Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg


Facharbeit (Schule), 2008
39 Seiten, Note: 15 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nü rnberg
2.1 Bischof Meisers Umgang mit dem Dritten Reich
2.1.1 Das Verhalten der evangelischen Kirche im Allgemeinen
2.1.2 Meisers Weltbild vor 1933
2.1.3 Meisers Verhalten als Bischof zwischen 1933 und 1945
2.1.4 Bischof Meiser nach 1945
2.2 Diskussion um die Straßenbenennung in Nü rnberg
2.2.1 Die Straßenbenennung 1957
2.2.2 Die Diskussion ab 2006 : Gründe, Ablauf, Gutachten und Reaktionen
2.2.3 Die Umbenennungsentscheidung 2007
2.2.4 Reaktionen in anderen Städten

3 Schlussgedanke

4 Fußnotenverzeichnis

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Jahr 2006 sollte nach Vorstellung der evangelischen Kirche in Bayern ein Gedenkjahr fü r den ehemaligen Landesbischof Hans Meiser werden. Die Feier von Hans Meisers 125. Geburtstag war durchaus als Anlass fü r eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gedacht. Doch titelte die Lokal­zeitung „Nü rnberger Nachrichten“ schon am 23.04.2006: „Mit [diesem] Gedenk­jahr fü r Hans Meiser hat die evangelische Kirche Schiffbruch erlitten.“ Was war der Grund fü r dieses PR-Debakel der evangelischen Kirche? Wie kam es dazu, dass die Diskussion sich weiter ausbreitete, massiv an Intensität zunahm und letztendlich in Nü rnberg und anderen Städten um eine Umbenennung der „Bi- schof-Meiser-Straße“ gestritten wurde?

Die Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, diese Fragen zu klären und Hintergrü nde zu erläutern. Hierzu ist es zunächst notwendig, einen Blick auf Meisers Weltbild und die Zeitumstände, in denen er gelebt hat, zu werfen.

2 Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg

2.1 Bischof Meisers Umgang mit dem Dritten Reich

2.1.1 Das Verhalten der evangelischen Kirche im Allgemeinen

Adolf Hitler wollte die Kirchen gleichschalten und in den NS-Staat integrieren. Große Teile der evangelischen Kirchenvorstände befü rworteten dieses Ziel, da sie sich vom Nationalsozialismus Hilfe gegen den Marxismus und einen allge­mein befü rchteten Sittenverfall versprachen. Außerdem war gerade die protes­tantische Kirche in großen Teilen antisemitisch geprägt und lehnte die Weimarer Republik ab. Viele standen daher Anfang 1933 dem Amtsantritt des neuen Reichskanzlers Hitler durchaus positiv gegen über. Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ war eine 1932 gegründete Gruppe von Befü rwortern, die als innerkirchlicher Teil der NSDAP agierte. Sie war klar sowohl rassistisch als auch antisemitisch geprägt und unterst ützte das F ü hrerprinzip, um durch eine Gleichschaltungspolitik die evangelische Kirche an den Nationalsozialismus an­zugleichen. Durch Forderungen wie der Einfü hrung des Arierparagraphen in die Kirchenverfassung, um Christen jüdischer Herkunft auszuschließen, löste sie den sogenannten „Kirchenkampf“ mit anderen Gruppierungen der evangeli­schen Kirche aus.

Die Gegenbewegung „Bekennende Christen“ ging 1934 aus dem von den Pfar­rern Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer und anderen im September 1933 ge- grü ndeten „Pfarrernotbund“ hervor. Sie unterstützte Betroffene, die unter dem Arierparagraphen zu leiden hatten und erklärte dessen Unvereinbarkeit mit dem christlichen Glaubensbekenntnis. Allerdings schworen beide Fl ü gel, die „Deut­schen“ sowie die „Bekennenden“ Christen den Treue- und Gehorsamseid ge­gen ü ber Adolf Hitler.1

