die Sprache und Poesie des Materials als Medium vermittelt werden können, soll es ermöglichen Transzendenz[2] als lebensbejahende Qualität im Alltag wieder mehr zu akzeptieren.

Die Abbildungen werden in Farbe auf einem beigelegten Blatt zur Verfügung gestellt.

1 Zivilisatorische Reststoffe – Symptom und Herausforderung unserer Gesellschaft

Als Einstieg soll eine differenzierte Auseinandersetzung mit der anfokussierten Materie und deren Bezug und Relevanz für die Gesellschaft stehen. Es handelt sich in diesem Kapitel also um kulturtheoretische Überlegungen. Aus sozio-philosophischen und phänomenologischen Erträgen sollen für die kunstpädagogische Arbeit und teilweise auch für die kunstdidaktische Konzeption im 3. + 4. Kapitel Nutzen gezogen werden.

1.1 Definitionen

1.1.1 Der Begriff: Reststoff, Abfall und Müll

Eigentlich sollte hier eine Differenzierung der Begriffe Reststoff, Abfall und Müll – gängige Bezeichnungen für die anfokussierte Materie – stehen. Nach ausgiebiger Recherche entsteht aber ein anderes Bild der Differenzierung und lässt zum Schluss nur eine (inter?)subjektive Begriffseingrenzung übrig, die glücklicherweise durch den phänomenologischen Teil vertieft werden kann.

Gegenseitig konkurrierende Begriffsstrukturierungen lassen sowohl Reststoff sowie Abfall als Überbegriff stehen, unter dem dann der andere Begriff mit seinem assoziativen Nachhall Einordnung findet.

Ein gegenseitiges Abgrenzen scheint fast unmöglich, weil die Begriffe zu eng miteinander verwoben sind. Auch trägt der Paradigmenwechsel[3] in der Abfallwirtschaft vom Entsorgen hin zum Verwerten dazu bei, dass eine Begriffsbestimmung momentan unzureichend bleibt, weil über neue Erkenntnisse der Verwertungsmöglichkeiten von Stoffen und neuen Einsichten im Umweltschutz, sowie deren Niederschlag in gesetzlichen Regelungen der Abfallbegriff dynamisch gehalten wird und auch der Begriff Reststoff unklar bleibt. Müll lässt sich bei diesen Überlegungen durch seinen Wortklang[4] und den eindrücklichen Assoziationen hin zum Mist, Dung und Fehlleistungen klarer abgrenzen und als unbrauchbar oder als schädlich abtun. Andersherum lässt sich das Wort kurz aussprechen und macht vielleicht auch nur auf den plötzlichen und kurzzeitigen Wertentzug eines bestimmten Objektes aufmerksam ohne seine weitere Verwertung zu überdenken. Somit wäre Müll nur lapidar flapsig bezeichneter Reststoff. Gleichzeitig scheint es sich bei Müll immer um einen festen Stoff zu handeln[5].

Geht die Begriffsklärung Reststoff von JÖRGENSEN (1994, 14) davon aus, dass

eine gesetzlich geregelte Verwertung und Entsorgung (siehe unten) möglich wird, so muss der Begriff Reststoff (= verwertbar oder nicht) vom Begriff Abfall (=nicht mehr verwertbar) genau unterschieden werden. Der Begriff Reststoff ist somit der Überbegriff für zum einen Reststoffe und zum anderen Abfall = Müll – Stoffe die zu entsorgen sind und aus dem Produktionsstoffkreislauf „aus/abfallen“. Diese Betrachtung macht sich in ihrer Beurteilung am Objekt/Material fest und sucht darin eine Unterscheidung.

Die Abfalldefinition – die Behandlung des ausgesonderten Stoffs – zielt dann weiter auf absolute physische Vernichtung (JÖRGENSEN 1994, 32) oder auf Entlagerung hin.

Anders will der Versuch sich am Tun zu orientieren, das Wort Abfall in seinem Wortklang abfallen oder abgefallen werden, wahrnehmen. Alles, was zuerst einmal unbrauchbar beiseite gelegt, abgeworfen oder entwertet wird, ist Abfall. Erst danach fragt man, was wird neuer Reststoff = Wertstoff und was wird weggeworfen. Somit bleibt zuerst die Unterscheidung in Abgefallenes und Nicht-Abgefallenes.

Abfall kann auch als Abfallen von der Norm gesehen werden: Ausschuss oder ein Zu-viel, Zu-wenig, Zu-groß, Zu-klein, Zu-schlecht, Zu-hässlich, Zu-unpassend. Diese Norm bewegt sich implizit in der Gesellschaft und kommt in diesem ersten Kapitel in fassettenreicher Fassung zum Ausdruck.

Hebt man die Selektionsfunktion an der Bruchstelle der Objektlaufbahn von Nutzung zu möglicher Verwertung noch mehr hervor, zum Beispiel durch ästhetische oder pragmatische Gesichtspunkte, so beginnt das Begriffsbild zu alternieren. Weil die Begriffskategorien je nach Gegenstand, Kontext der Person und Einordnung nach Gesichtspunkten anders verlaufen, verschwimmen die Begriffsgrenzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassung der divergierenden Ebenen der Begriffsdefinition:

- Entledigungsbezogen (wegwerfen, abfallen, entledigen): Abfall Allgemeinbegriff: verwertbar / unverwertbar bleibt für Unterkategorien offen.
- Materialbezogen (Stoff, Produkt, Gegenstand): Rest/Wertstoffüberbegriff: Restverwertung / Abfallentsorgung bleibt für Unterkategorien offen.
- Selektionsbezogen: Ästhetische / Pragmatische Position: Rechtzeitig sammeln, sortieren, lagern, disponieren und organisieren; bzw. entsorgen, vernichten, hinterlassen – alternierendes Begriffsbild: Rest - Müll

1.1.2 Der Begriff als abhängige Variable von Gesetz und DIN-Norm

Der Begriff hängt eng mit den Möglichkeiten seines Verständnisses und seiner Verwendung zusammen. Hierin besteht eine wichtige Aufgabe der Gesetzgebung, aber auch des kreativen Handelns und Philosophierens, die Begriffe genau fest oder neu zu belegen. Eine genauere gesellschaftlich rechtliche Differenzierung ist allerdings erst die letzten 30 Jahre durch rapide Verstädterungstendenz, Bevölkerungswachstum, die neue Konsumhaltung und der innovativen, rasanten Wirtschaftsentwicklung nötig geworden. Somit kommt heute – über gesetzliche Wirtschaftsregulierung – die Klärung der ökologischen Verantwortung und – bei schrumpfendem Rohstoffvorrat – die existenzielle Rohstofferhaltung[6] dazu.

Beginnend mit dem bundesweiten Abfallentsorgungsgesetz von 1972 und dem Mitte der 70´er erweiterten BImschG (Bundes Immissionsschutz Gesetz) bis hin zum, in der Mitte der 80´er aufgestellten, Abfallwirtschaftsgesetz - das 1994 zum Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz (KrW/AbfG) novelliert wurde - wird eine staatliche Verantwortung zur Existenz von Müll beschrieben, die immer mehr in Richtung privater Verantwortung geht, und von einer Entsorgungsgewähr weg, hin zum Verwertungsgrundsatz zeigt.

Diese gesetzlichen Regelungen sind gerade auch wegen tiefgreifender, gesellschaftlich geforderter Neudefinition von Müll erzwungen worden, so dass Müll weiter differenziert werden muss, in Verwertbares und letzten Endes doch zu Entsorgendes (siehe oben).