2.1.2 Meisers Weltbild vor 1933

1881 in Nü rnberg geboren, erlebte Hans Meiser2 zunächst eine Zeit, die von ei­nem konservativen gutb ü rgerlichen Antisemitismus geprägt war. Dabei ü ber­nahm auch die evangelische Kirche eine fü hrende Rolle, indem sie zwar grund­sätzlich mörderische und destruktive Taten an Juden ablehnte, aber es zugleich als wü nschenswert erachtete, auf juristischer Ebene gegen Juden vorzugehen. Hierbei spielten die gängigen Vorurteile von einer jü dischen Überbesetzung im gesellschaftlichen und beruflichen Leben, die „Nichtanpassung“ an deutsche Normen, liberale und revolutionäre politische Aktivitäten sowie die Schuldfrage an der Niederlage des Ersten Weltkriegs nach dem November 1918 eine große Rolle. Als Direktor des Nürnberger Predigerseminars veröffentlichte Meiser 1926 einen Aufsatz zum Thema „Die evangelischen Gemeinden und die Juden­frage“.3 Er beklagte sich darin ü ber „die Verjudung unseres Volkes“, betrachtete „die Rassenfrage als den Kernpunkt der Judenfrage“ und forderte das „Zurü ck- drängen des jü dischen Geistes im öffentlichen Leben“ sowie die „Reinhaltung des deutschen Blutes“. Allerdings sprach er sich statt für „Judenpogrome“ (also gewaltsame Massenausschreitungen gegen Juden) für eine „Pflicht zur christli­chen Nächstenliebe“ auch den Juden gegen ü ber aus und wollte die jü dische Bevölkerung lieber zur kirchlichen Lehre durch „Judenmission“ bekehren, was seiner Meinung nach gleichzeitig zu einer „Rassenveredelung“ der Juden fü h- ren wü rde.4 Unabhängig davon, „dass unserem Volk von Juden schon viel Schaden geschehen ist“, sah er „alle ernsten Christen förmlich genötigt (...), sich sch ü tzend vor die Juden zu stellen, damit nicht der christliche Name vor al­ler Welt verunglimpft werde“.5 Meisers Haltung erinnert hier deutlich an die Vor­stellungen des jungen Martin Luther, der ebenfalls die Missionierung der Juden forderte. Erst als klar war, dass diese nicht erfolgreich sein wü rde, forderte Lu­ther das Pogrom.6

2.1.3 Meisers Verhalten als Bischof zwischen 1933 und 1945

Am 4. Mai 1933 wählte die evangelische Synode Hans Meiser zum neuen bay­erischen Kirchenpräsidenten, der nun durch ein kirchliches Ermächtigungsge­setz die Amtsbezeichnung Landesbischof trug und mit sehr umfassenden Voll­machten gemäß dem F ü hrerprinzip ausgestattet war. Die Amtseinfü hrung am 11. Juni 1933 erfolgte mit großer Beteiligung des Staates, der Stadt und der NSDAP. Die SA war gekommen, um Spalier zu stehen und deutlich zu machen, dass der Staat nicht gegen die Kirche sei, sondern auf ihrer Seite stünde. Hans Meisers Amtshandlungen als Landesbischof hatten zum Ziel, der Kirche mög­lichst viel Autonomie zu gewährleisten. Er erreichte dies allerdings hauptsäch­lich dadurch, dass er den nationalsozialistischen Kräften entgegenkam. So ge­lang es ihm auf einer Sitzung der Landessynode vom 12. bis 14. September 1933 die kirchenpolitischen Bestrebungen der bayerischen Deutschen Christen zu beschneiden und sie als „volksmissionarische Bewegung“ dem lutherischen Bekenntnis und seiner F ü hrung als Landesbischof zu unterstellen. Er würdigte dafü r im Gegenzug ihre „Verbindung von religiösem und nationalem Erneue­rungswillen“7 und billigte ihnen vier von neun Sitzen im Landessynodalaus­schuss zu. Auf der anderen Seite wiederum wurde der Synode der „Antrag zur Übernahme des Arierparagraphen für die bayerische Landeskirche“ des Vorsit­zenden des NSEP (Nationalsozialistischer Evangelischer Pfarrerbund), Fried­rich Klein, nicht vorgelegt, da er offensichtlich dazu bewegt werden konnte, sei­ne Eingabe zurü ckzunehmen. Die Pfarrer hatten wohl Sorge darum, dass die Einführung des Arierparagraphen einer „evangeliumsfremden Rassenreligion“ die Tü r öffnen könnte und letztlich sogar die Schriften des Neuen Testaments aus der Kirche verschwinden mü ssten.8 1934 unterzeichnete die bayerische Landeskirche die Barmer Erklärung, die als das theologische Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus gilt. Die Barmer Thesen gelten als mutiger Akt des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und sind auch fü r das evangelische Kirchen- und Kirchenrechtsverständnis von blei­bender Bedeutung. So ist zum Beispiel in der fü nften These festgelegt:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat ü ber seinen be­sonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche ü ber ihren besonderen Auf­trag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“9