Die bei Produktionsabläufen über Arbeitsanweisungen festgeschriebenen Prozessstationen nach Norm DIN 9001/2000 legen fest, wann ein Produkt fertig und den Qualitätsansprüchen entspricht und wann es als Ausschuss zum Reststoff degradiert wird. Daraus ist dann auch zu entnehmen, ob eine Entsorgung nötig oder Wiedernutzung möglich ist.

Europaweit geht es darum, festgelegte Schlüssel für Abfallnomenklaturen zu entwerfen. Das von mir eingesehene Abfallverzeichnis 2001/118/EG, in dem es unter anderem auch um anfallende Problemstoffe bei künstlerischen Arbeiten geht, wie zum Beispiel Lösungsmittelgemische oder Entwicklerfluide aus dem Fotolabor, weist ein sechsstelliger Schlüssel auf eine große Anzahl von Differenzierungen und auf Komplexität der Stoffflüsse und deren Zuordnung hin (vgl. MINISTERIUM FÜR UMWELT UND VERKEHR 2001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Definition Abfall nach dem Kreislaufwirtschafts/Abfallgesetz vom 27.September 1994:

KrW/AbfG § 3 Abs. 1 Satz 1: „alle beweglichen Sachen, die unter die in Anhang I aufgeführten Gruppen fallen und deren sich ihr Besitzer entledigt, entledigen will oder entledigen muss.“

KrW/AbfG § 3 Abs. (3) Der Wille zur Entledigung im Sinne des Absatzes 1 ist hinsichtlich solcher beweglicher Sachen anzunehmen:

1. die bei der Energieumwandlung, Herstellung, Behandlung oder Nutzung von

Stoffen oder Erzeugnissen oder bei Dienstleistungen anfallen, ohne daß der
Zweck der jeweiligen Handlung hierauf gerichtet ist, oder
2. deren ursprüngliche Zweckbestimmung entfällt oder aufgegeben wird, ohne
daß ein neuer Verwendungszweck unmittelbar an deren Stelle tritt.

KrW/AbfG § 3 Abs. (5) Erzeuger von Abfällen im Sinne dieses Gesetzes ist jede natürliche oder juristische Person, durch deren Tätigkeit Abfälle angefallen sind, oder jede Person, die Vorbehandlungen, Mischungen oder sonstige Behandlungen vorgenommen hat, die eine Veränderung der Natur oder der Zusammensetzung dieser Abfälle bewirken. à

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

KrW/AbfG § 3 Abs. (6) Besitzer von Abfällen im Sinne dieses Gesetzes ist jede natürliche oder juristische Person, die die tatsächliche Sachherrschaft über Abfälle hat.

KrW/AbfG § 3 Abs. (10) Deponien im Sinne dieses Gesetzes sind Beseitigungsanlagen zur Ablagerung von Abfällen oberhalb der Erdoberfläche (oberirdische Deponien) oder unterhalb der Erdoberfläche (Untertagedeponien). Zu den Deponien zählen auch betriebsinterne Abfallbeseitigungsanlagen für die Ablagerung von Abfällen, in denen ein Abfallerzeuger die Abfallbeseitigung am Erzeugungsort vornimmt.

1.1.3 Eigene Begriffsfestlegung

Was sich oben klar abzeichnet ist meine Begriffsdegradierung von Müll:

Müll findet umgangsprachlich auch Verwendung für unzureichende Leistungen oder abzuurteilenden, kontraproduktiven Aussagen und Taten, und rutscht damit assoziativ auf eine Ebene mit absolut Unbrauchbarem. Müll wird ge/be/verworfen und zerknüllt. Müll löst „olfakorisches Mißbehagen“ (SOMMER 1999, 35) aus. Somit werde ich dieses Wort in diesem Gebrauch verwenden. Im Sprachgebrauch findet man das Wort allerdings immer wieder auch in zusammengesetzten Worten wie Haus müll und wird dort nicht negativ gewertet.

Im Gegenteil, Feststoffe – vor allem Verpackungen – im Haus müll und ausgewählte Industriereste, bilden bei meiner Betrachtung auf künstlerische Verwertbarkeit mein Hauptbereich und somit meine, mit am meisten Wert belegte, Abfallkategorie: die verwertbaren Reststoffe.

In diesem Sprachgebrauch zeigt sich folgende Definition für mich:

Abfall ist der Überbegriff unter den alles – wie im KrW-/AbfG beschrieben –, das der Entledigung unterworfen ist, einzuordnen ist; also auch Reststoffe, die, wenn sie bedacht gesammelt, geschickt wieder oder weiter verwendet werden können. Die Kategorien der Verwertung beschreiben sich in 1.3.2 und 1.3.3: Recyclingkategorien und Techniken. Das zeigt wiederum meine Bevorzugung des Recyclinggedankens in der künstlerischen Abfallverwertung.[7]

Aber auch die Metaebene des Abfalls, wie die Stichworte Gedankenmüll, Medienmüll, Datenschrott zeigen, gehört für mich zum Begriff.

Der handelnde Akt der Destruktion bis hin zur Zerstörung, lässt zum Schluss nur Müll übrig und scheint vom emotional-emanzipierenden, pädagogischen Aspekt her gesehen nicht unwichtig.

Wertend lässt sich feststellen, dass Reststoff schneller wieder eine Wertzuordnung als Müll erhält. Letzteren verbindet man, in der Assoziation gesprochen, höchstens mit der Mülltonne

Reststoff ist eigentlich nur deshalb Abfall, weil er gerade als Rest übrig bleibt. Hätte man genügend davon oder wäre er gerade von Nöten, wäre er keineswegs als Abfallballast, sondern durchaus als Ressource zu sehen. Unter Abfall fasst sich alles zusammen und bleibt wertungsfrei.

1.2 Phänomenologie

Die Dimensionen des Gegenstandes Abfall sollen besonders unter Betrachtung seiner Handlungs-/Umgangsmöglichkeiten – hier geben Verben die maßgeblichen Kategorien vor – beleuchtet werden. Dadurch will ich erreichen, das Wesen von Abfall tiefer zu verstehen und weitere Differenzierungen möglich zu machen. Die phänomenologischen Betrachtungen schlagen u.a. sowohl einen material-ästhetischen und auf die Kunst bezogenen Gedankengang andererseits einen soziologischen Weg ein. Abfall entsteht nicht aus sich selbst, sondern zeigt sich als endemisch für unsere moderne Gesellschaft und ihre Gestaltung. Nach Sloterdijk(1981) ist Abfall ein Grundprinzip unserer Gesellschaft in den Industriestaaten.

1.2.1 Die rechtliche Dimension – der Wert

Material, das mühsam der Natur abgerungen werden muss, legt eine – wenn auch aufwendige aber trotzdem noch lohnende – Rückgewinnung nahe: das Material hat einen gewissen Wert gespeichert. Als Beispiel dafür wurden im alten Ägypten die mistverarbeitenden Skarabäen (Pillendreher; Käfer) als Sonnen- bzw. Auferstehungs-symbol verwendet und verehrt (vgl. hierzu BRAUNMILLER und WÖRLE).