Somit wurde Bayern durch die F ührung Bischof Meisers zum Vorbild und Halt großer Teile der Bekennenden Kirche. Allerdings wurden vor allem von Seiten des NSEP und den Deutschen Christen Rufe laut, die den R ü cktritt oder die Ab­setzung Meisers forderten. Die „Fränkische Tageszeitung“, das Propagandaor­gan der fränkischen Gauleitung unter dem Antisemiten Julius Streicher, wurde zum Sprachrohr wütender Angriffe auf Meiser. Schon vor Meisers Amtseinfüh­rung, griff ihn Streicher wegen seiner Haltung als „Judenfreund“ an.

Der stellvertretende Gauleiter Karl Holz warf ihm am 15. September 1934 unter der Überschrift „Fort mit Landesbischof D. Meiser“ vor, „treulos und wortbrü chig zu sein, volksverräterisch gehandelt und die evangelische Kirche in Verruf ge­bracht zu haben“.10 Erforderte außerdem die „sofortige Entfernung des ... treu­losen Landesbischofs D. Meiser“ und die alleinige Autorität des Reichsbischofs Ludwig Müller. Zur gleichen Zeit wurden in Nürnberg an allen Plakattafeln rote Plakate aufgehängt, in einer Aufmachung, die sonst von der NSDAP benutzt wurde, mit der Aufschrift: „Fort mit Landesbischof Meiser“. Außerdem wurde Holz' Artikel als Flugblatt gedruckt und massenweise in der Stadt verteilt. Erst nachdem alle Blätter verteilt waren, wurde die Verbreitung von der Polizei unter­sagt. Auch eine Delegation von Nü rnberger Pfarrern forderte die Rü cknahme des Plakates, worauf Holz entschieden antwortete: „... ganz wenig Pfaffen den­ken anders; sie werden an der Laterne aufgehängt.“11

Bereits am 17. September stand ein weiterer in allen Teilen unwahrer Hetzarti­kel von Holz auf der Titelseite seiner Parteizeitung: „Landesbischof D. Meiser rebelliert! Das evangelische Kirchenvolk fordert seinen Rü cktritt“. Außerdem ließ er allen Geistlichen ein Flugblatt zukommen, indem er Meiser Gehorsams­verweigerung gegen über Hitler vorwarf. Eine Kundgebung von Holz auf dem Hauptmarkt, die die Vorwü rfe gegen ü ber Meiser weiter ansch ü ren sollte, wurde bereits am frü hen Morgen mit kirchentreuen Männern besetzt unter dem Motto: „Wenn gegen die Kirche geredet wird, wird gesungen: Eine feste Burg ist unser Gott“. Nachdem eine Gegenversammlung vom Polizeipräsidenten abgelehnt wurde, entschieden sich die Nü rnberger Pfarrer dazu, den Landesbischof „in die Höhle des Löwen einzuladen“. Dieser erschien tatsächlich in der Egidienkirche und nahm zu den Vorwü rfen Stellung. Als er die Kirche verließ, erklangen „Heil Meiser“ Rufe und die Gemeinde sang Choräle. Als die Polizei versuchte die Versammlung aufzulösen, stimmte jemand das Deutschlandlied an, woraufhin alle Polizisten stramm standen und die Lage gerettet war.12 Trotzdem wurde am 11. Oktober 1934 der Rechtswalter des Reichsbischofs, August Jäger, nach M ü nchen gesandt, um die gesamte bayerische Kirchenlei­tung zu entlassen. Meiser wurde nach einem Gottesdienst in Augsburg, in dem er scharf gegen dieses Vorgehen protestierte, in seiner Dienstwohnung in M ü n- chen gefangen gesetzt. Obwohl die Parteipresse in Nü rnberg über die Abset­zung Meisers jubelte und versuchte, den Leser fü r einen fränkischen Landesbi­schof mit Sitz in Nürnberg zu begeistern, regte sich starker Widerstand. Eine nicht auf das lutherische Bekenntnis begrü ndete, ü berkonfessionelle Reichskir­che mit dem vom NS-Staat eingesetzten Reichsbischof kam fü r den Großteil der Gläubigen nicht in Frage.

Eine Unterschriftensammlung forderte, dass Meiser in ganz Bayern Bischof bleiben sollte und dass er sofort wieder die Möglichkeit erhalten sollte, seine Amtsgeschäfte zu übernehmen. Da ein offenes Reden von Geistlichen und Gläubigen als erforderlich angesehen wurde, wurden die Pfarrer zusätzlich er­mutigt: „Lieber Verhaftung als Schweigen. Dem neuen Kirchenregiment wird je­der Gehorsam verweigert.“13 Außerdem pilgerten tausende Christen aus ganz Bayern mit Sonderzü gen nach M ü nchen, um den festgesetzten Bischof mit ih­rem Beistand zu unterstützen. In zahlreichen Kirchen wurden Bitt- und Betgot­tesdienste abgehalten oder die Altäre mit schwarzen T ü chern verdeckt. Deswei­teren gab es in Nürnberg machtvolle Demonstrationen der Kirchenvorsteher. Am 30. Oktober lenkte Hitler ein und empfing die Landesbischöfe von Bayern, Wü rttemberg und Hannover zu einer Aussprache. Schon am 1. November konnten Meiser und der rechtmäßige Kirchenrat ihre Amtsgeschäfte wieder auf­nehmen. Bischof Wurm, der damalige Landesbischof von Württemberg, be- zeichnete dies später als „einzige innenpolitische Niederlage Hitlers“.14

Die bayerische Landeskirche hielt an ihrer Ablehnung der offiziellen Einfü hrung des Arierparagraphen in ihre Statuten fest. Am 14. März 1938 erließ die bayeri­sche Landesregierung ein neues Gesetz, das vorsah Geistlichen die Zulassung zur Erteilung des Religionsunterrichtes zu versagen, wenn diese oder deren Ehepartner „nicht deutschen oder artverwandten Blutes..., politisch unzuverläs­sig oder als Erzieher ungeeignet [sind]“.15 Da bayerische Pfarrer und Vikare ver­pflichtet waren, Religionsunterricht zu erteilen, konnte so der Arierparagraph quasi indirekt ü ber eine staatliche Verordnung für Bayern doch noch in der Kir­che eingeführt werden. Die bayerische Kirchenleitung setzte dieses Gesetz auch sogleich in die Tat um und schloss Pfarrer mit nicht rein arischer Herkunft zum 1.1.1939 vom staatlichen Religionsunterricht aus.

Bischof Meiser unterst ü tzte in der Folgezeit Einrichtungen zur Betreuung nicht­arischer Christen in Mü nchen und Nü rnberg, die zum Beispiel durch Hilfestel­lung bei der Emigration mindestens 126 Menschen vor den Nazis retten konn­ten. Zur Judenverfolgung selbst aber schwieg Meiser öffentlich, obwohl er von einzelnen Kollegen aufgefordert wurde Stellung zu nehmen. Er war der Mei­nung, dass öffentlicher Protest sowohl den Juden als auch der eigenen Kirche erheblichen Schaden bereiten würde, und stiller, direkt an die F ü hrung gerichte­ter Protest wirksamer war. Er legte am 23. Februar 1940 gegen die Ermordung Behinderter persönlich bei Reichsstatthalter von Epp Protest ein, ging aber da­nach nie mehr öffentlich auf das Thema ein.16