Die rechtliche Dimension hat mit der wirtschaftspolitischen Definition zu tun und deshalb habe ich dies schon in Punkt 1.1.2 angesprochen. Was aber für die Phänomenologie von Bedeutung scheint, sind die Folgen für den jeweiligen Gegenstand die sich daraus ergeben:

Ein besitzloser Stoff ist frei für eine neue Verwendung oder Verwertung. Im künstlerischen Kontext steht nun der Weg für eine Neudefinition des Gegenstandes und sein Kontext offen. Zusätzlich erhält er dadurch eine potentielle Allkombinierbarkeit, die ungeahnte Freiheit für den kreativen Umgang mit Material birgt. Es entsteht die Möglichkeit für eine neue, vertiefte Materialerfahrung – ein pädagogisches Leitziel.

Die kreativen Lösungen neuer Produkte aus Recyclingstoffen geben Beispiel davon.

Unsere Gesellschaft lebt davon, ihre Dingwelt mit symbolischem Nutzen zu behaften: So erhalten unsere Alltagsgegenstände den Wert, den sie bei uns einnehmen oder es wird dieser umgeschichtet oder aufgebraucht. Abfall ist durch seinen Wertverlust charakterisiert. Werterzeugung und Wertvernichtung sind dynamische Pole im Konsumkreislauf unseres kapitalistischen Systems. Den modernen Beginn solch symbolischer Aufladung der Umwelt verortet KELLER (1998) in die historischen Epochen der Romantik und des Symbolismus, in der die Natur als symbolische Dimension galt.

Der Wert von Reststoffen ist unter anderem immer relativ zum gesellschaftlichen Wohlstands/Notstandsniveau zu sehen: In Wohlstandszeiten wird vielmehr als wertlos weggeworfen. Anders herum ist es einsichtig, warum dann in afrikanischen Ländern fast alle Produktionsgüter und Produkte weiterverwendet werden.

Abfall als Schmutz und Chaos stellt ein „Angriff auf gesellschaftliche Ordnung“ (KELLER 1998, 11) dar und muss deshalb klar benannt abgetrennt werden von allem Sauberen und Brauchbaren. Abfall trägt somit einen Hauch von Anarchismus. Es herrschen die Gesetze der Entropie.

Wenn man die Stoffqualität betrachtet, ergibt sich eine Werthierarchie, die sich in der Kreislaufwirtschaft aus pragmatischen Nutzungsüberlegungen und –möglichkeiten ableiten lässt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werkstoff – Rohstoff – Sekundärrohstoff – Reststoff – Energieträger – Müll

Die letzten drei Stadien fallen unter den Begriff Abfall.

Abfall sind Stoffe, die nur noch begrenzt oder gar nicht mehr nutzbar sind. Sie sind arme, unedle und zum Schluss energielose, reaktionsträge Materialien.

Abfall kann aber auch, wenn er aufbereitet wird, aufsteigen bis zum Sekundärrohstoff.

Das Wiederbeleben von Abfall zu Anfall[8] und dann zu einem Wertfall[9] führt sogar zu neuen Problemen von Geldgier, wie Müllschieberskandale mit Millionenerträgen zeigen.

Aufbereitbarkeit und Qualität des Sekundärrohstoffs sind Parameter, an denen die Ökonomie von Recycling gemessen wird. In der Regel kann eine Stoffqualität für die Verarbeitung dann gewährleistet werden, wenn ein gewisser Anteil – zwischen 5%(Metalle) – 60%(Papier, Glas) – Primärrohstoffe dazugegeben werden.

1.2.2 Die Dimension des Handelns

In der Aufbereitung wird klar, dass es auf den Umgang mit Abfall ankommt, ob er als Müll verkippt wird oder als neues Produkt aufersteht.

Mit Handeln ist hier weniger das Geld-Erwirtschaften gemeint, als vielmehr das tätige Herangehen an Aufgaben und Objekte.

Der handelnde Umgang sowohl derer die Objekte degradieren, als auch derjenigen die wieder Wert ins Gemenge/die Objekte bringen, lässt den „Müll“ nicht einfach nur liegen, sondern behandelt ihn, arbeitet mit seiner Existenz und macht ihn so erst anwesend. Der Abfall (und seine mitgebrachten Probleme) werden nicht einfach ignoriert. Auch wenn eine Handlungsmotivation darin bestehen kann, eine absolute physische Vernichtung eines Stoffes/Objekts zu erlangen.

Die zeitliche Dimension von Objekten spielt dabei keine Rolle: Die Tat des Entledigens, des Wegwerfens, des Abstoßens (sowohl physisch als auch psychisch) macht den Abfall zum Abfall (JÖRGENSEN 1994, 28). Genauso wird das Objekt/der Stoff wieder aus dem Abfallkontext befreit, wenn er bestimmte Kriterien erfüllt.

Die Dimension des Handelns steht im Spannungsfeld der Postmoderne: zwischen dem Erhalten jeglichen Produkts und Kulturguts über alle Epochen in einer Art Dokumentation und zwischen dem Schnelllebigen, das dem ständigen Vernichten und Modernisieren ausgesetzt ist.

Abfall unterliegt ursprünglich dem Bereich des Schnelllebigen. Befreit man aber den Begriff aus den engen Grenzen, so wird plötzlich eine weite Spielwiese eröffnet, die Raum für kreative Betätigung und Neudefinition schafft.

Besonders möchte ich hier erwähnen, dass all die Handlungen aus den Teilen 1.3 – 1.5 schon in der Kunst, vor allem der aktuellen Kunst, in vielfältiger Weise zum Einsatz kommen.

1.2.3 Die zeitliche und räumliche Dimension

Wenn auch für die begriffliche Definition keine zeitliche Prädestination besteht, so hat Abfall selbst etwas mit Zeit zu tun, denn Abfall sind immer Spuren eines Prozesses – eines Lebensprozesses – und somit Zeugen von zeitlichem Ablauf – von Veränderung.

Angesichts von Abfall entsteht die drastische Relation von Ewigkeit und Vergänglichkeit: Tod und Sterben – Verwesung – werden multisenoriell erlebbar, aber auch das Bleiben von Verschmutzung und die damit verbundenen Risiken, das hartnäckige Bestehen gegenüber allen Verwitterungsprozessen mancher Stoffe, wie einige Kunststoffe zum Beispiel, verdeutlichen die negative Seite der Ewigkeit.

Vor allem im übertragenen Müllbegriff einer verdreckten Seele, kann man dauerhafte Folgen als sogar gesellschaftszerstörendes Element [10] aufdecken, wenn dann doch positive Situationen und Wendepunkte der Heilung, Klärung und Instandsetzung festzumachen sind, dann geschehen wunderbare Ereignisse für die Betroffenen und Neuschöpfung von Leben.

Darin wird klar, dass sich in der zeitlich-räumlichen Dimension auch die Frage nach der Verantwortung über Verbrauch und Erhalt manifestiert. Was wird also nun weggeworfen und was nicht? Vielleicht sollten wir alles was wir besitzen einer Inventur unterziehen? Vielleicht finden wir dort am meisten Müll, wo wir es vorher nie vermutet hätten?

In unseren Umgangsgebräuchen, in Interaktion mit anderen Menschen, in voyeristischen Bilderwelten, in ungesunden Ernährungsgewohnheiten, in selbstgezimmerten Weltphilosophien und bornierten Lebenslügen, usw.

Da Bewegung immer Zeit benötigt, gilt auch der Ort – das Räumliche – zusammen mit

der Zeit als Variable für Objekte, die dann zu Müll werden, wenn sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind.