2.1.4 Bischof Meiser nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg, also ab Mai 1945 wandten sich die Siegermächte Hilfe erbittend an die evangelische Kirche, weil diese sie in den Ermittlungen und den Prozessen gegen die Nazi-Verbrecher unterstützen sollte. Die Kirche nutzte diese Zusammenarbeit teilweise aus, um zum Beispiel Verbrechen von Kirchenanhängern zu rechtfertigen und die Betroffenen zu entlasten oder um Gegner der Kirche bei der alliierten Militärregierung anzuschwärzen und diese verurteilen zu lassen. Die USA baten Landesbischof Meiser in Bayern und wei­tere Kirchenoberhäupter in anderen Regionen persönlich um Personalvorschlä­ge fü r höhere Staatsämter. Somit konnten Kirchenmänner in die oberen Ämter des Verwaltungsapparates der jeweiligen Länderregierungen aufsteigen. Desweiteren setzte sich Meiser für die Kriegsverbrecher ein, weshalb sich immer mehr Angeklagte an ihn wandten.17 Erforderte zusammen mit Kardinal Faulha­ber, dass die Militärregierung ehemalige Parteigenossen nicht ü ber einen Kamm scheren solle. Auch bei SS-Männern baten sie um eine „Überprüfung des Einzelfalles und Unterscheidung zwischen freiwilligem und erzwungenem Beitritt“.18 Außerdem äußerten beide Kritik an der Inhaftierung von Bankiers und Industriellen, worunter vor allem ältere F ü hrungskräfte der Wirtschaft und deren Familien zu leiden hätten. Des weiteren kritisierte der von Meiser mitbegrü ndete Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) britische Christen wegen der geplanten Verschiebung der deutschen Ostgrenze und verglich dieses Vor­gehen mit dem Holocaust. Im April 1946 beschwerte sich der in Bayern einge­setzte US-Captain Alfred Pundt ü ber die Evangelisch-Lutherische Kirche. Sie „sabotiere bewusst die Ahndung von Nazi-Verbrechen und Vergehen der evan­gelischen Pfarrer".19 Die EKD ließ sich aber nicht beirren und kritisierte das Ent­nazifizierungsprogramm der Amerikaner, indem sie darauf beharrte, dass „Handlungen und Gesinnungen, die heute verurteilt werden, vom damaligen Gesetzgeber als rechtmäßig und gut eingeschätzt“ wurden und von den Ange­klagten deshalb eine „Rechtseinsicht verlangt würde, die man nicht erwarten kann“.20 Ende des Monats meldete sich US-Generalleutnant Lucius D. Clay zu Wort, der von der EKD enttäuscht war, da er mehr Unterstü tzung beim Entnazi­fizierungsproblem erwartet hatte. Meiser, der immer noch die alleinige Entschei­dungsgewalt in der bayerischen Landeskirche innehatte, wehrte sich auch ge­gen die Militärbehörden, indem er Pfarrer und Kirchenangestellte nicht entließ, die unter die „höchste Entlassungkategorie“ fielen. Er begrü ndete dies damit, dass ein „Pfarrernotstand“ aufgrund von gefallenen und vermissten Pfarrern herrschte, und er ein Zeichen christlicher Vergebung setzen wollte. Gleichzeitig betonte er im Juli 1946, dass die „Bekennende Kirche“, der er mit angehört hat, erheblichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus betrieben und für Recht und Gerechtigkeit gekämpft hätte. Kirchenhistoriker wie Carsten Nicolaisen be­urteilen Aussagen wie diese circa 50 Jahre später als „peinlich und nicht stand­haltend“.21 1947 unterst ü tzte Meiser sogar Lutz Graf Schwerin von Krosigk, der von 1932 bis 1945 Reichsfinanzminister war und bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Haft wegen Plünderung des Eigentums deportierter Juden durch die Finanzämter verurteilt wurde. Er war auch einer der Teilnehmer der Gesprächsrunde im Reichsluftfahrtministerium am 12.09.1938 mit Goebbels und Göring gewesen, bei der weitere Maßnahmen zur Judenverfolgung besprochen worden waren. 1949 versprach Meiser gar ein Gnadengesuch fü r Krosigk einzureichen. Dieser wurde aufgrund einer Amnestie 1951 tatsächlich aus der Haft entlassen und lebte bis zu seinem Tod in Freiheit. 1948 rechtfertigte Meiser das Verhalten eines evangelisch-lutherischen Pfarrers als „kirchlich einwandfrei“, der als Leutnant der Wehrmacht das goldene NSD- AP-Parteiabzeichen „mit Stolz“ trug und die durch kirchliche Gegner eingefü hrte Bezeichnung „BK-SS'ler“ (Bekennende-Kirche-SS'ler) als Auszeichnung ver­stand.22