Müll beschreibt weiter einen Schwellenbereich zwischen Sein und Nicht-Sein. Mag man es als Auflösung, als Verschwinden – weil den Dingen ihr eigentlicher Platz entzogen wird, etwa weil sie tief unter die Erde, aus dem Bewusstsein, ins Nichts verbannt wurden – oder als Sterben bezeichnen, jedenfalls wird ein Objekt entmaterialisiert: es entsteht ein Nicht-Ort. Abfall definiert sich deshalb durch das Attribut einen Nicht-Ort-Zustand zu besitzen: Deponien, Mülltonnen, Müllsäcke, Straßenränder, Meeresböden, Salzstöcke, Endlager, Verbrennungsöfen, dann Verkippen, Versenken, Vermischen (als Zuschlagstoffe), Verbauen, Vergessen; all das sind Nicht-Orte.

Das Paradoxe daran ist, dass diese Orte und Situationen durch ihre Beachtung in den Medien und der Abfall selber, durch die Umweltdebatte, höchste Aufmerksamkeit genießen. Es scheint:

Das Vergessen erhält höchste Aufmerksamkeit vielleicht mit dem Versuch, uns nicht

selbst zu vergessen, und vergessen uns dadurch um so mehr.[11]

Müll und Abfall ist unter Umständen deshalb so schädlich, weil er in seiner engen Verbindung mit denaturierten großstädtischen Räumen, Massenkonsum, Fabrik und Produktion zum Unnatürlichen gehört. Er ist „gemacht“ und ist nun ein Fremdkörper, der nicht an diesen Platz gehört und darin sogar die Position eines Krankheitserregers einnimmt. Möglicherweise bewirkt diese Haltung bei manchem Umweltaktivisten die blinde Bekämpfung jeglicher Abfallproduktion.

1.2.4 Die Dimension des Objekts und des Materials

Neben Produktionsabfällen/abgasen aus der Wirtschaft oder Wracks aus Zerstörungen gibt es eine Kategorie von Müll die uns existenziell jeden Tag betrifft, weil wir ihn direkt produzieren: den Hausmüll. Dieser Kategorie widme ich meine Aufmerksamkeit im Objektbezug in erster Linie, weil hier die lebendige Nähe für die Personengruppe Schüler am geeignetsten scheint und somit seine Relevanz für die Behandlung im Unterricht gegeben ist. Die nicht objektivierbare Dimension, wie die im übertragenen Begriff des Seelenmülls behaftete Sicht immaterieller Müllexistenz, scheint zwar auch pädagogisch interessant zu sein, vor allem unter dem Aspekt des Umgangs mit unserer Psyche. Muss aber außer der kurzen obigen Erwähnung bis auf Weiteres außen vorbleiben.

Generell zum Objekt:

Abfallobjekte sind teilweise unnatürlich, gebraucht, beschädigt und unvollständig, sie sind verschmutzt, infektiös und stinkend. Sie sind vermischt mit anderen Stoffen zu heterogenen oder auch nahezu homogenen Mischungen.

Abfall – Trash – ist laut, roh, gewalttätig[12]. Im auditiven Bereich ist es charakterisiert durch Rauschen, im elektronischen, digitalen Bereich, in zerstörten Daten – Daten-Müll –

Das Objekt ist, wie oben schon ausreichend beschrieben, weitgehend wertlos. Somit ist es niedrig, alt, verkommen, nutzlos und verbraucht.

Abfallobjekte sind Ballast, sie stören, sind am falschen Platz und bereiten Unbehagen oder sind sogar schädlich.

Generell ist Abfall somit zuerst einmal nur negativ belegt. Und die Aufgabe dieser Arbeit besteht darin, in all dem noch einen Funken Sinn, der in dieser Materie stecken mag, zu entdecken und zu einem Sinn- und Phantasiefeuerwerk zu entfachen;

Somit als Grund des Beachtens von Unbeachtetem, zur Einübung der Standpunkt- und Blickwinkelveränderung. Denn Abfallobjekte besitzen unzählbar viele Formen und Fassetten. Sie sind bunt, mobil, frei für Veränderungen.

Vielleicht sind sie deshalb auch so negativ zu beschreiben, weil sie in ihrer Heterogenität schon wieder so viel an Sinnesfülle liefern – ja wie ein überlautes Lied, das im Verstärker verzerrt und die Ohren betäubt.

Daher muss neue Struktur und Ordnung in die Objekte – wenn es um das reine Material geht, muss neue Ordnung, bis in den molekularen Bereich hinein, geschaffen werden.

Ansonsten genügen Klassifizierung und Zuordnung, genügt Reinigung und geordnete Lagerung.

Fassetten in denen uns Abfall objekthaft begegnet:

Reststoffe: Altprodukte, Abfälle, Rückstände, Emissionen, Verpackungen,

(braunmiller/wörle 1999)

Körperabfälle: Haare, Nabelfilzchen, Hautreste/Schuppen, Fett, Nagelschnitt, überflüssige oder ausschüttende Körperflüssigkeiten.

Speiseabfälle/Verdauungsrückstände: Schalen, Kerne, Fett/Knopel/Sehnen/Zähne, Knochen/Gräten, Haut/Schuppen, Flüssigkeiten, schlecht Gewordenes, Verbranntes, Verunglücktes (versalzen, ...), naturbedingt Unverwertbar (verholzt, bitter, ...), nicht Gemochtes, Ausgeschiedenes, Erbrochenes.

Verpackungsabfälle: Karton, Plastik, Weißblech/Alu, Holz, Stoff in allen Formen, Varianten und Kombinaten.

Produktverschleiß/Zerbruch/Verschmutzung an Werkzeugen. Unter Werkzeug verstehe ich jeden Gebrauchs gegenstand: verschlissene Handwerkszeuge, Ausgebrauchtes, kaputte Haushaltsgeräte und Elektronik und ..., Schrott, Abriss, Zerstörtes, Verdrecktes und Verschmutztes durch Dreck, Farbe, Kleber, Lacke, andere Substanzen.

Sperrmüll: Überschuss:

Nahrungsmittel, Produkte im Werkzeugbereich, Teile von Produkten; Ballast / Unpassendes; Unmodisches / Altes; Zerschlissenes/Abgetragenes.

Reste:

Zu kleine Mengen an Produktionsmitteln, Massengütern, ... nicht sortierte Einzelteile, die nicht eingeordnet werden können oder wollen; Flohmarktreste.

Eine interessante Frage bleibt am Schluss dennoch offen, ob es Eigenschaften materialer Art gibt, die neben der rechtlich/kontextiven Zuschreibungen einen Gegenstand als Abfall klassifizieren?

Materialität:

Materie ist endlich, deshalb hängen Habgier, Neid und Geiz daran, deshalb wird gehortet und gerafft und wertloses um so energischer von sich gestoßen.

Unsere Zeit – die postmoderne Kultur – ließe sich im Bezug auf das Material und im Vergleich zu den bedeutungsvollen Epochenbezeichnungen wie Eisen- oder Bronzezeit als eine Epoche der heterogenen Stoffgemische bezeichnen. Endemisch scheint dies auch für Probleme der Abfalldimension: 1. Vieles wird deshalb zu Müll, weil das heterogene Material einen zu großen direkten Verwertungsaufwand aufweist

2. Vieles wird deshalb zu Müll, weil auch die Produktions- und Verwertungsindustrie viel zu heterogen geworden ist, um alles geregelt wieder zu verwerten.

Die Frage: „Welches Material ist welchem Objekt zugeordnet? Und welches würde eine bessere Verwertbarkeit bei diesem und jenem Objekt mit sich bringen?“ schafft zum einen Zuordnung und äußert zum anderen den Wunsch, den Gebrauch zu optimieren und den Materialverbrauch zu minimieren.

Das Material Abfall bietet die Eigenschaft ungehindert ins Innere blicken zu können. Sei es, dass die Objekte sich selbst entmaterialisieren – besonders bei organischen Stoffen – und dadurch der Blick ins Verborgene frei wird, oder dass man selbst die betreffenden Objekte in seine Materialien zerlegt und auseinander baut – wie zum Beispiel ein altes, kaputtes Radio oder ein Telefon. Dazu muss man nicht einmal verstehen, was die Einzelteile bedeuten – obwohl das durchaus zusätzlich sinnvoll wäre. Das Material selbst hat aber schon seinen ästhetischen Wert und bietet in der Auseinandersetzung mit ihm sinnliche und motorische Erfahrungen.

1.3 Das Recyceln

1.3.1 Geschichte des Recycling in der westlichen Welt

Am Anfang stand die Verwertung von organischen Stoffen zur Kompostierung und die Umgestaltung von Knochen zu Werkzeugen und Schmuck.

Über die ganzen Jahrhunderte seit der Entwicklung der Metallbearbeitung stellt die Rückgewinnung von Metall und Edelmetall eine ökonomische Recyclingform dar.

Bei der Verwertung von Kunsthaftem oder Kunstwerken werden schon in der Antike zum einen nach Zerstörung von Bauwerken schmuckvolle Teile wiederverwendet oder zum anderen werden bei Herrscherstatuen je nach Amtsinhaber die Gesichter aktualisiert.

Papier hat auch seit dem Mittelalter eine erfolgreiche Recyclinggeschichte: Lumpensammler waren beschäftigt, Stoffe für die Papierherstellung zu sammeln. 1774 wurde dann das erste Recyclingverfahren für Holzzellulosepapier entwickelt.

Mit der Industrialisierung (19. Jh.) entstehen Bestrebungen, die in großen Mengen anfallenden Reststoffe, einer ökonomischen Verwertung zuzuführen: Kohlestaub, Asche, Metallabfälle, Färbereiabfälle, Schwefeldioxid, Zuckerreststoffe, Schlachtereiabfälle,...

Müllsortierung von wertvollen Materialen beginnt im 19.Jh. in industrieller Form: Papier, Blech, Eisen, Gummi, Kork,...

In Amerika gab es das erste „Getrennt-Erfassen“ von Haushaltsmüll nach Speiseresten, Altkleider und „Sperrmüll“, sowie nach Asche und Kehricht(Staub).

Mit dem Erkennen der Rohstoffendlichkeit in den letzten Jahrzehnten, kam durch hohes Engagement der ökologischen Bewegung[13] ein Technologieschub für die Verwertung weiterer Materialien: Es wurden Sekundärstoffbörsen zur Vermarktung von Reststoffen eingerichtet. Immer neue Möglichkeiten von und für Recycling werden weiter entwickelt.

Es stehen für die Produktionskreislaufsysteme folgende vier Faktoren in wechsel-wirkender Beziehung: Ökologie, Ökonomie, Technologie und Kreislauffähigkeit.

Hinzu kommen Fragen nach der ordnungsrechtlichen und organisatorischen Handhabung sowie soziologischer und nur sehr begrenzt soziale Aspekte. Eingebettet liegt das System zwischen Markt / Gesellschaft, Politik, Umwelt / Natur / Ressourcen.

Neueste Erkenntnisse im Hausmüllrecyclingsystem (DSD) berichtet die FAZ vom 02.07.2002 und die STUTTGARTER ZEITUNG vom 24.07.2003, Seite 6: Der private Verbraucher ist oft nicht gewillt seine Verantwortung für eine sortenreine Trennung und Sortierung wahrzunehmen. Die Folgen daraus, sind die Unverwertbarkeit des Recyklats, das eigentlich für hochwertige Sekundärrohstoffe gedacht war. Eine Mischsammlung von Hausmüll und eine anschließende Trockenkompostierung, die wiederum eine nachträgliche Sortierung über Rüttelsiebe zulässt, würde eine kostengünstigere Alternative mit gleichem Ergebnis darstellen: teilweise zurückgewonnene Wertstoffe (Eisen, Metall, Glas, ...) und einem thermisch verwertbaren Anteil, der sich zu Pellets gepresst hervorragend zur Verfeuerung eignet. Denn gleichzeitig rentiere sich das Recyclinggeschäft durch sinkende Müllmengen (Südwesten Deutschlands)[14] und steigendem Bedarf an thermisch verwertbarem Abfall in den nächsten Jahren nur noch, wenn genügend Heizmaterial für die Müllverbrennungskraftwerke geliefert werde.

Deutschlandweit wurde ab (spätestens) Oktober 2003 das Dosenpfand eingeführt. Eine wirtschaftsstrategische Herausforderung und eine Möglichkeit, Wertstoffressourcen bessergetrennt zu recyceln und zu verwerten, sowie die Nachhaltigkeitsverantwortung noch stärker auf Wirtschaft und Verbraucher zu übertragen.

1.3.2 Kategorisierung von Abfall über Recyclingarten

Die Auflistung der Recyclingverfahren in ihrer Qualität und Eigenheit sind von oben nach unten zu bevorzugender Priorität geordnet. Das heißt, dass Produktrecycling dem Materialrecycling sowie werkstoffliche Verwertung der energetischen vorzuziehen wären. Ganz unten müssten dann die Entsorgung und Entlagerung mit Deponierung und Kompostierung zur Sprache kommen. Es handelt sich aber hierbei um das Ausscheiden der Stoffe aus dem Kreislauf. Dieser Aspekt wurde weiter oben schon aufgeführt.

Verwertung umfasst auch die Energiegewinnung aus Reststoffen.

Die so entstandene Dreiteilung von energetische, rohstoffliche und werkstoffliche Verwertung (letzteres wird auch Verwendung genannt), folgt dem Dogma

moderner Kreislaufwirtschaft: „Verwendung soll, Verwertung muss.“ (braunmiller/wörle 1999, 14)

A: Produktrecycling

Die ehemalige End-of-use-Verwertung wird heute im optimalen Fall durch eine umsichtige Produktkreislaufplanung ersetzt und man denkt schon beim Entwerfen des Produkts an dessen spätere Verwertung. (vgl. braunmiller/wörle 1999)

1. Wiederverwendung (gleiche Anwendung): Reifenrunderneuerung; auch das Wiederverwenden aufwendiger Verpackungen (Transportboxen, ...). Dieses findet hauptsächlich im industriellen Gewebe statt und im Getränkevertrieb mit Mehrwegflaschen. Die Fragen nach weiterhin bestehender Funktionsfähigkeit und Sauberkeit bzw. Reinigungsmöglichkeit sind wichtige Punkte für das Einordnen des Gegenstandes in diese Kategorie.
2. Weiterverwendung (andere Anwendung): Senfglas zu Trinkglas; diese Praxis ist hauptsächlich im semiprofessionellen Gewerbe und im Hobbybastlerbereich sowie im Haushaltsbereich zu finden (vgl. hierzu braunmiller/wörle 1999, S.64).