Bis zu seinem Tod am 08.06.1956 nahm Bischof Meiser keines seiner Bekennt­nisse und keine seiner Ansichten zum Nationalsozialismus, wie zum Beispiel seinen Aufsatz zur „Judenfrage“ von 1926, zurü ck. Durch Schuldbekenntnisse wie am 26. Juli 1946 vor dem Exekutivkomitee des Lutherischen Weltkonvents in Uppsala, versuchte er jedoch eine Versöhnung der Deutschen mit ihren ehe­maligen skandinavischen Feinden herbeizufü hren. Meiser sagte:

„Der Zusammenbruch ist uns zu einer religiösen Erfahrung geworden. Wir d ü rfen nicht die Sünden der anderen bekennen, sondern nur unsere eigenen. Wir nehmen alles als ein Gericht Gottes hin, weil unser Volk die Juden so schlecht behandelt hat (...). Ihr könnt uns glauben, dass es uns mit unserem Stuttgarter Schuldbekenntnis tiefer Ernst war (...). Wir können nur darum bitten, dass ihr das Unrecht vergeben wollt, das wir begangen haben.“23

2.2 Diskussion um die Straßenbenennung in Nürnberg

2.2.1 Die Straßenbenennung 1957

Am 27. März 1957 entschied der N ü rnberger Stadtrat mit 56 zu 8 Stimmen die Umbenennung eines Teils der Spitalgasse in Bischof-Meiser-Straße. Damals wurde vor allem berü cksichtigt, dass Meiser an der Grü ndung vieler Institution­en beteiligt war, die noch heute eine große Rolle fü r die bayerische Landeskir­che spielen. Beispielsweise grü ndete er 1946 ein Pastoralkolleg in Neuendet- telsau für aus dem Kriegsdienst oder der Gefangenschaft zurü ckkehrende Pfar­rer. 1947 baute er in derselben Stadt die Augustana-Hochschule Neuendettels- au auf, eine bedeutende kirchliche theologische Hochschule. Außerdem ließ er in Tutzing am Starnberger See ein Schloss kaufen, um in diesem eine evangeli­sche Akademie einzurichten, die seitdem gesellschaftliche Veranstaltungen zu Themen wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft oder auch Kunst durchfü hrt. Auf dem 60 km s üdwestlich von Nürnberg gelegenen Hesselberg richtete Meiser eine Volkshochschule fü r die Bevölkerung Mittelfrankens ein. Auch seine Rolle als Leitender Bischof der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands) und seine öffentliche Tätigkeit im Rat der EKD wurden berü ck- sichtigt und man fü hrte an, dass Meiser die evangelische Kirche „scheinbar un­beschadet durch die Wirren des »Dritten Reiches« hindurchgerettet hatte“.24 Meisers antijü dische Haltung während des »Dritten Reichs«, sowie sein offiziel­les Schweigen über die Judenverfolgungen und die Tötung Behinderter blieben unberü cksichtigt, da man sich in den Jahren nach 1945 ü blicherweise nicht mit der eigenen Schuld auseinandersetzte, sondern stattdessen die fü hrenden Na­zis dämonisierte.25

2.2.2 Die Diskussion 2006: Grü nde, Ablauf, Gutachten und Reaktionen

Das „Gedenkjahr“ 2006 für den ehemaligen Landesbischof Hans Meiser anläss­lich seines 125. Geburtstags und seines 50. Todestages wurde im Februar durch Ausstellungen und Vortragsreihen mit Bildern und Dokumenten zu sei­nem Leben im „Haus Eckstein“ eingeleitet.

Höhepunkt sollte jedoch der Gedenkgottesdienst am 8. Juni in der Nürnberger St. Johanniskirche werden. Eine neu veröffentlichte Biografie von Carsten Nico- laisen und Gerhart Herold26 schilderte perspektivenreich die Persönlichkeit Mei­sers und ging sowohl auf seine Selbstbehauptung im Kampf gegen die Natio­nalsozialisten zur Erhaltung der Landeskirche wie auch auf seine Aussagen und sein Verhalten in der „Judenfrage“ ein. Unter anderem dadurch wurde die Dis­kussion um die Vergangenheit neu entfacht und es regte sich erste Kritik. So schrieb die VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) am 20. März dem Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Dr. Ulrich Maly, und den Stadträten einen öffentlichen Brief, in­dem sie den Straßennamen Bischof-Meiser-Straße als eine „Beleidigung und Verhöhnung“ für diejenigen bezeichnete, die damals aktiv am Widerstand betei­ligt gewesen waren und „schwerste Opfer gebracht“ hätten.27 Außerdem wurde

[...]