B: Materialrecycling
3. Werkstoffliche Verwertung:
a. Wiederverwertung (gleiche Anwendung): Scherben aus Glasflaschen zu neuem Hohlglas, und Kunststoff als Regranulat wieder zu vorigen Produkten.
b. Weiterverwertung (andere Anwendung): Automobilschrott zu Baustahl, und Tetrapack-Karton zu Haushaltstücher.
4. Rohstoffliche Verwertung

Dies geht von Kompostieren bis zum Auflösen und Aufspalten von Stoffen – vor allem Kunststoffen[15] – bis in die molekularen Ebenen hinein. So kann Material von Grund auf wieder zusammengefügt werden und fremde Stoffe bis ins Molekulare herausgefiltert und getrennt werden.

5. Energetische Verwertung

Jegliches Material hat einen gewissen Energiegehalt, der sich bei vielen Materialien durch Verbrennung ausnutzen lässt. Ist die Reaktionstemperatur groß genug, setzt auch der betreffende Stoff seine Energie frei – gebündelt dient dies der Strom- und Wärmegewinnung. Der Rückstand ist räumlich reduziert und, wenn alle Schadstoffe herausgefiltert sind, problemlos zu deponieren oder als Zusatz dann schon wieder als Werkstoff zu gebrauchen. Sogar die letzte Stufe der Stoffverwertung muss also keine Endstation sein, sondern kann über weitere Techniken (zum Beispiel Verglasungstechnik) weiter nutzbar gemacht werden.

Recycling funktioniert nur in einem Prozess, der einen Stoffkreislauf möglich macht – deswegen gibt es zum Beispiel neben dem KrW/AbfG noch weitere Bestimmungen: die VDI Richtlinie 2243. Beim Materialumgang sind folgende Kriterien umzusetzen: Materialreinheit (zum Beispiel werden keine Aufschriften aufgeklebt oder gedruckt sondern ins Material eingeprägt), damit verbunden Materialkombination und Dekonstruktionsfähigkeit und die Vermeidung von giftigen Zusatzstoffen.

1.3.3 Techniken in Verwertungsverfahren von Feststoffen

Die mit den geklammerten Zahlen festgelegte Reihenfolge entspricht ungefähr dem allgemeinen Arbeitsablauf und Vorgehen bei wirtschaftlichen Recyclingabläufen[16]. Die Festlegung auf die Darstellung anhand von Verben – also auf das Tun hin bezogen – ist bewusst gewählt. Für die kunstpädagogische Umsetzung des Themas ist die Differenzierung der Tätigkeitsformen von maßgeblicher Bedeutung, um eine Bereicherung und mögliche Erweiterung des kunstpädagogischen Repertoires zu erreichen:

- (00)Sammeln und aufreihen
- (01) Identifizieren
- (02) Zerkleinern: Mahlen, Schreddern, Pressen, Zerfasern, Aufschwemmen, Zerschneiden à homogenisieren der Teilchengröße und Aufsplitterung der Stoffverbünde, damit Fremdstoffe besser herausgefiltert werden können (Schredderleichtfraktion); Komprimieren, damit Raum bei Transport gespart werden kann.
- (03) Waschen, Reinigen
- (04) Sortieren (bei Papier bis zu 40 Sorten), Trennen und Demontieren
- (05) Klassierung / Sieben(Korngröße) und Sortierung (Reflexionsvermögen, Farbe, Form, Dichte, magnetische und elektrische Eigenschaft, Oberflächen- und Zerfallseigenschaft; u.a. (Nass)chemische und elektro/ photolytische Trennverfahren; Sortieren nach Legierungsarten bei Metallen)
- (055) Extraktieren
- (06) Mischen
- (07) Oberflächenverkleinerung: Agglomeration: 1. Pelletieren (Aufbauagglomeration), Agglomerieren; 2. Brikettieren (Pressagglomeration) und Sintern (thermische Agglomeration)
- (09) Schadstoffentfrachten
- (10) Umschmelzen, Schmelzen und Entschlacken à Homogenisierung der Reinstoffe
- (11) Regranulieren, Granulieren, Mahlen, Oberflächenvergrößerung: Zerkleinerung
- (12) Silieren
- (13) Verbauen

Eine Tabellen veranschaulicht die Möglichkeiten zweier Grundmechanismen des Recycling:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle1

1.3.4 Das Sortieren

Im Folgenden stehen drei Grundtechniken des Recycelns, die kurze Betrachtung hier erhalten sollen, weil sie durchaus auch als generelle Grundhaltungen künstlerischen Handelns verwendet werden können/sollen.

Sortieren im Kontext Abfall ist ein Versuch Ordnung ins Chaos zu bringen.

Sortieren und Klassifizieren ist die Grundtechnik, einen heterogenen Haufen von Material zu durchforsten und eine Ordnung zu initiiert. Ordnungsmuster können assoziativ subjektiver, wie auch systematisch intersubjektiver Struktur entstammen. Es kommt ganz auf das Forschungsinteresse und die Zielsetzung des Erkenntnisprozesses an. Sortieren legt Erkenntnisgehalte frei, Sortieren berührt, ergreift jedes Element der zu sortierenden Menge, Sortieren bildet Klaster verschiedener Hierarchien – Metamengen, Mengen und Untermengen – und Zusammenhänge und schafft andersherum Relationen und Differenzierungen. Sortieren bringt die Dingwelt mit dem Ordnungsschema im Kopf zusammen und ist somit eine Tätigkeit des Lernens.

Sortieren, Zuordnen und Anordnen findet sich in kunstpädagogischen Ansätzen der Mapping- und Atlaskonzepte (vgl. Busse 1998) und der Ästhetischen Forschung mit Feldforschungstätigkeit.

In der folgenden Tabelle wird der Sortierbegriff von seiner verbalen und handlungsorientierten Dimension dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2

1.3.5 Das Reinigen und Instandsetzen

Wenn ich diese Tätigkeit mit Reststoffen verknüpfe, impliziere ich automatisch die Weiternutzung dieser. Um ein Objekt wieder, eine Menge Material erneut einzusetzen, muss ich es instandsetzen und reinigen. Abfall wird oft zusätzlich dadurch verschmutzt, weil er mit anderen Resten und Schmutz zusammen gelagert wurde oder als Verpackung oder Gebrauchsgegenstand gedient hat und nun entleert wurde oder gerade wegen seiner Verschmutzung unbrauchbar und somit zu Abfall degradiert wurde. Reste der Vornutzung oder seines Lagerortes – seiner Vergangenheit – hängen am Abfall. Seine Wiederverwendung zieht eine Reinigung oder – bei Produktrecycling – eine Reparatur voraus. Mit der unedlen Vergangenheit wird somit abgeschlossen. Es beginnt ein neuer Anfang, eine neue Runde für das Material oder eine neue Ära für das Objekt.

Je nach Verunreinigung und das damit nötige Reinigungswerkzeug und Lösungsmittel ist die Reinigung mehr oder weniger aufwendig. Gleichzeitig entstehen hier möglicherweise wieder Abfälle.

Reinigungswerkzeuge: Handschuhe, Putzlumpen, Bürsten aller Art (Borsten-, Stahl-,Schuh-, Kleider-, ...), Schwämme, Eimer, Schaber, Spachtel, Hobel, Schleifpapier, Trennschleifer, Feuer, Hochdruckreiniger, Spülmaschinen oder ganze Anlagen, Siebe, ...

Reinigungsmittel: Wasser, Spülmittel, Laugen, Säuren, Terpentin, Benzin, Alkohol, Wind, Sonne, mechanische Energie, ...

1.3.6 Das Zerlegen und Demontieren

Durch Zerlegungsvorgänge (Methoden des Aufräumens) hinein bis ins Molekulare bringt das Faszinierende der Stofflichkeiten zutage.