1 ) Berg , R. , Selbmann , R. , Grundkurs Deutsche Geschichte 2 - 1918 bis zur Gegenwart , Frankfurt am Main , Hirschgraben Verlag , 1987, S. 139/140 http://de.wikipedia.org/wiki/Bekennende Kirche, aufgerufen am 25.12.2007

2 ) Bilder: Siehe Anhang Nr. 14, S. 37

3 ) Siehe Anhang Nr. 1, S. 24

4 ) Zeitschrift "Der Theologe"

5 ) Töllner, S. 33

6 ) http://www.ursulahomann.de/MartinLutherUndDieJuden/komplett.html , aufgerufen am 26.12.2007

7 ) Töllner, S. 54

8 ) Töllner, S. 54

9 ) http://www.ekd.de/bekenntnisse/142.html, aufgerufen am 26.12.2007

10 ) Baier, S. 11

11 ) Baier, S. 12

12 ) nach Baier, S. 14f

13 ) Baier, S.19

14 ) http://de.wikipedia.org/wiki/Hans Meiser (Bischof)#Konflikt mit dem Staat, auf­gerufen am 27.12.2007

15 ) Töllner, Kapitel 5.3.1

16 ) Jasper, G., Gutachten zu Landesbischof D. Hans Meiser (einzusehen unter http://www.nuernberg.de/jmperia/md/content/internet/internet_portal/teaser_pdf/gutach- ten_meiser_120706.pdf), S. 21

17 ) Zeitschrift "Der Theologe"

18 ) Boyens, A., Kirchen in der Nachkriegszeit: 4 Zeitgeschichtliche Beiträge, Göttin­gen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1979 , S. 48

19 ) Zeitschrift „Der Theologe“

20 ) Zeitschrift „Der Theologe“

21 ) Nicolaisen, C., Bischof Hans Meiser (1881-1956), ein konservativer Lutheraner in den Herausforderungen des Nationalsozialismus. In: Haberer, Johanna, Er liebte seine Kirche, Bischof Hans Meiser und die bayerische Landeskirche im Nationalsozialismus München, Evang. Presseverb., 1996, S. 24

22 ) Zeitschrift „Der Theologe“

23 ) Hanselmann, J., Ja, mit Gottes Hilfe, München, Claudius Verlag, 2000, S.166

24 ) Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern, Ausgabe 05 vom 04.02.2007, Rubrik „Einblicke“

25 ) http://de.wikipedia.org/wiki/Hans Meiser (Bischof)#Konflikt mit dem Staat, auf­gerufen am 27.12.2007

26 ) Herold , G. , Nicolaisen , C. , Hans Meiser (1881-1956). Ein lutherischer Bischof im Wandel der politischen Systeme , München , Claudius Verlag , 2006

27 ) Siehe Anhang Nr. 2 , S. 25

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Details

Titel
Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg
Veranstaltung
Leistungskurs Sozialkunde / Geschichte
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V170422
ISBN (eBook)
9783640895212
ISBN (Buch)
9783640895861
Dateigröße
8508 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bischof Meiser, Nürnberg, Geschichte, Zeitgeschichte, Nationalsozialismus, NS, Kirche, Kirchengeschichte, Sozialkunde, Evangelische Kirche, Bischof, Hans Meiser, Antisemitismus, Religion, Straßenbenennung, Politik, Lokalpolitik, Stadtpolitik, Gedenkkultur, Erinnerung, Kirche und Antisemitismus, Kirche und Nationalsozialismus, Judentum, Kreuz und Hakenkreuz, 2. Weltkrieg, Schuld, Schuldverarbeitung, Drittes Reich, Sozialwissenschaft, Luther, Martin Luther, Luther / Antisemitismus, Neuere Geschichte, Stadtplanung, Raumplanung, Realpolitik, Politikanalyse, Politikwissenschaften, Franken, Bayern, München
Arbeit zitieren
Sebastian Kuschel (Autor), 2008, Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170422

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