Zerlegen und Demontieren beschreiben zwei Arten von einer Handlungskategorie des Rückschreitens, der Auflösung, des Rückbauens, des Regressiven und des Kontraproduktiven oder des Destruktiven. Zerlegen beschreibt das eher affektiv orientierte Handeln das von zertrümmern/zerfetzen, zerfasern, vermahlen und ... bis hin zu zerschneiden, auflösen, auseinanderknöpfen und zerteilen geht. Es folgt nur einer begrenzten Sortierung der Einzelteile und kümmert sich nicht um das direkte Verwerten der Zerlegungsteile. Was übrigbleibt sind Bruchstücke von Funktionseinheiten, deren Kupplungsenden nicht zwingend beachtet wurden, Scherben, Fetzen, Schnitzel, Späne, Verschnitt.

Destruktion ist die schwarze Seite der Kreativität, d.h. sie erschafft nicht neu sondern will das bestehende durch gewalttätige Umgestaltung verändern und darin einer negativen oder teuflische Kreativität[17] folgen.

Zerlegen besitzt eine Basis im Emotionalen. Zerstörung ist Ausdruck von Wut und Aggression und hat vielfältige Ursachen und Motivationen.

Demontieren folgt dem Gedanken des Rückbaus, das einem geordneten System zuläuft und die Einzelteile in Kategorien sortiert direkt verwertbar macht oder die verschiedenen Stoffe ihrer Spezifität entsprechend behandelt werden können.

Für das Demontieren benötigt man spezifischeres und teilweise extra angefertigtes Werkzeug – fast schon wie bei der Tätigkeit des Instandhaltens oder Reparierens.

Sinn macht beim Demontieren die Aufteilung nach einzelnen Funktionseinheiten – Trennung an geeigneten Kupplungsstücken – des komplexen Geräts. Bei größeren Komplexen macht es sogar Sinn nach räumlichen Aufteilungen vorzugehen. Das Sortieren in kleinste Einheiten – kleinste Funktionseinheiten, Gussstücke, Reinstoffe, Atome – scheint besonders sinnvoll und wertvoll, sowie auch aufwendig zu sein. In jedem Fall verbirgt sich hierin eine große Faszination, denn es entsteht bei der Demontage schon wieder ein neuer Stoff oder Objekt. Und mehr noch: dem Blick wird – wie oben beim Material schon beschrieben – die Hüllen der Objekte geöffnet bis hinein ins tiefste – ins mikroskopisch-kleine Innerste. Objekte werden zu Material zerlegt – bis hin zu den grundlegendsten Elementen: Es ist mehr als Grundlagenforschung, es ist die Suche nach dem Ursprung. Die philosophische Richtung des Dekonstruktivismus vertritt diese Ansicht und kommt zu einem durch Auffaserung und Auflösung geprägtes hierarchieloses Weltbild. Vor allem schlagen sich die produzierten Äußerungen in der Architektur nieder (vgl. PAPADAKIS 1989).

1.4 Das Sammeln

Um Müll zu haben oder irgendwie zu verwenden muss er gesammelt werden. Wie auch schon im Bereich der Recycling-Techniken steht Sammeln am Anfang jeglichen Müllumgangs, der über das Wegwerfen hinausgeht.

Wichtig für den kreativen Umgang mit Abfall ist Sammeln vor allem auch deshalb wichtig, weil nur mit einem gewissem entsprechenden Ressourcenpotential weitergearbeitet werden kann – vorher greift nur die Kategorie des Reststoffs, der potentiell schon noch verwertbar wäre, hätte man nur genügend davon.

Im folgenden entfalte ich Aspekte von SOMMER´s (1999) phänomenologischen Überlegungen zum Sammeln. Er geht dabei ontologisch vor und versucht die Sammlerleidenschaft der Menschen auf ihre nomadenhaften Ursprünge als Jäger und Sammler und auf biologistisch existenzielle Bedürfnisse zurückzuführen. So versucht er vom Ursprung menschlichen Handelns her, hin zu einem Verstehen unseres Handelns und Seins heute zu gelangen.

Müll entsteht als Produkt von (Über)Lebensprozessen, von Wandeln, Wachsen, Stoffwechsel und Verdauung. Diese Äußerungen des Überlebens treten als letzte Produkte, als letzte unbrauchbare Reste in Erscheinung und können in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr nur heraustreten und dann zum Erliegen kommen. Sie müssen meist aufwendig entsorgt werden. Um dies mit einer gewissen Ökonomie oder aus einer Verantwortung der Ökologie heraus zu betreiben, soll eine – nach SOMMER (1999) antagonistische – Vorhaltetätigkeit, das Zusammentragen/Sammeln, das Wegwerfen immer nur dann nötig machen, wenn genug/zuviel Abfall vorhanden ist oder dieser entsprechend aufbereitet wurde[18].

Dieser aufwendige Umgang mit Müll kommt für SOMMER (1999) aus einem neuen Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Der moderne Mensch hat aus seinem Lebens/Produktionsprozess die Natur maßgeblich ausgeblendet. Der entstehende Müll ist somit räumlich als auch materiell weitgehend denaturiert und bedarf besonderer Behandlung für sein Verschwinden. Mit Verschwinden bezeichnet SOMMER (1999) sowohl das Wegwerfen als auch das Wiederverwerten und –verwenden. Er differenziert also nicht – wie ich oben – unter den Eigenschaften brauchbaren Reststoffs und unbrauchbaren Mülls[19].

Sammeln sortiert sich in Begriffen seinerseits für sich selbst, wobei zwei Arten von Sammeln zutage treten: das minderwertigere ökonomische/akkumulierende Sammeln und das erste mitumgreifende ästhetische Sammeln nach Anschauung, bei dem der gleiche Gegenstand (Begriff) auf seine weiteren/feineren Unterschiede hin betrachtet und geachtet wird. Ja er kann sogar einen ungedacht hohen Liebhaberwert erhalten: Ausdruck der Bedeutung dieses Gegenstandes, der dem Sammler über leidenschaftliches Handeln und ästhetisch feine Reize emotionale Hochgefühle verschafft. Im ästhetischen Sammeln geht es um Vielfältigkeit und Qualität. Beim akkumulierenden Sammeln geht es allein um Quantität. Redundanz ist darin impliziert. Meist werden damit übergeordnete Ziele verfolgt. Es ist nicht der Gegenstand Gegenstand des Sammelns sondern sein auf Ökonomie und Konsum gerichteter Metazweck[20] (vgl. hierzu SOMMER, S.31): Darin ist meines Erachtens auch das Paradoxon des Gesammelt-um-weggeworfen-zu-werden begründet, das SOMMER (1999) auf Seite 41 beschreibt.

Im ästhetischen Sammeln geht es um den reinen Gegenstand und somit um das reine Sammeln.

Das Wissen um die Endlichkeit bewirkt im Kontext Werkzeug eine besondere Art von Sammeln[21]: Sie ist weder wirklich ästhetisch noch akkumulierend. Und sie hat große Affinität zum bewahrenden Erhalten eines Gegenstandes[22]. Dinge werden aufgespart, um sie passend zu verarbeiten.

Aber trotz aller Konservativität ist sammeln immer auch Dynamik: das Zusammenführen/ -tragen ist auf konzentrierte Aktivität zurückzuführen und lebt gegen die Endlichkeit ein Dasein im Da-Sein (Präsenz) durch ständige Erneuerung[23].

[...]


[1] Deutschland liegt beim Umweltverträglichkeitsmaß dem ökologischen Fußabdruck fünf mal höher als der Sollwert; zum Beispiel Österreich dagegen nur 2,5 mal. (Quelle: Information mündlich von Herrn Haase, Biologie Ph Ludwigsburg)

[2] Die über Jahrhunderte tief in der Bevölkerung verankerte christliche Gläubigkeit scheint ein Affront gegenüber einer aufgeklärten modernen Denkweise zu sein. Diese Haltung führt aber dazu, den christlichen Glauben automatisch aus den Denkschemata des modernen Menschen weiter zu verdrängen. Es herrscht also weder ein Gleichgewicht der religiösen Kräfte noch herrscht an den Schulen die geforderte Neutralität in weltanschaulichen Fragen, denn die „Aufklärung“ folgt ihrer eigenen metaphysischen Ideologie.

[3] siehe dazu in 1.1.2: der gesetzliche Werdegang und seine Implikationen

[4] Als häufigen Gebrauch als Schimpfwort...

[5] Vgl. hierzu http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&query=Abfall den Link unter Abfall.

[6] u.a. zur Sicherung eines potentiell autarken Staates.

[7] Jede Weiterverwendung von Abfall stellt eine Art Recycling dar, auch die künstlerische, aber nun sollen die konventionellen Recyclingtechniken für die künstlerische Arbeit genutzt werden.

[8] eine gewisse Menge eines Stoffes fällt an – entsteht – wird zusammengetragen. Fallen größere Mengen von Abfall an, könnte man den verbialen/handelnden Charakter als Anfall bezeichnen, denn die Menge ist von ihrem Ansammeln und aufhäufenden Zustandekommen neu als potentiell verwertbar, weil in großen Mengen vorhanden, wertvoll definiert.

[9] Sagt aus, dass der Stoff selbst oder der Umgang mit ihm – weil über gesetzliche Regelungen vorgeschriebene Entsorgungsarbeiten zum Beispiel – finanziellen Ertrag abwirft.

[10] Dieser Gedankenschritt zieht sich vom einzelnen weg hin zu einer globalen Verallgemeinerung. Vielleicht so, wie der Krieg auch zuerst nicht global beginnt sondern zwischen einzelnen und in deren Herzen, bis er eskaliert und sich verfeindete Strukturen manifestieren.

[11] Seit dem Holocaust scheint mir dies Paradoxon endemisch für unsere Zeit zu sein. Wir sind gefangen in unserer Geschichte und können weder vergessen noch bewahren, ohne uns immer tiefer darin zu verstricken. Brauchen wir nicht Entschuldung und Neuanfang in vielerlei Hinsicht?

[12] Vgl. die Darstellung von Gewalt und Destruktion in den Musikstilen wie Trash, Metal, Punk, Hard Core durch entsprechende Harmonie, Klangbilder, Gesten und Outfits, sowie durch Textinhalte.

[13] Racel Carson greift in den USA mit ihrem Buch the silence spring folgenschwer die Lobby der Großbauern und Großindustriellen an. Mit Madows „Die Grenzen des Wachstums“ und Herbert Gruhl „Ein Planet wird geplündert“ formiert sich in den 70´ern die Umwelterziehung in Deutschland, aus der u.a. nach der Grundlandt-Kommission (1984 – 1987) und dem Rio-Gipfel die weiterblickende Umweltbildung formiert. Diese verfolgt bis heute, eine alle Gesellschaftsbereiche durchdringende Verantwortung zur Nachhaltigkeit zu erreichen.

[14] Vgl. dazu auch die Statistiken der Abfallverwertung im Kreis Ludwigsburg (AVL) auf der Seite: http://www.avl-ludwigsburg.de/

[15] Kunststoffrecycling: „In den USA wurde ein Verfahren entwickelt, mit dem sich selbst unsortierte Kunststoffe zu 100 % aufbereiten lassen. Der Recyclingkunststoff lässt sich von neuem nicht unterscheiden. Die Trennung der einzelnen Kunststoffarten, zum Beispiel Polyäthylen, Polyurethan oder Polystyrol, erfolgt durch Auflösen im Lösungsmittel Xynon bei unterschiedlichen Temperaturen. Dabei lassen sich die Komponenten absolut sortenrein trennen. Die Kosten der Aufbereitung liegen bei nur 1 1 1 Mark pro Kilogramm Kunststoff und sind damit erheblich niedriger als die Herstellung neuen Materials. Damit bietet sich eine echte Alternative zur Müllwirtschaft. Etwa 20 % Müll könnten dadurch vermieden werden.“ (In: HITEC vom 14.02.1994)

[16] vgl. BRAUNMILLER und WÖRLE 1999

[17] HOCKE (1975) beschreibt in seiner Abhandlung den Gegensatz zwischen dem aus dem Nichts schaffenden Göttlichen und der Beschränkung des Teufels, wie auch des Menschen, Kreativität nur noch darin zu besitzen, das Schon-Geschaffene neu kombinieren zu können. In der Destruktion zeigt sich diese Beschränkung drastisch und nachvollziehbar.

[18] Um konstante Nährstoffversorgung zu besitzen, arbeitet der Organismus in einem Rhythmus von Stau und Ausstoß. So werden naturbedingte, lebensbedrohliche Schwankungen ausgeglichen.

[19] Vgl. SOMMER 1999 auf Seite 39.

[20] Der Metazweck von Müll ist das Wegzuwerfenden und es ist neben dem Verzehr der zweite Teil des konsumierenden „Verschwinden-Machens“ (SOMMER 1999, S. 31) des menschlichen Lebens bzw. des Lebens allgemein.

[21] Vielleicht eine dritte Art des Sammelns? – vielleicht aber ist das Werkzeug auf eine andere Art ästhetisch: nämlich haptisch und benutzend zum Bau für etwas Neues mit ästhetischer Qualität. Oder wie nach Bauhaus-Philosophie trägt das Werkzeug eine Ästhetik des (vermeintlichen) Nutzens.

[22] Weiterüberlegung: Konservieren à Müll konservieren?! à Ist das sinnvoll? ...Ästhetisch oder ökonomisch? ...Ökologisch oder künstlerisch relevant?

[23] Persiflage Müllkreislauf: materialistisch gesehen wärt nichts ewig außer der „Müll“: Zu Beginn war das Gemisch wertloser, lebloser Substanz und das Ende von allem ist dasselbe.

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Zivilisatorische Reststoffe als Gegenstand im Kunstunterricht
Untertitel
Eine Auseinandersetzung mit zivilisatorischen Reststoffen im fächerübergreifenden Kunstunterricht unter Beachtung des neuen Bildungsplankonzepts sowie aktueller Kunstpositionen
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
125
Katalognummer
V170388
ISBN (eBook)
9783640891962
ISBN (Buch)
9783640892242
Dateigröße
1354 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit vertieft sich in der Phänomenologie des Themeninhalts und bietet eine Basis für das Entwickeln eigener Unterrichtsideen, die nicht zum Mainstream gehören.
Schlagworte
zivilisatorische, reststoffe, gegenstand, kunstunterricht, eine, auseinandersetzung, reststoffen, kunstunterricht, beachtung, bildungsplankonzepts, kunstpositionen
Arbeit zitieren
M.A. Aljoscha Kuch (Autor), 2003, Zivilisatorische Reststoffe als Gegenstand im Kunstunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170388

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Titel: Zivilisatorische Reststoffe als Gegenstand im Kunstunterricht



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